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lagen, ſind wie durch Zauberſchlag beſeitigt,— ich werde reich und glücklich werden, und Louiſe wird ſich tröſten.“
„Wie Gott will!“ murmelte der Baron, indem er ſich in ſeine Ecke zurückwarf,„ich weiß nicht mehr, was ich Dir ſagen ſoll.“
IV.
Langſam fährt der Wagen auf dem holprigen Landwege fort. Jochim iſt abgeſtiegen und hat einen Fußſteig genommen, der den Weg zum Dorfe, wo der Kutſcher ſeiner wartet, um eine gute Viertel⸗ ſtunde abkürzt; der Poſtillon ſchmaucht ſeine Pfeife, indem er ſich
dicht den Kopf in den hohen Kragen ſeines Mantels eingehüllt hat; die Pferde gehen langſam und die Mähnen voll Reif dahin— und im Wagen ſitzen zwei Männer, die kein Wort mit einander ſprechen, von denen der eine jedoch eine Welt von ſtürmiſchen Gedanken im Kopfe mit ſich herumträgt.
Plötzlich taucht das Dorf aus der Nebelhülle von weitem in ungewiſſen Umriſſen hervor. Der Poſtillon, eingedenk deſſen, was er Jochim verſprochen und was vieſer ihm von ſeinem Extratrinkgeld prophezeit hat, zieht ſeine Fauſthandſchuhe aus, ſteckt die Pfeife in die Taſche, zieht ſein Poſthorn am Bande nach vorne und beginnt zu blaſen.
„Was iſt das?“ ruft der Baron, der plötzlich auffährt—„der Kerl bläſt zum Chargiren!“
Da hält der Wagen einen Augenblick ſtill.... der tolle Jochim iſt plötzlich wie angewurzelt ſtehen geblieben— die Ohren ſteif— die Nüſtern krampfhaft geöffnet und mit glühenden Augen um ſich her ſtarrend.
Der Poſtillon hat nichts bemerkt— ganz in ſeine Kunſt⸗ production vertieft, bläſt er luſtig von der Leber weg;.... plötzlich bekömmt die Chaiſe einen gewaltigen Ruck— fliegt vorwärts— dann zur Seite— vorwärts noch einmal dann.... krach!... ein greller Ton des Hornes— Geſchrei... Hilferuf... Fluch des Poſtillons— die Chaiſe neigt ſich... fällt— zerbricht krachend— und liegt umgeworfen neben dem Wege!
Der tolle Jochim hat die Unthat begangen;— ein altes Regimentspferd, hatte er die ihm wohlbekannten Töne vernommen, und mit Aufwand all ſeiner Kräfte hatte er dem Commando gehorchen wollen und war mit der Chaiſe, ohne ſich um ſeine Kameraden an der Deichſel zu bekümmern, fort geſtirmt— vom Wege ab— durch einen Graben— dann aufs Feld— und endlich war er ſtehen geblieben, als der Wagen da lag.
Nur mit unendlicher Mühe gelang es dem Baron das Seiten⸗ fenſter zu öffnen und ſich mit blutendem Geſichte herauszuarbeiten — der Aſſeſſor ſtöhnte neben ihm— doch ſobald beide nur ein wenig Luft hatten, vereinten ſie ſich, um den Poſtillon mit allen möglichen„Namen“ zu überladen! Dieſer, der wieder von der Seite auf ſeinen Bock geſtiegen war, entſchuldigte ſich, ſo gut er konnte, indem er auf den Delinquenten wies, welcher, immer noch vor Aufregung bebend, ſich umgedreht hatte und mit ſeinem intelli⸗ genten Kopfe die umgeworfene Kutſche anſah.
Mit vieler Mühe gelang es endlich, die beiden Reiſenden aus dem Kaſten herauszuholen. Der Baron ſprang ſchimpfend zur Erde— als der Aſſeſſor ein Gleiches thun wollte, brach er mit einem Schmerzensſchrei zuſammen.
„Was iſt Dir, Fritz?— um Gotteswillen!“— rief der Baron, indem er hinzuſprang.
„Ich weiß nicht... meine Schulter.. ich glaube, ich habe den Arm gebrochen!...“ ſtammelte der Aſſeſſor und ward ohn⸗ mächtig!
In dieſem Augenblicke hörte man in der entgegengeſetzten Richtung des Weges Wagengeraſſel, welches ſich von Augenblick zu Augenblick näherte. Der Baron, welcher den lebloſen Aſſeſſor in ſeinen Armen hielt, hob den Kopf in die Höhe und ſtieß einen Ruf freudigen Erſtaunens aus:„Das iſt Hilfe in der Noth,“ ſagte er,„zu glücklicherer Zeit hätte der Wagen meines Onkels nicht kommen können!“
Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtraße Nr. 17.
Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben Verlag der Dahrim⸗Expedition von Velhagen a Klafing in Bielefeld und Berlin.— Druck von Fiſcher* Wittig in Leipzig.
Mit einem dankbaren Blicke gen Himmel lehnte er den Aſſeſſor gegen einen Baumſtamm und hieß den eben ankommenden Wagen halten.
„Um wie viel Uhr geht der erſte Zug nach Berlin?“ fragte er den Poſtillon.
„Um 8 Uhr, gnädiger Herr.“ Der Baron zog die Uhr,— es war dreiviertel auf 7 Uhr. Raſch ließ er den Ohnmächtigen in den Wagen tragen und befahl dem Kutſcher ſeines Onkels, ſo ſchnell wie möglich der Stadt zuzufahren. Doch ehe er ſelbſt in den Wagen ſtieg, ging er zu dem Schimmel, der immer noch aufgeregt mit der Vorderhufe auf die Erde ſchlug.
„Jochim, mein braver Kriegskamerad,“ ſagte er,—„wenn Du das Werkzeug geweſen zur Erfüllung meines Wunſches, ſo wahr mir Gott helfe! ſollſt Du nicht länger Poſtgaul bleiben, und wenn Du 100 Jahre alt wirſt, ſollſt Du das Gnadenbrot bei mir eſſen.“
Das intelligente Thier, als wenn es den Baron verſtanden hätte, ſchlug ein Gewieher auf. Der Baron ſprang in den Wagen und ſetzte ſich neben den immer noch ohnmächtigen Aſſeſſor.
Es iſt heiliger Abend! ein Abend, der keinem andern im Jahre gleicht; ein Abend, an dem ſo vieles in Erfüllung gegangen i*ſt, daß die Menſchen in ihrer beſchränkten Macht noch einander Ge⸗ ſchenke machen, um ſich ins Gedächtniß zu rufen, wie reich ſie Gott
an dieſem Tage beſchenkt hat! Der Aſſeſſor liegt in ſeinem Zimmer auf dem Canapee, de linken Arm in einer Binde, welche einen Gypsverband bedeckt. Er ſieht ſehr bleich aus, doch ſein Geſicht trägt den Ausdruck einer un endlichen Rührung. Sein Diener hat ihm ſo eben ein Packetchen gebracht, welches er mit der Rechten geöffnet, und aus dem er eine Stickerei gezogen, die er mit trübem Blicke betrachteet. Mühſam öffnet er ein Briefchen, das der Handarbeit beigelegt iſt, und lieſt es mit von Thränen verdunkelten Augen.„Treues, treues Herz,“ murmelt er,„o Gott! wenn ich ihr ihre Liebe und Ausdauer einſt vergelten könnte, bei ihr iſt das Glück, vas fühl ich, das weiß ich.“ Da wird die Thür heftig aufgeriſſen, und der Baron ſtürzt. athemlos herein. „Hurrah!“— ruft er—,es lebe die Landwehrcavallerie! Wie geht's, Fritz, mit Deinem Arme?— Soè ſchon ein Weihnachtsge⸗ ſchenk!... kann mir's denken, wo es herkommt; gewiß nicht aus Pommerland. Bringe Dir auch eins, mein Junge; aber kurire„Ho Dir den dummen Arm geſchwind! Es gibt im Miniſterium ſo viel, ergi des Norddeutſchen Bundes halber, zu thun, daß man Dich kaum noch leißt 14 Tage dort entbehren kann.“ Ilſid „Was, was ſagſt Du?“ ihn „Nun ja; da iſt jemand, der war noch vor kurzem Major und in meinem Regiment, dem habe ich die Geſchichte vom„tollen Jochim“ ba erzählt, und die Deine en parenthèse, der iſt ordentlich ſtolz geweſenn pmn auf ſein Regiment im Frieden, wie er es im Kriege war. Na kurz, ich werde Dir die Geſchichte ein ander Mal erzählen; man hat ſich rif 24 Stunden lang nach Dir erkundigt und heute Abend mir ange⸗ ung zeigt, daß Du angeſtellt ſeiſt!“ Der Aſſeſſor iſt noch bleicher geworden, er hält die rechte Hand Wh vor die Augen, und als er ſie nach einigen Augenblicken fallen läßt, Wvor agt er: we in„Reich mir ein Blatt Papier, Otto; ich will an Louiſe ſchreiben; — glaubſt Du, daß ſie mir verzeihen wird?“ groß „Hurrah!“ ruft der Baron wieder,—„ich ſtehe für ihre Ver⸗ ich; zeihung ein, obgleich Du es ſehr wenig verdienſt. Schreibl! auch ich ſei will ſchreiben; ich will nach Pommerland ſchreiben, daß man mir meinen Jochim ſchicke— aber nicht den„ſüßen“— beileibe nicht... den tollen— den tollen Jochim will ich haben.“
Inhalt: Das Geheimniß des Fürſtenhauſes. Nov. von G. Hiltl⸗ (Fortſetzung).— Aus allen deutſchen Gauen. XII. Die Holzknechte in dei deutſchen Alpen. Von Noé. Mit Illuſtration.— Bürgers Lenore und derſ Hainbund. Literarhiſt. Charakterbild.— Der tolle Jochim. Mit Illuſtr.
von Dr. Robert Koenig in Leipzig


