Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
234
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Heergang, und Du ſiehſt, iſt zu viel geſchehen, ſo trage wenigſtens ich

rend deſſen wurde Klopſtocks Ode auf den Rheinwein vorgeleſen. Die Begeiſterung wuchs, vaterländiſche Reden wurden gehalten, dabei ſaßen wir, ſämmtlich rauchend, mit den Hüten auf dem Kopfe vor unſeren Gläſern. Der gleiche Ton herrſchte während des Bundes⸗ mahles und des darauffolgenden Punſches, nur daß die Köpfe immer wärmer und die Zungen immer ungeſtümer wurden. Zuletzt ſollte es noch an ein großes Autodafé gehen; ich bat und beſchwor die Ge⸗ ſellſchaft, nicht zu weit zu gehen und ſich zu begnügen, unſerem größten Dichter ſolche Huldigung gebracht zu haben. Vergebens. Man ſchleppte Wielands Werke herbei und verbrannte etliche feierlich unter heftigen Verwünſchungen. Einer riß Wielands Bild aus dem Leipziger Almanach von 1773:Hier! ſchrie er,iſt das Fratzengeſicht aus dem Taſchenbuch! Ein lauter Jubel brach aus:Ins Feuer mit dem Hallunken! Das Bild wurde von der Flamme ein Paar Mal wieder herausgeworfen, aber immer aufs neue mußte es wieder hinein, bis es zu Aſche verbrannt war. Ich geſtehe Dir, mir ſelbſt wurde bei dem kannibaliſchem Geſchrei und Jubel unheimlich zu Muthe; aber halte einer ſolchen Strom zurück! Das iſt der wahrheitsgetreue

die Schuld nicht!

Ganz ſo, nur noch etwas ausgeſchmückt, habe ich's gehört, und muß ſagen, es iſt mir unlieb, daß ſolche Anhängſel an unſerer ſonſt ſo guten Sache ſich angeſetzt haben, entgegnete Gotter;was ſoll die Ketzerrichterei? was dieſe brutale Wuth?

Zugeſtanden, lieber Freund! aber bedenke auch, wie die Klotz und Conſorten uns durch ihre boshaften Kritiken gereizt und unſer ehrenhaftes Streben verläſtert. Ich ſehe es mehr als einen Spaß an; Jugendmuth muß ſchäumen, laß ihn doch einmal überſchäumen. Beſſer der Geiſt dampft, als daß man ihn dämpft. Die zuweilen fratzenhafte Außenſeite darf Dich der Sache nicht entfremden, die im Grunde das gute Recht unſeres Landes und unſerer Sprache gegen fremde Unſitte und Zügelloſigkeit vertritt.

Bruder Boie, ſagte Gotter und legte dem Warmgewordenen lächelnd die Hand auf die Schulter,halb und halb biſt Du ſelbſt vom Strome mit fortgeriſſen. Aber fürchte nicht, daß ich unſerer Sache entfremdet bin; ich ſtehe mit Euch in Eurer Liebe, wenn Ihr mir auch im Haſſe zu weit geht. Daß ich der alte, ehrliche Freund bin, ſiehſt Du ſchon daraus, daß ich gekommen bin, einige Tage in Eurer Mitte zu verleben und mein Urtheil nicht durch Zwiſchenträgereien beſtechen zu laſſen. Nun führe mich bei den neuen Freunden ein, ich bin be⸗ gierig, ihre Bekanntſchaft zu machen.

Und Du kommſt zu guter Stunde, Bruder, Du kannſt ſie alle heute ſehen. Es iſt Verſammlungstag, und zwar ein ſehr wichtiger. Erſtlich habe ich dem Bunde eine Mittheilung von Klopſtock zu machen, die ſehr wichtig iſt, ſodann über die eingegangenen Beiträge für den Almanach auf 1774 zu berichten; endlich will heute Bürger von Gellichauſen kommen und in voller Verſammlung ſeine neueſte Ballade oder Romanze Lenore vorleſen, von der er ein gewaltiges Ge⸗ ſchrei macht und hofft, daß ſich von ihr eine neue Periode der deutſchen Literatur datiren werde, die volksthümliche Poeſie. Ich werde dem Bunde eine Mittheilung über den mit ihm darüber ge⸗ pflogenen Briefwechſel machen, an dem Du Dich erbauen ſollſt.

Bürger, ſprach Gotter,das lüderliche Genie! wie geht es ihm? iſt er ein wenig von ſeiner Zerfahrenheit kurirt?

Mit nichten, entgegnete Boie,er iſt toller denn je; er iſt jetzt Amtmann von Gellichauſen, wo das Amt für das Gericht Alten⸗ gleichen iſt, und ſomit Beamter des Herrn von Uslar. Sein Amt führt er nur ſo nebenher und lebt der Poeſie. Herder hat ihn auf das Volkslied gebracht, und ſeit er Pereys Sammlung altengliſcher Balladen geleſen, iſt er Tag für Tag auf der Jagd nach Volksſagen und Traditionen, die er dann in volksthümliche Verſe bringt. Er hat mir in der That ganz artige Sachen für den Bund eingeſchickt, als deſſen auswärtites Mitglied er halb und halb betrachtet wird, und heute will er uns mit ſeiner unübertrefflichen Lenore beglücken, von der ich erſt einige Strophen kenne, die allerdings ein Meiſter⸗ werk verſprechen. Sehr günſtig iſt für ihn die Stimmung nicht; Voß und mit ihm die übrigen Tonangeber des Bundes erkennen nur eine würdige Sprache der Poeſie an, das iſt Klopſtocks Odenſprache mit ihrer Dunkelheit und ihrem hohem Pathos. Ja, ſie fordern für ein ächtes Gedicht, daß man es ſtudiren müſſe, wie die Alten, und Bürger mit ſeiner Forderung der größten Allgemeinverſtändlich⸗

dem Throne ſogleich capiren müſſe, trifft ſie ins Herz und packt ſie an ihrer ſchwächſten Seite. Es wird jedenfalls ein ergötzliches Auf⸗ einanderplatzen der Geiſter, noch ergötzlicher, weil Bürger die Bundes⸗ glieder auf die unverſchämteſte Weiſe herausgefordert hat, wie Du heute Abend hören ſollſt.

Von Bürger habe ich allerlei munkeln gehört, meinte Gotter, er ſoll eine Liebſchaft nach der andern anknüpfen und jetzt mit einer alten Betſchweſter ſentimentale Studien treiben. Ja, ja, entgegnete Boie,darin iſt er unverbeſſerlich, wer könnte ſich Bürger ohne Liebſchaften denken, jetzt platoniſirt er mit der religiöſen Schwärmerin, der Hofräthin Liſte und ſchreibt in ganz ſeraphiſchen Phraſen von ſeiner ewigen Liebe, die bis in die para⸗ dieſiſchen Lauben dauern ſoll. Sein Chriſtenthum trägt eine bedenk⸗ liche anakreontiſche Färbung, und ſein Paradies erinnert ſtark an das heidniſche Elyſium. Du mußt ſie par renommée kennen, es iſt die⸗ ſelbe, die vor Zeiten Gemmingen als Eliſe und Zachariä als Lucinde gefeiert haben; und man muß ſagen, jung iſt ſie nicht mehr, aber eine höchſt geiſtreiche und gebildete Frau. Aber es wird Zeit, alter Freund, daß wir uns zur Verſammlung des Bundes aufmachen.

Stolberg waren ſeit kurzer Zeit in Göttingen eingetroffen, um ihren Studien, oder vielmehr ihren ſchönwiſſenſchaftlichen Neigungen daſelbſt obzuliegen. Beide hatten durch ihren hohen Rang und durch ihre Verbindungen mit den bedeutendſten Geiſtern der Zeit, nament⸗

bereits einen Namen unter denen erlangt, die an der neuen Be⸗ wegung der Literatur als Führer oder als untergeordnete Mitſtreiter betheiligt waren. Ohne ihren ariſtokratiſchen Anſprüchen der Welt gegenüber das Mindeſte zu vergeben, ſtellten ſie ſich zu den mitverbun⸗ denen Dichtern und Schriftſtellern, namentlich mit dem Göttinger Hainbunde, aufs brüderlichſte und gefielen ſich darin, den in der Sturm⸗ und Drangperiode gang und gäbe gewordenen burſchikoſen 3 Ton, und zwar nicht nur aus Accommodation, ſondern mit voller Seele, zu dem ihrigen zu machen, ja in dem geiſtreichen Sichgehen⸗ laſſen ihre Freunde womöglich zu überbieten. Der jüngere Graf, Friedrich Leopold, war geiſtig jedenfalls der bedeutendere, ſonſt lebten beide Brüder in ſchönſter Harmonie. Für den Tag, an dem unſere Erzählung ſpielt, hatten ſie es übernommen, den Hainbund in ihrem Quartiere zu bewirthen. Sie hatten ſich in der Hauptſtraße Göt⸗ tingens, der Wehnder Gaſſe, ein ihrem Range und Vermögen ent⸗ ſprechendes Logis gemiethet, daſſelbe aber mit einfacher Gemüthlichkeit

ohne durch größeren Prunk und Aufwand an den Abſtand zwiſchen ihnen und den Gaſtgebern erinnert zu werden. Ganz wie bei den übrigen war ein geräumiges Zimmer mit einem langen Tiſche ausge⸗ ſtattet, an welchem die Bundesglieder Platz nahmen; Pfeifen und Tabak lagen bereit; einige Lichter erhellten nur mäßig das Gemach. Inmitten der Tafel prangten Weinflaſchen, ein Luxus, den ſich auch die weniger begüterten Glieder des Vereins nicht gern verſagten, denn Wein und Dichter ſchienen ihnen eins für das andere beſtimmt zu ſein. Die beiden Wirthe, ſtattliche, adlige Figuxen mit geiſtvollen, ſcharfgeſchnittenen Geſichtern, gingen in dem zur Abendverſammlung hergerichteten Zimmer auf und ab, und legten die letzte ordnende Hand an die Vorbereitungen. Das Bundes uch⸗lag auf dem Tiſche, der Lehnſtuhl für den Präſidenten Werdomär ſtand in der Mitte der Langſeite bereit. Ein Gaſt, der feurige Hahn, lehnte bereits am Ofen und harrte mit ihnen der Geladenen. Der erſte, der erſchien, war Voß, eine ſtattliche, etwas zum Embonpoint neigende mecklen⸗ burgiſche Statur mit wohlwollendent, geiſtreichen Geſicht. Er be⸗ grüßte die Grafen mit Herzlichkeit; Umarmen und Küſſen unter ſenti⸗ mentalen, überſchwänglichen Freundſchaftsverſicherungen war die her⸗ gebrachte, der ganzen Zeit eigenthümliche Weiſe. Befriedigt ſah er ſich im gemüthlichen Zimmer um und ſagte zu den Wirthen mit warmen Händedrücken:Das iſt wahr, Ihr Stolberge, bei Euch muß es einem wohl werden; Ihr ſeid ein Paar prächtige Kerls, und ob⸗ wohl Euch Gott den hohen Adel auf die Stirn geſchrieben, laßt Ihr uns andern Menſchenkindern doch ſonſt nichts davon merken. Nun, nun, alter Freund, ich dächte, davon machteſt Du kein

lich mit dem von ihnen bis zur Schwärmerei verehrten Klopſtock,

Die beiden Grafen Chriſtian und Friedrich Leopoldvon V

ſo eingerichtet, daß ihre Freunde ſich darin behaglich fühlen ſollten,

keit, daß es die Saumagd auf dem Dorfe ſo gut wie die Königin auf

Gerede! entgegnete Friedrich Leopold;wie könnten wir an ſolchen äußerlichen Nichtigkeiten hängen, wir ſehen nur auf den Geiſtesadel,