Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
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Baron.Ohne mich wärſt Du in dem Neſte liegen geblieben;

ſieh, welch ſtattliches Fuhrwerk ich Dir verſchafft habe, die

ſchönſte Extrapoſt in ganz Pommerland, ohne die beiden Jochims zu rechnen, die auch ihren Werth haben.

Aber wo willſt Du denn hin, Menſch? fragt der Aſſeſſor.

Zum dritten Male ſage ich's Dir, zu meinem Onkel! ich habe telegraphirt, man ſolle mir einen Wagen entgegenſchicken; und ſtatt den Wagen dort in dem Neſte zu erwarten, fahre ich ihm entgegen und werde ſo das Glück haben, Deinem Gaſtgeber, der, wie ich weiß, ein Bekannter meines Onkels iſt, die Verſicherung geben zu können, daß ſein künftiger Herr Schwiegerſohn der liebenswürdigſte Aſſeſſor des ganzen nordpeutſchen Bundes iſt.

don beim R⸗ Der Aſſeſſor zuckt ſchweigend die Achſeln.Immer wieder das Aldaten be⸗ alte Thema, brummt er.

6 Der Baron antwortet nicht.

Währenddeſſen erzählt draußen auf dem Bocke Joachim Hirſe⸗ (korn dem Poſtillen den ganzen böhmiſchen Feldzug, in welchem natürlich er eine der bedeutendſten Rollen geſpielt hat; und wenn

der Poſtillon von Zeit zu Zeit ungläubig den Kopf ſchüttelt, dann antwortet jener:

O, mien Jochim do vör, de weet dat ſo goot as ick! Und

merkwürdiger Weiſe, jedesmal, wenn er den Namen des Pferdes

1 nennt, dreht dieſes den Kopf herum und ſpitzt die Ohren. Der

Poſtillon, welcher gleichfalls bei der Cavallerie gedient hat, hört mit

großem Intereſſe den mannigfachen Erzählungen des andern zu und

läßt die Pferde ſo langſam auf dem ſchlechten Wege gehen, wie es

ihnen nur irgend beliebt. 3

r P.. Ritneiſer, wwat tebroken dinommen? Bard e u fanpſt ell Er Ertaa⸗ r vorbei. chtsun Kehr, vol, daß der en und hört das Schick⸗

ad viederge⸗ an, ud ſeine oſt im dten cnungen daan zu thun, bi d dann, wenn (zurückzurufen

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Bo, alles gut Um 4 Uhr an ber was? Donnerwetter, Joh, dat denne Pferde er? Schimmel, , Kerl! was

Kittmeiſter, die

einer Stimme, aus der jeder ſcherzhafte Ton verſchwunden iſt, ſagt er:Du handelſt nicht recht an mir, Fritz; wir kennen uns vom

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Gymnaſium her, und trotzdem wir uns nie ewige Freundſchaft ge⸗

ſchieden, haben wir uns doch innig gefreut, jedesmal, wenn wir uns wiederſahen, und haben herzlichen Antheil, einer an des andern Schick⸗ ſal genommen. Sage mir, Fritz, warum habe ich erſt durch Zufall he Geſicht des a Jochim? tt ſich zu einem

[hyaſt Du geleugnet? Der Aſſeſſor blickt zu Boden.Du nimmſt das zu tragiſch, ſagt er, ich wollte Dich mit dem ſait accompli überraſchen, weiter nichts. So iſt es nicht, ſagte der Baron,Du hatteſt Furcht, un will ich Ihm ſnne Fritz, Furcht vor mir,

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ſeuteu(ſüßen) dee Poſtmeeſter

urück, ſag und die Bande, die Dich feſſeln müßten. Nun ſiehſt Du, Du täuſchſt beiden Dich, Fritz; ich glaube, daß, wenn ein Mann, wie Du, ſolch einen und die Chaiſe unglücklichen Gedanken gefaßt hat, er ihn um jeden Preis durchführt dim vorſpannen. und daß da weder Sermon, noch freundſchaftliches Zureden etwas zu 11,4 bum Er ändern im Stande iſt. Ich denke mir, daß Du dieſen unglückſeligen M 3 Schritt reiflich überlegt haſt, durch eine unerbittliche Nothwendigkeit pazu gezwungen worden biſt. Was können dann all meine Rath⸗ gaton wirft ſih ſchläge, all mein freundſchaftliches Zureden bewirken? Alſo dieſe 4 Stunden zu Furcht hätteſt Du bei Seite laſſen und mir vertrauen können. Immer noch ſchwieg der Aſſeſſor und ſtarrte vor ſich hin. Sieh, Fritz fuhr der Barou fort vor wenigen Monaten bin ich aus dem Kriege gekommen; wahrhaftig, da lernt man ſich ſelbſt mehr kennen, als in ſeinem ganzen Leben; da, wo jeden Augen⸗ blick der Tod uns in tauſend Geſtalten umſchwebt; da, wo jede Se⸗ runde die letzte unſers Lebens ſein kann; wo wir vielleicht im näch⸗ ſien Augenblicke ſchon Rechenſchaft über unſer ganzes Leben ablegen müſſen; da prüft man, wie nirgend, ſich und ſein ganzes Leben. Man ſagt, ich habe mich, wie alle meine Kameraden, brav gehalten; ich gebe Dir mein Wort, Fritz, wenn ich das auf dem Gewiſſen dehabt hätte, was Du zu thun im Begriff biſt, dann wäre ich ein Feigling geworden; dann hätte ich Furcht gehabt, daß die Kugel rieine Bruſt durchbohre, ehe ich auf Erden mein Verbrechen geſühnt. Verbrechen? rief der Aſſeſſor, indem er aus ſeiner Apathie uu erwachen ſchien.Höre, Baron, ſprechen wir nicht weiter davon;

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len, 1ſ*;.. 2. icht ahen Bahn⸗ du biſt glücklich genug, die eiſernen Nothwendigkeiten des Lebens tuitt nict im l kennen gelernt zu haben; Du kannſt darüber nicht urthei⸗ abrhafti 3 Un.

Wir wollen davon abbrechen! Du kannſt mir glauben, ob⸗

ateich ch Tranſo 4.. nuheat der leich ich Fräulein Hulda nicht kenne, ſo kann ich Dir doch die Ver⸗

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. 2 zu begehen. ſchworen haben und unſere Lebensbahnen ſich ſtreng von einander

ſicherung geben, daß ich ſie nicht unglücklich machen werde in der Ehe, die für uns projectirt iſt.

Logik, Logik! rief der Baron bitter lächelnd,ein Mädchen, das er kaum geſehen, nicht kennt, je, das, das gibt er ſich ſein Wort, nicht unglücklich zu machen; er iſt ein Ehrenmann, wird ſein Wort halten! Aber jene andre, die er ſeit Jahren kennt, geliebt hat, deren jeder Herzenspulsſchlag ihm gehört, ja die kann getroſt unglück⸗ lich und einſam verkümmern, daran liegt nichts! Ich ſah ſie geſtern; o warum warſt Du nicht bei mir! warum kannſt Du nicht da ſein, wenn ihr die Kunde zukommt, daß das ſüße Luftſchloß, worauf ſie Jahrelang gebaut, auf deſſen Verwirklichung ſie, wie auf Gottes Ver⸗ heißung gerechnet, zuſammengeſtürzt ſei und daß...

Was hätte ich thun ſollen? rief der Aſſeſſor mit bebender Stimme.Ein Feigling iſt der, der ein Weib an ſein Elend kettet!

Wäre ich reich, hätte ich nur einen andern Stand gewählt, als dieſen

unglücklichen, wo ich nach zehn Jahren kaum ſo viel haben werde, als genügt, um mein eigenes Leben kümmerlich zu friſten, o dann hätte mich keine Macht der Welt von Louiſe trennen können von ihr, dem holden Traum meiner jungen Jahre! Aber ſo antworte, rathe; würdeſt Du mir rathen, Louiſe zu heirathen und ſie aus der Stellung zu reißen, wo wenigſtens für ihren Lebensunterhalt reichlich geſorgt iſt?

Nein! antwortete der Baron entſchieden,das würde ich Dir jetzt nicht rathen. Du biſt nicht aus dem Holze gemacht, wie jene

anderen, die an der Seite des geliebten Weibes Kraft und Energie

finden, alle Hinderniſſe zu beſiegen, um zum Wohlergehen zu gelangen. Wäreſt Du reich, würdeſt Du ſpenden, aber Louiſen arm zu nehmen

1 und mit ihr durch Arbeit und Liebe zum Ziel zu gelangen, dazu biſt Plötzlich wendet der Baron ſein Geſicht dem Aſſeſſor zu und mit

Du nicht erſchaffen. Aber wenn Du Deine Pflicht nicht erfüllen

kannſt, zu ſchwach dazu biſt, das iſt noch lange kein Grund, Fritz, das

zu thun, was Du thun willſt... ich meine, eine ſchlechte Handlung Was Du thun ſollſt, weiß ich nicht, Fritz; aber um Gotteswillen nichts Schlechtes; nichts, was Du einſt bereuen kannſt; nichts, wovor Du Dich einſt ſchämen mußt; nicht ein Mädchen ihres Geldes willen heirathen und trotz Deines Vorhabens, ſie und Dich

dennoch vielleicht unglücklich machen.

erfahren müſſen, daß Du Dich mit Fräulein Hulda verloben wirſt, und warum, als ich Dir das Geſtändniß geſtern in den Mund legte,

Unn as de Genrol dat nu ſoh, erzählte man während deſſen auf dem Bock;ſägt he to denn Owerſten: Sagen Sie mich

mal, Herr Owerſcht, wer iſt der Kerl auf den weißen Schimmel?

Do ſegt he:Das iſt der Joachim Hirſekorn und der weiße Schimmel

das iſt der dolle Jochim!So, ſägt de Genrol,von den Min⸗ ſchen muß ich mit Majeſchtäten reden.Jochim, Jochim! ſagt der

Poſtillon;hie to Lann ſägen's, Jie wer goar nich int Füer weſt.

der Deine Vergangenheit kennt

Denn Düwel nich no mal! ſchrie Joachim,kaſt denn Ritt⸗ meeſter fraogen, de do hinnen ſitt'; de ka' je dat vertellen?So, dat is den Rindmeeſter?Na woll. Töw Jong', wenn D'en

god Drinkjeld hebbn willſt, wettſt De, wo jeblaoſt wird? Schwadron

Jalopp!Woll, verſteiht ſich.Na wenn De an't Dörb kümmſt, denn loop ick vörut, um denn Kutſcher uptuwecken, un denn fengſt Du to bloaſen an; denn kaſt de kieken, wo ſich de Rittmeeſter freuen wird; eenen Dahler extra haſt De weg; awerſcht, wenn ick widder in d' Stadt kumm, denn möten mir's beid verſupen.Ja woll, mien Söhn..

Ich kann nicht mehr zurück, ſagte der Aſſeſſor,ich kann nicht anders handeln; reiflich und lange habe ich alles erwogen; jetzt muß es geſchehen, ſelbſt wenn ich es nicht mehr wollte.

Das verſtehe ich nun wieder nicht; doch wie Du willſt; nur will ich Dir die Wahrheit ſagen; ich habe expreß deshalb dieſe Reiſe unternommen, um Dir nahe zu ſein; das war ſogar grauſam von mir. Ich wollte Dir jeden Entſchuldigungsgrund rauben, den gewöhnlich die anführen, welche in Deiner Lage ſind. Du ſollteſt vorher Wahrheit hören, und während der ganzen Kataſtrophe wird Dir jemand zur Seite ſtehen, Fritz, der immer bereit iſt, mit feſter und energiſcher Hand Dich zurückzuführen, wenn es Dein Wille iſt, zurückzutreten und wieder zur Pflicht, zum wahren Glück Dich zu wenden. 5

O laſſe mich, foltere mich nicht! ſagte der Aſſeſſor, mit heftig bewegter Stimme;wenn Du nur wüßteſt, nur ahnen könnteſt, welche Energie ich bedarf, um ihr geliebtes Bild aus meinem Herzen zu reißen. Aber ich glaube wahrhaftig, daß das Schickſal es ſo beſtimmt hat, denn all die Hinderniſſe, die zwiſchen mir, dem verhungernden Aſſeſſor, und der reichen Gutsbeſitzerstochter