Ausgabe 
26.5.1855
 
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N

sagen, det Donnetwetter schlägt mich in de Kaldaune, seh' ick eenen Schutzmann an de Ecke. Eh' ick noch zweifeln

2 8 199 5 8. 5 7 kaun, wat er machen wird, langt er, mit Respect zu sa⸗

gen, seinen Bleistift rausser un jravirt mir in sein For⸗ tepöllch. Nu wußt' ick, wat de Jlocke jeschlagen hatte un deß de Kirche noch nich aus war.

Richter: Sie gestehen also den Verkauf von Kuchenwaaren während des Gottesdienstes zu?

Angeklagte: Jo nich. Allens bestritten. Konstabulör war nich in'n Dienst, denn die Beamten sol len den Sonntag heiligen. Nanu will ick mal sehen, ob ick Strafe kriejen kann?

Richter: Allerdings. Auf Grund Ihres Ge ständnisses, Angeklagte, bleibt es bei der einmal gegen Sie festgesetzten Strafe.

Angeklagte: CEene Maulschelle vor'n Sechser ver kooft un enen Dhaler Strafe?! Da müßte man ja Schicklern's Cousine sind, um des auszuhalten!

(Sie stürmt hinaus.)

. 2 e.

Der

*

Von Marseille und Genua aus sind zwei neue Truppenströme nach der Krim eröffnet worden. Bei Ge nua gingen Ende April sieben Tausend Mann zu Schiffe. Bei Marseille wimmelts von Soldaten. Wie mancher von ihnen wird die schöne Heimath nicht wieder erblicken.

England, nachdem es mit der Fremdenlegion nicht glücken

will, hat nun beschlossen, in Indien sein Heil zu versu⸗ chen. England gebietet in Ostindien über eine Macht von gegen dreimalhunderttausend Mann. Es kann also von da aus auch etwas leisten. Aber die Ueberfahrtsspesen gehen ins Unglaubliche. Einen Husaren von Bombal bis Balaklava zu transportiren soll fünfzehuhundert Thaler kosten. Mit einer solchen Summe kann man heutzutage um die Welt segeln. Man sollte fast denken, da müßte Husar und Gaul nichts als Champagner saufen.

Der Mörder, als er auf Ludwig Napoleon geschos sen, hat nach der amtlichen Angabe nur vier oder fünf Schritte von seinem Opfer gestanden und es ist ein wah⸗ res Wundert, daß der Kaiser unverletzt davon gekommen. Welch ein Umschwung der Dinge hätte leicht entstehen können, wenn der Lauf des Pistols sich vielleicht um eine Linie gehoben oder gesenkt. So hängt die Weltgeschichte oft an einem Pferdehaar und nach Ansicht Vieler ist da⸗ rum der reine Zufall der Herr der Welt. Aber nicht der plumpe Zufall, nicht das blinde Ungefaͤhr sind es, von dem die Weltgeschichte regiert wird, sondern die uner forschliche Vorsehung, die, um ihre Zwecke zu erreichen, oft zu den unscheinbarsten Mitteln greift. An einem Nachfolger hätte es zwar in Frankreich nicht gefehlt, aber das Schlimme bei der Sache ist, daß der rechtmäßige Nach⸗ folger schon seit 60 Jahren immer nicht dran kommt. Der alte Napoleon hatte einen eheleiblichen Sohn zum Nachfolger und er kam nicht dran. Karl X. hatte ei⸗ nen eheleiblichen Enkel zum Nachfolger und der kam auch nicht dran. Ludwig Philipp hatte ebenfalls einen ehe⸗⸗ leiblichen Enkel zum Nachfolger und derselbige sitzt auch noch bei der Wartburg und wartet. Der jetzige Kai⸗ ser Napoleon hat nun nicht einmal einen Sohn, auch kei⸗ nen Enkel, sondern blos einen Vetter, das ißt der ehe⸗ malige enragirte Bergrepublikaner, der bekznnte krim'sche Prinz Napoleon. Das ist nün zwar der gesetzmäßige

Nachfolger, ob er aber an die Regierung kommt, das ist

die große Frage, das ist die große Frage, wenn man die zeitherige Geschichte Frankreichs in Betracht ziebt.

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England will nun auch eine polnische Legion bilden, die aber, um Oestresch und Preußen nicht vor den kopf zu stoßen, nicht polnische Legion, sondern polnische Kofaken heißen soll. Sie soll bis auf 12000 Mann erboben werden. Ein tapferer Offizier, noch aus der alten napo⸗

leonischen Schule, befehligt diese neue, antirussische Schöp⸗

fung. Auch fur die Herstellung des alten Polens selber werden jetzt in England häufige Volksversaumlungen ab gehalten, aber die Regierung will aus oben angeführtem Grunde nichts davon wissen.

Die Westmächte werden immer erboster. So ist ih⸗ nen die schwedisch-dänische Neutralität ganz und gar nicht recht und sie sollen beschlossen haben, wenig Federlesen sowohl mit den Schweden als mit den Dänen zu machen⸗ Entweder mist uns oder gegen uns! Friß Vogel oder stirb! Man spricht von einem Ultimatum, welches sogar mit einem Bombardement von Stockholm und Kopenhagen durch die westmächtlichen Flotten droht. Die beiden nor dischen Regierungen sind daher nicht wenig in der Klemme. Eine höchst ungemüthliche Lage. Zur Linken es mit dem mächtigen Rußland nicht verderben und zur Rechten die desperaten Westmächte mit ihren Schranbendampfern. Schwe⸗ den und Danemark sollen gemeint⸗ haben, man möge sich doch wenigstens so lunge Meiden. bis sich Oestrekck er- klärt habe aber die ungeduldigen Westmächte wollen nicht länger warten.

In Rußland in der Ukräne ist ein Bauernaufstand ausgebrochen, der sich bereits über mehrere Gouvernements verbreitet haben soll. Er ist natürlich nicht gegen die Regierung, sondern gegen die Gutsherren gerichtet, die wahrscheinlich, wie wir in Polen schon gewohnt sind, wie⸗ der einmal die Saiten zu straff gespannt haben. Dieser Aufstand scheint ein Seitenstück zu dem galizischen Bauern⸗ aufstand von 1846. Bereits sind die Namen von zwan⸗ zig Edelleuten, die mit sammt ihren Familien von den wüthenden Bauern ermordet worden sind, in Petersburg eingelaufen. Einer der reichsten Gutsbesitzer ist auf sei⸗ nem eigenen Landhause lebendig verbrannt worden.

Der König von Preußen leidet am Wechselsieber, doch geht es neuerdings besser. Es wäre höchst wünscheus⸗ werth, daß dasselbe auch mit der deutschen Diplomatie der Fall sey, die nun auch schon seit geraume Zeit am Wech⸗ selfieber leidet, so daß man nicht recht klug wird, ob sie warm oder kalt; ob sie friert oder transpirirt.

Der electrische Telegraph, der von Balaklava unter dem Meere hinweg nach Varna und von da nach Paris und London führt, läuft selbst bis ins Lager von Seba⸗ stopol. Die erste Depesche zwischen dem Lager und Ba⸗ laklavg soll also gelautet haben: der Korporal Müller leidet an Verstopfung. Worauf der Arzt ebenfalls durch den Telegraphen dem Korporal Müller etwas Durchschla⸗ gendes verordnete.

Beherzigenswerther Bericht aus Nordame⸗ rika! Der Freistaat Maine hat im Jahre 1853 den Kleinhandel mit Spirituosen gänzlich verboten. Was sind die Folgen gewesen? Nach den Meldungen der Jour⸗ nale die allerbesten, wie aus nachfolgender Verglei⸗ chung hervorgeht. Im Jahre 1852, ein Jahr vor Erlaß jenes Verbots, waren die Gefaugenhäuser und Armen⸗ häuser nicht mehr hinreichend für die aufzunehmenden Verbrecher und Verarmten. Jetzt, nach noch nicht zwei Jahren werden die Gefängnisse und Armenhäuser der Stadt Portland, der Hauptstadt des Staats Maise zum Verkauf