Jahrgang 
13-26 (1867)
Seite
201
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beten verluren apen, wenn Du wedder rupper kümmſt.

Und ſomit nehme ich auch von dir Abſchied, du braver, alter Stadtherr aus der guten, alten patriarchaliſchen Zeit. Du rückſt mir mit deinen Gebilden ſchon faſt zu weit in die Gegenwart, und dieſe iſt noch nicht reif, in ihren Originalen culturhiſtoriſch gefeiert zu werden. Denn wenn ſie, wie geſagt, auch ſeltener geworden ſind, die alten Originale, es gibt deren doch auch noch und von ganz ähn⸗ licher Art, als die geſchilderten, von ſolcher, die ſich nach alter Sitte von frühe ſchon an eine originelle Eigenthümlichkeit gewöhnten, eben weil es zu ihrer Zeit ſo in der Ordnung war. In manchem Winkel ländlichen Lebens ſitzt noch ein ſolcher Sonderling verſteckt, der kaum weiß, was draußen vorgeht und wie die Cultur die Welt beleckt hat. Er kennt nur die alten Verbindungs⸗ und Feldwege, auf denen er noch mit Vieren oder Sechſen in ſeiner ſchwerfälligen Kutſche umher⸗ fährt und jedes Wegeloch ſorgfältig mit Steinen zuwerfen läßt, daß einem Fremden nach ſtundenlanger Fahrt darauf die Rippen zu brechen drohen. Er läßt deshalb die ſogenannte Wegebeſſerungs⸗ commiſſion auch gern einmal auf eigenes Verlangen, wenn's zu ſchlimm wird, abſitzen oder wenn er bei der Probefahrt auf ebene

201 De Infall is nich ſlicht, Kerfack, denn lat de Dör man ſon Stellen gerathen ſollte, iſt er in Furcht über den drohenden Fremden⸗

verkehr in ſeinen Grenzen, unzufrieden und ruft dem Kutſcher ärger⸗ lich zu:Wo Deubel, Johann, hier führt ſik dat jo heel god? wor⸗ auf denn Johann einfältiger Weiſe ebenſo unbedacht, als ſein Herr, ſich dahin äußert:Je, Herr, hier ſünd wi ok uppen Dreeſch! Das muß ja wohl die Commiſſion merken, wie das gemeint iſt! Es gibt unter den alten Gutsherren noch Leute, die principmäßig keinen Wagen beſteigen und lieber die Pferde hinterm Dampf herkeuchen laſſen,

originelle Materialiſten, die mit dem erſten beſten Stück Dings und

wär's ein Stiefelknecht, nach den Nachtigallen im Baum vor dem Fenſter mitten durch das Glas hindurch werfen, wenn ſie durch den Geſang derſelben im Schlaf geſtört werden, Leute, deren naives Platt⸗ deutſch jedem Fremden in jeder Aeußerung als Witz erſcheint, was ihnen jedoch ſo natürlich iſt, daß ſie es nicht ſelten übel nehmen, wenn man darüber lacht, wie über das laute Wort, das dem alten Land⸗ junker in der Fremdenloge zu Roſtock entfuhr, als Marquis Poſa von Philipp II.Gedankenfreiheit erfleht und nun eige Kunſtpauſe entſtand, das Wort:He ward ſik häuden! Doch genug, es läßt ſich von dergleichen wohl noch einmal Gebrauch machen. An Stoff mangelt's nicht, wenn die Nahrung dem Leſer mundet.

Die Reichspoſtmeiſter deutſcher Nation.

Man begegnet faſt überall der Anſicht, daß die Poſten in Deutſchland durch die Grafen Taſſis geſchaffen worden ſeien. Dies iſt irrig, denn Jahrhunderte vor Einrichtung der Reichspoſten be⸗ ſtanden in Deutſchland Botenanſtalten, die theils von Fürſten, theils von Corporationen, theils von Privaten eingerichtet waren. Mehr oder weniger ſind alle dieſe Einrichtungen als Poſtverbindungen an⸗ zuſehen, alle aber hatten den Zweck, Correſpondenzen zu vermitteln. Viele Reichsfürſten und Städte hatten auch in beſtimmten Orten eigene Factoren, an welche die Briefboten ihre Sendungen ablieferten. So beſtanden in Brandenburg ſchon vor 1550 geregelte Botenpoſten zu Fuß und reitend..

Lange vor der Einführung der Thurn⸗ und Taxisſchen Poſten beſtand ſogar ſchon eine fahrende Poſt zwiſchen Hamburg und Nürn⸗ berg. Die werthvollen Güter, welche zwiſchen jenen Orten zu be⸗ fördern waren, wurden mittelſt beſonderer regelmäßiger Fuhren expedirt und ihnen zur größeren Sicherheit bewährte Begleiter mitge⸗ geben, die wegen ihrer Pflicht, unterweges für die Fortſchaffung zu ſorgen, Schaffner genannt wurden. Dieſe Schaffner ſammelten und beſtellten unterweges Briefe und Packete und errichteten nach dem Bedürfniß Pferdewechſelſtationen. In Folge mancher Klagen über⸗ nahm der Magiſtrat in Nürnberg 1570 die Organiſirung und Ver⸗ waltung dieſer Verbindungen und ſtellte das Inſtitut unter die Auf⸗ ſicht der Handelsherren. Jeder Brief wurde eingetragen, und jeder Schaffner mußte Bürgſchaft ſtellen. Auch Reiſende fanden mit dieſen Gelegenheiten Beförderung.

Die Wagen gingen wöchentlich einmal von Nürnberg ab. Der Centner Waare koſtete von da bis Braunſchweig 8 Thaler, der Reiſende zahlte für die Strecke von Nürnberg bis Hamburg, welche auf 77 ½ Meile angenommen wurde, mit der Zehrung, welche der Schaffner beſorgte, 20 Thaler.

Auch nach der Einführung der Reichspoſten blieb jener Cours beſtehen. Die Schaffner trugen ein Bruſtſchild mit dem kaiſerlichen und dem Nürnberger Wappen. Zugleich ſei hier der Metzger⸗ poſten Erwähnung gethan, gegen welche die Thurn⸗ und Taxisſche Poſt lange ſtritt. Die Metzger und deren Geſellen gingen oder fuhren oft weit ins Land, um Schlachtvieh einzukaufen. Sie ſammelten auf der Reiſe Briefe und kleine Packete ein und beſorgten deren Be⸗ ſtellung. Sie kündigten ihre Ankunft durch Blaſen auf kleinen Jagd⸗ oder Waldhörnern an. Dieſe Signale wurden 1615 bei den Taxisſchen Poſten eingeführt, und wir finden darin den Urſprung der Poſttrompete.

Die Zeitereigniſſe, der Aufſchwung des Verkehrs, welchen Deutſchland im 16. Jahrhundert erfuhr, brachten die Nothwendigkeit, jene Mittel zu erweitern. Zunächſt war die Veranlaſſung folgende. Maximilian I. hatte Wien zur künftigen Kaiſerſtadt erkoren. Faſt an der Grenze ſeines Reiches wohnend, fand er es dringend noth⸗ wendig, mit ſeinen entfernten Erbſtaaten in ſteter Verbindung zu

III. Jahrgang.

ſein, ſeine Anordnungen ſchnell nach jedem Ort gelangen zu laſſen und von dorther alle Nachrichten ſchleunigſt zu erlangen.

Die vorhandenen fürſtlichen und Privatbotenpoſten konnten dieſen Anſprüchen nicht genügen, weil ihnen der Zuſammenhang und An⸗ ſchluß fehlte. Jeder Reichsſtand hatte ſeine eigenen Botencourſe und duldete keinen Durchgang der Poſten anderer Staaten durch ſein Gebiet.

Einen Brief von Wien nach Brüſſel, Amſterdam oder Paris durch Boten der Städte oder Reichsfürſten beſtellen zu laſſen, blieb unmöglich, der Kaiſer mußte daher mit Aufwand großer Mittel ſoge⸗ nannte Staatsboten unterhalten. Da erbot ſich der italieniſche Edel⸗ mann Francesco de Taſſis, genannt Torriani, eine Einrichtung zu treffen, welche die kaiſerlichen Briefe aus dem Hoflager nach den Nie⸗ derlanden und überallhin und zurück koſtenfrei beſorgen ſolle, wenn der Monarch ihm und ſeinen Nachkommen die Verſicherung des freien Beſitzes und Eigenthumes, auch die Einkünfte der projectirten An⸗ ſtalt bewilligen wolle.

Franz erhielt 1516 die Genehmigung und ſtellte Verbindungen mit Hilfe der kaiſerlichen Autorität bald her. politiſche Bedenken, bemühte ſich nicht um die Bewilligung der Fürſten

Er überſchritt jedes

und Städte, durch deren Gebiet die Courierſtraße gehen ſollte, und richtete ſo zuſammenhängende Courſe auf die weiteſten Entfernungen ein. Die erſten ſolchen Courſe jener ſogenannten reitenden Boten

waren von Brüſſel nach Frankreich und von Brüſſel durch Flamiſoul

(Lüttich), Kreuznach, Speyer über Rheinhauſen(Ueberfahrt über den Rhein) durch Württemberg, Augsburg nach Wien und durch Tyrol, Mailand, Mantua nach Venedig und Rom. Starke Briefpackete koſteten pro Pfund 1 ½ Thlr. In den Städten wurden Verwalter und reitende Boten mit Pferden zum Wechſel beſtellt. 1552 wurde für die neue Einrichtung in Rheinhauſen ein beſonderes Amt er⸗ richtet. Jene Linien hatten eine Länge bis faſt zu 300 Meilen, und Franz ſetzte die Ankunfts⸗ und Abgangszeiten für jeden Ort feſt.

Kurze Zeit nach der Errichtung dieſer Botencourſe nahmen die⸗ ſelben nach der Bezeichnung der franzöſiſchen Hofcouriere den Namen Poſt an.

Franz von Taſſis wurde vom Kaiſer zum niederländiſchen Poſt⸗ meiſter, ſein Neffe durch Carl V. zum Kaiſerlich ſpaniſchen General⸗ poſtmeiſter in allen Erbſtaaten ernannt. Franz Leonhard von Taxis, zum Freiherrn erhoben, ward vom Kaiſer Rudolph II. zum General⸗ obriſtpoſtmeiſter im Reich beſtallt, ſein Sohn Lamoral wurde in den Reichsgrafenſtand erhoben, und 1615 durch Matthias zum Reichs⸗ erbgeneralpoſtmeiſter im Reich und in den Niederlanden ernannt. 1681 machte Carl II. von Spanien Eugen Alexander Franz, Grafen von Thurn und Taxis, zum Granden von Spanien, Kaiſer Leopold beſtätigte die Ernennung 1695 und verlieh der Familie auch die deutſche Reichsfürſtenwürde.

Das Verdienſt Franz von Taſſis beſchränkt ſich hiernach darauf, 13