Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
564
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Es lag zu viel Zärtlichkeit für einen ſo fernen Bekannten, der das Kind noch nie geſehen, in der Handbewegung, mit der er ſein Haar ſtreichelte, wenigſtens fand das Frau Räthin Wiegand, welche bei dem erſten Ton ſeiner Stimme ihre ſcharfen Augen auf die beiden gerichtet hatte und ſie für den Reſt des Tages nicht mehr abwandte.

Man ſetzte ſich zu Tiſch, und dem neuen Gaſt machten ſich bald die zwei verſchiedenen geiſtigen Strömungen bemerkbar, welche die Häuslichkeit durchdrangen und, ohne zu einer Harmonie gelangen zu können, ohne ſich ein Atom von ihrer Eigenthümlichkeit mitzutheilen, wie zwei ſcharf begrenzte Regionen neben einander beſtanden. Dieſe Verſchiedenheit verrieth ſich ſelbſt in der äußern Umgebung, denn ſo ſyſtematiſch, ſo unverrückbar, ohne das Bedürfniß einer Ver⸗ ſchönerung, ohne die Andeutung einer Liebhaberei, die Möbel und Geräthſchaften in den Zimmern des vielbeſchäftigten, mit ſeinen Ge⸗ danken nie heimiſchen Doctors ſtanden, eben ſo anmuthig verkündeten tauſend kleine Embleme und ſtille Zeichen der Weiblichkeit in ihren Räumen den liebenswürdigen, alles durchdringenden Einfluß der Herrin des Hauſes. Dieſe Herrin des Hauſes war für Eugen ein Gegenſtand merkwürdigen und ſchmerzlichen Intereſſes.

Es war, wenn auch etwas bleicher, doch daſſelbe ſchöne Geſicht, welches er vor acht Jahren geſehen, dieſelben anmuthigen Züge, an denen die Zeit ſchonungsvoll vorübergeſchritten, aber das natürliche Spiel derſelben war durch eine künſtliche Ruhe dergeſtalt unterdrückt und abgeſchloſſen, daß es ihm den Eindruck machte, als bewege ſie ſich beſtändig unter irgend einem geheimen Zwang und ſuche etwas vor ven Blicken anderer zu verbergen. Ueber die Natur dieſes Etwas konnte er allerdings nicht ins Reine kommen, aber es war einmal da, und lag wie ein dunkler Hauch auf dem ehemals ſo ungetrübten Spiegel ihres Angeſichts. Das Geſpräch drehte ſich um die Ereig⸗ niſſe der lezten acht Jahre. Eugen erzählte von ſeinen Reiſen und intereſſentten Erlebniſſen, er ſprach auch von England, wo er geweſen ond hatte die Befriedigung, über das ſtille Geſicht ſeiner Zuhörerin ein gewiſſes Intereſſe ziehen zu ſehen.

Waren Sie nicht mehr ſeit Ihrer Verheirathung dort, gnädige Frau? fragte er.

Nein, wie ſollten wir bei ſo wenigen Beziehungen wohl eine ſo weite Reiſe unternommen haben, aber ich höre gern davon, denn es geht mir mit meinem Vaterlande wie mit ſo vielen Dingen, erſt wenn wir ſie verloren, ſehen wir, wie theuer ſie uns ſind.

Aber wo bringen Sie denn immer die unerträgliche Sommer⸗ zeit zu? fragte er, wohl mehr mit dem Beſtreben, ſie zum Sprechen zu bringen, als aus Neugier.

Hier, erwiderte ſie ruhig.

Immer hier bei Ihrer Antipathie gegen große Städte?

Mein Mann iſt durch ſeinen Beruf ſehr gebunden, erwiderte ſie ausweichend.

Und Du äußerteſt auch nie, Lucy, ſagte dieſer, ſich in das Geſpräch miſchend und ſie verwundert anſehend,daß Du es wünſch⸗ teſt, ebenſo wenig, wie Du Deine Antipathie zeigteſt, oder irre ich mich, hätteſt Du je davon geſprochen?

Der gezwungene Ausdruck ihrer Mienen wurde noch gezwunge⸗ ner, als ſie mit niedergeſchlagenen Augen, aber unverändert freund⸗ licher Stimme erwiderte:

Nein, mein Freund, Du haſt ganz Recht, ich ſprach nie davon und dachte auch wohl kaum daran.

Frau Räthin Wiegand, welche mit Ungeduld den Augenblick ab⸗ wartete, wo ſie zu Wort kommen könnte, riß hier die Unterhaltung an ſich, begann mit ihrer Bewunderung für die bewunderungsvolle Thätigkeit des bewunderungswürdigen Mannes, welcher immer nur an die Menſchheit und nie an ſich ſelbſt denke, der in all dieſen Jah⸗ ren nur aus wiſſenſchaftlichen Zwecken, aber nie zu eigener Erholung Reiſen gemacht, der das Wort Erholung überhaupt nicht kenne, hier war ſie genöthigt, ſich einige Augenblicke Athem zu gönnen, und da man das Deſſert beendet und ſich erhob, kamen ihre Zuhörer um den bewunderungswürdigen Reſt.

Sie ſpielen und ſingen doch immer noch, gnädige Frau? ſagte der Advocat, auf einen Flügel deutend, welcher in Lucys Zimmer ſtand, in das man ſich begeben hatte, um den Kaffee einzunehmen.

Ein wenig, aber nie vor andern, ſagte ſie haſtig.

Ach, Arthur, hier mußt Du zu großer Beſcheidenheit zu Hilfe kommen, ich kenne von früher her das wirklich bedeutende muſikaliſche Talent Deiner Gattin und würde mich wahrhaft freuen, wenn ſie

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Ton vorkam.

uns eine jener alten ſchottiſchen Balladen ſänge, die ich ſo nie wieder gehört.

Ich kann Dir dabei wirklich nicht helfen, Eugen, ich habe Lucy niemals ſingen hören, und dachte daher auch nie daran, daß ſie Muſik lieben könnte, erwiderte Arthur in ſeiner kalten, gleichgültigen Weiſe.*

Nicht daran gedacht. Halb unbewußt wiederholte der Gaſt dieſe Worte, halb unbewußt warf er auf das junge Weib einen Blick unausſprechlichen Mitleids.

Mama, ſagte der kleine Knabe, indem er ſein Spiel mit den bunten Wollknäueln aus Lucys Arbeitskorb unterbrach,warum ſingſt Du nicht eins der hübſchen Lieder, die Du mir immer zur Belohnung vorſingſt, wenn ich in der Schule gelobt worden bin?

Nun wohl, erwiderte ſie, jede weitere Erörterung abſchneidend, ſo werde ich es denn, ſo gut es eben geht, verſuchen.

Sie ſchlug ein Paar Accorde an und ſang eine jener ſchwer⸗ müthigen ſchottiſchen Balladen, mit dem immer wiederkehrenden Re⸗ frain, eine jener anſpruchsloſen Volksweiſen, die durch ihren ein⸗ fachen Rhythmus ſich tief in unſer Herz ſchleichen, ſie ſang ſie zuerſt mit leiſer, dann immer voller und voller tönender Stimme. Eugen hatte Recht gehabt, ſie beſaß viel muſikaliſches Talent. Nicht nur, daß ihre Stimme voll und melodiös war, ſie beherrſchte ſie auch mit ſolcher Sicherheit, daß nicht ein falſcher Einſatz, nicht ein incorrecter Was aber den Zuhörer am tiefſten ergriff, war der Ausdruck, die Seele ihrer Stimme, die mehr einem geheimnißvollen Naturklang, als einer geſchulten Menſchenſtimme glich. Sie ſang, und leiſe und unmerklich verloren ſich die ſtarren Linien, die ihren Gaſt ſo befremdet hatten, leiſe und unmerklich wurde ihr Antlitz das nämliche offene, kindliche Geſicht, das er vor Jahren gekannt, ſo daß es ihm für Augenblicke ſchien, die Zeit habe ſtill geſtanden und nichts ſich verändert.

Athemlos lauſchend ſtand der Advocat an ihrer Seite und ver⸗ gaß die ganze übrige Umgebung. Ihre beiderſeitigen Schatten zeich⸗ neten ſich dicht nebeneinander auf der Wand ab, und die ſelbſtloſe Tante, welche hinter ihnen ſaß, hatte Zeit, zu beobachten, wie nahe ſich dieſe Schatten waren. Wenn er ſich herabbeugte, um ihr das Notenblatt umzuwenden, oder das Licht näher zu rücken, vereinigten ſich dieſe beiden Schatten zu einem einzigen großen, dunklen Fleck.

Bei Frau Wiegand ſetzte ſich ſeit dieſem Abend eine ſire Idee feſt, die ſie beſtändig verfolgte und ihr nie Ruhe ließ. Tag und Nacht, wachend und träumend, ſah ſie beſtändig zwei dunkle Schatten vor ſich, welche ſich allmählich näher und näher rückten, zwei Schatten, welche niemals ſich von einander entfernten, zwei Schatten, die ihrer Berechnung nach ſich unfehlbar verbinden und einen großen, form⸗ loſen, dunklen, unauslöſchlichen Fleck bilden müßten. Wenn ſie bei dieſem Punkte angekommen war, ſtrahlte ihr Antlitz von Bewunde⸗ rung über ihren Scharfblick. Zuweilen entfuhr ihr der Ausruf: Armer, blinder Thor!.

Lucy ſang! Tief im Schatten der Lampe ſaß Arthur und lauſchte. Er war kein Muſikkenner, aber er fühlte die einfache Er⸗ habenheit der Muſik und fragte ſich, warum er wohl dieſe ſüße Stimme nie gehört? Dann wanderten ſeine Augen zu dem verän⸗ derten ſchönen Geſicht und er dachte, es müſſe doch ſehr angenehm ſein, das Mittel zu beſitzen, dieſe Extaſe über die ſtillen Züge zu verbreiten, und dann begann er wieder dem Räthſel nachzugrübeln, das ihm, je länger er nachdachte, um ſo ſchwerer erſchien.

Von dieſem Tage an war der Advocat ein oft geſehener Gaſt im Hauſe des Doctors. Dieſer ſelbſt empfand den langentbehrten Ver⸗ kehr mit dem Jugendgenoſſen in ſeinen ſpärlichen Freiſtunden ſo an⸗ genehm, daß er ihn um Erneuerung ſeiner Beſuche bat, und wenn auch das alte, vertrauensvolle Freundſchaftsverhältniß in keiner Weiſe wie⸗ der hergeſtellt wurde, entſtand doch durch die gegenſeitige Achtung ihrer Tüchtigkeit und durch ihre gemeinſamen wiſſenſchaftlichen In⸗ tereſſen ein ungezwungener Ton zwiſchen ihnen. War Arthur nicht zu Hauſe, ſo beſchäftigte ſich Eugen mit dem Knaben deſſelben, deſſen erklärter Freund er bald durch liebevolles Eingehen auf ſeine Kinder⸗ ſpiele geworden war..

Die zarteſte, ehrfurchtsvollſte Rückſicht jedoch ſprach ſich in ſei⸗ nem Verhalten gegen die Gattin ſeines ehemaligen Freundes aus. Jedesmal, wenn er kam, hatte er irgend etwas ausgekundſchaftet, von dem er dachte, daß es ihr Freude machen oder ſie inteseſſiren könne;

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