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über⸗
Gasarten; ſein angenehmer geiſtiger Geruch reizt und durchdringt die Ausbreitungen des Riechnerven auf der Naſenſchleimhaut und ſetzt ſich durch dieſen auf dem kürzeſten Wege mit dem Gehirn in Ver⸗ bindung. In ſchleunigen Fällen eignet ſich ſchon der gewöhnliche Eſſig, wie er in jeder Haushaltung zu haben oder leicht zu beſchaffen iſt. Je reiner und ſchärfer man ihn erlangen kann, deſto größere Ausſicht gewährt er auf den Erfolg der Wiederbelebungsverſuche. Guter Weineſſig iſt ſehr zu empfehlen; am kräftigſten wirkt die Eſſig⸗ ſäure, welche jeder Apotheker verabreicht. Gleichzeitig waſche man auch Stirn und Schläfen mit Eſſig.
2. In Krankheiten mit hochgeſteigerter, äußerer Temperatur und trockener Haut(z. B. Scharlach⸗ und Nervenfieber) lindern mehr⸗ mals täglich wiederholte, anfangs lauwarme, ſpäter kühle Waſchungen von Weineſſig die Hitze mit beſtem Erfolg und fördern oft das Hervor⸗ brechen eines gelinden, wohlthätigen Schweißes. Nach den Waſchungen muß man die Haut ſchnell und gut abtrocknen.
3. Blutungen jeder Art bekämpft der Eſſig als erſtes Haus⸗ und Heilmittel zugleich. Die Form ſeiner Anwendung hängt von den verſchiedenen Zufällen ab. Bei heftigem Bluthuſten mache man— als nächſte Zuflucht— Umſchläge von kaltem Eſſig auf die Bruſt, bei Blutbrechen auf die Magen⸗ und Oberbauchgegend. Bei geplatztem Blut⸗(oder Krampf⸗) Aderknoten wirkt außer be⸗ harrlich fortgeſetztem Druck ein Umſchlag von kaltem Eſſig als erſtes Hilfsmittel. Uebermäßiges Mund⸗, Zahn⸗ und Naſenbluten erfordert theils Gurgeln, theils Einziehen kalten Eſſigs. Auch Feuer⸗ ſchwamm, in letzteren gehörig eingetaucht und in das blutende Naſen⸗ loch möglichſt hoch eingeführt, beſeitigt oft den Zufall. Bei Blutungen aus anderen Körperhöhlen gehören Eſſigeinſpritzungen zwar zu den wichtigſten und hilfreichſten Mitteln, doch nur in der Hand des Sachverſtändigen.
4. Wie bei Wunden kalte, ſo erweiſen ſich bei Quetſchungen,
Blutgeſchwulſten, Inſectenſtichen warme Eſſigumſchläge von zerthei⸗
lender Kraft. Das Volk ſetzt bei Wunden auf die Arquebuſade, deren Hauptbeſtandtheil Eſſig iſt, als Verbandmittel ein großes Ver⸗ trauen. Gegen Kopfweh gilt ein Umſchlag von Eſſig— rein oder mit geriebenem Garbenbrot verſetzt, als ein treffliches Hausmittel.
5. Der Eſſig als Klyſtier hat ſich vielfach als ableitendes Mittel bei Gehirnleiden(z. B. Entzündungen, Schlagflüſſen) und als madenwurmtödtendes bei Kindern bewährt. Man vermiſcht zu dieſem Behuf den Eſſig mit etwa gleichen Theilen Waſſers.
6. Zu Mund⸗ und Gurgelwäſſern benutzt man ihn häufig in der Hausmedicin, mit Honig und Salbei oder Raute vermiſcht bei Zahnſcorbut, Schwämmen und leichteren Halsentzündungen.
7. Eine der gebräuchlichſten Anwendungsweiſen des Eſſigs ge⸗ ſchieht in Dampfform bei anſteckenden Krankheiten(Typhus, Pocken,
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Ruhr u. ſ. w.) zur Reinigung der Luft im Krankenzimmer und zur Verhütung von Anſteckungen. Dieſe Zwecke werden nun freilich durch Eſſigräucherung nicht erzielt. Der Eſſig iſt nicht im Stande, ſchädliche Gaſe zu zerſtören und Krankheitsſtoffe zu zerſetzen, wie man früher irrig angenommen hat. In Zeiten mediciniſchen Aberglaubens maß man dem Gewürzeſſig eine Schutzkraft gegen anſteckende Krank⸗ heiten bei, und je mannigfacher die Kräuter, aus denen er zuſammen⸗ gebraut wurde, für deſto unfehlbarer galt er. Zur Zeit der Mar⸗ ſeiller Peſt(im Anfang des vorigen Jahrhunderts) bemühten ſich vier Diebe geſchäftig um die von anderen gemiedenen Peſtleichen und Kranken und beraubten ſie unter dem Vorgeben menſchenfreundlicher Hilfsleiſtung; ſie hielten ſich unter dem Gebrauch des Gewürzeſſigs der Krankheit gegenüber für unantaſtbar. Ich weiß nicht, ob ſie ihren Wahn mit dem Peſttod, oder ihr Verbrechen mit dem Galgen ge⸗ büßt haben. Es iſt ihnen aber jedenfalls eine Art Genugthuung dadurch zu Theil geworden, daß man nach ihnen den Gewürzeſſig Vinaigre des quatre voleurs, Vierſpitzbubeneſſig, getauft hat.
Da jetzt das Desinficiren der Ausleerungsſtoffe bei epidemiſchen Krankheiten an der Tagesordnung iſt und mit Recht für eins der beſten Schutzmittel gegen dieſelben gilt, ſo ſei hier noch eines von Janin im Jahre 1782 gegen die Vergiftung durch Kloakengaſe mit großem Pomp angekündigten Desinfectionsverfahrens Erwähnung gethan. Die Schutzmethode des guten Mannes beſtand nämlich darin, daß er die Aborte parfümirte und die unheimlichen Gerüche durch Eingießen wohlriechender Subſtanzen, wie: Lavendelſpiritus in Weineſſig, in die Düngergruben unterdrückte. Er ſchrieb darüber mehrere Denkſchriften und veranlaßte durch ſein Geſchrei die Ein⸗ ſetzung einer Pariſer Sanitätscommiſſion, die ſich mit dem Gegen⸗ ſtand gründlich beſchäftigte. Während der Prüfung ſeiner Methode an einer Düngerſtätte entwickelten ſich aber aus letzterer ſo giftige Gaſe, daß ein Arbeiter daran erſtickte und eine Anzahl von Commiſ⸗ ſionsmitgliedern als Opfer der Wiſſenſchaft ſchwer erkrankte.
Dem Eſſig wohnt alſo nicht die Kraft inne, gefährliche Gaſe und Krankheitsſtoffe zu desinficiren, oder die Luft wirklich zu reinigen, aber er kann, und dies Verdienſt wollen wir ihm nicht ſchmälern, üble Gerüche beſeitigen. Dazu gehört aber ein zweckmäßiges Ver⸗ fahren. Beſprengt man, wie es oft geſchieht, heiß gemachte Steine mit Eſſig, oder läßt ihn, über glühende Kohlen gegoſſen, verdampfen, ſo bewirkt man die Zerſetzung des Eſſigs und begünſtigt außerdem, im zweiten Falle, die Entwicklung von Kohlenoxyd, einer bekanntlich höchſt giftigen Gasart. Am beſten thut man, wenn man den Fuß⸗ boden mit warmem Eſſig beſprengt, oder über einer Spirituslampe in einem flachen Blechgeräth Eſſig aufſieden läßt.
Hiermit ſei des Eſſigs genug. Möchte meine Hoffnung, den Leſern Nutzen zu verſchaffen, nicht zu Eſſig geworden ſein.
Am Jamilientiſche.
Ein Ereigniß im Dorf. (Zu dem Bilde auf Seite 589.)
Wie raſch die Zeit und die Zeitung langweilig wird, wenn die großen, ſie bewegenden Völkerzuckungen nachgelaſſen haben!„Es paſſirt nichts!“ meint der Journaliſt und mit ihm ſein getreuer Leſer.— Da iſt's doch anders auf dem Lande, beſonders unter der Dorfjugend, da paſſirt noch etwas, auch wenn die Welt ringsumher im tiefen Frieden liegt; denn Kommen und Ziehen der Vögel, die der Städter nur aus Büchern kennt, Blühen und Welken der Bäume, Frucht und Ernte, die erſten Blumen und die erſten Schneeflocken— das alles bewegt die Gemüther auf dem Dorfe, wenn anders das Leben dort noch geſund und unverfälſcht iſt.
Welch ein Jubel aber iſt's, wenn gewiſſe altbekannte Perſönlichkeiten ihren allſommerlichen Einzug in das Dorf halten! Ein Meſſerſchmied, ein Lumpenſammler oder gar— ein Keſſelflicker! Das iſt ein wahrhaftes Ereigniß für die ganze junge Welt, und auch die Alten begrüßen es mit Freude!
Schon von weitem wird das linnenüberſpannte Gefährt, das der treu⸗ herzige Langohr in ſachtem Schritte fortbewegt, von den Burſchen, die etwa ſo eben ihre Morgenſtudien beendet, erſpäht und bald danach im Triumph⸗ zuge in den Ort hineingeholt. Der brave Alte, der ſo manches Jahr ſchon unſer Dorf beſucht und ſein treuer Hund, der neben ihm trabt, laſſen ſich dieſen feierlichen Einzug ganz wohl gefallen, und bald hat ſich die kleine Geſellſchaft — Keſſelflicker, Eſel und Hund— unter der alten Linde des gaſtfreundlichen Hofbauern gemüthlich niedergelaſſen.
Wie ein Lauffeuer iſt die Nachricht von der Ankunft des wichtigen Heil⸗ künſtlers durch das Dorf gegangen, und alle Hausfrauen rüſten eilig das im Laufe des Jahres beſchädigte und irgendwie noch zu heilende Küchen⸗ und Hausgeräth von Blech oder Zinn, Eiſen oder Kupfer.
Unter dem weithinſchattenden Baume ſitzt der Vielbegehrte, an ſeinen
Wagen gelehnt, mit Hammer und Zange zur Arbeit gerüſtet. Von allen Seiten häufen ſich die invaliden und hilfsbedürftigen Gegenſtände in bunteſtem Gemiſch, und ein kleines Kohlenfeuer glüht, um die Elemente in den rechten Fluß zu bringen. Natürlich fehlt es nicht an einem dienſtbereiten Jungen, der durch den Blaſebalg die leicht verglühenden Kohlen zu neuem Leben ſchürt. Kann es wohl ein vergnüglicheres und zugleich ehrenhafteres Amt für ſolch ein Bürſchlein geben?
Während der Alte munter und friſch hämmert und löthet, und Stück um Stück aus ſeinen kunſtgewandten Händen in neugeflicktem Glanze hervorgeht, kommt ein Junge heulend herbei, mit einer argmitgenommenen Schüſſel und erzählt ihm wehklagend ſein„Malheur,“ indem er noch unwillkürlich ſein deswegen geſtraftes Ohr mit der linken Hand bedeckt. Mitleidig lauſcht das kleine Mädchen mit dem Schweſterlein im Arme auf des Burſchen traurigen Bericht, während der Blaſebalgtreter faſt beluſtigt durch die Grimaſſen ⸗des greinenden Kameraden dreinſchaut und der Hofbauer in ſeinem langem, weißen Rock und den Dreimaſter in der Stirne den Kopf zu ſchütteln ſcheint über die jugendliche Unbeſonnenheit und Leichtfertigkeit. Selbſt Meiſter Langohr wendet ſeinen Kopf der Scene zu, nur der Hund verliert ſeine würdige Gran⸗ dezza nicht, mit der er zu Füßen ſeines Herren ruhig lagert.
Der gutmüthige Keſſelflicker wird gewiß ſchnell des armen Jungen Thränen getrocknet und um ein Billiges deſſen Ungeſchick wieder gutgemacht haben. Das Herz des kleinen Uebelthäters aber hat er dadurch gewonnen für alle Zeiten. Und wenn die raſch improviſirte Werkſtätte längſt wieder weggeräumt und des Baumes volles Laub verſchwunden und durch Schnee und Eis erſetzt iſt, wenn man um den traulichen Herd geſchart, in den langen Winterabenden von vergangenen Zeiten und vom künftigen Sommer ſpricht, ſo taucht noch oft das Bild des thätigen Keſſelflickers in der Erinnerung empor, und Jeder⸗
mann freut ſich auf ſein Wiederkommen. R. K.


