Ein ziemlich unerquicklicher Auguſtabend war im Jahre 1773 über die Univerſitätsſtadt Göttingen hereingebrochen. Der Regen, und zwar nicht ein lauer Sommerſchauer, ſondern kalt und unfreund⸗ lich, hüllte die hohen Häuſergiebel ein, die den Marktplatz umgeben; das alterthümliche Rathhaus und die dahinter hervorlugenden Thürme der Johanniskirche waren durch den Nebel kaum zu erkennen; dem Rathhaus gegenüber war das Haus, wo der Commandant der Stadt wohnte, in der erſten Etage hell erleuchtet; der gaſtfreie Bewohner hatte die Profeſſorenfamilien ſeiner Gewohnheit gemäß zu einem muſikaliſchen Abendkränzchen eingeladen, und die durch den ſcharfen Wind gebrochenen Töne einer Inſtrumentalmuſik tönten in einzelnen Aeccorden über den leeren Platz hin. Trotz des Sommers hatte ſich der einzige Fußgänger, der über das holprige Pflaſter dahinſchlich und vor dem erleuchteten Hauſe ſtillſtand, in einen warmen Ueber⸗ wurf gehüllt, mit dem er ſein Geſicht gegen den Sprühregen ſchützte. Es war ein kleiner, wohlproportionirter Mann, den man ſogar beleibt nennen konnte, mit einem runden, von Freundlichkeit und Gutmüthigkeit ſtrahlenden Geſicht, in dem man jedoch leſen konnte, daß ſeinem Träger Geiſt und Witz nicht abging. Unbemerkt von ihm hatte ſich von hinten, als er eben nach den ſtrahlenden Fenſtern aufſchaute, ein anderer eiliger Wanderer genähert, der ihn aufmerkſam einige Minuten betrachtete, dann aber, als er ſeiner Sache gewiß geworden, mit einem kräftigen Schlag auf die Schulter aus ſeinen Träumereien riß. Der alſo Aufgeſchreckte wandte ſich raſch um und hatte ſchon eine verwun⸗ derte Frage nach dem Begehren des ungeſtümen Ankömmlings auf der Lippe, als ihn ein kräftiges: Guten Abend, Boie! entgegentönte, und zugleich ein Paar lange Arme ſich um ſeinen Hals warfen.
„Gerechter Himmel, Gotter! Wie kommſt Du ſo unvermuthet hergeſchneit?“
„Die Poſt, alter Junge, hat mich in die alma mater herein⸗ geſchleppt, wenn anders Du der Schnecke, die mich bald zur Ver⸗ zweiflung gebracht, dieſen ehrenvollen Namen zugeſtehen willſt. Eben hat mich ihr Rieſenbauch ausgeſpieen, und ich war im Begriffe Dich aufzuſuchen, als mich mein guter Stern Deine ſchwer zu verkennende Geſtalt im Lichte der ſtrahlenden Fenſter erblicken ließ. Biſt Du etwa gar zu der langweiligen Soirée eingeladen, die wir ſonſt ſo gründlich zu verſpotten pflegten.“
„Gott ſei Dank, nein, alter Freund, wo die academiſchen Zöpfe gravitätiſch wackeln, iſt meine Stelle nicht, jetzt ſo wenig, wie früher. Ich bin auf dem Wege nach Hauſe, und wenn Du nicht mehr Luſt haſt, in dieſem herrlichen Wetter eine Promenade um den Wall zu machen, ſo komm mit; ich wohne jetzt auf der oberen Maſch, und ein Paar Schritte bringen uns heim.“
Arm in Arm gingen die beiden Freunde um die alte Kirche herum, an der Bibliothek und dem Concilienhauſe hin, und bogen in die Allee und von da in die obere Maſch ein, wo Boie ſein Quartier hatte. Gleicher ſchriftſtelleriſcher Zweck und Trieb hatte die bei⸗
— 232
Bürgers Jenore und der Göttinger Hainbund.
Ein Charakterbild aus der Sturm⸗ und Drangperiode der deutſchen Literatur.
den früher in Göttingen zuſammengeführt, gemeinſam hatten ſie
den Göttinger Muſenalmanach begründet, der ſich bald Aner⸗ kennung und Theilnahme in weiten Kreiſen verſchafft hatte und der Sammelpunkt jüngerer talentvoller Dichter geworden war, welche mit regem Eifer und ſprudelndem Geiſte der alten, von Gottſched und der Leipziger Schule vertretenen, den Franzoſen nach⸗ geahmten Steifheit entgegentraten und, an die claſſiſche Literatur und die engliſche Poeſie, beſonders Shakeſpeare ſich anlehnend, eine neue Zeit vaterländiſcher, freiſinniger Literatur herbeizuführen ſich beſtrebten. Gotter hatte 1769 Göttingen verlaſſen und ſeinem Freunde Boie das begonnene Werk zu alleiniger Fortführung übergeben, ohne aber ſich ganz von ihm loszuſagen oder ſein Intereſſe daran zu verlieren. Als ſie in Boies Stube angelangt und die erſten Begrüßungen vor⸗ über waren, hub Gotter an: 4
„Nun, lieber, alter Freund, erzähle, und zwar zuerſt von Dir; was machſt Du? was treibſt Du? wie geht Dir's?“
„Was ich mache,“ erwiderte Boie,„was ich immer gethan; ich hofmeiſtere eine Anzahl reicher, junger Engländer, die mich honnett bezahlen, ſo daß ich mein gutes Auskommen habe, und nebenbei reite
ich mein altes Steckenpferd, ich wittere Talente und Genies aus, ziehe ſie
womöglich in meine Nähe, unterſtütze ſie, ſoviel ich kann, beute ſie für unſern Almanach aus und ſtehe mit der halben Welt, mit allen Schriftſtellern und Dichtern in lebhafter Correſpondenz, die mir ſo viel Zeit wegnimmt, daß ich gerade genug zu thun habe.“
„Alſo der Alte geblieben,“ ſprach Gotter,„und doch wohl nicht ganz der Alte. Ich habe ein Vöglein wunderbare Dinge ſingen hören; mein herziger, gutmüthiger, toleranter Brie, der ſich mit aller Welt vertrug, hat ſich ziemlich mit aller Welt entzweit, iſt ein Franzoſenfreſſer, ein raſender Barde, ein Republikaner geworden und erfüllt die Welt mit teutoniſchem Gebrüll, daß ihr die Ohren gellen!“
„Haſt Du auch von den abgeſchmackten Märchen gehört, die über uns herumgetragen werden? Nun ja, ich geſtehe, eine Wandlung unſeres Geſchmacks iſt eingetreten; von den franzöſiſchen Windbeuteln, à la Wieland, und den ſteifen Nachtretern der Gallier, à la Gottſched und Gellert, ſind wir gründlich los und haben uns ſogar mit ihnen in offene Fehde geſetzt und an Deutſchlands größten und vaterlän⸗ diſchſten Dichter, an Klopſtock, angeſchloſſen, aber ſonſt ſind wir die alten redlichen Seelen, nur ein wenig deutſcher geworden.“
„Das iſt's eben, was ich Dir ſagen wollte! Du warſt doch ſonſt mit allen denen, die Du jetzt verdammſt, gut Freund, und hatteſt ein allſeitiges Urtheil, nun aber biſt Du ganz in die Einſeitigkeit des modernen Bardenunfugs hineinverrannt, und unſer letzter Almanach i*ſt ja ein offener Fehdebrief, den Du der ganzen bisherigen Literatur ins Geſicht geſchleudert. Du willſt alle Welt reformiren, ich erkenne Dich nicht wieder, ſolch ein Sturmgeiſt iſt über Dich gekommen.“
„Wahr, und doch nicht ganz ſo, wie Du ſagſt, alter Freund! Ich ſelbſt habe mich wenig verändert und ſtehe mit den alten Ge⸗ noſſen noch in ganz leidlichem Vernehmen. Aber der Kreis jüngerer Dichter, die ſich um mich geſchart, die ſind allerdings eine tobende Rotte, beſonders ſeit Voß und die Stolberge hier ſind. Ich bin das beſänftigende Element und habe deshalb das Präſidium des neuen Bundes nicht niedergelegt, das man mir einſtimmig zuerkannt, um ihrer Berſerkerwuth einen Zügel anzulegen. Aber ich geſtehe Dir's, die jugendlichen Titanen wachſen mir über den Kopf, und ich bin in einen Strom gerathen, der mich unwiderſtehlich mit fortreißt. Aber ich ſchwimme nicht ungern mit; es bricht eine neue, ſchönere Zeit der deutſchen Literatur herein; o, es ſind da herrliche Kräfte, werth des großen Klopſtock, werth ſeine Rieſenideen fördern zu helfen; Du wirſt ſie kennen lernen, Du wirſt ſie lieben lernen, Gotter, meinen Voß, meinen Hahn, meinen Miller, meine Stolberge ꝛc., und wirſt uns die Hand reichen zum großen Werke der Regeneration unſerer verkommenen Literatur!“
„Ja, das hoffe ich und wünſche ich, alter Freund; ich bin expreß deshalb hergekommen, um Euch in Eurem Treiben, über das die Welt ſchreit, zu belauſchen und zu ſehen, mit eigenen Augen zu ſehen, was ich davon zu halten habe. Aber erſt will ich prüfen, und behalte mir vor, ob ich Luſt habe, mich in das tolle Gewirr Eures Barden⸗ weſens mit hineinreißen zu laſſen. Zunächſt erzähle mir etwas von Eurem berüchtigten Hainbunde. Du weißt gar nicht, was für Fabeln über Euch die Welt durchlaufen!“
„Ich weiß es, alter Freund; ſie ſind zum größten Theile hier entſtanden und verdanken ihr Daſein den gelehrten Zöpfen, die für ihre miſerable Exiſtenz bangen, wenn unſere junge Begeiſterung durch⸗ dringt. In den hieſigen Profeſſorenkreiſen iſt es ausgeheckt und in die Welt poſaunt worden, wir ſeien eine Schar von nahezu 400 jungen Wütherichen, die ſich, mit Eichenkränzen belaubt, nächtlicher Weile nach Art der Hexen auf dem Ochſenberge(Gott weiß, wo dieſer neue Blocksberg liegt) verſammeln, in Ziegenhäute gehüllt, mit rieſen⸗ haften, irdenen Krügen, woraus wir das Bier eimerweiſe ſaufen und unter Bardengebrüll nächtliche Kriegstänze ausführen. Solche Alfan⸗ zereien wirſt Du gehört haben.“—
„Das und dem ähnliches; und in ſolcher Weiſe ſteht Euch die ganze ehrenwerthe Univerſität gegenüber?“
„Nicht die ganze, zu ihrer Ehre ſei's geſagt; nur die alten
zunftmäßigen Zöpfe; doch gibt's auch eine Anzahl freierer Seelen; da iſt Käſtner, der hält's ehrlich mit uns, und hat uns ſogar die Mit⸗
gliedſchaft in der von ihm geleiteten Deutſchen Geſellſchaft angetragen.
men nonn um ihre Da⸗ an ſich keit ſias an. Dän geriſ biſt imm mä wä Ru So vor jube zaT Wel gan ni


