hinunterhelfen zu können. Glücklicherweiſe war das Dampfboot jetzt zum Abfahren bereit, nahm die Reiſenden auf, und fort ging es durch die blaugrüne Flut. Nach Wäggis, Beckenried, Gerſau im Zickzack über den See; eine oft beſchriebene, unbeſchreibliche Fahrt. Mir wollte der unangenehme Eindruck des fiſchenden Fremden nicht aus dem Sinn, und ich fühlte das lebhafte Bedürfniß, nun auch ein⸗ mal einen Eingeborenen ſiſchen zu ſehen. Meine Blicke hafteten auf einem kleinen braunen Punkte am entfernteſten Ende von Brunnen, dem ſich das Dampfboot jetzt näherte, um anzulegen. Brunnen, der Hafen von Schwyz, nicht weit vom Ausfluß der Muotta, iſt die letzte Station vor Flüelen, wo der See ſich verengt und dann um den Vorſprung des Seelisberges nach Süden wendet. Der kleine braune Punkt am Ufer vergrößerte ſich und ward ſchon erkennbar, es war das auf Pfählen erbaute Häuschen des Drechslers.„Lebt denn noch in Brunnen ein Aufdermaur?“ fragte ich den Capitän.„Das Geſchlecht der Aufdermaur iſt groß im Lande Schwyz,“ erwiderte ſtolz der andere,„welcher ſoll es denn ſein? Da gibt es zum Bei⸗ ſpiel in Brunnen einen Uhrmacher und Holzhändler, einen Holz⸗ händler und Elfenbeinſchnitzer, einen...“„Nein, ich meine einen Drechsler und Fiſcher.“—„Das iſt der ebengenannte Holzhändler und Elfenbeinſchnitzer in derſelben Perſon und ein Zwillingsbruder des erſten. Ja, der lebt noch, iſt friſch und geſund, übrigens auch noch gar nicht alt, und fängt noch immer die größten Hechte im See und die meiſten Forellen. Caspar heißt er, in Brunnen kennt ihn jedes Kind.“—„Nun, das iſt mir lieb, ich ſteige hier aus, nach Flüelen komme ich wohl ſpäter.“
Mein erſter Beſuch galt natürlich dem Fiſcher.„Können Sie ſich denn gar nicht mehr auf die Palette beſinnen, die Sie vor ſieben Jahren einem Landſchaftsmaler reparirten, der ſich hier wochenlang aufhielt mit noch drei anderen Schülern von Calame?“—„Nein, gewiß nicht, ich mache ſo viele wieder heil, da kann man nicht jedes Stück behalten. Calame kannte ich wohl, der iſt oft genug in Brun⸗ nen geweſen und ſtand auch, wo Sie jetzt ſtehen, bei mir im Zimmer; aber ſeine Schüler? Jedes Jahr kommen andere, davon muß es wohl ſo viel geben, wie Forellen im See, wer kennt die alle?“ Der dünne Faden, an dem ich die alte Bekanntſchaft wieder aufnehmen wollte, war leider zerriſſen, und ſo mußte ſie neu geknüpft werden, wie jede andere.„Freilich, was die Fiſche betrifft, wäre es zu viel verlangt, wenn Sie alle kennen ſollten, aber Sie machen doch Bekanntſchaft mit vielen und könnten mich als Fremden einmal einführen in die ſtille Geſellſchaft.“—„Wenn Sie mit mir fahren wollen zum Fiſchen, ſo ſind Sie willkommen. Es iſt allerdings nicht mehr die Jahreszeit, wo ein reicher Fang in Ausſicht ſteht, heute zumal iſt das Wetter ganz ungünſtig, aber wenn es Ihnen Ernſt iſt, bleiben Sie doch wohl einige Tage hier, und dann ſollen Sie genug zu ſehen bekommen, um zu Hauſe erzählen zu können, wie man im Vierwaldſtätterſee fiſcht. Die Zeit werden Sie ſchon ausfüllen, einer, der zeichnet und malt, kann ſich in Brunnen nicht langweilen. Fiſchen Sie denn auch in Ihrer Heimat? Wo leben Sie denn? Mit der Angel oder mit Netzen? Was für Fiſche gibt es dort? Was gebrauchen Sie als Köder?“—„Bei uns fiſcht man in der Elbe und Alſter, denn ich wohne in Hamburg, und nicht weit davon in der Nordſee und Oſtſee, aber es iſt lange her, ſeit ich ſelbſt zum letztenmale fiſchte; das war in der Gardampe, einem kleinen Flüßchen im mittleren Frankreich, da fing man Brachſen mit reifen Weinkirſchen, Schleien und Aale mit Maulwurfsgrillen, und Karpfen mit gekochten großen Bohnen.“— „Davon habe ich niemals gehört, aber jedes Land hat ſeine Weiſe und jeder Fiſcher ſeine beſonderen Kunſtgriffe, es mag wohl ſo ſein. Ich gebrauche meiſtens die ſelbſtgemachten Fiſche, die Sie hier liegen ſehen, beſonders zum Forellenfange; die größten ſind gut für Hechte, doch ich fange auch Hechte mit lebenden Fiſchen.“—„Wie denn das, mit lebenden Fiſchen?“—„Ja, Sie denken, das ſei eine arge Thier⸗ quälerei! ein Vergnügen iſt es gewiß nicht für die Thiere, aber doch wohl nicht ſo ſchlimm, wie Sie glauben. Es gibt hier eine Art von Fiſchen, man nennt ſie Naſen, die ſind nicht ſchmackhaft und wenig geſchätzt, dabei häufig und leicht zu fangen; von dieſen nehme ich einen und umwickle ihn mit feinen Schnüren ganz vorſichtig, verletzt darf er gar nicht werden, aber den ganzen Leib um und um, ſo daß er ſich durch keine Bewegung befreien kann oder verwunden. An den Schnüren, die ihn umgeben, ſind ſtarke Angelhaken befeſtigt, aus⸗ wärts gekehrt, neben den Floſſen, unter dem Maule, nach oben und herea und allen Seiten. In der Mitte des Rückens wird er dann
567
an eine lange Angelſchnur gehängt, die ihm im Waſſer noch einen ziemlichen Raum zum Schwimmen gewährt, die Schnur ſteht mit einer Glocke in Verbindung, welche aber der ausgehängte Fiſch durch ſeine eigene Kraft nicht in Bewegung ſetzen kann. Nun iſt er ein gefährlicher Biſſen geworden, und der Hecht, welcher ſich verleiten läßt, nach ihm zu ſchnappen, kommt nicht wieder los, trotz all ſeiner Kraft; er macht aber ſo verzweifelte Anſtrengungen, ſich zu befreien, daß er die Glocke läutet, bis ich hinauskomme, um ihn zur Ruhe zu bringen.“—„Dieſer wenig geſchätzte Naſen iſt alſo, was die Franzoſen ein enfant perdu nennen und wir einen verlorenen Poſten. Sehr bequem iſt die Einrichtung wirklich. Wie lange hält es denn ſo ein Fiſch wohl aus, an der Angel zu ſchwimmen?“—„O, der befindet ſich— ſo wohl, wie ein Fiſch im Waſſer, wenigſtens den Umſtänden nach wohl, zehn bis zwölf Tage bleibt er munter, aber ſo lange darf es nicht dauern. Früher war es noch bequemer. Drüben in dem kleinen Häuschen hatte ich Nachts gewöhnlich dieſe Hechtangel ausge⸗ hängt, und die Leitung ging hier herüber bis in meine Wohnung. Die Fiſcherei betrieb ſich ganz von ſelbſt, ich mochte wachen oder ſchlafen. Wenn Nachts die Glocke über meinem Bette läutete, ſtand ich auf, ging hinaus und holte mir meinen Hecht. Seitdem hat der Bau der neuen Axenſtraße, die hier vorbeiführt, beide Häuſer ge⸗ trennt und mir die Verbindung geſtört. Ich werde eine Telegraphen⸗ ſtange als Anhaltspunkt benutzen müſſen und quer herüber die Lei⸗ tung wieder herſtellen, wie ich es ſonſt gewohnt war. Wenn Sie ſeit ſieben Jahren nicht hier waren, werden Sie manches Neue finden. Brunnen hat ſich ſehr verändert ſeit 1859; wir haben zwei ſchöne Uferſtraßen bekommen, die eine iſt kaum vollendet, ſie führt nach Gerſau und die andere um den kleinen Axen nach Flüelen. Die Axenſtraße ſollten Sie ſich anſehen, ſie iſt eine der ſchönſten in der Schweiz, ganz am Abgrunde entlang in die Felſen geſprengt, viermal geht ſie durch den Berg, der letzte Tunnel iſt 200 Schritte lang.“— „Ja, ich habe,davon geleſen, es ſoll dort ganz vor kurzem ein eng⸗ liſcher Maler bei ſeiner Arbeit verunglückt ſein.“—„Ganz recht, er wohnte ſeit einiger Zeit in Brunnen. Die Unglücksſtelle können Sie von hier aus ſehen. Gewiß iſt er aufgeſtanden und wollte einige Schritte zurücktreten, um ſein angefangenes Bild aus etwas größerer Entfernung zu betrachten, wie die Maler zu thun pflegen, und da er ſich ganz am Rande des Abgrundes ſeinen Sitz gewählt hatte, auf einem kleinen, halbkreisförmigen Vor⸗ ſprunge außerhalb der Brüſtung des Weges, ſo wird er rückwärts gehend, die Augen auf ſeine Arbeit gerichtet, unmittelbar an der ſenk⸗ rechten Wand hinabgeſtürzt ſein. Alle Nachforſchungen im See ſind vergeblich geweſen, man hat die Leiche nicht wiedergefunden.“— „Bei dem traurigen Ereigniß iſt mir dieſes ſpurloſe Verſchwinden doch unerklärlich, der Gletſcher ſelbſt behält ſeine Opfer nicht, und das Waſſer bringt ſie gewöhnlich ſchon nach wenigen Tagen wieder an die Oberfläche.“—„Der Gletſcher behält ſie nicht, das iſt wahr, es können zehn Jahre und mehr darüber hingehen, wenn der Verun⸗ glückte in eine tiefe Eisſpalte ſtürzte, doch bringt er, was übrig iſt, wieder herauf; mit dem Waſſer iſt es anders, unſer See behält, was er hat, und die Ertrunkenen ſind für immer verloren. Sie werden auch keine todten Fiſche am Ufer bemerken.“
Während dieſes Geſpräches hatte ich Zeit gehabt, allerlei zier⸗ liche Sachen zu betrachten, welche die Wände des Zimmers ſchmückten oder halbfertig noch auf dem Arbeitstiſche lagen. Wenn die Aus⸗ führung der künſtlichen Fiſche auf den erſten Blick Geſchmack und eine geſchickte Hand verrieth, ſo waren hier Sachen von wirklichem Kunſtwerth. Neben Drechslerarbeiten lagen geſchnittene Steine, vertieft und halb erhaben, Holz⸗ und Elfenbeinſchnitzereien, vor allem aber ein kleines Portrait in Elfenbein von vorzüglicher Charak⸗ teriſtik.
„Dies alles arbeiten Sie ſelbſt, wie ich ſehe, ohne Ihre Ideen aus Akademien und Muſeen zu holen, ich hätte mir nicht träumen laſſen, ſo etwas in Brunnen zu finden. Aeußere Anregung haben Sie hier gewiß wenig. Es muß eine wahre, innere Befriedigung darin liegen, ſolche Arbeiten aus eigener Kraft ſchaffen zu können, und dieſe Vielſeitigkeit iſt ganz erſtaunlich. Man ſagte mir, daß Sie auch Holzhändler ſeien. Als Fiſcher, Drechsler und Elfenbein⸗ ſchnitzer kenne ich Sie bereits, nun möchte ich gerne noch in die Eigen⸗ thümlichkeit Ihres Holzhandels eingeweiht werden, denn nach dem, was ich von dem übrigen ſah, vermuthe ich, daß es damit auch ſeine beſondere Bewandtniß hat.“
3 .


