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ein neues Buch, ein neues Lied, Blumenſamen für ihren Garten, aber wenn er glaubte, mit dieſen Aufmerkſamkeiten die geheimnißvollen Schatten von ihrem Geſichte zu bannen, ſo irrte er, ſie warden im Gegentheil immer dunkler und die ſonnigen Lichtblicke immer ſeltener. Nicht als ob in ihrem ſtets gleich milden, gleich feinfühlenden Weſen ſich eine Spur von Laune oder Unfreundlichkeit geltend gemacht hätte, aber dies tief innerliche Unbehagen, das ſich ihren Zügen mittheilte, wuchs unerklärlicherweiſe, je mehr er ſich bemühte, es zu zerſtreuen, und je mehr er ihr zu erſetzen ſuchte, was ihr natürlicher Beſchützer ihr an Zartheit, Rückſicht und Fürſorge fehlen ließ.
So hatten denn ſeine ernſten und beſten Bemühungen keine an⸗ dere Folge, als daß ſich ihre Seele wie eine Senſitive unter der Be⸗ rührung leiſe und feſt zuſammenzog und ſein ganzer Advocatenſcharf⸗ ſinn an dieſem Sphinxräthſel einer Frau ſcheiterte. 3
Eine eben ſo eifrige, nur nie zu berechnende und höchſt unregel⸗ mäßige Beſucherin,— denn ſie kam überraſchend zu allen Tageszeiten und fiel wie der Blitz plötzlich in den kleinen Kreis ein— war die theilnahmsvolle Tante. Es blieb eine höchſt ſonderbare Thatſache, daß man ſie niemals kommen hörte, ſondern, daß ſie plötzlich, wie ein Geiſt auf dem Theater, aus der Erde zu wachſen ſchien, an Orten, wo man ſie am allerwenigſten vermuthete, und daß ſie wiederholt beim Oeffnen einer Thür in einer Stellung befunden wurde, die, wenn es bei einer ſo würdigen alten Dame denkbar geweſen, ſie in den Ver⸗ dacht des Horchens hätte bringen müſſen. Eine zweite bemerkens⸗ werthe Thatſache war, daß ihre Melancholie um den verſtorbenen Gatten eine bittere Beimiſchung erhielt. Stundenlang konnte ſie in räthſelhafter Weiſe über die Ungerechtigkeit des Schickſals, über die Verderbtheit der Welt und das Unglück allzu mitleidiger Herzen
ſprechen, ohne, wie früher, ihrer Bewunderung freien Lauf 2 liſſen. chluß fogt 7 7 pe.eſe. ‿ 3 2„ 2— 1* 7—*
Schweizeriſche Verkehrs- und Sulturbilder.⸗‿sf-—— h*
Caspar Aufdermaner, der Forellenfiſcher.
IV.
Es war im Sommer 1859, als ich zuerſt in Brunnen weilte, um landſchaftliche Studien zu machen mit noch drei Landſchaftsmalern, alle Schüler Calames. Drüben den Seelisberg, Urirothſtock und jede Zacke des hohen Gebirges bis zum fernen Briſtenſtock begrüßten wir als alte Bekannte, obgleich wir ihnen zum erſtenmale gegenüber⸗ ſtanden. Was wir im Winter copirt hatten nach den Studien des Meiſters, baute ſich hier in Wirklichkeit vor uns auf. Es ſollte eigentlich keiner die Berge wieder malen, die Calame zu ſeinen ſchön⸗ ſten Bildern begeiſterten, ſie werden noch lange ſtehen, bis einer kommt, der es beſſer macht. Aber wir dachten anders und ruhten nicht, bis jeder ſeinen Urirothſtock in der Mappe hatte. Eines Tages zerbrach mir bei der Arbeit die Palette. Das war ein böſer Unfall. In zwei Hälften mitten durchgeſpalten war ſie völlig unbrauchbar. Dieſe eine hatte ich nur, federleicht, und ſie war ſo handlich!„Sollte denn niemand in Brunnen ſein, der ſie wieder herſtellt?“ fragte ich den Wirth,„es iſt aber eine eigene Sache und muß ſehr geſchickt ge⸗ macht werden.“—„Ci gewiß haben wir einen Mann, der das kann, und wenn die Arbeit auch noch ſo geſchickt gemacht ſein will. Dort in dem letzten Hauſe am See wohnt mein Namensvetter, auch ein Aufdermaur, der Drechsler und Fiſcher, der wird Ihnen wohl helfen.“ Ich traf den Drechsler nicht in ſeiner Wohnung, aber in einem nahe bei derſelben auf Pfählen erbauten Häuschen am See. Er ſtand am Tiſche vor einem Gewirre von Angelſchnüren und allerlei ſeltſamem Geräth, und verfertigte künſtliche Fiſche von Perlmutter, wunder⸗ hübſche Thierchen mit Glasaugen, die Schuppen gravirt. Der kleine Caspar, ſein acht- oder neunjähriges Söhnlein, ſaß am Tiſche und zeichnete. Nachdem ich dem Vater mein Anliegen vorgebracht und noch eine halbe Stunde verplaudert hatte, um mir die Art der Ver⸗ fertigung und den Zweck der künſtlichen Fiſche beſchreiben zu laſſen, ging ich ſehr befriedigt nach Hauſe mit der Ueberzeugung, meine kranke Palette einem vortrefflichen Arzte in die Kur gegeben zu haben. Am folgenden Tage erhielt ich ſie wieder; tadellos waren die beiden Hälften an einandergefügt, ſie dient mir noch heute. Hätte ich da⸗ mals Augen und Sinn gehabt für etwas anderes, als landſchaftliche Schönheiten, ſo würde dieſe kurze Begegnung wohl der Anfang einer genaueren Bekanntſchaft geworden ſein, ſo aber war ich herzlich froh, meiner Arbeit wieder nachgehen zu können, und reiſte nach einem
Die Hauptbeſchäftigung ihres Lebens blieb indes die Berbſreng der beiden Schatten. Mochte der Advocat Lucy vorleſen oder mit ihr vierhändig ſpielen, oder auf⸗ und abgehend neue Arrangements des Gartens beſprechen, immer ſtand ſie im Hintergrund und ſah die beiden Schatten Linie um Linie, Zoll um Zoll ſicher und unfehlbar dem dunklen Fleck näher rücken.
Von dieſen Vorgängen in ſeinem Hauſe hatte der Herr deſſel⸗ ben keine Ahnung. Wie hätte er auch Muße gewinnen können, auf ſo geringfügige Gegenſtände zu achten, zu einer Zeit, wo ſeine ganze Aufmerkſamkeit von einem Project in Anſpruch genommen wurde, das alle bisherigen Erfolge übertreffen ſollte, und ſeinem Ehrgeiz ein weites Ziel, ſeiner Thätigkeit eine unbegrenzte Laufbahn öffnete. Es handelte ſich um den Bau eines großen Krankenhauſes. Viele Aerzte hatten ihre Pläne und Gutachten abgegeben, aber er hatte ſie mit ſeinen practiſchen, allen Bedürfniſſen entſprechenden Entwürfen über⸗ ſtimmt, ſelbſt die Architecten hatten nur wenig Theoretiſches an den Ausführungen des berühmten Mannes zu ändern und konnten in den meiſten Fällen ganz nach ſeinen Angaben handeln.
So ſollte denn in nächſter Zeit der Grundſtein gelegt werden. Mit welcher Genugthuung blickte Arthur auf dies ſein eigenſtes Werk, mit welchem Eiſer baute er in Gedanken an dieſem unver⸗ gleichlichen Gebäude! Von dieſer Anſtalt aus, welche das Welt⸗ muſter aller Heilanſtalten und ſeiner ſpeciellen Sorge übertragen werden ſollte, mußte ſich ſein Ruf über den Continent verbreiten. Jetzt endlich, ſagte ſich der raſtloſe Doctor, werde ich etwas leiſten, was nicht proviſoriſch, etwas, woran die folgenden Decennien nicht Hand anlegen, etwas, um deſſentwillen es ſchon der Mühe lohnt, ge— lebt zu haben.
fünfwöchentlichen Aufenthalte von Brunnen ab, ohne den kunſtfertigen Aufdermaur noch einmal beſucht zu haben.
Im vergangenen Jahre war ich wieder am Vierwaldſtätterſee. In Luzern hatte ich mein Billet gelöſt nach Flüelen und verwendete die zehn Minuten, die mir noch bis zur Abfahrt des Dampfbootes blieben, dazu, am Quai auf und abzuſchlendern, in kritiſcher Betrach⸗ tung der eleganten Reiſetoiletten, die hier einen wunderbaren Glanz entfalteten. An der Brüſtung des Quais zog ſich eine ununter⸗ brochene Kette entlang von ſiſchenden Herren. Fiſcher von der fein⸗ ſten Sorte, meiſtens Engländer, die in Handſchuhen fiſchten. Wenige fingen etwas, obgleich ſie faſt alle ein vorzügliches Angelgeräth be⸗ ſaßen; eigentlich nur ein einziger, ein würdiger Herr, mit ſchnee⸗ weißem Haupthaar und Backenbarte bei roſiger Geſichtsfarbe. Die feine Angelſchnur, mit der er arbeitete, theilte ſich am Ende in drei oder vier faſt unſichtbare Fäden, von denen jeder ſeinen beſonderen Angelhaken und ein winzig kleines, künſtliches Inſect als Köder trug. Während er ſich mit einigen Damen ſeiner Bekanntſchaft unterhielt, warf er unabläſſig die Angel aus und zog ſie in der Regel augen⸗ blicklich wieder auf mit zwei oder drei zappelnden Fiſchlein daran, die in demſelben Augenblicke, wo die Inſecten das Waſſer berührten, gleichzeitig angebiſſen hatten. Ohne im geringſten den Fluß ſeiner Rede zu unterbrechen, löſte er dann die gefangenen Fiſche von der Angel mit ſehr viel Sorgfalt für ſeine feinen Angelhaken und ſehr wenig für die verwundeten Thiere, um ſogleich im prachtvollen Schwunge die Schnur wieder auszuwerfen. Die gefangenen Fiſche ließ er mit vornehmer Gleichgültigkeit wieder zurück ins Waſſer fallen. Nicht, als ob die Fiſche ihm zu klein geweſen wären, größere konnte er mit dieſer Angelſchnur überhaupt nicht fangen, das lag auch gar nicht in ſeiner Abſicht, das Ganze war nur, um auf dieſe un⸗ eigennützige Weiſe möglichſt viel Zeit und Fiſche zu tödten. Die armen Thierchen verſuchten noch eine Weile zu ſchwimmen, aber nicht lange, bald legten ſie ſich auf die Seite und ſtarben an der Wunde; in weiten Kreiſen ſchaukelten die kleinen Leichen auf den Wellen, und der lächelnde Mörder fügte immer neue hinzu.
Ach wüßteſt du, wiees Fiſchlein iſt Du ſtiegſt h wie du biſt So wohlig auf dem Grund, Und würdeſt erſt geſund. Das fiel mir dabei ein, und ich bedauerte beinahe, ihm nicht ſogleich 8
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