198
Naturgeſchichtliche Weihnachtswanderungen in einer Großſtadt. Von Hermann Wagner. (Schluß).
7
Die bei weitem meiſten jener Spielwaaren ſind deutſches Fabri⸗ kat, obſchon die wenigſten des ſogenannten Nürnberger Tandes in genannter Stadt ſelbſt gemacht werden. Einige Gegenden unſers Vaterlandes haben ſich ſeit langen Jahren durch Anfertigen von Spiel⸗ ſach en deſondern Ruf erworben, ſo die Umgebung von Sonneberg, einem Städtchen im Meiningiſchen. Die Bewohner einer Anzahl Dörfer daſelbſt beſchäftigen ſich das ganze Jahr hindurch ausſchließ⸗ lich damit. Bei Sonneberg gab der vortreffliche Schiefer Veran⸗ laſſung zur Herſtellung von Schiefertafeln und Griffeln, jener wich⸗ tigen Factoren bei der Geiſtesbildung der heranwachſenden Gene⸗ rationen. In dem benachbarten Judenbach war zuerſt die Holzſchnitzerei im Schwunge. Schon vor anderthalb hundert Jahren kamen aus jener Gegend zahlreiche kleine Artikel in den Handel: hölzerne Kinder⸗ ſäbel, Flinten, Pfeifen, Kuckucke, Klappern und Schnurren, Kegelſpiele, Puppen, Thiere, kleine Orgeln, Kugeln aus Kalkſtein u. ſ. w. In demſelben Maaße, als Künſte und Wiſſenſchaften weiter fortſchritten, ſuchte auch die Spielwaareninduſtrie daraus Nutzen zu ziehen, und jedes Jahr bringt Neues darin. Durch Theilung der Arbeit ward es möglich, das Fabrikat eben ſo vollkommen, wie wohlfeil, herzuſtellen. Ein verzinnter Blechlöffel geht durch dreißig Hände, das Dutzend koſtet ein Drittel Thaler. 1000 Stück Schiefergriffel werden mit einem Gulden verkauft, 360 gemalte Kindertrompeten für einen Thaler. Freilich iſt dabei der Verdienſt der einzelnen Arbeiter oft gering genug. Hat ein Mann mit Beihilfe ſeiner ganzen Familie während einer Woche neunzig Dutzend kleiner Poſthörnchen gefertigt, ſo bringt ihm dieſes Heer von Muſikinſtrumenten doch nur 1 Thaler Lohn, alſo auf den Tag ſieben Silbergroſchen. Jährlich werden über Sonneberg für mehrere Millionen Thaler Spielwaaren ausgeführt, einzelne Handelshäuſer daſelbſt haben einen jährlichen Umſatz von ein halb bis zwei Drittel Millionen Thaler. Die Eiſenbahn von Sonneberg nach Coburg verführt jährlich gegen 40,000 Centner jener Sachen. Aus den herzoglich meiningiſchen Forſten werden jährlich ungefähr 5000 Klafter Fichtenholz hierzu geliefert, eine Klafter zu 100 Kubikfuß Nutzholz. Zu 4680 Dutzend Poſthörnchen ſind 136 Kubikfuß Holz erforderlich. Auch über Neuſtadt an der Hayde bei Coburg kommen anſehnliche Mengen Spielwaaren in den Handel, die in den benachbarten coburgiſchen, ſaalfeldiſchen, meiningiſchen und ſondershäuſer Dörfern gefertigt werden.
Das ſächſiſche Erzgebirge hat jenen Induſtriezweig ſeit mehr als 200 Jahren in den Ortſchaften Seifen, Grünhainchen, Waldkirch en, Börnchen, Heidelberg, Einſiedlen und anderen. Hier können jedoch die Arbeiter trotz alles Fleißes und aller Geſchicklichkeit noch weniger ver⸗ dienen, als in Thüringen, da ſie das Nutzholz theurer bezahlen müſſen. Auch das Anſtreichen und Malen der Gegenſtände wird fabrikmäßig hergeſtellt und zu unglaublich niedrigen Preiſen geliefert. Das An⸗ ſtreichen, Bemalen und Lackiren von 200 kleinen Holzkiſten, von denen jede der vier Seiten und der Deckel eine bunte Landſchaft von acht bis zehn Farben bekommt, werden mit Einſchluß von Leim, Lack und Firniß mit 22 Silbergroſchen Arbeitslohn bezahlt, alſo fünf Land⸗ ſchaftsgemälde mit einem Pfennig, und doch bringen es manche Maler unter Beihilfe aller Familienglieder täglich auf 15 bis 20 Sgr.
In Süddeutſchland liefern der Ammergau und Berchtesgaden bei Salzburg vorzüglich Arbeiten aus Knochen und Elfenbein. Faſt jeder Arbeiter daſelbſt hat ſich einen oder wenige Gegenſtände aus⸗ geſucht, die er anfertigt: dieſer Kinderklappern, jener Pfeifen, Doſen, Schachfiguren ꝛc. Frauen und Kinder helfen dabei ebenfalls mit. Die aus jenen Gegenden kommenden Sachen gehen vorzugsweiſe nach Nürnberg und durch Vermittelung der dortigen Handelshäuſer nach allen Theilen der Erde, ſelbſt nach China und Japan.
In Südtyrol genießt das Grödener Thal ſeit lange Berühmtheit wegen ſeiner Spielwaaren und Schnitzeleien. Von den 3500 Ein⸗ wohnern jenes Thales ſind 2500 bei jener Fabrikation beſchäftigt. Auch hier wird durch Theilung der Arbeit die letztere eben ſo zierlich und nett, wie wohlfeil. An einem kleinen Gegenſtande ſind mitunter fünf bis ſechs Perſonen thätig geweſen. Großartig iſt hier beſonders die Fabrikation von Gliederpuppen. Man hat dergleichen von 24 Zoll
Größe bis zur Kleinheit von einem Viertel Zoll. Gegen 600 Dreh⸗ bänke ſind dabei in Thätigkeit, und jährlich werden viele tauſend Dutzende dieſer kleinen Weſen nach aller Herren Ländern verſendet, ſelbſt nach den Vereinigten Staaten, Braſilien, Valparaiſo, Lima, Oſtindien und China. Die Geſammtausfuhr des Jahres veranſchlagt man daſelbſt auf 2750 Centner im Werthe von 145,000 Gulden. Viele jener Sachen wurden aus Arvenholz hergeſtellt, das dadurch freilich ziemlich ſelten geworden iſt.*)
Wir verlaſſen den Spielwaarenladen und ſetzen unſere Wan⸗ derung über den Weihnachtsmarkt fort. Die„Schinken für die Puppenküche“, die fingerslangen Zuckerhütchen zu demſelben Zwecke, die wir an den Fenſtern anhängen ſehen, erregen unſere Heiterkeit. Wir wünſchen den Puppen und ihren Köchinnen guten Appetit und muſtern im Vorübergehen die Wagenladungen voll Aepfel und Wallnüſſe, die ſehnlichſt noch darauf zu warten ſcheinen, wie Alchymiſten und Adepten früherer Jahrhunderte zuerſt vergoldet und dann aufgehangen zu werden. Ob unſere Altvordern zu jener Zeit, bevor die Obſtzucht in Aufnahme kam, Holzäpfel an die Weihnachts⸗ bäume gehangen haben, iſt uns unbekannt, wohl aber wiſſen wir, daß der Wallnußbaum, der„Baum der Perſerkönige“, einer der erſten Fremdlinge iſt, der in unſerem Vaterlande Eingang fand. Bereits Karl der Große that viel für ſeine Anpflanzung und befahl dieſelbe auf ſeinen Domänen. Seit jener Zeit aber hat die Kunſt des Baum⸗ züchters die Sorten der Wallnüſſe zahlreich vermehrt und beſonders danach geſtrebt, ſolche Arten zu erzeugen, welche bei anſehnlicher Größe zarte Schalen und volle Kerne beſitzen.
An Haſelnüſſen iſt ebenfalls kein Mangel, damit das Klein⸗ gewehrfeuer beim Feſtſchießen gehörig unterhalten werden kann. Außer unſeren einheimiſchen Haſeln treffen wir reichliche Vorräthe von Lamberts⸗ oder Zellennüſſen, Bluthaſeln mit rother Samenſchale und fürkiſchen Haſeln. Bei allem Reichthum der Großſtadt an Nüſſen wird doch die alte ſpaßhafte Sitte des abendlichen Nüſſeeinwerfens durch den Knecht Ruprecht ſehr auf Ausnahmefälle beſchränkt, da die verſchloſſenen Thüren der Vorſäle ein heimliches Einſchleichen im Finſtern verbieten. Dagegen wird den Kleinen eine Art Erſatz dafür geboten durch die Erlaubniß,„Wunſchzettel“ ſchreiben zu dürfen, und den Erwachſenen, durch die öffentlichen Beſcheerungen für Hilfsbedürftige. Mancher arme Burſche wird diesmal freilich ſtatt der Strümpfe und Stiefel ein Stelzbein und eine Krücke erhalten müſſen. Mögen ihn die Nüſſe zu Weihnachten ein wenig für die Kugeln im Sommer erheitern! Mitunter dreht ſich freilich der Fall in echt deutſcher Gemüthlichkeit auch geradezu um. So ſandte der Kanonier, welcher eine Zeit lang bei uns im Quartier lag, nach ſeiner Verſetzung an den Rhein, unſeren Kindern als Weihnachtsgruß ſtatt Kartätſchen ein Säckchen rheinländiſcher Wallnüſſe!
Ein altes Mütterchen hat ſich einen Winkel an einem Haus⸗
durchgange zum Stande auserſehen und ſtreckt uns, indem wir vorüber
gehen wollen, freundlich beſcheiden ein Körbchen mit duftenden Veil⸗ chenſträußchen entgegen. Zu Weihnachten ein Veilchenſtrauß! Mitten im Winter ein Frühlingsgruß! wer könnte da widerſtehen? So wie das liebliche Blümchen unſere Gedanken auf den künftigen Lenz lenkt, ſo führt uns der Verkaufsladen von Schmuckpflanzen, den wir wenige Schritte weiterhin treffen, in den vollen Sommer mit aller ſeiner Blumenpracht. Die Speculation auf das Bedürfniß nach den Gegenſätzen iſt meiſtens gewinnbringend. Im Sommer findet „Eis“ und„Gefrorenes“ lebhaften Abſatz, jetzt zu Weihnachten weilt das Auge mit Luſt auf den farbigen Blüthen, die hinter den Glas⸗ ſcheiben zwiſchen ſaftiggrünem Laube hervorſchauen.
Es iſt eine beſondere Aufgabe der Kunſtgärtnerei geworden, die Blüthezeit der Gewächſe einerſeits zu verzögern, ſo daß ſie ſich bis in eine Jahreszeit hinaus erſtreckt, in welcher ſie ſonſt nicht ſtattfindet, andererſeits dieſelbe früher hervorzurufen. Das Bedürfniß, zu Weih⸗ uachien wenigſlans etwas Grünes im Zimmer zu haben, rief wahr⸗
*) Vgl.„des Weihnachtsmannes hauptſächlichſte Werkſtätten. gang, S. 179, 195.
II. Jahr⸗


