Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
562
Einzelbild herunterladen

haupt zu Haus, nicht in ſeinem Studirzimmer, ſondern bei ſeiner Fa⸗ milie zubrachte, jedoch wenn ſich die Arbeiten wie das meiſt der Fall war häuften, nahm er auch ſie zur Hilfe und der ganze Un⸗ terſchied beſtand dann darin, daß er an einem eigens dazu beſtimmten Tiſchchen im Wohnzimmer, anſtatt in ſeiner Studierſtube arbeitete. Man konnte ſicher ſein, daß er in ſolchen Stunden nichts von dem, was um ihn vorging, hörte, und es war mehr eine Gewohnheit als Rückſicht, daß Mutter und Kind in ſeiner Gegenwart die Stimme dämpften. Augenblicklich herrſchte tiefes Stillſchweigen. Man konnte das leiſe Ticken der Uhr und das Kritzeln der geſchäftigen Feder hören, welche ſchnell über das Papier flog. Dann und wann fuhr ein heftiger Windſtoß ſauſend durch den Kamin, und die Flammen okniſterten und zuckten empor.

Mama, ſagte der kleine Knabe plötzlich,woran dachteſt Du eben?

Ich höre auf den Wind, Max, erwiderte ſie,der dem Feuer ſeine Geſchichten erzählt.

Bitte, bitte, liebe Mama, erzähle mir, was er ſagt, ich möchte es ſo gern wiſſen.

Es war einmal eine

Aber es muß eine Geſchichte ſein, die ich noch nie gehört, weißt Du, keine von dencr, die in meinen Märchenbüchern ſtehen, eine ganz, ganz neue..

Verſteht ſich, und noch dazu eine von weit her, denn der Wind bringt ſie aus den fernen Ländern mit, wo er geweſen. Alſo es war einmal eine böſe Zauberin

Ach, Mama, ſo fängt ja eine alte Geſchichte an, die ich längſt kenne.

Still, Kind, es wird ſchon anders kommen, aber wenn Du mich immer unterbrichſt, kann ich nicht verſtehen, was der Wind ſagt, und werde aufhören müſſen.

Die Ermahnung half. Den Kopf auf den rechten Arm geſtützt, die Augen andächtig zu den ihren erhoben, welche in das Feuer ſchauten, hörte der Knabe mit einem über ſeine Jahre verſtändigen Ausdruck mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die Worte der Mutter. Die immer frappante Aehnlichkeit zwiſchen den beiden trat in ſolchen Momenten, wo das Geſicht des verjüngten Ebenbildes denſelben ge⸗ dankenvoll träumeriſchen Zug annahm, der es ſonſt von dem andern Geſichte unterſchied, in ſo bewältigender Weiſe hervor, daß ſie ein⸗ ander glichen wie Knospe und Blüte deſſelben Stammes. Wer ſie ſo ſah, richtete unwillkürlich ſein Augenmerk auf die helleren Locken und kleineren Umriſſe des Knaben, als bedürfe es dieſes äußeren An⸗ haltes, damit die beiden Phyſiognomien nicht in eine zerrinnen und ſich identificiren möchten.

Alſo es war einmal eine böſe Zauberin, die beſaß ein großes Reich, in dem ſie herrſchte und das kein Menſch ungeſtraft betreten durfte. Nun wohnte aber an der Grenze ein edler König, der weiſe und gerecht, und gegen ſeine Unterthanen milde und gütig war, und deſſen einziger Fehler in einer übergroßen Wißbegierde beſtand. Er wollte gern von allem die Urſache und den Zuſammenhang kennen, warum der Himmel ſo blau und die Erde ſo feſt wäre, warum Men⸗ ſchen ſtürben und Menſchen leiden müßten, denn das that ihm ganz beſonders weh, weil er ihnen ſo gerne helfen wollte. Dieſer König verirrte ſich einmal, und als er lange in einem tiefen Walde um⸗ hergegangen, ſtand er plötzlich vor dem Palaſt der Zauberin.

War die Zauberin häßlich und alt, Mama?

Nein, ſie war eine ſchöne junge Frau und empfing den Ver⸗ irrten ſehr freundlich, fragte nach ſeinem Begehren und ſagte, er möge nur einen Wunſch ausſprechen, ſie wolle ihn gerne erfüllen.Ach, ſagte der König,ich habe ſo viel Kranke und Leidende in meinem Reich, und ihre Noth und Klagen gehen mir ſo zu Herzen, gib mir ein Mittel für ſie und lehre mich wiſſen, was ihnen fehlt.

Wenn es weiter nichts iſt! ſagte die Zauberin und reichte ihm ein großes Buch und ein kleines Fläſchchen.In dem Buche ſtehen alle Uebel verzeichnet und alle Mittel gegen dieſelben, und in dieſem Fläſchchen ſind Tropfen enthalten, welche das Leben der Men⸗ ſchen verlängern. Mit dieſen zwei Schätzen biſt Du der weiſeſte aller Sterblichen. 4

O, rief der König entzückt,wie ſoll ich Dir danken?

Indem Du mir etwas ſchenkſt, erwiderte die Zauberin.

Und was begehrſt Du?

Dein Herz.

562 2 Aber Mama, kann man denn ohne Herz leben?

Das fragte der König auch, aber die Zauberin meinte: ja, ſie brauche nur ihre Hand einen Augenblick daraufzulegen. Uebrigens wäre es das Beſte für ihn, denn dann empfinde er nicht mehr anderer Leute Kummer und Schmerz, dem er doch nicht in allen Fällen ab⸗ helfen könne, und würde nun erſt beginnen, ſein Leben zu genießen.

Da ſagte der König:ja, und ſie legte ihre Hand auf ſein großes, gütiges Herz. Dem König ſchien es, als berühre ihn der Tod und als zöge Eiſeskälte in ſeine Bruſt, und dann wurde er ohn⸗ mächtig. Als er wieder zu ſich kam, war er in ſeinem Reiche, und wenn er nicht das große Buch und das Fläſchchen bei ſich gehabt, würde er geglaubt haben, das Ganze ſei ein Traum geweſen. Es war kein Traum, ſeine Unterthanen ſollten es nur zu bald erfahren. Tag und Nacht ſtudirte er in dem großen Buche, heilte die Kranken, ſtärkte mit ſeinen Tropfen die Alten und hatte doch nie genug geleſen, nie genug Weisheit geſammelt. Man hätte denken ſollen, daß ſein Volk ihn jetzt um ſo lieber haben und vergöttern müſſe, aber ſo dank⸗ bar es ihm auch war, hatte ſich doch das alte Vertrauen und die alte Liebe verloren. Wenn ſie ihm ihr Glück erzählten, hörte er ſie gleich⸗ gültig an, wenn ſie von Gottes Segen ſprachen, ſah er förmlich ver⸗ wundert aus, denn er konnte weder Freude noch Schmerz empfinden, weder weinen noch lachen, ſeit ihm die böſe Zauberin ſein Herz geſtohlen..

Ach, Mama, der arme, arme König!

Ja, Max, der arme, gute König! Im Schloß wohnte aber jemand, der hatte ihn ſehr lieb, o ſehr lieb, und ſann Tag und Nacht, wie dem König zu helfen ſei, und ging in den finſtern Wald und bot der Zauberin das eigene Leben an, wenn ſie ſich erbarme und dem König ſein Herz wiedergeben wolle. Dieſe lachte aber und meinte, das fiele ihr gar nicht ein, ein Herz und noch dazu ſolch ein Herz ſei ein viel zu ſeltener Fund, aber da jemand ſo viel weinte und ſlehte, wurde ſie zuletzt gerührt und ſagte: es ſtünde jetzt nicht mehr in ihrer Macht, das Herz, das der König freiwillig verſchenkt, ihm wie⸗ derzugeben, aber jemand ſolle nur heimgehen und den König nie verlaſſen, wenn etwas auf der Welt, ſo ſei es Treue und Geduld, wenn etwas auf der Welt, ſo ſei es ausdauernde Liebe, die ihn er⸗ löſen könne.

Dieſer Jemand, fragte der Knabe blitzenden Auges,war wohl des Königs Freund?

Ja, Max, ſein beſter Freund.

Und nun?

Nun, Kind, iſt die Geſchichte zu Ende. Der Wind ſagt, als er zuletzt bei dem Schloß vorbeiſauſte, ſaß der König noch immer über dem großen Buche, und jemand wartete noch immer auf die Erlöſung.

Das Geräuſch der kritzelnden Feder hörte hier auf, und der Doctor erhob ſich und trat an den Kamin. Die junge Frau fuhr aus ihrer träumeriſchen Stellung empor und ſaß mit einemmale ernſt, gefaßt und etwas gezwungen in ihrem Seſſel, während die großen Augen beſonnen auf ihren Gatten gerichtet waren. Der kleine Knabe zog ſein Stühlchen noch näher an die Mutter heran und wickelte ſich fröſtelnd in eine ihrer Kleiderfalten.

Ich habe Dir noch eine Mittheilung zu machen, Lucy, ſagte der Doctor, ſich ſeinerſeits in einen Lehnſtuhl niederlaſſend.

Hoffentlich iſt es nichts, was Dich verſtimmt oder unange⸗ nehm berührt, Arthur, wie ich faſt aus Deinem Ausſehen ſchließen möchte..

Aus meinem Ausſehen, Kind? Seit wann ſtehen denn meine Gedanken mir auf dem Geſicht geſchrieben, damit alle Welt ſie da⸗ von ablieſt?

Die Worte wurden halb lachend und gewiß nicht in verlecender ſ

Abſicht geſprochen, aber ſie erröthete bis zu den Schläfen und wandte

den ſchüchternen Blick ab, als erinnere ſie ſich jetzt erſt, daß auch ſie

aller Welt angehöre. 2

Und doch hatte ſie recht geſehen oder beſſer geahnt, nicht in den Mienen, wohl aber in dem ganzen Weſen des Doctors konnte ein feiner Beobachter eine leiſe Unruhe bemerken, die ihm ſonſt nicht eigen war.

Was ich ſagen wollte, begann er nach einer Weile von neuem,wird auch Dich intereſſiren, denn es betrifft einen alten Be⸗ kannten, Eugen Wentzel, der nach Abſolvirung ſeiner Studien vor ungefäbr acht Jahren ins Ausland ging, jetzt aber das Herumſtreifen

4

gerüt l

ni anfän ſen mit ſeinei Dien s.

ihn z.

Veiſe zwine

der wenn

wa⸗ ein g

hat konnt

ſagte

und

V richt

geke Qſeine Ban u Seſſ

dem