Einzelbild herunterladen

Nummer 5.

Beilage.

15. Januar 1918.

Und wer nicht wirkt in gewaltiger Zeit.

Im größten und kleinsten zur Tat bereit,

Ter sei in goldener Zukunft vergessen.

Nie hat er Heimat und Heim besessen.

Wer das Auge schloß vor den stammenden Zeichen, Darf nimmer den kämpfenden Brüdern gleichen!

Ein Riese trotzig wie Erz und Stein.

So muß ein jeder im Volke sein.

Im Werk der Liebe kein eitles Spielen!

Ten Helden gleich, die im Kampfe fielen.

Sich selbst verleugnen, sich selbst bezwingen.

Letzte und heiligste Opfer bringen!

(Aus: Franz Rotenfelder. Kricgsgedichte Augsburg. Th. Lampart, 1917.)

Die drei Krauen.

Irgendwo in einem Heimatdorse leben sie. Die Münner sind fort, viele schlanke Bauernburschen, aber die braunen Erdschollen werden doch gepflügt, die Aecker bebaut, daß die Aehren schießen und neues Brot unS wachst.

Neben der Kirche steht das niedrige, schmucke Häuschen, wo die eine wohat. Der Besitzer kämpft im Felde, seit Anfang schon; eine Anzahl Kinder vermissen den strengen Barer. Doch kein Unkraut wuchert im Garten. Die Bohnen ranken an Stäben in die Höhe, und die Kartoffelstauden blühen. Sauber­keit in der Stube," Sonnenschein vor der Tenne. Die Baben und Mädel spielen davor, obgleich sie wissen, daß Vater rm Kriege ist.

Und hinter dem Dorse, da reift das Ackerland der Ernte entgegen, tm Abendwehen lerse rauschend. Und es fehlt doch der Bauer. Wer hat es nun geschafft?

Es gibt Frauen, die führen den Pflug und sind im Hoffen und Glauben slmk wie die Männer.

Ein altes, buckliges Weiblein ist die andere. Sie macht Botengänge in die Stadt, seit ihr einziger Sohn im Heere dient und auch schon lange draußen streitet. Tag für Tag huwpckt sie den langen Weg hin und zurück, meist schleppt sie schwer an den Sachen aus der Stadt. Aber die Alte murrt nicht; im ganzen Dorf kennt jeder der Greisin gütiges Lächeln. Daß ihr einziger bestimmt wiederkehrt, *das sagt sie öfter, und wer sie so reden hört, muß es auch glauben. Und sie wird auch ruhig das Schwerste tragen, wenn es sie trifft

Es gibt Mütter, deren Liebe größer rst, als alle Opfer dieser schweren Zeit.

Die dritte von den Frauen führt den Haushalt im Lehrerhause. Sie bat durch den Krieg ihr Lieb­stes schon verloren. Er, der begeistert von allem Schönen des Lebens sprach und den die Schüler fröhlich umringten, fiel als Leutnant an der Spitze seiner Kompagnie. In flandrischer Erde steckt ein hölzeresKreuz auf einem einsamen Grabe. Sie hatten erst geheiratet, und die Wiege blieb leer. Das ganze erträumte große Glück vernichtete jäh die Nachricht von seinem Heldentod. Doch die Frau weiß ihren brennenden Schmerz stolz zu tragen, denn sie jammert nicht; nur den wehen Zug um den schönen Mund kann sie nicht verbergen. Und eine Arbeit leistet sie, welche niemand ahnt. In seinem Schulzimmer unterrichtet sie die Kleinen vom Dorfe, in seinem Geiste erzieht sie olle ihrer Ob­hut Anvertrauten. Und alle im Dorfe meinen, es müßte so sein. . . .

Das sind jene Frauen, die schweigend Opfer bringen und in stiller Einsamkeit die Jugend für Deutschlands Zukunft erhalten. —

Und e8 stehen neben den drei Frauen noch viel hunderttausend andere; Hut ab vor ihnen: vor den Hüterinnen eines heiligen Geschlechtes.

Kanonier Leo Hart mann (Liller Kriegszeitang).

(Aus .Heim und Scholle', Iahrg. 1917. Nr. 2.)

Mitteleuropa und das russische Problem.

Von Geh. Regierungs-Rat Prof. Tr. M. Sering.

Aus dem neuen Buch des bekannten Berliner Nationalökonomen .Wrftrußland in seiner Be­deutung füll die Entwicklung Mitteleuropas" (Verlag B. G. Teubner. Preis 4.80 Mt.)

Um die richtige Stellung zu dem russischen Pro­blem vom mitteleuropäischen Standpunkt aus zu finden, muß man sich vergegenwärtigen, daß das BündnisunsererGegner bestimmt ist.dieabsoluteWelt- helrschast der Riesenreiche zu vollenden. . . . Der Bund der Riesenreiche ist ein Syndikat zur Unterdrückung der europäischen Nationalstaaten und der kleineren und schwächeren Völker überhaupt. Wirtschaftlich sollen die Bewohner Mitteleuropas durch schwerste Belast­ung und allgemeinen Boykott zu Heloten der Herr- schecvölker gemacht werden. Aber auch wenn es nicht gelänge, diese Absichten in vollem Umfange zu verwirklichen: Schon die Ausschaltung der

kräftigeren Kernstaaten Europas aus der aktiven Teilnahme an den großen Fragen der auswärtigen Politik, die daraus folgende faktische Herabdrückung aller mittel- und westeuropäischen Länder in die Gefolgschaft der Weltreiche würde ihre Lebenskräfte an den Wurzeln treffen. . . .

Jetzt ist die Gelegenheit gekommen, die Gefahr zu beschwören. Wohl haben wir einer fünffachen Uebermacht im Bunde mit drei tapseren Staaten der Mitte siegreich standgehalten. Doch der Unter­schied des in den Riesenreichen »ersügbaren Raumes ist so groß, daß in der Zukunft ein Staat wie da8 Deutsche Reich seine Freiheit erst recht nicht für sich allein zu verteidigen vermag.

ES gibt keine andere wirkliche Sicherung gegen die sich entwickelnden Imperien und keine andere Bürgschaft zur friedlichen Wahrung der Gleichberechtigung als die Herstellung eines dauernden wirtschaftlichen, militärischen und maritimen Gleichgewichts. Doch widerspräche es unserem und unserer Nachbarn innerstem Wesen, ein Imperium nach Art der drei anderen anzustreben, vielmehr gilt es, die Staaten der europäischen Mitte um den durch den Krieg gefestigten Kern zur gemeinsamen Wahrung ihrer Unabhängigkeit zusammenzuschlreßen.

-Das sind die Gesichtspunkte, unter denen die im Osten besetzten Gebiete betrachtet werden müssen.

ES handelt sich um die Befreiung von der ihnen gewaltsam auserlegten großrussischen Herrschaft und ihre Einbeziehung in das mitteleuropäische Schutz- und TrutzbündniS. Diese Aufgabe wird durch die Demokratisierung des benachbarten Reiches nicht berührt. Denn die veränderte Verfassung wird schwerlich seine EcokecungSlust dauernd zum Ver­schwinden bringen. . . . DaS heutige Rußland hat 170 Millionen Einwohner gegen 116 der beiden verbündeten Kernmächte. Bleibt die Grenze unver­ändert, so wird Rußland 1930 2y 2 Millionen 20- jähriger Männer zählen gegen 1.3 Millionen in Deutschland und Oesterreich Ungarn — eine Ueber­macht, welche die schwerste Versuchung zur Unter­drückung der Nachbarn einschließt. Werden die er­oberten Gebiete von Rußland abgetrennt, so ergibt sich eine ungefähre Verminderung seiner Bevölkerung um '/s und bei Anschluß der Trenngebiete an Mittel­europa eine Schwächung der russischen Militärmacht um Yt . Es wird ein ungefähres Gleichgewicht erreicht.

Für die Eingliederung der besetzten Gebiete in Mitteleuropa sind alle Bedingungen gegeben. Sie find überwiegend von .Fremdstämmigen* bewohnt, und gehören nach ihrer Geschichte und der Eigenart ihrer Bewohner durchweg dem westeuropäischen Kulturkreise an. Kurland hat vom deutschen Orden ebenso deutsches Gepräge erhalten, wie das benach­barte Livland und Estland, die in russischer Gewalt blieben. Das übrige Besatzungsgebiet gehörte einst zu den vereinigten Königreichen Litauen und Polen. Aus diesen Gründen bildet von der Düna bis zu den Karpathen schon vom Miitelalter her das Privat­eigentum am Ackerlande die Grundlage der gesell­

schaftlichen Verfassung und gab ihr den individua­listischen Zug. der Westeuropa von Großrußland scheidet. In Kurland herrscht die evangelische, in Litauen und den Stammsitzen der Polen westlich deS Bug die römisch-katholische Kirche . . . Rom und Byzanz bildeten tiefe Gegensätze der ganzen LebenS- anschauung und Lebensführung aus. In dem ganzen Gebiet ist die russische Herrschaft nicht älter als 100 bis 140 Jahre. Sie hat trotz aller Verfolgungen und Unterdrückungen das westeuropäische Wesen nicht auSzulöschen vermocht, ihr Wegfall würde keine zivilisatorische Lücke hinterlassen. .

Die Voraussetzung aller höheren Entwicklung ist die dichtere Besiedlung des Landes durch eine Bevölkerung, welche mit den Methoden intensiveren Anbaues vertraut ist. Das Bedürfnis deS Landes kommt deshalb dem ihrer westlichen Nachbarn ent­gegen, der Polen im Süden, der noch viel dichter gesiedelten Deutschen im Norden: die agrarische Grundlage ihres Volkstums auSzuweiten. Die Ge­winnung von Siedlungsboden ist uns aber auch eine heilige Pflicht gegen die nach Hunderttausenden zählenden deutschen Kolonisten in Rußland, die man zum Dank für ihre treue Arbeit und zuverlässige Gesinnung während des Krieges von ihren Höfen vertrieben und ihres Eigentumes beraubt hat.

Trunk und Keldenkraft.

Es ist eine weitverbreitete, wenn auch nicht mehr in dem Maße wie in früheren Zeiten ge­läufige' Vorstellung, für die sich diese beiden Be­griffe miteinander verbinden. Eine gewisse Romantik läßt den Helden gern zugleich mit dem Kennzeichen der Trinkbarkeit .geschmückt* erscheinen, wobei sich vielfach der Gedanke einmengt, als ob geistiges Getränk, Wein oder wie es immer heiße, Kraft und Mut entflamme und steigere. Doch selbst die Dichter, die oft in Bausch und Bogen als Ver- herrlicher von Bacchus und GambrinuS gelten, urteilen anders. AuS einem Kranze von Dichtungen aller Zeiten, die sich mit diesem Gegenstände be­fassen, seien einige Blüten herausgegriffen. Schon der alte Homer läßt seinen Troerhrlden Hektor den Wein, den ihm seine Mutter Hekuba anbietet, verschmähen, daß er nicht die Heldenkrast verliere:

Warum hast du, o Sohn, die wütende Feldschlacht ver­lassen?

Sieh', es drängen uns hart die verhaßten Söhne der

Griechen . . .

O. so harre, mein Sohn; ich geh' und bringe dir süßen Wein, zu opfern Vater Zeus und den übrigen Göttern, Und dich auch selber damit zu stärken, wenn du ihn trinkest. Denn der Wein erneuert die Kraft ermüdeter Männer . . . Ihr antwortete Hektor, der große, mit wehendem Helmbusch: Bringe mir keinen süßen Wein, ehrwürdige Mutter. Daß du mich nicht entkräftest, ich nicht die Stärke vermisse.

Und der berühmte römische Dichter Horaz sagt in Verwandtschaft damit:

Wer in der Rennbahn wünscht, das winkende Ziel zu erreichen. Hat schon als Knabe geduldet, geschafft, geschwitzt und gefroren, Sinnenrausch und den Wein gemieden.

Der bekannte Schweizer Dichter und Natur­forscher Albr. v. Haller aber spottet in seinem Gedicht .Der Mann nach der Welt* :

Auch wenn bei später Nacht er wohl begleitet geht.

Prangt seine Tapferkeit, wo niemand widersteht:

Erst wann, tote oft geschieht, nach einem langen Kampfe, Sein Kops ihm endlich schwillt von teurer Weine Dampfe. Was ihm begegnet, bricht, wann Glas und Fenster kracht,

Die öde Straß' erschallt, und weh der Wacht!

Und Adam Oehlschläger (1779-1850) sagt:

Nur der Sklave greift zum Becher.

Will zum Kamps er Mut gewinnen.

Wir verachten solchen;

Unser Denken, unser Sinnen Ist auf Höheres gerichtet Und auf edleres Beginnen.

Ein Peter Rosegger aber prägt daS treff­liche Merkwort:

Der Spiritus, meinst du, macht frisch und stark?

Doch braucht der Lump dazu dein eigen Mark!