Jahrgang 
13-26 (1867)
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Dat möt jo äwer ſo fürchterlich raſch gahn, meint ein Schlau⸗ kopf unter den Zuhörern,dat dor keen Minſch Puſt bi behölt.

Dor warrn ok blos Paketen mit befördert, antwortet W. und fährt dann fort:

Aewer man is doch all wedder von diſſe Erfindung trüch kamen un ſe is denn ok verbaden. Denn ſe bringt all de annern Schäp ut de Richt. Keen Schipp, dat doch ok hier un dor ſin beten blank Iſenwark ſitten hett, kann bi den Magnetenſwindel ſin Fohrten in hollen, ſe kamen all ut de Richt un ſo mößt dat denn glik wedder inſtellt warrn.

Von der Originalität der Dienſtmädchen in den Tagen meiner Studienzeit darf ich nicht ſchweigen. Eins derſelben, Lotte mit Namen, das mir Reinlichkeit anthat, die Zimmer heizte und was ſonſt zum häuslichen Bedarf eines Muſenſohnes gehört, herſtellte, war ein vorzügliches Exemplar ihrer Gattung. Sie war ein vollblütiges Kind des Landes mit blaurothen, dicken Wangen, dito dicken Fingern

und ging noch im eigen gemachten Rock ohne Crinoline einher, in⸗

dem ſie die Stadtmoden verachtete. So auch blieb ſie bei ihrem reinen Plattdeutſch, von welchem die Angriffe der hochdeutſchen ſtädtiſchen Schweſter ſpurlos abprallten. Es kam nicht einmal ein Anhauch vomMiſſingſchen zu Stande, von jener Zwitterrede, welche bei Menſchen zur Uebung gelangt, die ſich, in Rückſicht ihrer Bildung, ihrer rechten Zuſtändigkeit zwiſchen dem Hochdeutſchen und Platt⸗ deutſchen nicht recht bewußt werden. Nun denn, Lotte, komm und gaukle mir nur die eine originelle Unterredung noch einmal vor, deren erſte Inſcenirung mich ſo hoch entzückte.

Lotte kam mit einem Brief zwiſchen den roth gefrorenen Fingern zu mir in mein Zimmer und ſagte:

Ik wull Se birren, ob Se mi diſſen Breef nich en beten toſegeln wullen?

Ja woll, Lotte, hal man Licht. Aewer hür mal, een Bedingniß is dabi, ik möt den Breef leſen dörben.

Sie genirte ſich bei dieſer Anrede ſichtlich, und ich konnte wohl merken, daß der Adreſſat ihr mehr, als Freund war. Endlich willigte ſie ein.Wenn't nich anners ſin kann.

Sie ging und holte Licht, ich las:

Lieber Heinrich!

Wenn Du der Fels biſt, will ich die Welle ſein, die ſich an ſeinem Fuße bricht.

Die Strümpe, die Du mich durch Criſchan ſeine Schweſter ge⸗ ſchickt haſt zum Waſchent und Stopfent, ſind prat, ſchicke nur den Holländer her, denn kann der Milchwagen ihnen mitnehmen.

Bleibe mir gut, ich verabſäume nicht.

Du haſt mir lange nicht geſchrieben, ob Du geſund geblieben.

(Gezeichnet: Lotte.)

Lotte kam mit Licht.

Lotte, wo hebb'n Se de Anfangswürd to den Breef her? Ihre claſſiſche Antwort lautete:

Je, Herr Docter, und ſie ſprach es mit noch tiefer aufſtei⸗ gendem Blauroth und nannte mich Doctor, weil ſie vordem bei einem Doctor gedient hatte,wi hebb'n den Breef man ſülf drüdd' ſchre ben. Ik heff angeben, wat dorin ſtahn mößt, dat Mäken bi den Afkaten hier baben hett den Breef dalſchreben, denn ik kann nich ſchrieben und dat Mäken von Paſturs hier grad äwer, ſe mägen ehr mäglich kennen, denn dat is'n preſentirliche Perſon, de het mi noch ſo menniges angeben, wat'n in ſonn Breef ſchrieben künn, un de meent, dit künnen immer drieſt rin ſchrieben.

Na, denn kann'k dat ok woll drieſt toſegeln! Und ſie nahm den Brief mit Dank entgegen, ich aber nahm mir die Erlaubniß, mir denſelben ſogleich aus dem Gedächtniß zu copiren.

Und nun will ich nur noch eines der vielen Originale gedenken, die unſere Vorjahre belebten und ihrer Culturgeſchichte einen ſo eigenthümlichen Anſtrich gaben, des braven Chefs der Polizei, der die Stadt mit einem Blick ſeines gutmüthigen Augenpaars unter buſchigen Augenbrauen zu regieren wähnte, jenes ausgezeichneten Mannes, der es noch verſtand, eine Sacheje nachdem zu nehmen, der die Milde anwandte, wenn er ſich nicht ärgern wollte, wel⸗ cher Bureaukrat hat jetzt noch ſeinen Aerger in der Gewalt? jenes Mannes, dem dabei ein Gehörfehler ſehr zu ſtatten kam, indem er, wenn es ihm ſo beſſer paßte, ſich darauf berufen konnte, er hätte dieſe oder jene unnütze Gegenrede der Comparenten, was hier ſo viel als

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Vagabunden heißt, nicht gehört, damit er ſie nicht zu ſtrafen brauchte. Auch der Brave iſt nicht mehr, aber ſein Gedächtniß lebt im Volk in einer Unzahl von Anecdoten. im Winter auf den Trotteirs zwiſchen den Eisblöcken das Bein

breche, ſo meinte er:Worüm geihſt Du nich as anner vernünftige

Minſchen mirren up de Strat? und hatte es dort einer auch nicht

beſſer gefunden, ſo ſagte er in derſelben Stunde noch:Woto ſünd

denn de niemodſchen Trottoirs, wenn ji dor nich up gahn willt!

Jede Beſchwerde that ihm als Vater der Stadt wehe, und er ärgerte

ſich wie ein guter Hausvater, und ward er durch die Seinigen un⸗

wirſch gemacht, ſo machte er ſich's gern bequem, und jeder Beſcheid

war ihm recht, der ihm die Beſchwerde nur, wenn auch nur momen⸗

tan, vom Halſe ſchaffte. Es war ihm nur darum zu thun, mit ſeinen

Leuten auszukommen und ohne Beſchwerde in polizeilicher Ruhe und

Hoheit der Stadt zu präſidiren, wie Jupiter, wenn er nicht gerade

von ſeinen Donnern Gebrauch machte.Hür mal, Kerfack, ſo

ſprach er zu ſeinem Polizeidiener,gah doch mal na den Studenten

P. hier dicht bi an. De hett giſtern up de Strat rokt, ik hefft ſülben

ſehn. Gah hen und förrer die ſößteigen Schilling Straf' in.

Kerfack geht und kommt wieder.

Herr Burmeiſter, ik heff't utricht't, äwer de Kirl will nich. He hett mi en grot ſwinsleddern Book upflan, en latinſch Geſetzenbook, dor ſtünn in to leſen, ſäd he, denn he ſtudir' nu all drei Semeſters up en Afkaten, und mößt dat verſtahn, dat en Student de Straf nich to entrichten bruk'.

Kerfack, wo kannſt Du Di ſo wat inbill'n laten, Du büſt doch ok nich von giſtern? De Kirl möt ſo god, as jeder anner ſin Straf betahlen, dat helpt em all nicks. Gah hen un lat Di nich wedder afwieſen.

Kerfack geht und kommt wieder.

Herr Burmeiſter, he ſeggt, he harr mi ſinen Beſcheed all geben un wenn ik nu noch mal wedderkeem, denn ſmeet he mi koppäwwer de Trepp runner.

Dat hett de Kirl ſik ünnerſtahn, to Di to ſeggen? To min Polizeideener? Na, denn ſall em doch en Dunnerwetter doch hür mal, Kerfack, weeſt wat? Dat is en groben Kirl, lat Di lewer nich mit em in!

Aewer, wo is dat, Kerfack, wat is hüt ſüß noch to dohn?

Ja, Herr Burmeiſter, ik heff giſtern noch en Snurrer un en beſapen Geſellen inſpunnt, ach, un denn, Herr Burmeiſter, dat ik dat nich verget, ik heff Se all ümmer fragen wullt, dat ward nu in November doch all'n beten kolt, ſall ik ok lewer up Nummer Dör⸗ teig'n en beten inböten?

Wo ſo inböten?

Je, up Nummer Dörteign, wo de Jud ſitt.

Wecker Jud?

Je, Herr Burmeiſter, weten Se nich mihr, dat wi dor to Pingſten en Juden inſett't hebben, de in Pingſtmarkt to wit utbugt*) harr?

Wat denn, meines Lebens, Kerfack, büſt Du unklok, de oll Jud de ſitt dor noch?

Je, Herr Burmeiſter, Se hebb'n mi je doch noch nich heeten, em uttoſpunnen, wo ſüll he denn wedder frikamen ſin?

Kerfack, büſt Du des Deubels, den letſt Du dor ſitten un ſeggſt mi keen Wurt?

Je, Herr Burmeiſter, ik kann je doch nich weeten, wo hoch Se dat Utbugent beſtrafen willn und wat dat förn grugliches Verbreken is, dat dat för alle Tiden*

Hol Din Mul, Kerfack, dat ſünd jo doch man Dummheiten, wat Du dor ſeggſt. Glöw mi, de Kirl kann uns helliſch blamiren, wenn he ſik beſwert äwer uns, Kerfack, Kerfack, wat fangn wi mit den Juden an?

Je, Herr Burmeiſter, ſo ſlimm, as Se meenen, is de Sak noch lang nich. De Kirl hett doch nu wenigſtens to weeten kregen, wat mit dat Utbugent vermakt is, un hett Erfohrung an ſik makt, wo dat deet, un ward nu ok woll markt hemmen, wo em dat god ankümmt, wenn he mal wedder dörch de Dören ſo fri in un utpaſſiren dörf. Ik will Se un em en Vörſlag tor Göd' maken. Wenn'k em wedder

Eten rupp bring, denn willk ſo quanswis de Dör apen laten, denn geit he un freut ſik ſines Lebens, un ik parir, he lett ſik nicks

*) Aus der Reihe der anderen Buden bauen.

Beklagte ſich jemand bei ihm, daß er