Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
216
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kleines, rundes Loch zeigte.Kennen Sie den Offizier? fragte ich. Nein, Herr Major, erwiderte er,aber ich ſah ihn kämpfen, wie ein Löwe und fallen wie ein Lamm da wollt' ich ihn doch wenigſtens vor den Pferdehufen ſchützen und trug ihn an den Zaun meiner lieben Mutter haben wir auch einſt Roſen mit in die Erde gegeben! ſchwang ſich auf ſein Pferd und ſtürmte wieder in den Kampf hinein.

Lieber Graf, Sie ſprachen auch von Komik auf dem Schlacht⸗ felde?

Ja, Fürſtin, ich habe wirklich trotz der ernſten Situation nie etwas Komiſcheres geſehen, wie den von der Berliner Gardeartillerie aufgezogenen und mit ins Feld geführten rieſigen Ziegenbock im wildeſten Kugelregen an der Seite des Trompeters mit poſſirlichen Sätzen auf den Feind losſtürmend! Die Oeſtreicher ſollen auch wahrhaftig geglaubt haben, in jenem Ziegenbocke ſtecke Herr Satanas, mit dem der arme Bismarck einen kleinen Privatpact gegen die unüberwindliche eiſerne Brigade gemacht habe!

Lieber Otto, ſagt die Gräfin herzlich,dies Gericht ſollteſt Du lieber vorübergehen laſſen, es thut Deinen kranken Magennerven augenblicklich nicht gut!

Meine Damen, iſt Ihnen ſchon ein ſolches Prachtexemplar von gehorſamem Ehemanne vorgekommen? und Graf Bismarck ſchiebt die Schüſſel zurück.

Da ſind Sie alſo, liebe Gräfin, außer dem Könige die einzige Glückliche, der unſer eiſerner Graf ſich beugt! ſagt Fürſt Putbus.

O nein, lacht die Gräfin,Otto beugt ſich auch ſonſt noch jemandem wenn's nicht gut anders geht!

Und wer iſt dieſer Mächtige?

Rathen Sie, doch nein, Sie rathen es ja unmöglich mein eiſerner Mann gehorcht ſeinem Koch!

Ja, was thut man nicht alles, um nur im eigenen Hauſe Ruhe und Frieden zu haben, nachdem man den Krieg draußen gründlich gekoſtet hat! ſagt der Graf mit tragiſchem Geſichte.Alſo, wir hatten geſtern in unſerer Villa Putbus ziemlich ſpät und wirklich recht ſolide gefrühſtückt kalten Hammelbraten und Sauerkraut; das Gericht hält bekanntlich eine Weile vor, und als unſere Diner⸗ ſtunde da war, hatten wir alle keinen Appetit. Ueberdies wollte ich gern noch vor dem Mittageſſen ein angefangenes Schriftſtück beenden. Der Koch ſchickt hinein, es ſei angerichtet. Ich ſchicke hinaus:Eine halbe Stunde warten! Nach dieſer halben Stunde läßt der Koch wieder ans Eſſen mahnen ich laſſe hinausſagen:Noch keinen Hunger eine halbe Stunde warten! Das iſt dem Premier meiner Küche aber zu viel, er läßt ſeinem Collegen Premier brevi manu zu⸗ rückſagen, er, der Premier Preußens, möge die Güte haben, jetzt mit oder ohne Hunger zu eſſen, er, der Premier der Küche, könne das Eſſen nicht länger genießbar erhalten und der College gehorchte!

Excellenz, es iſt aber auch ein eigen Ding, ſagt ein Offi⸗ cierfür die Schmackhaftigkeit eines Diners oder Soupers ver⸗ antwortlich zu ſein, wenn man ſich in der Zeit des Servirens ver⸗ rechnet. Nicht alle Leute verrechnen ſich ſo angenehm, wie Excellenz, da der Krieg einige Monate früher zu Ende war, als nach Ihrer Berechnung bekanntlich der einzige Rechenfehler, den Sie über⸗ haupt gemacht haben. Ihr Koch erinnert mich lebhaft an den guten Lieutenant von Schwanefeld, den ich eines Abends auf einer Eiſen⸗ bahnſtation in Böhmen in tauſend Aengſten ſeine Bratpfanne mit Setzeiern umkreiſen ſah. Er hatte auch wirklich einigen Grund, zu befürchten, ſein koſtbares Gericht werde verbrennen, ehe er es an den Mann bringen könne. Am Nachmittage war nämlich bei uns aus dem Hauptquartiere des Königs in Nikolsburg der Befehl eingelaufen, Abends um acht Uhr für den franzöſiſchen Botſchafter Benedetti und ſeine Attachés auf unſerer Station ein gutes Souper bereit zu halten. Herr Benedetti war auf der Reiſe ins Hauptquartier, um auf Napo⸗ leons Veranlaſſung einen Waffenſtillſtand zu vermitteln. Sogleich nach Ankunft der Souperdepeſche wurde bei uns ein großer Kriegs⸗ rath zuſammengetrommelt, um den franzöſiſchen Feinſchmeckern gegen⸗ über unſere liebenswürdige Wirthsehre zu retten. In unſeren Vor⸗ rathskammern war nur ein wenig Commisbrot und ein Tütchen mit ſtark verduftetem Thee vorhanden. Unſere beiden berühmteſten Groß⸗ requiſitoren, glückliche Beſitzer der feinſten Spürnaſen auf irgend etwas Eßbares, wurden alſo abgeſandt, alles zu einem feinen Souper Nöthige aufzufinden und einzuholen. In der letzten Stunde kehrten ſie zurück.

Der eine wies triumphirend ſieben Eier, der andere ein Stück Schinken

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von der Größe einer zarten Damenhand. Lieutenant von Schwane⸗ feld, der bekannte Feldgaſtroſoph, machte ſich mit Eifer, angebornem Genie und zwei als Küchenjungen fungirenden Her Kameraden an das große Werk, das befohlenefeine Souper erzurichten. Wenigſtens der Schinken ließ an Feinheit nichts zu wünſchen übrig, denn er wurde in kaum mögliche, feine Scheibchen geſchnitten und auf ein mit Johannisbeerblättern garnirtes Brettchen erbärmlich in die Breite gezogen, damit er den Franzoſen wenigſtens recht in die Augen fallen ſollte, da er nicht die Tugend beſaß, gewichtig in den Magen fallen

zu können. Freund Schwanefeld ſtrahlte bald mit ſeinen Setzeiern in die Wette. Nur Herr Benedetti und ſeine Attachés wollten nicht heranſtrahlen. Die Setzeier und der gute Schwanefeld liefen mit

der Zeit ganz braun an, aus Angſt um ihre ſehr ſtark in Frage geſtellte Reputation. Es wurde 9 Uhr Lieutenant Schwanefeld und ſeine Setzeier waren in Verzweiflung. Natürlich nur in der löblichen Abſicht, ſich von der Genießbarkeit ſeines feinen Soupers zu über⸗ zeugen, ſtocherte der edle Koch mit ſeiner Gabel unaufhörlich in der Pfanne herum und koſtete ein halb verbranntes Häppchen nach dem anderen. Es fanden ſich auch noch einige Sachverſtändige ein, die koſten halfen und das feine Souper und die Kunſt des Kameraden Schwanefeld nach Kräften zu würdigen wußten. Plötzlich war die Pfanne leer und wunderbarer Weiſe auch zugleich der feine Schinken alle geworden. Dao furchtbarer Moment brauſt der Zug mit dem franzöſiſchen Botſchafter heran. Was nun? ſatt gemacht mußten ſie werden darin war der ſchnell wieder zuſammengetrom⸗ melte Küchenrath einig und wunderbarer Weiſe auch in dem Wie. Wir hatten ja nicht die Qual der Wahl und bald ſetzten wir unſeren Gäſten in den möglichſten und unmöglichſten Geſchirren ganz ganz dünnen Thee ohne Rum, Sahne oder Zucker vor, und wer Appetit und vorzügliche Zähne hatte, konnte auch ein Stückchen Commisbrot dazu eſſen. Es war ein Hauptſpaß, mit anzu⸗ ſehen, wie hoch die feinen Franzmänner an dem Commisbrot herun kauten aber der Hunger trieb's hinein! 44

Ihr Lieutenant Schwanefeld in ſeiner Sorge ums An rennen der Setzeier, ſagt Graf Bismarck heiter und ſchüttet kleine Stückchen Eis in ſeinen Champagner,erinnert mich lebhaft an eine gute, alte Perſon, die ſich redlich um meine Knabenzeit verdient gemacht hat. Sie hieß Trine Neumann und ſtammte von meinem väterlichen Gute Schönhauſen in der Altmark. Als mein Bruder und ich aufs Gym⸗ naſium kamen, wurde Trine Neumann uns als Haushof⸗, Küchen⸗, Keller⸗ und Sittenmeiſterin von Hauſe mitgegeben. Sie hatte uns Jungen herzlich lieb und that alles, was ſie uns an den Augen ab⸗ ſehen konnte. So machte ſie uns zu Abend faſt immer unſer Leibge⸗ richt: Eierkuchen! Wenn wir gegen Abend ausgingen, ermahnte Trine Neumann uns regelmäßig:Bliewt hüt nich ſo lang ut, dat min Kauken nich afbacken! und regelmäßig, wenn wir endlich nach Hauſe kamen, hörten wir die gute Trine ſchon von weitem wie ein Rohrſperling ſchimpfen:Dunnerwetter, Jungens, ut Juch wat in'n Leben nix Vernünftigs dei Kauken ſünd all wedder afbackt! Und dies Thema wurde in allen möglichen Variationen zu der Länge von Ciceros Philippika ausgeſponnen, aber der Zorn der guten Trine war immer bald verraucht, wenn ſie ſah, wie vortrefflich ihreaf⸗ backten Kauken uns Jungen ſchmeckten!

Und wo blieb Trine Neumann?

Als wir ihrer milden Zucht und ihren Eierkuchen entwuchſen, ging ſie nach Schönhauſen zurück dort liegt ſie nun ſchon längſt unter dem grünen Raſen! Gute Trine Neumann, wie würdeſt Du Dich gefreuet haben, wenn Du noch erlebt hätteſt, daß aus Deinem tollen Otto mit der Zeit doch noch etwas leidlichVernünftig's ge⸗ worden iſt!

Glückliche Trine Neumann, denke ich, der Graf Bismarck noch nach 40 Jahren ein ſo herzliches Andenken bewahrt!

Nach den Setzeiern Ihres Lieutenants von Schwanefeld zu ſchließen, haben die Herren im Felde ſich wirklich bedenklich hohe Aufgaben in der edlen Kochkunſt geſtellt! ſagt die Gräfin Bismarck zu dem Officier, der vorhin die Geſchichte von dem verfehlten Souper des Herrn Benedetti erzählte.

Wenn Exeellenz.

Bitte, nennen Sie mich nicht Sreellen, das iſt ein Titel, den ich für mich durchaus nicht hübſch finde. Es gibt Leute, die mir, um ihre Sache recht gut zu machen, die Excellenz wohl zehn Mal in einem Athemzuge ins Geſicht werfen, und das hat mir die Excellenz

ich rein Häc als ver abſe ſhn offe grät niſc