Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
569
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Lin Beſuch bei Zuſtus Verthes in Gotha.

Von unſerem Berichterſtatter.

Die Behauptung: Deutſchland ſtehe an der Spitze der Intelli⸗ genz, wird von vielen ſogar im Auslande als unantaſtbares Dogma angenommen. Andere jedoch bezweifeln dies und weiſen einer jeden Nation das Gebiet zu, in welchem ſie beſtimmt zu ſein ſcheint, Außerordentliches zu leiſten; und endlich gibt es eine nicht geringe Anzahl von Leuten, ſelbſt in Deutſchland die dieſem Lande bis vor kurzer Zeit noch eine jegliche ſogenannte praktiſche Intelligenz abſprachen. Die zweite dieſer Behauptungen ſcheint mir die allein richtige zu ſein, und glaube ich, daß die letztere nur deshalb ſo lange Zeit ſich aufrecht erhalten konnte, weil unſere großen Schöpfun⸗ gen bisher wenig die Gelegenheit geſucht haben, ſich dem großen Publikum, welches nicht in unmittelbare Berührung mit ihnen kommt, in ihrer ganzen großartigen Entfaltung zu zeigen.

Auf einer Vergnügungsreiſe beſuchte ich die Anſtalt von Juſtus Perthes in Gotha, und obgleich es wohl wenige Leſer gibt, denen die Firma dieſes ausgezeichneten Verlegers fremd wäre, ſo glaube ich mich dennoch nicht zu täuſchen, wenn ich behaupte, daß nur einzelne von ihnen wiſſen, daß dieſe Anſtalt in ihrer Art die größte der Welt iſt und daß ſämmtliche Länder des Globus ihre Tributare ſind. Die nächſt ihr kommende Anſtalt die von Argyll in Edin⸗ burg iſt ungefähr zehn Mal kleiner und unbedeutender.

Nichts macht den Beſucher dieſes ſo Außerordentliches leiſtenden

Etabliſſements darauf aufmerkſam, daß er in eine Art von Heilig⸗ thum trete, von wo aus der geographiſchen Wiſſenſchaft faſt der Weg vorgeſchrieben wird, auf dem ſie in ihren weiteren Forſchungen vor⸗ zuſchreiten habe. Nichts deutet an, daß hier von allen Enden der Welt in der buchſtäblichſten Bedeutung des Wortes die Nach⸗ richten zuſammenfließen, welche für die Kenntniß unſeres Planeten eine ſo hohe Bedeutung haben. Ein ſchönes, mäßig großes Haus mit einigen Hintergebäuden, welches das Aeußere des Fabrikmäßigen mit der größten Sorgfalt vermieden zu haben ſcheint, das iſt die Hülle, welche die mächtige Anſtalt umſchließt.

Die jetzigen Inhaber der Firma Herr Beſſer, ein Neffe von Perthes und Herr Müller, der Vertreter der Witwe des Verſtorbenen B. Perthes, beide Hamburger... von der guten Seite, ich meine bieder und kurz angebunden, aber dabei doch äußerſt höͤflich und zu⸗ vorkommend, empfingen mich und hatten nichts dagegen, daß mir das Etabliſſement gezeigt wurde; jedoch als ich mir von ihnen ſelbſt Aufklärungen darüber erbat, zögerten ſie einige Zeit lang, da, wie ſie mir ſagten, dasAnpreiſen durch die Preſſe ihnen höchſt un⸗ angenehm wäre, und ſie ſchon einige Male deshalb verweigert hätten, derſelben Aufklärungen über ihre Anſtalt zu geben. Ich erwiderte, daß es nicht im geringſten in meiner Abſicht liege, ihnen einen Reclame⸗ artikel zu ſchreiben, daß jedoch das deutſche Publikum am Ende ein Recht dazu hätte, etwas Ausführlicheres über eine deutſche Schöpfung zu hören, um die ſie das ganze Ausland beneidet. Man fügte ſich meiner Bitte, und Herr Beſſer hatte die Güte, mich ſelbſt durch die verſchiedenen Ateliers zu begleiten.

Man weiß, daß das kartographiſche Inſtitut von Juſtus Perthes unter der Leitung eines Mannes ſteht, der ſich zweifelsohne um die Erdkunde ſolche Verdienſte erworben hat, daß er darin als Autorität erſten Ranges zu betrachten iſt. Ich ſpreche von dem allbekannten Dr. Petermann. Zu ihm bat ich Herrn Beſſer, mich zuerſt zu führen, doch er meinte, daß es vielleicht intereſſanter für mich ſein würde, von der Mündung bis zur Quelle zu gehen, d. h. den Druck der Karten zu beobachten und dann erſt der Zeichnung und dem Entwurfe beizuwohnen.

Vielleicht kennt der Leſer die Technik des Kartenſtechens nicht, und es wird ihn intereſſiren, wenn ich ihm darüber einige Aufſchlüſſe gebe, die ihn mit dieſem ebenſo einfachen als genialen Verfahren be⸗ kannt machen. Sobald die Karte gezeichnet aus dem Büreau des Dr. Petermann in die Hand des Stechers kommt, heftet dieſer auf dieſelbe diePauſe. Seit einigen Jahren erſt kennt man dieſes Verfahren, welches den Stich um ſo vieles erleichtert hat. Die ſo⸗ genanntePauſe iſt ein gallertartiges, vollſtändig durchſichtiges Blatt, welches jedoch ſo viel Conſiſtenz beſitzt, daß der Stecher mit einem feinen Stahlſtifte ſämmtliche Linien und Worte der Zeichnung darauf einritzen kann. Sobald die Zeichnung nun auf die Pauſe III. Jahrgang.

copirt iſt, wird letztere entfernt und mit einem feinem ſchwarzen Ruß⸗ pulver beſtreut und dann gleich abgerieben. Auf dieſe Weiſe hat ſich der Ruß nur in den Schrammen, welche die Linien der Zeichnungen vorſtellen, feſtgeſetzt. Man weiß, daß die Platten, auf welche ge⸗ ſtochen werden ſoll, zuerſt mit einem Wachsüberzuge bekleidet werden. Eine ſolche Platte wird nun herbeigeholt und die Pauſe darauf gelegt. Der gelinde Druck einer Walze genügt, um das Wachs dermaßen mit der Pauſe in Verbindung zu bringen, daß, wenn man letztere nach er aufhebt, erſtere den Ruß vollſtändig an ſich genommen hat . und ſo die Zeichnung getreu auf die Platte übertragen iſt.

Man ſieht, wie einfach dieſe früher ſo beſchwerliche Arbeit des Uebertragens einer Zeichnung auf die Platte durch die Pauſe geworden iſt. Jetzt beginnt das Werk des Stechers, welches man zu genau kennt, als daß es einer Beſchreibung bedürfte. Früher wurde die Platte, nachdem ſie aus den Händen des Stechers gekommen, ſogleich dem Drucke übergeben, und obgleich wohl Zuſätze darauf d. h. neue Linien hinzugefügt werden konnten, ſo war es doch ganz un⸗ möglich, Correcturen auf der Platte vorzunehmen, die darin be⸗ ſtanden, etwas zu verändern.

Die Galvanoplaſtik hat in der Kartographie und beſonders im Inſtitute von Perthes eine vollſtändige Revolution hervorgerufen. Die geſtochene Platte wird durch den galvaniſchen Niederſchlag ver⸗ vielfältigt und ſobald eine Correctur eintritt, können die Linien mit Leichtigkeit aus der gewonnenen Matrice herausgehämmert, neue hinein⸗ geſtochen werden, und man erlangt ohne Hilfe des Stechers auf rein chemiſchem Wege und natürlich mit dem 50. Theil des Koſtenauf⸗ wandes von früher eine neue Platte.

Nachdem mir dieſes Verfahren von Herrn Beſſer gezeigt war, ſahen wir dem Drucke einiger Karten des Stielerſchen Handatlas zu, der, durch Handpreſſen bewerkſtelligt, nichts Bemerkenswerthes darbietet. Gleich darauf führte mich mein freundlicher Begleiter in das Atelier, wo dieſe gewöhnlichen Karten der Schulatlanten colorirt werden, und mein Erſtaunen war nicht gering, hier 50 60 junge Mädchen zu finden, welche hinter langen Tiſchen ſitzend, emſig den Pinſel führten.

Nahe an zweihundert junge Mädchen ſinden auf dieſe Weiſe in und um Gotha, jahraus jahrein eine dauernde Beſchäftigung durch das kartographiſche Inſtitut. Sie treten gleich nach der Confirmation ein und verdienen nach einer kurzen Lehrzeit von manchmal nur einigen Wochen ſchon zwei Thaler wöchentlich, was gewiß für die Eltern eine große Erleichterung iſt. Auch dieſer Theil der Thätigkeit des In⸗ ſtitutes iſt ſegensreich, denn die jungen Mädchen werden hier nicht verdorben wie ſo häufig in den Fabriken und finden bei einer an⸗ ſtändigen Beſchäftigung die Mittel, ihr und ihrer Familie Wohler⸗ gehen zu fördern.

Nachdem ich mich einige Zeit hier aufgehalten, wurde ich endlich dahin geführt, wohin es mich am meiſten trieb zu Herrn Dr. Petermann. Obgleich von Geburt ein Thüringer, hat der berühmte Geograph dennoch durch ſeinen langen Aufenthalt in England ganz das Anſehen eines Engländers angenommen. Er muß nahe an vierzig Jahre alt ſein, und ſeit beinahe zwölf Jahren leitet er den kartographiſchen Theil der Anſtalt und gibt das allbekannte Blatt: Petermanns Geographiſche Mittheilungen heraus. Auch bei ihm fand ich die freundlichſte Aufnahme: er iſt ein warmer Freund des Daheim und erzählte mir, daß er nächſtens die Leſer deſſelben wohl überraſchen würde, indem er wahrſcheinlich ihnen einige Details über die weiteren Schickſale des armen deutſchen Pfarrers auf Triſtan da Cunha zu erzählen im Stande ſei, da er von ſeinen vielfachen überſeeiſchen Beziehungen einige Notizen auf ſein Anfragen über ihn zu erhalten hoffe.

Er zeigte mir nun die Art und Weiſe, wie die Karten von ihm entworfen werden. Ein jedes Land der Erde iſt bei ihm durch vine mehrere Fuß hohe und breite Karte vertreten, auf der er regel⸗

mäßig alles Neuentdeckte und Explorirte, ſobald es irgendwo kund

gegeben wird, aufzeichnet. Es ſind dies eine Art von geographiſchen Tagebüchern, welche oft Jahrelang hindurch ohne faßbaren Nutzen

geführt werden, bis die Nothwendigkeit der Karte irgend eines

Weltſtriches ſich zeigt, und ſie dann als Baſis der Zeichnung dienen. 36

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