Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
221
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nur wenige Kreuzer, weil jeder wußte, daß er es unter allen Be⸗ dingungen zu verkaufen gezwungen war. Es war nichts Seltenes, daß er einen Rehbock oder eine Gais um drei Groſchen Schein*) da⸗ hingab. Sein Jagdrevier waren die aneinandergrenzenden Be⸗ ſitzungen eines Hüttenwerkbeſitzers und eines Fürſten, deſſen Namen als einer der glänzendſten des öſterreichiſchen Adels erachtet wird. V Der Wildſtand beider wurde durch die Ausflüge des Schützenhans arg mitgenommen. Die fürſtlichen Jäger, wie der Hüttenwerkbe⸗ ſitzer, gaben ſich alle erdenkliche Mühe, den Hans zu erwiſchen, aber ſeine Schlauheit machte ihre Verſuche zu Schanden, bis ein Zufall üihnen die Mittel an die Hand zu geben ſchien, nach welchen ſie ver goeblich ſo lange getrachtet hatten. Der fürſtliche Förſter brachte eines Tages in Erfahrung, daß auf dem Gute des Hüttenwerkbeſitzers ein neuer Knecht aufgenommen worden ſei, von welchem er beſtimmt wußte, daß derſelbe bei nicht wenigen Jagdausflügen des Schützenhans deſſen Spießgeſelle ge⸗ weſen war. Dieſen Menſchen, einen ſtarken Burſchen von ungefähr dreißig Jahren, kannte man in der Gegend unter dem Namender Büchler Sepp. Der Förſter zweifelte nicht, daß dem Sepp die Ver⸗ ſtecke und Schlupfwinkel ſeines früheren Genoſſen wohl bekannt ſeien. Wenn er ihn auch im Verdacht hatte, daß der jetzige Dienſtknecht ein nicht minder verſchmitzter Wilddieb ſein werde, als der frühere Streuner denn ſolche Leute ſuchen die Dienſte bei Jagdbeſitzern meiſt nnur auf, um ihre Handtirung ſicherer betreiben zu können ſo däuchte es ihm doch äußerſt wahrſcheinlich, daß der Sepp der Verlockung einer anſehnlichen Geldbelohnung nicht widerſtehen und den Jägern ſeinen Kameraden verrathen würde. Er theilte dieſe ſeine Abſicht dem nunmehrigen Dienſtherrn des Sepp, dem Hüttenwerkbeſitzer, mit, welcher die Hoffnung auf den wahrſcheinlichen Erfolg für gerechtfertigt hielt. Sepp wurde herbeigerufen. Man hielt ihm das Regiſter ſſeiner in Gemeinſchaft mit dem Schützenhans vollbrachten Sünden voor, verhieß ihm Vergeſſen und Verzeihen und verſprach ihm ſchließlich eine Belohnung von ſechs und dreißig Gulden Silber, wenn er den SHans zur Stelle ſchaffe. 1 Sepp beſann ſich eine Weile. Todtſchieß'n darf'ſt ihn auch, wenn D'willſt, ſetzte der Förſter ergänzend hinzu. Den bring i no heut oder g'wiß morgen, ſagte er endlich. Die Sache war demnach beſchloſſen, und nun ging es an die Ausführung. Um drei Uhr Nachmittags wurde der Judas gedungen, uum vier Uhr hatte er ſich ſchon auf den Weg gemacht. Er nahm kein Gewehr mit, weil er unbewaffnet dem etwaigen Argwohn des Villdſchützen zu entgehen gedachte. Unter einer Wand angekommen, von welcher aus man in einenGraben ſehen kann, deſſen Boden von ungeheuren Blöcken und Legföhrengebüſchen bedeckt iſt, legte er ſich auf den Boden und jauchzte in einer Weiſe, welche ſie ver⸗ 3 abredeter Maßen ſonſt gewohnt waren, wenn ſie einander etwas zu ſagen hatten. Er lauſchte mit angehaltenem Athem, bis der letzte 4 Widerhall verronnen war, und dann noch lange fort, aber er vernahm kein Gegenjauchzen, keine Antwort. Er wiederholte ſein Jauchzen wohl ein Dutzend Mal, doch es blieb ſtill dort unten der Schützen⸗ haans war auf einem Streifzuge abweſend, oder es hatte ihn Miß⸗ trauen beſchlichen, und er wagte ſich nicht aus ſeinem Verſtecke hervor. Allmählich wurde es dunkel und Sepp ſeiner vergeblichen Ver⸗ ſuche überdrüſſig. Er mußte an eine Unterkunft für die Nacht denken und wählte dazu die Seethaler⸗Hütte, wo Lois,**) ſeine Braut, Almerin war. Dort ſchlief er auf dem Heu, bis der erſte goldgraue Schimmer über den Jochhöhen dem heraufſteigenden Tag zuvorkam. Dann ſtieg er die Leiter herab, verließ die Hütte und ging nach dem Graben, um unverdroſſen dieſelben Lockungen wieder zu verſuchen, die ihm geſtern mißglückt waren. Sie blieben diesmal nicht ver⸗ geblich. Kaum war ſein Jodler verklungen, als er in der Ferne das Gegenjauchzen derſelben Weiſe vernahm, und bald unterſchied ſein ſcharfes Auge einen Kopf, der hinter einem Blocke hervorſchaute. Es war der Schützenhans, der vorſichtig auslugte, ob es wirklich ſein Freund Sepp ſei, der ihn herbeirief. 2 Dieſer ſtieg ihm nun ſeinerſeits entgegen und winkte ihm, ſeine Annäherung zu beſchleunigen. Aber der Wildſchütze kam nur langſam und mit geſpanntem Hahn heran, denn er empfand ein ziemliches

*) Zwei Silbergroſchen. **) Aloiſia.

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Schmalz.

Mißtrauen gegen deu abtrünnig gewordenen Genoſſen. Erſt als er die Gewißheit beſaß, daß dieſer keine Waffe bei ſich trug, kam er nahe heran und ließ ſich mit dem Freunde in ein Geſpräch ein.

Sepp war wohl ſtärker als der Wildſchützenhans, aber das Be⸗ wußtſein der niederträchtigen Handlung, welche er an ihm zu verüben im Begriffe ſtand, lähmte einen guten Theil ſeiner Kraft. Er wollte, aber er wagte es nicht zehnmal war er daran, ihn beim Hals zu faſſen und den Gewürgten zu knebeln, aber jedesmal ſcheute er davor zurück. Er ſprach mit dem Wildſchützen und ſagte ihm, es habe ihm keine Ruhe mehr gelaſſen, bis er ſeinen alten Hans wieder einmal ſehen konnte dabei ſann er aber nach, wie er den ſcheuen Wilddieb in die Nähe von Menſchen bringen möchte, welche mit helfen wollten, ihn zu bändigen und zu feſſeln.

Da fiel es ihm bei, daß heute ein Tag war, an dem viele Menſchen nach der Seethaler Alpe kommen würden, um den Rindern Salz zu bringen. Er lockte alſo den Hans dahin, indem er ihn bat, ihn zu ſeiner Braut zu begleiten. Nach einigem Zögern willigte dieſer ein.

Doch das Schickſal machte es dem Sepp nicht ſo leicht, ſeinen Freund zu überliſten, als er wohl denken mochte. In der Alpe an⸗ gekommen, fanden ſie niemanden, nicht einmal die Sennerin, zu Hauſe. Sepp verſuchte es nun, den Freund hinzuhalten, bis die⸗ jenigen kämen, auf welche er zählte. In ſeiner Spannung und Ver⸗ legenheit wußte er gar nicht, wie er das anpacken ſollte. In der Hütte hing eine ſchöne ſilberne Uhr mit Kette, welche Sepp der Almerin für den Sommer geliehen hatte. Dieſe nahm er herab, zeigte ſie dem Wildſchützen und prahlte damit. Dann ſchenkte er ihm einige Gläſer Branntwein,Roſoglio, ein und ſchickte ſich am Ende gar an, ihmAlpenſäuerling*) zu kochen, weil er wußte, daß er ſtark Hunger litt. Nachdem ſich der Wildſchütze daran hinlänglich geſättigt hatte, fing er an, zum Aufbruch zu drängen, denn es kam ihm ein wenig unheimlich vor. Es mußten bald Halter(Senner) kommen, und vor dieſen wollte und konnte er ſich nicht ſehen laſſen. Da blieb dem Sepp nichts übrig, als den Freund bei ſeiner ſchwäch⸗ ſten Seite anzufaſſen. Dieſer beſaß einen Stutzen, welcher ſich nicht weniger durch die zierliche Arbeit, als ſein ſicheres Treffen aus⸗ zeichnete.

Geh, probiren wir Deinen Stutzen ein wenig! ſagte Sepp. Haus konnte dieſer Lockung nicht widerſtehen. Sie riſſen einige Blätter der fetten rübenähnlichen Pflanze ab, welche in allen Miſt⸗ jauchen vor den Alpenhütten wuchert und von den SennernTret⸗ plotſchen genannt wird. Sie hefteten ſolche Blätter an die Pfoſten

der Hütte undbeſchoſſen wie man dort von zweckloſem Schießen

ſagt. Bei dieſer Gelegenheit bekam Sepp den Stutzen mehrmals in die Hände und konnte ſich, wenn er den Muth hatte, ſeines Freundes bemächtigen. Aber eben dieſer fehlte ihm..

Nach einiger Zeit wurde Hans des Schießens überdrüſſig und machte ſich daran, von dem Gefährten Abſchied zu nehmen. Dieſer ſtand auf Kohlen, die Leute, auf welche er wartete, kamen immer noch nicht, den Wildſchützen aber gehen zu laſſen und unverrichteter Sache heimzukehren, davor ſchämte er ſich. Voll Ungewißheit und Bangen begann er verwirrtes Zeug in den Tag hineinzuſchwätzen. Aber Hans ließ ſich nicht mehr aufhalten, er wollte nach ſeinem Ver⸗ ſteck zurückkehren. Dem anderen blieb nichts übrig, als ihn zu be⸗ gleiten und unterwegs auszuſinnen, durch welche Mittel er ihn in die Nähe von anderen Leuten locken und mit deren Hilfe überwältigen könne. So gingen ſie ſchweigend neben einander her.

Es war Sonntag. An dieſem Tage pflegte der Hüttenwerks⸗ beſitzer, Sepps Herr, auf einem benachbarten Bergrücken mit ſeinen Leuten zu jagen. Auch Sepp betheiligte ſich mit dem übrigen Ge⸗ ſinde faſt regelmäßig bei dieſen Jagden und hatte ſogar in der Ebe⸗ ner Hütte, einer dort befindlichen Alm, ſein eigenes Gewehr hängen, eine Reliquie aus den Tagen ſeines Wildſchützenlebens. Es kam öfter vor, daß der Herr mit den Knechten, wenn ſie da jagten, in der⸗ ſelben Ebener Hütte zukehrte, um einen Imbiß zu ſich zu nehmen. Die Möglichkeit, daß ſich die Geſellſchaft eben jetzt droben befinde, kam dem Sepp plötzlich in die Erinnerung, und ſo ſuchte er den Wild⸗ ſchützen zu bereden, ihn eine Strecke weittnach der Hütte hin zu begleiten.

*) Ein Gebäck in Form eines Schiffshutes, inwendig Topfeu, außen