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Struensee wurde h'ngerichtet, Amerika wurde frei, und die vereinigte französische und spanische Macht konnte Gibraltar nicht erobern. Die Türken schlossen den General Stein in der Veteraner Höhle in Ungarn ein, und der Kaiser Joseph starb auch. Der König Gustav von Schweden eroberte russisch Finnland, und die französische Revolution und der lange Krieg fing an, und der Kaiser Leopold der Zweite ging auch ins Grab. Napoleon eroberte Preußen, und die Engländer bombardierten Kopenhagen, und die Ackerleute säeten und schnitten. Der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt. Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 etwas vor oder nach Johannis zwischen zwei Schächten eine Oeffnung durchgraben, wollten, gute dreihundert Ellen tief unter dem Boden, gruben sie aus dem Schult und Vitriolwasser den Leichnam eines Jünglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, sonst aber unverwest und unverändert war, also daß man seine Gesichtszüge und sein Alter noch völlig erkennen konnte, als wenn er erst /vor einer Stunde gestorben, oder ein wenig eingeschlafen wäre an der Arbeit. Als man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, Vater und Mutter, Gefreundte und Bekannte waren schon lange tot, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines Tages auf die Schicht gegangen war und nimmer zurückkehrte. Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte-ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen heftigen Bewegung des Gemüts erholt hatte: Es ist mein Verlobter, sagte sie endlich, um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen läßt vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er unter die Erde gegangen und nimmer heraufgekommen. Da wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut, jetzt in der Gestalt des hingewelkten kraftlosen Alters, und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne, und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr S^üblein tragen ließ, als die einzige, die ihm angehöre, und.ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerüstet sei auf dem Kirchhof. Den andern Tag, als das Grab gelüstet war auf dem Kirchhof und ihn die Bergleute holten, schloß sie ein Kästlein auf, legte ihm das schwarz-seidne Halstuch mit rotem Streifen um, und begleitete ihn alsdann in ihrem Sonnlagsgewand, als wenn es ihr Hochzeitstag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: Schlafe nun wohl, noch einen Tag oder zehn
lm kühlen Hochzeitsbett und laß die Zeit nicht lange werden. Ich habe nur noch ein wenig zu tun und komme bald, und bald wird's wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweiten Mal auch nicht behalten,
sagte sie, als sie fortging und noch einmal umschaute.
müssen? Deutschland produzierte vor dem Kriege allein an Brotgetreide fünf Zentner auf den Kopf der Bevölkerung; das können wir auch nach dem Krieg wieder, wenn Menschen und Pferde wieder da sind und die Eisenbahnen frei sind, um Düngemittel in genügender Menge heranzuführen. Sieht das nach Hunger aus? Und Kartoffel gibt es dann auch wieder in Unmenge, und Zuckerrüben. —
Sei still! Das weiß ich ja. Ich rede nicht
davon. Ich rede vom Geld. Woher das viele
Geld nehmen, um den Krieg zu bezahlen, die ungeheuren Zinsen? Wir haben kein Geld, wir haben
Schulden, deshalb nenne ich uns arm.
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f . na. „
3ldl so, du meinst: zwar haben wir den ertragreichsten Acker der Welt, und soviel, daß unser ganzes Volk damit leben kann; zwar haben wir mit die reichsten Kohlenlager der Welt, die einzigen Kalilager der Welt. Wasserkräfte soviel, daß sie uns, wenn wir sie ausbauten. allein schon für 400 Millionen Mark Stoffe jährlich erzeugen können, unser Land ist voll von Fabriken mit den besten Einrichtungen, und manche Million der Kriegsausgaben hat sich in solche Fabrik verwandelt, die nach dem Krieg andere Arbeit leisten kann — das alles fyaben wir, und obendrein eine Menge gelehrter Leute, die täglich nützliche Ersindungen machen, und ein gut gebildetes, fleißiges Volk — das alles haben wir, aber, o Jammer, wir sind arm, arm!
So, mein Lieber, weißt du nicht, daß man scheinbar ein reicher Gutsherr oder Hausbesitzer sein kann, in Wahrheit aber gehört dir kein Pfennig, weil du bis über die Ohren verschuldet bist und all dein Einkommen in die Taschen deiner Gläubiger fließt?
Meinst du, das sei unser Fall? Aber wer ist unser Gläubiger? Wer hat uns für unfern Krieg Geld geliehen? Haben wir. wie unsre scheinbar so reichen Feinde, bei Amerika gepumpt? Niemand hat uns etwas geliehen, nur wir uns selbst, Deutschland ist nur bei sich selbst verschuldet, und das — bleibt in der Familie.
Was Hilst mir das? Ob mein Gläuber in Deutschland sitzt oder in Amerika — zahlen muß ich doch. "
Es ist aber gewiß nicht einerlei. Denn du kannst auch zahlen, weil du durch den Krieg reicher geworden bist. Der Bauer hat im Krieg hohe Preise gehabt und Schulden abgetragen, der Arbeiter hohe Löhne und Ersparnisse gemacht, und die großen Unternehmer haben erst recht verdient. Und wer nun bte Zmsen einheimst, was macht der mit dem Geld? Er «utz es wieder ausgeben oder anlegen. Wenn er nun Amerikaner wäre, so täte er das in Amerika, dann käme es der amerikanischen Wirtschaft zu gute. So geht's jetzt mit ungezählten englischen französischen, russischen, italienischen Millionen, Unser Geld bleibt im Land, es befruchtet unsre eigene Wirtschaft. u
Und du meinst, nach dem Krieg wäre alles wie zuvor? Aber der Staat muß doch die ungeheure Kriegsanleihe verzinsen, und infolgedessen
müssen wir ungeheure Steuern zahlen I Woher die nehmen?
Können wir den Krieg bezahlen? Werden wir arm und ruiniert sein-?
Milliarden auf Milliarden rollen in den unergründlichen Schlund des Krieges, Schon sind es 100 Milliarden und mehr, wenn man aller be- rechnet; da« ist fast ein Drittel unseres ganzen Dolksvermögens. Wir treiben dem Untergang ent- gegen, wir sind an den Bettelstab gebracht. —
Halt! Ist das wirklich wahr? Wenn jetzt der Krieg aufhört, jetzt oder auch erst in einiger Zeit, sind wir da wirklich verarmt? Sich dir Deutschland an — sieht s- ein verarmtes Land aus? Haben wir jetzt nicht mehr unsre reichen Aecker, auf denen die fortgeschrittenste Landwirtschaft der Welt die höchsten Erträge erzielt? Werden wir hungern
Woher? nun. zum Teil eben aus unserm Zuwachs an Reichtum. Das ist ja das Gute, daß der im Lande geblieben ist. Indem unsre Feinde uns von aller Zufuhr abgeschnitten haben, haben sie uns zwar einige Jahre harter Entbehrung auf. erlegt Aber wenn der Krieg vorbei sein wird wird es zu unserm Besten gewesen sein Denn so haben wir nichts vom Ausland kaufen können, sondern alles selbst heroorbringen müssen, so vlieb das Geld im Lande. Und außerdem haben wir uvs gewaltig eingeschränkt, haben unfreiwillig gespart. Und so wird uns nun auch der Lohn der Sparsamkeit zu teil. Wer weniger ausgibt, besitzt nach- her mehr. Glaubst du, die Entbehrungen dieser Jahre hätten wir umsonst getragen? Rein, damit haben wir den Krieg zum Teil schon bezahlt: wir sind um so viel reicher geblieben. Und wir wollen nach dem Kriege noch viel reicher werden. Teils durch weitere Sparsamkeit, teils durch Verbesserung unsrer Arbeit. Ich will dir mal eine Frage vorlegen. Was glaubst du, wieviel gab man in Deutsch
land jedes Jahr für Bier, Wein und Branntwein aus?
Wahrscheinlich manche Million; ja, daran ließe sich gewiß sparen.
Jawohl, manche Million Mark; nämlich mehr als 3000 Millionen Mark jedes Jahr. Der deutsche Arbeiter gab für diese Getränke durchschnittlich ebensoviel aus, wie für seine Wohnung. Glaubst du, wenn aus den 3000 Millionen 1000 Millionen würden, daß es dann nicht noch immer reichlich genug wäre? Und ließen sich an den Zigarren und Zigaretten nicht auch manche hundert Millionen sparen? Und denke an daß viele überflüssige und dumme Zeug, Tand und Blödsinn, was man so in den Läden und Schaufenstern herumstehen sieht — das alles kostete Arbeit und Geld; wenn wir diese Dinge nicht mehr Herstellen und kaufen, ersparen wir wieder viele Millionen für nützlicheres. All dies völlig überflüssige Geld können wir durch höhere Steuern auf Bier, Wein, Branntwein, Zigarren, Zigaretten, Luxusgegenstände für den Staat heranziehen. Natürlich werden wir auch andere Steuern erfinden müssen. Die Erbschaftssteuer bringt m England jährlich 600 Millionen Mark ein, in Deutschland, das doch um die Hälfte mehr Einwohner hat, nur 60 Millionen Mark. Aber ich will nicht bloß vom Hergeben reden, sondern auch vom Zugewinnen. Wir können ja noch viel reicher werden. Unsre Landwirtschaft kann noch immer viel höhere Erträge erzielen, z. B. durch bessere Ausnützung d?s Düngers und der städtischen Abwässer. Haben wir nicht aus Zucker künstliche Hefe gewonnen und auch aus dem Stroh Futter erschlossen? So hilft die Wissenschaft der Landwirtschaft zu immer größerem Nutzen. Und unsere Industrie na, das wissen wir doch alle, in welchem riesigen Aufschwung sie sich befand. Und wenn wir uns alle noch besser zusammenschließen und organisieren, wieviel Verluste ließen sich noch vermeiden! Nein, mein Lieber, wir werden auf die Dauer nicht ärmer geworden sein. Zwar wir
haben in diesen Jahren alle Arbeit in den Krieg gesteckt, also reicher können wir in diesen Jahren auch nicht geworden sein, während wir sonst jedes Jahr um 8 — 10 Milliarden reicher wurden. Und die Verluste an Menschenkraft, die uns der Krieg gebracht hat, können auch nur teilweise durch Frauenarbeit und durch bessere Maschinen ausgeglichen werden, und viele Tausende, die für uns geblutet haben, werden wir jetzt zu erhalten haben. Aber zum Verzweifeln ist die Lage nicht-. Wenn dir solche Gedanken kommen, so sieh dir immer das wirkliche Deutschland an, mit seinen reichen Fluren, seinen Fabriken, seinen gelehrten Erfindern, seinen Schulen, seinem tüchtigen Volk, und dann sage dir: Was auch mein dummrr Kopf herausrechnen mag — es ist ja garnicht möglich, daß wir arm und ruiniert sein sollten, ich sehe ja das Gegenteil. Es gibt nur einen wirklichen Weg zur Verarmung: wenn die Fluren veröden, die Fabriken in Schutt und Asche liegen — und wenn das tüchtige Volk mit all seinem Fleiß und seiner Begabung für fremde Gläubiger oder für die Sieger arbeiten muß. Nur dann wären wir arm und ruiniert.
Du verstehst mich?
. Aber dahin wird es nie kommen. Was un8 jetzt unser Geld kostet, unsere eiserne Wehr, sie rettet uns vor Armut und Elend, sie verbürgt uns neuen Aufschwung.
Wir entnehmen die hier abgedruckten Betrachtungen dem „Kalender für Heimat und Heer 1918", Verlag Falk III Söhne, Mainz. Der Kalender bringt Unterhaltendes und Belehrendes. Lustiges und Ernstes, was uns im Kriege interessiert und bewegt, und Sorgen und Gedanken macht, Schilderungen, die uns mit Stolz erfüllen, und Erlauschtes, das uns herzlich lachen läßt. Das schöne Volksbuch kann gegen Einsendnng von 50 Pfg. durch die Buchhandlungen oder von der Zentralstelle der Lazarett-Beratung des Roten Kreuzes. Frankfurt a. M., Theaterplatz 14, bezogen werden.


