1. Mai 1918.
Nummer 12.
Deutsche voran!
Mitten durch feindliche Leere Lau'n wir mit blitzender Mehre Kühn uns die Dahn!
Llintzsnm bedroht,
Folgen wir ruhmreichen Ahnen,
Kufen und schwingen die Fahnen:
Sieg oder Tod!
Julius Sturm
Wuhmestage.
So schreitet unser Volk nun wieder durch unerhörte Ruhmestage! Was wir von Vätern und Vorvätern staunend hörten, jetzt geschieht es vor unseren eigenen Augen von unserem eigenen Geschlecht. (Ls soll uns nicht übermütig wachen. Das wird schon deshalb nicht geschehen, weil jeder ernsthafte Ruhm auch ernsthaft bezahlt werden muß. Die Weltgeschichte verschenkt ihn nicht. Er kostrt Arbeit, Kamps, Opfer. Und so sind diese Siegestage doch zugleich auch ernste Tage für uns. Aber schön sind sie drum doch, wie strahlend von Sonnenglanz, und stolz dürfen wir sein, so wie stolz sein immer nur erlaubt ist: in dem Selbstgefühl erfüllter Pflicht und in der Dankbarkeit gegen die Vorsehung. Ein .stolzes Volk" haben unsere Feinde bei Beginn des Kriegs uns voll Aerger genannt, und gar zu gern hätten sie diesen Stolz gebeugt, ack liebsten überhaupt gebrochen. Es ist ihnen nicht gelungen, weil unser Stolz doch schließlich sittlich berechtigt war. Eben der Krieg und seine wunderbare Leistung bewiesen es. Was gebrochen werden mutz, ist nicht dieses sittliche deutsche Selbstgefühl, das wahrlich vor dem Kriege eher noch zu gering entwickelt war, sondern die gallische Eitelkeit, der britische Dünkel. Die russische Phantasterei wurde ja bereits von ihrem Schicksal ereilt. Wir haben auch den Wert des Feindes immer gern anerkannt. Vor dem Kriege vielfach mehr, als billig und recht war. Denn da haben wir manchmal seine eingebüirelen oder vorgrspiegelten Werte auch noch für echt genommen. Wir werden uns aber auch jetzt noch durch keinen Sieg von einem sachlich ruhigen Urteil abbringen lassen. Aber herzlich freuen wir uns, falsche Werte, angematzte Ehrentitel, scheinheilige Tugenden zusammenbrecyen zu sehen. Und umsomehr freuen wir uns, weil wir gerade unter ihnen in diesem Kriege so Unsägliches zu leiden hatten, körperlich und seelisch. Denn letzten Endcs ist ja aus jener gallischen Eitelkeit und jenem britischen Dünkel der Weltkrieg überhaupt erwachsen. Man brachte es mch*. fertig, unser ausstrebendes Volt als gleichberechtigt im Völkerbunde anzuerkennen. Man wollte ihm gegenüber immer noch etwas von jenen herrischen Vorrechten in Anspruch nehmen, an die man sich in der langen Zeit unserer Schwäche und Uneinigkeit nur gar zu gern gewöhnt hatte. Da man sich nun auch durch all unseren glänzenden Ausstieg im vergangenen Jahrhundert, weder durch unseren politisch-militärischen noch auch durch unseren friedlich-kulturellen nicht wollte belehren lassen, so bedurfte es freilich noch dieser furchtbaren neuen Auseinandersetzung. Wie stehen sie nun da, alle diese Großsprecher und Verleumder, die bis kurz vor Eintritt dieser vernichtenden Entscheidung immer noch glaubten, die Wahrheit mit ihrem Geschwätz Niederhalten zu können. Und voll dürfen wir diese Genugtuung auskosten, auf die wir gewartet haben in felsenfestem Vertrauen, getragen von unserm reinen Gewissen und von dem Gefühl unserer unzerbrechlichen Kraft. Gewiß sind auch wir Deutsche kein Volk von Heiligen und haben mit schweren Sünden bei uns selbst zu tun bekommen Aber die GeneraloerdammniS, mit der unsere gehässigen Feinde uns belegten, die verdienten wir wahrlich keinen Augenblick, und aus dem Gebiete der Kriegswut und Eroberungssucht, wo die Ententemeute uns nachstellt, lagen unsere Fehler gewiß nicht. Und das macht den Stolz dieser großen Tage für un8 aus: die Probe ist gemacht worden.
die unsere Gegner herausforderten, die Probe, auf die wir in langer schwerer Zeit warten wußten. Und nun ist sie wirklich vor den Augen aller Welt ausgefallen, wie wir wünschten, wie wir es für recht halten dürfen. Nochmals: nicht übermütig soll's uns machen, sondern nur noch ernsthafter; in dem Gedanken vor allem, daß wir nur unseren besten Eigenschaften daS glänzende Bestehen dieser eisernen Probe verdanken. Hüten wir diese Eigenschaften künftig mit doppelter Treue!
R. Strecker.
Aus der Zeit des siebenjährigen Krieges.
Kriegsbedrängnisse in und bei Gießen
im Winter 1759.
Am 1. August 1759 hatte Herzog Ferdinand von Braunschweig, der Verbündete des Preußenkönigs Friedrichs II., die Franzosen bei Minden in Westfalen gänzlich geschlagen. Infolgedessen verließ die französische Armee den westfälischen Kriegsschauplatz, um an der Layn und am Main die kommenden Dinge abzuwarten. Die französische Armee zog längs der Weser her und hatte am 23. August Kirchhain an der Ohm erreicht. Herzog Ferdinand von Braunjchweig folgte mit der .alliierten^ Armee, die aus hessen-kasselschen, braunschweigischen, hannoverschen und englischen Truppen bestand, den Franzosen au? dem Fuß und drängte sie bis Gießen zurück. Am 7. September befand sich das Hauptquartier des französischen Marschalls Contades in dem Dorfe Annerod bei Gießen. Seine Truppen lagerten in einem Haken gegen das Dorf Steinbach und das Schloß Schiffenberg hin mit der Richtung nach Gießen. Das Korps des französischen Marschalls Broglw stand zur Deckung Wetzlars hmrer der Lahn bei Dudenhofen. Ein kleines Korps zwischen Gießen und Klein-Linden unterhielt die Veroinduug zwischen Broglio und Contades. Am 19. September war auch die Armee des Herzogs von Braunschweig in Krofdorf unweit Gießen angekommen, wo sie hinter dem Gleiberg und Vetzberg Stellung nahm. Die Anstrengungen, die zu dem Ergebnis geführt hatten, die Franzosen bis Gießen zurückzudrängen, waren bedeutend gewesen. Jetzt lag für die verbündete Armee ein Bedürfnis zur Ruhe vor; man mußte sich in einer starken Stellung sestjetzen, um von hier aus dem Feinde nach allen Richtungen entgegentreten zu können. Gras Wilhelm von» Bückeburg, sin bedeutender Fachmann in der Anlage von Verschanzungen, wurde beauftragt, die Befestigung des Lagers zu besorgen. Es wurden aus dem Plateau Wettenberg, Gleiberg, Vetzberg und Dünsberg große Verschanzungen errichtet. Aehn- liche Redouten erhoben sich südwestlich vom Dorse Rodhnm, auf der Höhe des Lauserwaldes, zur Beherrschung der Gegend nach Wetzlar hm. Die Untätigkeit des französischen Marschalls Contades gegen das verschanzte Lager des Herzogs Ferdinond bei Krofdorf erregte Unzufriedenheit beim französischen Hose und brachte ihm Ende Oktober die Abberufung. Dem Marschall Broglio wurde der Oberbefehl über die französische Armee an der Lahn und am Main übertragen. Dieser erwies sich rühriger. Wiederholt machte er Versuche, den Herzog zum Verlassen der Stellung bei Krofdorf zu nötigen. Seit dem 5. November begann das Wetter recht ungünstig zu werden, sodaß die englische Reiterei in die Kantonnements verlegt werden mußte. Auch wurde durch das ungünstige Wetter die Armeeoerpflegung erschwert. Am 5. Dezember gab Broglio sein Lager bei Gießen auf und marschierte nach Butzbach. In Gießen blieben 2000 Mann unter dem Kommandanten Blarscl zurück. Der Abmarsch drr französischen Truppen nach Butzbach brachte dem Herzog Ferdinand Erleichterung. Ec ließ daher am 5. Dezember mittags den Baron von Blaesel zur Ueber- gabe der Festung Gießen auffordern. Mit einer kurzen lakonischen Antwort wurde die Aufforderung abgewiesen. Gießen wurde nun vom Herzog enger eingeschlossen. Truppen der verbündeten Armee standen im Norden der Stadt bei Lollar, Wieseck,
Annerod, im Osten bei Steinberg, im Süden bei Klein-Linden, Groß-Linden, Langgöns. DaS Hauptquartier des Prinzen von Holstein, der den rechten Flügel kommandierte, befand sich aus der Komturei Schiffenberg. Die Festung Gießen besaß nur eine Erdumwallung. Eine Hauptdeckung der Stadt gewährten die von der Wieseck und Lahn gespeisten Gräben, an deren Auseisung die französische Besatzung und die Bürger von Gießen vom 5. bis ' 21. Dezember täglich arbeiten mußten. Während dieser Zeit wurden beständig Ausfälle aus der Stadt gemacht. Am 7. Dezember um 3 Uhr nachmittags wurde der Kommandant von Gießen, Baron Blaesel, zum zweiten Male ausgeford rr s^ch zu ergeben, diesmal unter vorteilhafteren Bedingungen. Der Kommandant lehnte wieder ao m d r Begründung: »Ich befinde mich aus dem Platze u n mich zu txe leidigen. Ich diene nun 30 Jahr, meinem Kön.^ und habe die Furcht verlernt.* A u 10. Dezember um 6 Uhr morgens rückten 150 Freiwillige aus der Festung, um Holz für die Erwärmung der Garnison zu fällen und zu gleicher Zeit das Dorf Wteseck zu überrumpeln. Die Abteilung fand die Wiesecker Besatzung vorbereitet unter den Waffen. Die Ausfallkosonne mußte sich zurückziehen, ohne das gefällte Holz fortschiffen zu können. Ein Aus- | fall aus der Stadt am 13. und 17. Dezember mit stärkeren Abteilungen nach derselben Richtung hin hatte gleichfalls kernen Erfolg. Der 21. und 22. waren besonders unruhige Tage. Diesmal versuchte der Feind mit 1000 Mann aus der Garnison Gießen nach den Dörfern Klein-Linden und Heuchelheim vorzadringen. Eine schneidige Attacke der herzoglichen Reiter brachte ihn in Verwirrung und jagte ihn wieder in die Sradt zurück. Zu gleicher Zeit lies ein Bericht ein, daß die Franzosen mit 3000 Mann unter General Sr. Germain von Butzbach auS einen Angriff auf Langgöns unternommen hätten. Der deutsche Oberst von Freytag wies den Feind ab und jagte ihn wieder nach Butzbach zurück. Ebensowenig glückte den Franzosen an demselben Tage ein Angriff aus Lich. Durch die ungünstige Witterung veranlaßt, hob der He-zog Ferdinand am 24. Dezember die Blockade von Bußen auf. Am 27. erschien Broglio vor Gießen Von hier aus unternahm er einen Rekognoszierungsritt; aber der dichte Nebel hinderte ihn an jeder Beobachtung. Herzog Ferdinand erwartete wohl vorbereitet den Angriff de« Feindes. Auf der Bleiberger Höhe stellte er seine Truppen auf. 26 Bataillone bildeten das erste Treffen, 25 Schwadronen das zweite. General Wangenstein deckte bei Her- mannstein-Wetzlac den rechten, Prinz Holstein bei Stauffenberg den linken Flügel. Die Attacke des Feindes blieb aus, und die verbündete Armee rückte wieder in ihre Kantonnements. Die Bewegung eines feindlichen Korps von 10 000 Mann nach dem Westerwald ließ die Absicht des Feindes erkennen, den Herzog bei Krofdorf womöglich einzu- schließen. Dir Verpflegungsschwierigreiten hatten sich mittlerweile im Lager von Krofdorf noch gesteigert. Die Hoffnung, sich der Stadt Gießen bemächtigen zu können, mußte ausgegebm werden. Daher erfolgte vom 3. zum 4. Januar 1760 der Aufbruch der Verbündeten aus dem Lager von Krofdorf. An 6. Januar befand sich das Hauptquartier in Marburg. Das Zicl des Marsches war Westfalen. Ja Hessen verblieben nur noch einige Besatzungen in Marburg und Homburg a. d. Ohm. Auch de französische Armee rückte nach dem Main hin, um dort Winterquartiere zu beziehen. Gießen behielt seine französische Besatzung bis in das Jahr 1763 hinein. Dre verbündete Armee hatte sich trotz der Ueberlegenhrit der Franzosen brav gehalten. Die Franzosen hatten schwer die Tätigkeit ihres deutschen Gegners fühlen gelernt, der beständig ihre Stellungen angegriffen, ihre Quartiere beunruhigt, ihre Magazine bedroht und ihre Transporte weggenommen hatte. Erleichtert erließ Broglio, der den deutschen Gegner nicht unterschätzte und sich nach Ruhe sehnte, beim Abzug der verbündeten Armee die Parole: „Ils sont partis!“
H. Berg 6 r , Gießen.


