Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
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telſtunde war der Aga mit dem größten Theile der Seinigen er⸗ ſchlagen.

Unter jenen hundert war ich, ſagte der Alte, den Kaffee mit Ei austrinkend, den ich ihm hatte reichen laſſen.

Und Nowitza Tzerowitſch? fragte ich nach einer Pauſe.

Iſt jetzt ein hochbetagter Greis und lebt in der Nahia von Bjelopawlitſch.

Mit dieſer Aufklärung über Nowitzas Schickſal, der in dem Augenblick, in welchem der Leſer dieſe Geſchichte von ihm vernimmt, behaglich ſeine Pfeife raucht, iſt das Drama noch nicht zu Ende. Vor wenigen Jahren konnte man Ismail Aga ſelbſt noch in Cetinje ſehen. Das ſogenannteMuſeum in der Wohnung des Fürſten beherbergte ihn, wenn auch nur ausgeſtopft. Seine gegerbte und mit Heu angefüllte Haut ſtellte einen Körper dar, der mit allem Schmuck eines muſelmaniſchen Kriegers angethan war. Er befand ſich einem Crucifix gegenüber in einer ſolchen Stellung angebracht, daß er bei der geringſten Erſchütterung ſich gegen das Kreuz verneigen mußte. Nie trat ein Montenegriner in dieſes Gemach, ohne mit ſeinem Fuß jenen Körpertheil des ausgeſtopften Agas zu berühren, in welchem das Gleichgewicht des Sitzenden ruht. Jetzt ſind der Aga, ſowie auch die abgeſchnittenen Türkenköpfe, die man ſonſt auf der rothen Um⸗ faſſungsmauer der Fürſtenwohnung aufzuſtecken pflegte, verſchwunden. Dutzende von Kanonen, hunderte von prachtvollen Säbeln und Flin⸗ ten, dann eine große Anzahl von Medſchidieh und Niſam-Orden, die von der Bruſt der Paſchas heruntergeriſſen worden ſind, und an denen zum Theil noch Fetzen der Uniformen hängen, ſind noch im⸗ mer die Glanzpunkte jenes ſeltſamen Muſeums.

Ich kann es wohl der Einbildungskraft der Leſer überlaſſen, ſich vorzuſtellen, wie weit der Eindruck ſolcher aus Feuer, Blut und Nacht gemiſchten Geſchichten durch den Einfluß der ſchwach beleuch⸗ teten Oertlichkeit und der Menſchen verſtärkt wird, die fünfmal ſo viel Schießwaffen an ſich hängen haben, als hier Köpfe verſammelt ſind. In der That erinnert hier alles an Zwietracht und Kampf. Ich begreife die Türken wohl, daß ſie das Land deshalb ſchwarz (Kara Dagh) nennen, weil es für ſie das Sinnbild des Haſſes und des Verderbens iſt. Als ich am nächſten Tage unter den großen ſchwarzen Kalkblöcken umherſchlenderte, die Cetinje überall umlagern, ſchienen mir die rothen Flechten auf ihnen eingetrocknetes Blut.

Einer der Gäſte nach dem andern verließ die Flamme. Ich blieb noch eine Weile bei dem Kruge Landwein ſitzen und ſchaute dem barfüßigen Weibe zu, welches unſere Wirthin vorſtellte. Jedem, der auf ſeiner Mütze einen Stern trug, küßte ſie beim Fortgehen die Hand. Der Stern kennzeichnet unter allen den Bewaffneten Waffen gehören zur allgemeinen Landestracht wieder insbeſondere diejenigen, welche wir nach unſerem Sprachgebrauche eigentliche Sol⸗ daten nennen würden. In einem Lande, in dem Krieg und Religion in ihren Beſtrebungen zuſammenfallen, ſchimmert um die Waffen eine Weihe höherer Art, und der Pope hat nicht mehr Anſpruch auf Ehrer⸗ bietung, als der Vertilger der Ungläubigen.

Der rothe Wein, der an den Abhängen mancher Berge wächſt, war leicht und herb. Er hatte nicht das Betäubende dalmatiſcher Weine: des Petſcheno von Sabioncello oder des Rifosco von Almiſſa. Nichtsdeſtoweniger brachte er mich allmählich in eine Stimmung, in welcher ich nach dem Strohſack zu ſchielen begann, der in einem an⸗ ſtoßenden fenſterloſen Gemach auf den Ziegeln des Bodens lag. Wie wäre es, dachte ich, wenn ich dieſen üppigen Pfühl als Subſtrat meiner Nachtruhe erobern könnte ſtatt des ſchmutzigen Bodens bei meiner Wittwe? Aber meine Verhandlungen, die ich ſofort anknüpfte, führten zu keinem Ziel. Der Strohſack war für vier Senatoren aus einer fremden Nahia aufbewahrt, die ſich in dieſem Augenblicke noch in einer Abendgeſellſchaft bei Seiner Hoheit befanden. Es blieb mir alſo nichts anderes übrig, als ſeufzend aufzubrechen. Als ich meine Zeche bezahlte, wurde ich um eine Anzahl von öſterreichiſchen Silberſechſern erleichtert, deren Betrag hingereicht hätte, mich im Hotel du Louvre zu Paris mit einem ſehr anſtändigen Souper zu re⸗ galiren. In meinem Nachtlager angelangt, hatte ich vor dem Nieder⸗ legen eine verfaulte Matte vom Boden zu entfernen, mit welcher die Wittwe mir Ehre anthun wollte.

Am nächſten Morgen überraſchte mich eine große Anzahl Würſte und Käslaibe, die auf dem Boden meines Gemaches lagen. Dieſe für das Haus beſtimmten Eßwaren in ihrem Aeußern zu beſchreiben, iſt ein Ding der baaren Unmöglichkeit. Die zweite Ueberraſchung

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war die an jedem nachfolgenden Morgen wiederholte Forderung von zwanzig Silberſechſern, der einzigen in Montenegro gangbaren Münze. Vor der Thür ſaß ein hochbejahrtes Weib in grauen zer⸗ lumpten Kleidern auf der Aſche der Feuerſtätte. Es war die blinde Mutter meiner Wirthin. Mit einer wahren Grabesſtimme flehte ſie mich um einiges Geld an, um ihren Hunger zu ſtillen.

Als ich in den Kramladen von geſtern zurückkehrte, um ein Frühſtück einzunehmen, fand ich wieder dieſelbe Geſellſchaft von Be⸗ waffneten um das Feuer ſitzen. Der Rauch und das Geſpräch waren dieſelben, das einzige Neue ein etwa vierjähriger Knabe, der ebenſo nachdenklich aus der Pfeife rauchte, als die übrigen. 4

Von dort ging ich über die hühnerſteigartige Treppe hinab und beſuchte die Druckerei, welche einige Häuſer davon entfernt liegt. Sie iſt eine vom dermaligen Fürſten in dieſen Boden verſetzte Treibhaus⸗ pflanze. Das kyrilliſche Alphabet, deſſen ſich die orthodoxen Serben bedienen, hatte man von Prag kommen laſſen. Die Typen dienten dazu, einige Kalender, liturgiſche Bücher und ein Paar Volkslieder⸗ ſammlungen zu drucken. Eine der letzteren behandelt die Kriegszüge des verſtorbenen Danilo gegen die Türken. Der edle Wladyka wurde in Cattaro von einem ſeiner geliebten Unterthanen erſchoſſen, wäh⸗ rend er, auf dem Dampfſchiffe von Trieſt angekommen, aus dem Boote an den Molo ſteigen wollte. Der Mörder war das Werk⸗ zeug einer Verſchwörung, deren andere Glieder noch heute unange⸗ fochten in den dalmatiniſchen Seeſtädten herumlungern. Seine Leiche liegt drüben bei den Eremiten im grauen Felſenkloſter, einem wahren Miniatur⸗Athos.

Danach trat ich in eine Farmacia(Apotheke). Ich wollte mir vort, in der ſträflichen Abſicht, die Finanzen des Kaiſerſtaates zu ſchädigen, ſo viel montenegriniſchen Tabak mitnehmen, als nur immer hinabzuſchleppen möglich war. Letzteres gelang mir auch ganz nach Wunſch. Der Apotheker iſt der einzige Menſch, an den ich denke, wenn von montenegriniſcher Gaſtfreundſchaft geſprochen wird. Er verweigerte die Annahme jeder Bezahlung. Außer anderen ſchätz⸗ baren Aufſchlüſſen erfuhr ich von ihm, wo ich Herrn Maclik treffen könne, den Secretär und Vertrauten des Fürſten, der in den Kriſen des Orientes eine gewiſſe Rolle ſpielt. Man hat nun einmal in Montenegro nicht die Gewohnheiten unſerer diplomatiſchen Bureaux. Der Mann, welcher manchem Großveſir ſchlafloſe Nächte machte, be⸗ fand ſich in dieſem Augenblicke es war zehn Uhr Morgens in einem Branntweinladen, woſelbſt ich ihn aufſuchte und bei einigen Gläſern Wachholder bemerkenswerthe Mittheilungen über die Zukunft des Oſtens empfing.

Der Branntweinſchenke gerade gegenüber liegt der Palaſt von Dorinka, der Wittwe Danilos. Wenn ich ſage Palaſt, ſo verſtehe ich darunter ein zweiſtöckiges Wohnhaus. Seine Läden waren ge⸗ ſchloſſen, denn die Dame zieht den Winter von Corfu dem der Cerna Gora vor. Auf dem Platze zwiſchen meinem Standort und jenem

Hauſe bereitete ſich unterdeſſen ein Auftritt vor, zu deſſen Erklärung

ich etwas weiter ausholen muß.

Auf der ganzen Seefahrt von Spalato bis Cattaro waren wir in Sicht eines ſchwarzen Schiffes geblieben, an deſſen Bord kein Paſ⸗ ſagier zu erſpähen war. Das Fahrzeug barg in der That etwas Unheimliches. Es war in Fiume befrachtet worden und die Ladung für Montenegro beſtimmt. Der Fürſt von Serbien hatte ſeinem lieben Vetter vom ſchwarzen Berg wieder einmal eines jener kleinen niedlichen Geſchenke gemacht, die hinter dem Rücken der hohen Pforte herumgelangt werden, wie gewiſſe Präſente hinter dem Argwohn einer eiferſüchtigen Ehefrau. Der DampferAlbania einige hundert Centnerchen Pulver, ebenſo viele, ohne Zweifel zum Spielen beſtimmte Gewehre und Blei, welches inſofern die Zwecke der Volksaufklärung förderte, als es die ſonſt übliche Verwendung von Typen zu Flintenkugeln entbehrlich machte. Die kaiſerlichen Behör⸗ den drückten halb und halb die Augen zu und machten ſüßſaure Ge⸗ ſichter. Deſto luſtiger aber waren die Montenegriner, für welche die Ankunft des Pulvers zum wahren Volksfeſte wurde. Männer, Weiber und Kinder begrüßten es am Seeſtrande mit Jubelrufen. Der Adjutant im Gaſthauſe zu Cattaro und die ſerbiſchen Officiere in der Spelunke zu Cetinje verdankten ihre Anweſenheit dieſem Aus⸗ tauſch ſtammverwandter Gefühle. Als ich die oben erwähnten Zick⸗ zacks hinaufſtieg, gröhlte aus allen Schluchten der Widerhall vom Geſchrei der Maulthiertreiber, den Freudenrufen der Männer, welche grün angeſtrichene Patronenkäſten ſchleppten, und dem Jauchzen der

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