Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
418
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feierte, als wir in St. Jean de Maurienne ankamen. Als nämlich alle Reiſenden athemlos zum Diligencebureau ſtürzten, ſetzte ich mich ruhig und gemüthlich in den Warteſalon und begann mich in die Ge⸗ heimniſſe der Speiſekarte zu vertiefen.

Nichts würzt ein Mahl beſſer, als Selbſtzufriedenheit; von Zeit zu Zeit warf ich einen Blick zum Fenſter hinaus und weidete meine Augen an dem unſäglichen Gedränge am Gitter der Billet⸗ Ausgabe. Wie Muſik tönte das Geſchrei und Geſchimpfe an mein Ohr, und ich lachte mich innerlich recht ſatt, wenn manchmal ein Reiſender in den Salon trat und ſeinen Freunden ſein Leid über einen zerriſſenen Rockſchoß oder einen Rückplatz klagte. Ich weiß nicht, ob mein Frühſtück wirklich gut war, jedoch es ſchmeckte mir vortrefflich.

Dieſer Egoismus, der den Leſer vielleicht gegen mich empören wird, gehört nämlich zu den ſchlechten Eigenſchaften eines vollendeten Reiſenden. Mir ſelbſt waren ſchon ſo viele ſolcher Unannehmlich⸗ keiten paſſirt, man hatte mich ſo oft ausgelacht, daß ich dieſe Revanche ſchon für erlaubt hielt!

Nachdem mein Frühſtück beendet war, ſchickte ich den Kellner mit der Quittung der Telegraphenſtation von Chambery an die Caſſe, und bald darauf brachte er mir einen Schein, welcher mich zum un umſchränkten Beſitzer der drei Plätze des Coupés einer der Diligencen machte. Ich zündete mir eine Cigarre an und begann den letzten und angenehmſten Theil meines Vorhabens nämlich zwei Glück⸗ liche zu machen und unter der großen Anzahl von Enttäuſchten, denen trotz alles Drängens es nicht gelungen war, ſich einen Platz zu er⸗ kämpfen, wie ein Deus ex machina zu erſcheinen und zwei Plätze und zumal die beſten der Wagen auszutheilen.

Gleich bei meinem Austritt auf den Perron bemerkte ich eine

Gruppe von drei Damen, welche lebhaft meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen.

Es geht mir, wie wahrſcheinlich vielen der Leſer; ich fühle mich oft beim erſten Anblicke ſchon von gewiſſen Leuten angezogen und von andern abgeſtoßen, und dieſer erſte Eindruck iſt, bei mir wenigſtens, ſelten ein falſcher geweſen. Dieſe drei Damen interefſirten mich ſchon im erſten Augenblicke, beſonders die eine. Es war eine liebliche Greiſin, über deren feingeformte Züge der Winter des Lebens nur mit ſanftem Hauche geweht zu haben ſchien, denn ihr Geſicht war noch friſch und hatte ſeine gewiß in früheren Jahren außergewöhn⸗ liche Schönheit faſt noch unangetaſtet bewahrt. Schneeweiße Locken umrahmten dieſes Geſicht und erhöhten noch den Ausdruck unend⸗ licher Güte, welcher ihm unverlöſchbar aufgedrückt zu ſein ſchien.

Die zweite war ein wunderſchönes junges Mädchen von ſieb⸗ zehn bis achtzehn Jahren, deren hohe ſchlanke Taille und deren regel⸗ mäßige Züge mit faſt durchſichtigem Teint, das Bild von etwas Vollen⸗ detem darbot. Gewiß, es war kein Makel an ihrer Schönheit, und dieſe bekam noch einen eigenthümlichen Reiz durch jugendlich ſchnelle Be⸗ wegungen, durch eine überaus große Lebhaftigkeit des Blickes und der Geſten. Der Anblick dieſes jungen Mädchens würde jeden Mann zum Bewundern hingeriſſen haben, und konnte natürlich ſeinen Eindruck auf mich ſeit jeher einen eifrigen Bewunderer der Schön⸗ heit und des ſchönen Geſchlechtes nicht verfehlen!

Auch die dritte Dame war wohl werth, daß man ihr eine nähere Betrachtung widmete. Sie konnte ein oder zwei Jahre älter ſein, als ihre jugendliche Begleiterin, bildete jedoch in ihrem Aeuße⸗ ren den frappanteſten Contraſt mit jener. Sie war ſehr klein, hatte jedoch eine ausnahmsweiſe ſchön proportionirte Figur. Alle ihre Geſichtszüge waren regelmäßig und ſchön; und große ſchwarze Augen, deren dunkler Glanz ein tiefes Gemüth verrieth, gaben ihrem Kopfe jenen Leidensausdruck, der faſt allen ſüdlichen Typen eigen iſt. Das einzige, was mir an dieſem jungen Mädchen mißfiel, war eine gewiſſe Unbeweglichkeit, eine Starrheit ihrer Züge, eine Ausdrucksloſigkeit, welche ſie einer Statue ähnlich machte.

Durch ein geſchicktes Manöver hatte ich mich dieſen Damen ge⸗ nähert, und mich an einen Pfeiler des Perrons lehnend, gelang es mir, einige abgebrochene Phraſen ihrer Converſation zu hören.

Nun, was ſchadet es! ſagte die Jüngſte.Heute Abend kommt der nächſte Zug, der nach Italien geht, und dann werden wir ſicherlich Plätze finden; bis dahin können wir uns das Städtchen an⸗

Als

Combination nur bewundern kann und er mir als Belohnung den unſchuldigen Triumph gerne gönnt, den ich einige Stunden ſpäter

1 ſehen, ſowie die Umgegend; ich liebe das langſame Reiſen, man be⸗ hält einen weit dauernderen Eindruck davon!

.Ganz recht, liebe Paula! erwiderte die ältere Dame,jedoch dieſer Theil Savoyens iſt ſo arm an pittoresken Gegenden, daß, wie ich gehört habe, er nicht das geringſte Sehenswerthe darbietet.

O, was ſchadet das! meinte das ſchöne Mädchen mit einer reizenden Bewegung der Schultern,ſo werden wir fremde Ge⸗ ſichter ſehen, und das iſt ſchon amüſant genug!

Es iſt nicht zu ändern! ſagte die alte Dame, die Reiſe fortgeſetzt, denn wenn wir heute Abend hier bleiben, wer⸗ den wir erſt morgen Abend, und zwar ſehr ſpät, in Genua ſein!

Was macht das, liebe Mutter? ſagte Paula,einige Stun⸗ den früher oder ſpäter, unſere Reiſe iſt ja doch nur eine Vergnügungs⸗ reiſe!

Und Du, Clelia? fragte die Dame das was hältſt Du von unſerem unfreiwilligen de Maurienne?

Es iſt nicht zu ändern, erwiderte dieſe mit einer Stimme, in welcher, wie es mir ſchien, ein leiſes Zittern nachklang.

Die Damen fuhren einige Augenblicke fort, von gleichgültigen Gegenſtänden zu ſprechen, und ich bedauerte aufrichtig, daß das Coupé nicht vier Plätze enthielt, denn ich würde gewiß eine höchſt in⸗ tereſſante Fahrt in ihrer Geſellſchaft gemacht haben. Plötzlich warf ich den Blick auf das kleine Fräulein, welches die alte Dame Clelia genannt hatte, und wohl nie werde ich den Anblick vergeſſen, der ſich mir darbot, er hätte einen Stein erſchüttert.

Das ſchöne Kind ſtand noch in derſelben Stellung, wie vorhin, den Kopf ein wenig zur Seite und mir zugewandt; ihr Geſicht hatte denſelben ſtarren Ausdruck, der mich gleich beim erſten Anblick frap⸗ pirte, keine Muskel dieſes Geſichtes hatte gezuckt unbeweglich, einem Marmorbilde gleich, ſtand ſie da; nur zwei große Thränen liefen über die Wangen! Sie ſchien gedankenlos vor ſich hinzu⸗ ſtarren.... man hätte ſchwören mögen, daß ſie es nicht wußte, daß ſie weine!

Dieſer ſtille, faſt bewußtloſe Schmerz, welcher ſich vor meinen Augen entfaltete, bewegte mich tief, ich weiß nicht, was in mir vorging, jedoch, ich glaube, ich hätte mich in dieſem Augenblicke, ohne nachzudenken, blindlings in die größte Gefahr geſtürzt, wenn meine Handlung das Reſultat gehabt hätte, dieſe beiden ſtillen Thränen zu trocknen und den Quell ihrer Schweſtern, den ich tief in einem leidenden Herzen verborgen glaubte, zum Verſiegen zu bringen.

Auch die alte Dame hatte zufälliger Weiſe den Kopf gewandt und jene Thränen bemerkt. Sie trat einen Schritt ihrer Nichte näher, ergriff ihre Hand, und mit liebevoller und beſorgter Stimme ſagte ſie:

Clelia... was fehlt Dir, mein Kind?. Warum weinſt Du?

Das junge Mädchen drehte raſch den Kopf herum, ſchüttelte ihn einige Male heftig, als wolle ſie einen rebelliſchen Gedanken ver⸗ ſcheuchen und ſagte dann mit einer Stimme, in der die Ruhe wahr⸗ ſcheinlich affectirt war.

Nichts... liebe Tante... nichts!... ein unwillkürlicher Gedanke... morgen iſt der ein und dreißigſte März... und ich hätte ihn gern in Genua verbracht, und ſo geht es nicht.

Was hat denn der ein und dreißigſte März für Dich für eine Bedeutung? fragte Paula mit ſorgloſer Stimme....Du ſcheinſt eine ganze Sammlung ſolcher Tage zu haben! Schon am vierten mußten wir Deinethalben in Lauſanne bleiben es war Deines Vaters Geburtstag ich habe mich da recht langweilen müſſen, und nun morgen...

Morgen iſt ſein Sterbetag... unterbrach Clelia mit klang⸗ loſer Stimme, und ſein Grab iſt nahe bei Genua!

Paula machte eine unwillige Bewegung mit den Schultern, die

ich hätte gern

andere junge Mädchen, Aufenthalt in St. Jean

.Du weinſt!

mir diesmal nicht ſo reizend vorkam, wie wenige Minuten vorher,

und ſchon wollte die Tante wahrſcheinlich irgend eine Bemerkung machen, als ein zufälliges Geräuſch in meiner Nähe ſie veranlaßte, den Kopf nach meiner Seite umzudrehen, und da ſie einen Unbe⸗ kannten faſt ihnen zur Seite ſtehen ſahen, gingen ſie einige Schritte weiter, und der Reſt ihrer Unterhaltung ging mir verloren.

Doch nach einigen Secunden Nachdenkens ging ich ihnen nach, trat ihnen in den Weg, und indem ich die alte Dame begrüßte, ſagte ich zu ihr: