Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen.
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III. Jahrgang.
Ausgegeben am 6. April 1867. Ber Jahrgang läuſt vom October 1866 bis dahin 1867. 1867 NRz 27.
Clelia.
Eine Erzählung nach mitgetheilten Papieren von A. Mels.
J.
Ich bilde mir ein, das Reiſen gründlich zu verſtehen.— Der Leſer hat vielleicht Unrecht, über dieſe Aeußerung zu lächeln. Es iſt gar nicht ſo leicht, beim Reiſen ſich ſo viel Genuß wie möglich zu ver⸗ ſchaffen,— ſich vor den unendlichen Unannehmlichkeiten, die es oft mit ſich bringt, zu bewahren, jedes Ereigniß zu Gunſten ſeines Ver⸗ gnügens oder ſeiner Belehrung auszubeuten, die Zeit richtig und genau anwenden zu können— und beſonders ſich für das Stillleben ſpäterer Jahre einen ſo reichen Schatz von Erinnerungen zu ſammeln, daß man nicht... niemals bereue, ſeine jugendlichen Jahre auf der Landſtraße verbracht zu haben, anſtatt ſie einem höheren und ernſteren Lebensberufe zu weihen.
Wenn ich aber mir die Kunſt des Reiſens angeeignet, ſo kann der Leſer auch vollſtändig überzeugt ſein, daß ich mein Lehrgeld treu⸗ lich bezahlt habe, und daß aus allen Ländern,— ich möchte ſagen, aus allen Welttheilen mir Erinnerungen geblieben ſind, deren Er⸗ zählung vielleicht recht beluſtigen würde, mir aber nichts weniger als angenehm wäre.
Doch als ich vor einigen Jahren eine Reiſe nach Italien un⸗ ternahm, war ich ein vollkommener Meiſter in der Kunſt des Reiſens und freute mich ordentlich, als mir faſt beim Beginn ſchon die Ge⸗ legenheit gegeben wurde, dieſe Meiſterſchaft an den Tag zu legen.
Ich hatte nämlich die Tour des Mont Cenis erwählt und war
am Morgen von Genf mit der Eiſenbahn, die damals ſchon bis zum
Fuße des Berges ging, abgefahren, als wir in Chambery erfuhren, daß in der vergangenen Nacht auf der Strecke zwiſchen St. Jean de Maurienne und einer kleinen Station, deren Namen ich mich nicht mehr entſinne, ein Unfall paſſirt wäre, welcher die Strecke wenigſtens zwei Tage un⸗ fahrbar mache, daß aber die Adminiſtration in St. Jean de Mau⸗ rienne Diligencen zur Verfügung der Reiſenden hielte, welche in ſechs Stunden dieſelben bis zu einem Punkte bringen würden, von wo aus ſie die Reiſe per Eiſenbahn weiter fortſetzen könnten. Zu gleicher Zeit gab man uns den Tarif beſagter Diligencen, aus welchem wir er⸗ ſehen konnten, wie hoch uns die Bereitwilligkeit der Adminiſtration
zu ſtehen käme, und ein allgemeiner Unwille entſtand unter den Reiſenden über den wirklich durch nichts zu rechtfertigenden unver⸗ ſchämten Preis dieſer ſechsſtündigen Fahrt.
Das Coupé ſollte zwanzig, das Intérieur fünfzehn und die Rotonde zehn Franken koſten!— Das war unerhört!— Doch was thun?— Ich ſah mir die Maſſe der Paſſagiere an und begriff ganz gut, daß, wenn auch die Preiſe doppelt wären, man immer noch eine genügende Anzahl derer finden würde, die dieſe unvorhergeſehene Geldausgabe einem zweitägigen Aufenthalte in St. Jean de Mau⸗ rienne vorzögen.
Ich wußte, daß eine Diligence höchſtens zweiundzwanzig Per⸗ ſonen transportiren könne, und als ich die Unmaſſe von Reiſenden muſterte, welche nach den verſchiedenen Localitäten Savoyens und nach Italien wollten, konnte ich kaum begreifen, auf welchem Wege die Ad⸗ miniſtration in wenigen Stunden eine ſolche Anzahl von Diligencen hätte aufbringen können, begriff jedoch ſehr wohl, daß in St. Jean de Maurienne beim Vertheilen der Plätze ein furchtbares Gedränge an der Caſſe ſtattfinden würde, und daß höchſt wahrſcheinlich mehrere der Paſſagiere gezwungen ſein würden, dort zu bleiben.
Das durfte doch einem alten Reiſenden wie mir nicht paſſiren! Ich ging ganz einfach ans Telegraphenbureau, zahlte ſechzig Franken und beſtellte die drei Plätze im Coupé, und da wir in Chambery eine halbe Stunde Aufenthalt hatten, bekam ich ſogar noch die Rück⸗ antwort, daß die drei Plätze für mich zurückgelegt wären.
Drei Plätze für einen Reiſenden? wird der Leſer fragen.—
Er vergißt jedoch immer, daß ich die Meiſterwürde in der Reiſekunſt
beanſpruche und nicht wie ein gewöhnlicher Sterblicher handeln kann, noch darf. Von den drei Plätzen war einer für mich und die beiden
anderen für zwei Reiſende meiner Wahl,— aus denen, welche, wie
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ich es mit aller Beſtimmtheit vorausſetzte, keinen Platz mehr finden würden. Dieſe Handlungsweiſe hatte erſtens den Vortheil, daß ich gewiß einen Platz bekam und dann, daß ich mir die Geſellſchaft aus ſuchen konnte, mit der ich ſechs Stunden auf einer der langweiligſten
LCandſtraßen der Welt verbringen würde.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Leſer die Tiefe dieſer


