Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
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läng aufgegeben hat und allgemein als ein ſehr geſchickter Advocat

gerühmt wird.

Sie entſann ſich ſeiner ſehr gut, ſie bat ihn, ihr von ihm zu er⸗ zählen, ſie freute ſich, daß er einem ſo lieben, alten Freunde begegnet.

In dem Hauſe eines meiner Patienten, wo er viel verkehrt, ſah ich ihn zuerſt wieder, fuhr der Doctor fort.Es war mir das anfänglich peinlich, denn wir hatten bei unſerem Scheiden einen ern⸗ ſten Conflict gehabt, aber eine verwickelte, geſchäftliche Angelegenheit mit meinem Banquier, deſſen Anwalt er war, und wo er mir durch ſeinen Scharfblick und ſeine gewiſſenhafte Unparteilichkeit einen großen Dienſt geleiſtet, hat mich ihm verbindlich gemacht. Das Lange und das Kurze der Sache iſt, daß ich ſeitdem mit ihm öfter verkehrt und ihn zum nächſten Sonntag zu Tiſch geladen habe.

Und iſt Dir dieſer Verkehr nach dem Vorgefallenen in keiner Weiſe peinlich und unangenehm?

Mein Himmel, Lucy, was in der Welt ſollte mich denn dazu zwingen, wenn er mir unangenehm wäre?

Der Grund war einleuchtend, er ſah nicht aus, wie ein Mann, der ſich durch irgendwelche Rückſicht zwingen ließ, und ſie ſchwieg, wenn auch nicht alle ihre Beſorgniſſe beſchwichtigt ſchienen.

Nun, Max, ſagte der Dector, ſich an den Knaben wendend, was machen Deine Arbeiten? Biſt Du auch fleißig, daß Du mal ein gelehrter Mann wirſt?

Mein Lehrer war heute zufrieden mit mir, Papa, aber Mama hat auch meine Aufgaben überhört und mitgelernt, bis ich ſie konnte.

Ich glaube, es iſt jetzt Zeit für Dich, zu Bett zu gehen, ſagte der Doctor.

Ohne ein Wort der Erwiderung ſtand der kleine Knabe auf, richtete ſein ernſtes Geſicht empor, reichte ihm das kleine Händchen

und ſagte:Gute Nacht, Papa.

Gute Nacht, Max.

Der Doctor war ſchon längſt wieder zu ſeinen Arbeiten zurück⸗ gekehrt, als ein Freudenſchrei des Knaben ihn aufſchauen ließ. Auf ſeinem Stühlchen ſtehend hatte der kleine Schelm das blaue ſeidene Band, welches die Haare ſeiner Mama zuſammenhielt, behutſam ge⸗ löſt, um ihre Schultern geſchlungen und hinten an der Lehne des Seſſels befeſtigt.

Jetzt bin ich König Alexander, Mama, rief er jubelnd,von dem Du mir neulich erzählt,und Du der beſiegte Darius.

O Max, das iſt keine offene, ehrliche Fehde, das iſt Hinterliſt, büſes Kind, und der beſiegte König wird ſeine Schmach ſpäter rächen. 4

In den immer weichen Klang ihrer Stimme miſchte ſich ein ſo inniger, heller Ton, wie ihn aus dieſem Munde wohl noch kein an⸗ deres Ohr vernommen, und die großen Augen leuchteten und ſtrahl⸗ ten, als ſie auf ihrem Liebling ruhten, in einem fremden, wunder⸗ baren Glanz. Den Kopf mit unnachahmlicher Grazie ein wenig nach hinten geworfen, beinahe bis zur Taille in eine Flut blonder Locken gehüllt, die rothen Lippen zu einen Lächeln getheilt, die kleinen weißen Hände muthwillig bittend gefaltet, mit einem unſagbar ſonnigen Ausdruck in Haltung, Blick und Geberde, war das junge Weib ihrer ſonſtigen Perſönlichkeit gerade ſo ähnlich, wie ein farbenglühender Tizian den ſtillen, blaſſen Holbeinſchen Madonnen.

Ich werde Dich freigeben, wenn Du mir Löſegeld zahlſt,

5 Mama, rief der Knabe.

Uud was verlangt denn mein geſtrenger Herrſcher?

Eine neue Geſchichte morgen und ein Dutzend Küſſe gleich.

Das ſind harte Bedingungen, Majeſtät, aber dem Beſiegten ziemt es nicht, ſie zu tadeln. So verſpreche ich denn feierlich die Ge⸗ ſchichte für morgen und bitte, aber nicht gar zu ungeſtüm, die Küſſe ſich zu nehmen.

Das ſonnige Ebenbild ihres eigenen ſonnigen Geſichts neigte ſich über ſie, und ein blühender Kindermund drückte auf Stirn und

Augen, Lippen, Wangen und Locken ſeine zärtlichſten Küſſe.

Gnade, Max, Gnade!

Dann wurde das Band gelöſt und dem beſiegten Könige ge⸗ ſtattet, ſeinen Oberherrn zu Bette zu geleiten.

Die Tritte der Fortgehenden waren längſt verhallt, aber die kritzelnde Feder ſchwieg noch immer. Müßig ſchaute der, der ſie führte, zur Decke empor, als ſtände in den vielfach verſchlungenen Arabesken ihrer Stukkaturarbeit die Löſung des Räthſels geſchrieben,

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über das er nachdachte. Was war das für ein Ausdruck, der auf ihrem Geſichte gelegen, und warum war er ihm nie begegnet? Was hatte jenes ſtrahlend ſchöne Weib, das er eben geſehen, mit der Frau gemein, deren ernſter, ruhig freundlicher Blick ſich ſeit acht Jahren gleich geblieben? Welches Mittel hatte denn ſein Kind, den blaſſen Wangen Farbe, den Augen ſolchen Glanz und der Stimme dieſen eigenen Klang zu geben?

Laß ab, weiſer und gelehrter Doctor, laß ab, armer blinder Mann, einem Geheimniß nachzugrübeln, das hoch über deinem Wiſſen und Verſtändniß ſteht, einem Geheimniß, das durch kein Studium, keine Arbeit gelöſt werden kann, aber ohne welches die Welt eine tönende Schelle wäre, und wo du, um es zu faſſen, von deinem Kinde ler⸗ nen müßteſt, laß ab, laß ab!

Der Aufſatz für die mediciniſche Zeitung, an dem er arbeitete, kam heute nicht weiter. Wenn der Doctor an dem begonnenen Satz fortfahren wollte, drängte ſich jedesmal eine Flut blonder Locken zwiſchen die Zeilen, und einmal ertappte er ſich, wie er im Begriff warGnade, Max, Gnade zu ſchreiben.

Die Woche verging, und der Sonntag mit ſeinem angekündigten Beſuch kam. Außer und vor dem jungen Advocaten erſchien noch die einzige entfernte Verwandte des Doctors, eine alte Dame, welche vor vierzig Jahren das Unglück gehabt hatte, nach kurzer Ehe ihren Gat⸗ ten, den Rath Wiegand, zu verlieren, und ſeit dieſer Zeit an einer chroniſchen Melancholie litt, die ſie freilich nicht verhinderte, alles⸗ was um ſie vorging, ſcharf zu beobachten und je nach der Lage der Dinge zu bewundern oder zu bemitleiden.

Es iſt das Unglück eines weichen Herzens, pfl⸗gte ſie zu ſagen,in der Seele anderer Menſchen zu leben und zu leiden. Seit⸗ dem das Intereſſe an meinem eigenen Daſein im Grabe raht, gehe ich gänzlich in andern auf.

Meine theure Lucy, rief Frau Räthin Wiegand, noch ehe ſie halb zur Thür herein war,was für ein entzückendes Haus doch das Eure iſt! Noch jedesmal, wenn ich komme, freue ich mich darüber, hier war ſie ganz eingetretenund was für ein prachtvolles Kleid Du heute angezogen, meine Liebe, blau, Deine Lieblingsfarbe, und wie ſchwer die Seide iſt! Biſt Du auch da, mein Mäuschen? Gott, wie das kleine Herzchen wächſt, ganz ſein Vater, ja wirklich ganz ſein Vater!

Die Leute pflegen ſonſt zu ſagen, Max ſähe mir ähnlich, Tante.

Wirklich, ſagen ſie das? Aber ſie irren ſich, ſie alle kannten Deinen Mann nicht, wie ich ihn kannte, als er ein ſo kleiner Knabe war wie jetzt Max, und ein ſo herziges Kind war, wie er jetzt ein großer, berühmter Mann iſt. Nur ſtärker iſt er immer geweſen, noch einmal ſo ſtark und kräftig, wie unſer armes, zartes Mäuschen, ſagte die Frau Räthin, indem ſie theilnahmsvoll den Kopf auf die rechte Seite neigte und die Augen halb ſchloß.

Du findeſt ihn doch nicht krank ausſehend?

Nicht gerade krank, liebe Lucy, aber zart, ſehr zart, ſagte die alte Dame, glücklich einen Gegenſtand für ihr Mitleid gefunden zu haben,und ich würde ihn in Deiner Stelle ſehr hüten, auch nicht mit zu vielem Lernen plagen. Doch das alles wird Dir ſchon Dein Gatte ſagen, dieſer aufopferndſte aller Menſchen wo iſt er nur?

Noch ehe die Frage beantwortet werden konnte, öffnete ſich die Thür, und der Betreffende erſchien an der Seite eines jungen Man⸗ nes, deſſen Geſicht, wenn es auch nicht ſo ſtolz und regelmäßig wie das des Doctors war, dafür den Ausdruck offener, herzlicher Güte an ſich trug.

Gaädige Frau, ſagte der Ankömmling, ſich tief vor Lucy verbeugend,ich weiß nicht, ob Sie ſich noch einer Zeit erinnern, wo ich das Glück hatte, Sie kennen zu lernen und öfter zu ſehen, aber ich weiß, daß dieſe Zeit für mich in dieſen langen Jahren immer eine ſchöne Erinnerung geweſen iſt.

Sie thun mir Unrecht, Herr Wentzel, wenn Sie an meinem Gedächtniß zweifeln, es war im Hauſe meiner Couſine, wo ich Sie zuletzt ſah, und ich freue mich herzlich, Sie in dem unſeren begrüßen zu können.

Ach Fräulein, ich wollte ſagen, gnädige Frau, verbeſſerte ſich hocherröthend der Advocat, indem er ſich zu Max niederbeugte,welch ein lebendiges kleines Conterfei Ihres Angeſichts.