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Neben dieſen Tagebüchern beſitzt Herr Petermann noch alles, was
ſeit den entfernteſten Zeiten kartographiſch dargeſtellt iſt— circa fünfzigtauſendverſchiedene Karten, unddieſe Sammlung vermehrt ſich in neuerer Zeit von Tag zu Tag und iſt ſo geordnet,
daß er in wenigen Augenblicken aus den mächtigen Cartons mir
alles zeigte, was ſeit Jahrhunderten über einen beliebigen Land⸗
ſtrich, den ich ihm aus dem Stegereif nannte, publicirt worden iſt. Nach allen dieſen Angaben zeichnet er die neuen Karten oder läßt ddie ſchon vorhandenen Platten corrigiren.— Ich äußerte meine Be⸗ wunderung über den Standpunkt, auf den die Kartographie ſich er⸗ hooben, und erhielt folgende Antwort, auf die ich wahrlich nicht ge⸗ V faßt war:
„Die Kartographie iſt weiter zurück, als Sie es ſich vorſtellen, ooder um mich noch beſſer auszudrücken: ſie hat bis jetzt erſt einen V Anlauf genommen, um überhaupt auf einen gewiſſen Standpunkt zu
gelangen. Alles, was Sie auf unſeren Karten ſehen, iſt erſt der erſte Schritt, der Anfang zu einer genauen Kenntniß unſerer Erdoberfläche. Unſer kleiner europäiſcher Continent iſt natürlich am genaueſten ge⸗ kannt, am beſten vermeſſen— und dennoch ſind wir noch über gar vieles im Unklaren, und es werden noch verſchiedene Menſchenalter vergehen, ehe man etwas wirklich Erſchöpfendes über Europa wird aufweiſen können. Die Gebirgskarten von St. Gallen, Appenzell und Glarus ſind das Vortrefflichſte, was in der Kartographie je geleiſtet worden iſt, und dennoch ſchrieb mir vor einiger Zeit der, welcher dieſe Meiſterwerke entworfen und ausgeführt, der ſo hoch bewährte Geograph Ziegler, daß er faſt die Ueberzeugung habe, ſein Werk werde nach ein Paar Generationen von vorne angefangen werden müſſen. Ich ſelbſt glaube feſt, daß die beſten topographiſchen Karten, welche wir beſitzen, nur als künftige„Studien“ dienen können. Und wenn wir in Europa— in unſerer nächſten Umgebung ſchon ſo wenige und unvollkommene Reſultate erzielen, ſo können Sie leicht begreifen, daß wir mit den anderen Welttheilen noch um 90 Procente mehr zurück ſind. Wir ſind vor Jahren alle vollſtändig befriedigt geweſen, die monotone Punktirung auf den Karten von Afrika zu ſehen und haben
uns ruhig in den Begriff eines weiten— unendlichen Sand eers hineingedacht. Es bedurfte jedoch nur der Arbeiten eines einzigen gediegenen Reiſenden— des Franzoſen Henri Duveyrier, um ein
gänzlich verſchiedenes Bild der Wüſte vor uns aufzurollen. Statt eines ſandigen, einförmigen Tieflandes ohne Leben, wie es uns früher dargeſtellt wurde, ſehen wir jetzt reich gegliederte Plateaus und Berg⸗ länder mit einem weitverzweigten hydrographiſchen Netz periodiſcher Flußläufe, und Regenbetten mit einer Fülle von Karavanenwegen, Ortſchaften und Brunnen, die ein ausgebreitetes und überaus thätiges Nomadenleben nachweiſen. Ich habe die Laienwelt in nicht geringes Erſtaunen geſetzt, als ich ihr 1863 mit einem Male eine ganze neue und unerwartete Sahara in meinen„Geographiſchen Mit⸗ theilungen“ vorführte. Leſen Sie dieſen Jahrgang— ſehen Sie die Tafeln an, und Sie werden überzeugt ſein, daß man unſeren Karten von entfernten Weltgegenden keinen zu unbedingten Glauben bei⸗ meſſen muß—“
—„Wenn ich mich recht entſinne,“ unterbrach ich—„hatten Sie ſelbſt vor mehreren Jahren einen Strauß mit einem deutſchen Geographen zu beſtehen, welcher eine andere ſolcher Wüſten..... 4
„Ganz recht!“ meinte Dr. Petermann—„Sie meinen den Dr. Albert Heiſing;— doch der iſt wohl eher ein Poet als ein Geograph zu nennen. Hören Sie, was er am 8. December 1856 ſich nicht ſcheute über Auſtralien zu veröffentlichen.“— Und er nahm aus ſeiner Bibliothek einen Band, ſchlug einige Augenblicke nach und las:
„Es hat dem Schöpfer in ſeiner unbegreiflichen Weisheit ge⸗ fallen, hier einen ganzen Continent als Wüſte zu er⸗
ſchaffen— von Meer zu Meer eine troſtloſe Einöde, über die ewiger Tord ſich lagert, und ſomit ein ganzes Feſtland der pflegenden Hand des Menſchen und der Civiliſation entzogen ꝛc.— Wo in
aller Welt hat dieſer Herr das her? Wahrſcheinlich aus Karten, die dort nichts aufwieſen, weil nichts explorirt war. Ich bin ein ent⸗ ſchiedener Gegner ſolcher Hypotheſen in der Wiſſenſchaft und kann nicht glauben, daß der Schöpfer hier auf Erden einen Continent von 130,000 Quadratmeilen mit„ewigem Tode“ bedeckt. Ich hielt es für meine Pflicht, damals gegen Herrn Dr. Heiſing öffentlich auf⸗ zutreten, da ſeine mit ſo unendlicher Beſtimmtheit gethanen Aeußerungen ganz dazu geeignet waren, uns im Auslande lächerlich zu machen—
und erhielt eine gerade nicht liebenswürdige Antwort des beſagten Gelehrten. Heute— nach neun Jahren Exploration und Colo⸗ niſation erfreut ſich dieſe„hoffnungsloſe Wüſte“ einer Staatseinahme von jährlich 50 Millionen Thaler, hat die reichſten, üppigſten Naturproducte, und Herden, wie man ſolche hier ſich nur in der Sage vorſtellen kann, die größten der Welt: mindeſtens ½ Million Pferde, — 5 Millionen Rinder und 15 Millionen Schafe weiden auf den Triften eines Continents, den man im Namen der Wiſſenſchaft noch vor neun Jahren als in einer chaotiſchen Entwickelung darzuſtellen ver⸗ ſuchte.... und nebenbei betrug die Goldausbeute des armen Landes während dieſer Zeit die Kleinigkeit von etwas mehr als: tauſend Millionen Thaler!“
Ich war etwas betäubt— der Leſer wird es begreifen, von dieſen mir gänzlich unbekannten Aufſchlüſſen und beſonders den Mann, der ſo Bedeutendes in der Kartographie geleiſtet hatte, mit ſolcher Art von Geringſchätzung von ſeinen eigenen Arbeiten ſprechen zu hören. Er ſchien es zu bemerken und fuhr fort:
—„Jal alles was wir leiſten, hat dem unendlichen Ganzen gegenüber... ich möchte ſagen, gar keinen Werth. Denken Sie ſich ein Dutzend Männer, welche mit Hacken bewaffnet einen Tunnel unter dem Chimboraſſo herſtellen wollen. Man kann nicht ſagen, daß ſie nicht vorwärts kommen; denn von Zeit zu Zeit fliegt wirklich ein Steinblock unter ihren vereinigten Kraftanſtrengungen bergab⸗ wärts... aber... aber wie werden dieſe zwölf Männer über das Ziel ihrer Arbeit, die ihnen Schweiß und Mühe und Leben koſtet, denken?— Wahrhaftig nicht mit Ueberſchätzung ihres eigenen und des Werthes ihrer Anſtrengungen? Die Städter, ihren Maſchinen und Fabriken gegenüber, die alle ihre Erfindungen— ihre Schöpfungen ſind, werden eitel und übermüthig— aber der wahre Gelehrte, der ſich der Schöpfung Gottes gegenüber befindet— und wenn er auch die überraſchendſten Reſultate erzielte, und wenn er auch ein Cook— ein Cuvier— ein Humboldt wäre, fühlt ſich ſo unendlich klein und winzig trotz allem, daß ihm all ſein Wiſſen und Thun und Wirken und Schaffen oft von weniger Bedeutung erſcheint, als der Tropfen Süßwaſſer im Ocean.“
„Und dennoch,“ ſagte ich, ſetzten ſo viele Hab' und Gut und Leben daran, durch ihre Forſchungen den Bau des geographiſchen Wiſſens, wenn auch nur um einen Stein zu bereichern! Wie viele hoffnungsreiche Leben— und von den Beſten— hat ſeit wenigen Jahren ſchon dieſes unwirthliche Afrika verſchlungen— Barth, Vogel, v. der Decken, und nun gar Livingſtone!“
„Ja,“ erwiderte mir Dr. Petermann nach einer Pauſe— „der gute, ich möchte ſagen, heroiſche Willen war bei allen da, und ſie haben den Heldentod auf dem Schlachtfelde der Wiſſenſchaft gefunden und damit ihre Unvergeßlichkeit beſiegelt!— Aber war das, was ſie für die Wiſſenſchaft errungen haben, eines ſolchen herrlichen Lebens und eines ſolchen Todes werth? Das iſt wahrlich eine andre Frage. Dr. Barths Reiſen z. B. ſchweben, was ihre Stellung auf der Karte anbelangt, ganz unſicher in der Luft, da er keinen einzigen Punkt aſtro⸗ nomiſch fixiren konnte. Und wenn nun mehrere von den bewährteſten Erforſchungsreiſenden ein und daſſelbe Gebiet berühren, ſo wird daſſelbe auf der Karte zu einem wahren perpetuum mobile, denn bei jedem Reiſenden erhält die Lage und Beſchaffenheit des Gebietes eine verſchiedene Darſtellung, und es iſt oft unmöglich, nur annähernd zu beſtimmen, welche die richtige iſt. Doch deshalb will ich nicht ein Atom dem Verdienſte dieſer unerſchrockenen und überaus bewährten Reiſenden abſprechen. Wir allein— das Publikum— und auch die Regierungen ſind ſchuld, daß ſo viel Wiſſen, Heldenmuth und Aufopferung faſt umſonſt vergeudet werden.“
„Dürfte ich bitten, mir den Grund hiervon zu erklären?“ ſagte ich.
„Gern! Wiſſen Sie, was die Victorianiſche Erforſchungsex⸗ pedition nach Auſtralien unter Burke, deren wiſſenſchaftliche Ergebniſſe ſogar ziemlich gering waren, dem Lande Großbritannien ge⸗ koſtet hat?.— Achtzigtauſend Pfund Sterling!— Und dieſe enorme Summe fand ſich in der kürzeſten Zeit und ohne große Anſtrengungen zu dieſem Zwecke in Privat⸗ und öffentlichen Kaſſen. Und nun ein Gegenſtück!— Wiſſen Sie, was aus ganz Deutſchland der Barthſchen Expedition zufloß? Tauſend Thaler!— die der König von Preußen aus ſeiner Privatſchatulle dazu gab!— Ohne Ueberſchätzung unſeres Vaterlandes ſpreche ich die Meinung aus, daß deutſche Forſchungen die beſten und gewiſſenhafteſten ſind


