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„Da ſind Sie wohl häufig von Leidenden in Anſpruch genom⸗ men, gnädige Frau?“
„Gewiß, von Leidenden jeder Art; unſere Männer gehen rein in dem geſchäftlichen Verkehr mit den Bauern auf, und durch die Reibungen, die namentlich in den letzten Jahren durch die begonnene Umgeſtaltung der bäuerlichen Verhältniſſe ſich gehäuft haben, iſt denſelben das Vertrauen zu den deutſchen Grundbeſitzern völlig geſchwunden; es iſt ein wahres Glück und eine rechte Genugthuung für uns, daß wir Frauen wenigſtens noch nicht von dieſem Mißtrauen berührt ſind, daß ſich die Leute gerade jetzt mehr als je an uns um Rath und Hilfe wenden; wir thun natürlich ſo viel, als in unſeren Kräften ſteht, und unſere Männer laſſen uns darin den weiteſten Spielraum; — ſehen Sie, ich glaube, die Frau, die ſich da am Gitter herumdrückt, hat auch ein Anliegen an mich.“
„Nun, Ilſe, iſt bei Dir auch jemand krank?“
„Gott ſei Dank, nein, aber etwas viel Schlimmeres, denkt Euch, Frau, man will meinen Sohn zum Recruten machen.“ Und nun folgen neunundneunzig Gründe, weshalb das gar nicht anginge. Auch ſie findet Troſt und Hoffnung.„Ich will mit dem Herrn ſprechen, der wird ſehen, was ſich thun läßt.“
Von der Baronin aufgefordert, begibt ſich nun der ältere Theil der Geſellſchaft in den Obſtgarten, um dort die neuen Anpflanzungen in Augenſchein zu nehmen, während ſich der jüngere Theil im Park zum Ballſpiele vereinigt.
Der Hauslehrer, ein junger, ſchmächtiger Hannoveraner, ſorgte dafür, daß es den Baroneſſen dabei nicht an Bewegung mangelte, in⸗ dem er mit ſtillvergnügtem Lächeln die Bälle ſo weit durch den Park ſchleuderte, als es nur irgend die Spielregeln geſtatteten, was ihm jedesmal lebhafte Ausbrüche des Unwillens ſeitens der um den guten Ton eifrig beſorgten Gouvernante zuzog, zum höchſten Ergötzen der ganzen ungezwungen frohen Schar. Wie ein grimmiger Tiger folgte jene ihm, als er mit ſeiner Schülerin, einer ſiebenzehnjährigen jungen Dame, in das Schloß zurückging, um als garde d'honneur ſeinen hiſtoriſchen Vorleſungen zu aſſiſtiren.
Siebzehn Jahre und noch Schülerin, noch nicht eingeſegnet, noch gar nichts mitgemacht;— meine ſchönen Leſerinnen werden das ſtark finden,— ich auch!— Das iſt nun aber einmal die Sitte dieſer grauſamen nordiſchen Barbaren, daß ſie den Termin der Salon⸗ und Heirathsfähigkeit ihrer Töchter ſo unmenſchlich weit hinausſchieben. Inzwiſchen bleibt dieſen Aermſten nichts weiter übrig, als in lauſchig— ſtiller Abendſtunde von ihrem Ideal zu träumen, von einer Winter⸗
Meine kleine
ſaiſon in Mitau, von deſſen Bällen ꝛc. die verheiratheten Schweſtern ſo zauberiſche Dinge zu berichten wußten.
Die Bälle flogen hin und her, ich that manchen ſchlechten Schlag, weil meine Augen oft mehr den elaſtiſch⸗anmuthigen Bewegungen der jungen Damen folgten, als dem Gange des Spieles gerade gut war;— da plötzlich werfen ſie alles fort und laufen flüchtigen Fußes davon; oben am Eingange des Parks ſteht ihr kleiner Bruder und ruft:„Die Poſt! Die Poſt!“
Die Poſt!— Welche Seufzer preßt dieſer Ruf oft dem viel⸗ geplagten Geſchäftsmann aus“), welchem pfeilgeſchwinde Dampfwagen von allen Seiten in unheimlicher Haſt die Briefe zutragen, der die Straßen mit Neuigkeiten gepflaſtert ſieht, dem die Winde beängſtigende Nachrichten in die Ohren ſauſen;—— wie ſirenenhaft zauberiſch klingt dieſer Ruf da, wo abſeits von dem großen Völkerverkehr in glücklicher Beſchränktheit das Leben hinfließt, wo winzige zweirädrige Karren, mit einem kleinen Pferdchen beſpannt, unbemerkt wie die Kobolde über Berg und Thal hinklettern, und hier und da in weiten Zwiſchenräumen ihre unſcheinbaren Packen abgeben, und wo man noch die Mühe hat, ſich ſeinen Theil von ihrem koſtbaren Inhalt drei bis vier Meilen weit zu holen.
Es war mir rührend, den Eifer zu ſehen, mit dem die acht Tage alten Briefe verſchlungen, die Andacht, mit der die Zeitungpackete geöffnet wurden; es war ja ein Stück Weltgeſchichte, das hier in das idylliſche Stillleben der Kurländer hineinragte.— Und dieſes Stück war leidlich groß; denn da die Poſten nur zweimal wöchentlich an⸗ kommen, ſo erhält man immer eine ganze Partie Zeitungen zugleich.
Vor allen intereſſirte mich natürlich die Deutſche Rigaiſche Zei tung, das Hauptorgan der Deutſchen in den Oſtſeeprovinzen, das nothwendige Requiſit jeder geordneten Haushaltung. Ich konnte mich eines leiſen Lächelns kaum erwehren, als ich ihren Inhalt über⸗ las. Natürlich pflichtſchuldigſt voran:„Inland“. Se. Majeſtät, der Selbſtherrſcher ꝛc., haben allergnädigſt geruht, den Collegienrath X. zum Hofrath zu ernennen u. ſ. w., und in Petersburg iſt es kalt und in Kiew trocken, und in Koſtroma iſt eine Feuersbrunſt geweſen, die ſechs hölzerne Häuſer zerſtört hat— Punktum! Dann kamen unter der Rubrik„Deutſchland“ weitläufige Correſpondenzen aus Berlin ꝛc.; zum Ueberfluß noch unten ein Berliner Feuilleton; dann noch ein Paar Sächelchen aus Frankreich und England, Locales und Provin⸗ zielles— fertig!
*) Beſtätigt. D. R. (Schluß folgt.)
Hausapotheke.
Von Dr. Dyrenfurth.
VII. Der Eſſig.
Es geſchieht wohl hin und wieder, daß ein Schadenfroher, wenn er einen unſerer Pläne ſcheitern ſieht, uns höhniſch zuruft: „Damit war's Eſſig!“ Das Bild iſt aus der Chemie des täglichen Lebens entnommen und bezieht ſich auf die Endſtufe der merkwürdigen Reihenfolge, welche aus der Umwandlung der Stärke in Zucker, des Zuckers in Alkohol und des Alkohols in Eſſig beſteht. Dieſe Herab⸗ würdigung des Eſſigs zu einer geringſchätzigen Vergleichung kann jedoch nur von einem Zechkumpan herrühren, welcher mit Betrübniß ſeinen alkoholhaltigen Labetrunk unter der Einwirkung des Sauer⸗ ſtoffs der atmoſphäriſchen Luft umkommen ſah. Denn daß der Eſſig in der That ein werthloſes Product ſei, wird kein anderer behaupten wollen, wie wir es denn unternehmen, ſeine Verwendung als Haus⸗ mittel zu Zwecken der menſchlichen Geſundheit darzuſtellen.
Die heilſame Wirkung des Eſſigs beruht auf ſeinen ſauern, die organiſche Faſer zuſammenziehenden, abkühlenden, die Blutwelle verdünnenden, Blutungen hemmenden Eigenſchaften. Seine Fähig⸗ keit, zu kühlen, macht ihn zu einem der vortrefflichſten inneren und äußeren Linderungsmittel in vielen mit erhöhter Wärme verbundenen Krankheiten. Mit einigen Eßlöffeln voll Fruchteſſig, unter das Getränk gemiſcht, wird man oft den heftigſten Fieberdurſt erquickend löſchen.— Eſſig, rein oder mit etwas Waſſer eingeflößt, bringt einen durch den Genuß ſchwerer Getränke, oder durch Einathmung ſchädlicher Gaſe(Kohlenoxyd oder Kohlenſäure) Betäubten häufig wieder zu ſich, indem er das im Gehirn ſtockende aderreiche Blut wieder
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anſäuert und verflüſſigt. Aber eben wegen ſeiner die Säfte ver⸗ dünnenden Eigenthümlichkeit wirkt der anhaltende Gebrauch des Eſſigs auch ſo nachtheilig auf die Geſundheit. Entgegengeſetzt der Kamille, welche das Blutleben anſpornt, hemmt und unterbricht der Eſſig das letztere. Gibt's doch thörichte Damen, die ihre friſche natür⸗ liche Geſichtsfarbe mit Abſcheu im Spiegel betrachten— o daß er ihnen doch ein feines, ätheriſches Antlitz zeigte!— Nun wird tapfer Eſſig getrunken— denn von dem das Blut in Wallung bringenden Kaffee, welchen der Arzt verboten, kann man natürlicherweiſe nicht laſſen— und der Eſſig iſt ſo gefällig, dem Teint eine recht durch⸗ ſichtige, intereſſante Bläſſe anzukränkeln; das Blut ſchwindet aus den Adern, aber im Gefolge der Bleichſucht ſtellen ſich Körperabnahme, Verdauungsſchwäche, Magenkrampf, Magenkrebs und ähnliche ſchlimme Leiden ein.— Auch den Lungen ſchadet der Eſſig auf die Dauer. Das zeigt ſich bei den Arbeitern in den Eſſigfabriken. Bei dem fortwährenden Einathmen der Eſſigdämpfe fangen ſie bald an, abzumagern und zu ſiechen und verfallen am Ende der Schwindſucht.
Im ganzen muß wohl zugeſtanden werden, daß die innerliche, mediciniſche Anwendung des Eſſigs keine reichhaltige Ausbeute ge⸗ währt. Um ſo bedeutender erſcheint ſein Nutzen beim äußeren Gebrauch, vorzüglich in folgenden Fällen und Formen:
1. Der Eſſig wirkt, vermöge ſeines nervenanregenden Sauer⸗
ſtoffgehalts, als belebendes Riechmittel in plötzlichen Anfällen
von Schwäche, Hy mungen des Hirnne
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ie, Ohnmacht und Scheintod, ſowie bei Läh⸗ ſtems in Folge von Einathmung giftiger
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Gasarten; ſ die Ausbreit ſetz ſich durc bindung. Eſſig, wie e iſt Je reine Ausſicht gei Guter Weine ſäure, welch auch Stirnu 2. In und trockener mals täglich von Weineſſt brechen ein Waſchungen 3. Bli und Heilmit den verſchied man— als Bruſt, bei Bei geplatzt harrlich forte Hilfsmittel. erfordert the ſchwamm, in loch möglichſ aus anderen wichtigſten; Sachverſtäng 4. Wie Blutgeſchw lender Kraf deren Haup trauen. C mit geriebe 5. D. Mittel bei
als mader zu dieſem 2 6. der dun Zahnſcorb 7. E ſchieht in


