Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
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2.

reichlich gewährt werde der ewige Eingang. Man ſtelle dogmatiſch über die Fürbitten für die Verſtorbenen feſt, was man will und was man muß, nicht ohne tiefe Rührung wird man das Denkmal an⸗ ſehen, das kindliche Liebe der betenden Dulderin geſetzt hat.

Soll ich über den Inhalt der Confeſſionen hinausgreifen und zeigen, mit welcher Treue Auguſtin ſein Amt führt, mit welcher Ergebung er als Greis die Verheerung der Vandalen über die nord⸗ afrikaniſche Kirche hereinbrechen ſieht, es Gott anheimſtellend, ent⸗ weder ſein geliebtes Hippo von den Feinden zu befreien, oder, wenn Er es anders beſchloſſen, ſeinen Knecht zum Leiden zu ſtärken, oder, was ihm das Liebſte, vor der Trübſal abzurufen.

Dem gegenüber die Verbitterung, mit der der faſt 60 jährige Rouſſeau ſeine Bekenntniſſe ſchreibt,beſeſſen von einer bittern Reue, einer Reue zum Tode, bedauernd, daß Gott ihm keinen frühzeitigen Tod geſchenkt habe,ich war beſtimmt, ſtufenweiſe ein Exempel alles Elends zu werden, er grollt ſeiner Geſundheit,im Alter bin ich nur ſtärker geworden, um mein Elend mehr zu fühlen. Ueberall ſieht er Verſchwörungen gegen ſich. Das ganze Publicum belauere ihn.Ich fühle die Schläge, aber ich ſehe die Hand nicht, die ſie mich fühlen läßt. Er ahnt dahinter ein ſchreckliches Geheimniß aber dies Geheimniß in dem eigenen ſchuldigen Gewiſſen zu ſuchen kommt ihm nicht bei. Als er ſpäter ſeine Rechtfertigungsſchriftein Depoſitum, wie er es nannte,der Vorſehung anvertraut, auf dem Altar der Kirche von Notre Dame niederlegen wollte und wegen eines Gitters nicht dazu gelangen konnte, meinte er, der Himmel ſelbſt ſei mit dem Werk der Ungerechtigkeit der Menſchen einverſtanden.

Wer nun ſolch ein in ſeiner Wurzel ungeſundes Leben vor ſich ſieht, eine dämoniſch entzündete Phantaſie, deren Flammenhauch uns aus denConfeſſions entgegenſchlägt, einen ſchwärmeriſchen Genius, der eine Idee ergreift, ohne ſie zu prüfen, um ſie dann bald philo⸗ ſophiſch, bald ſophiſtiſch, aber immer hinreißend und beredt durchzuführen, einen Advocaten jeglicher Abſtraction von Gottes Ordnungen und Geſetzen, der es ſich mit Verachtung der unerſchütterlichen Wahr⸗ heiten in den Kopf geſetzt hat, man habe nur die Wahl zwiſchen der Geſellſchaft und der Natur, der ganz naiv fragen kann:Warum Rechtswiſſenſchaft, wenn doch lieber die Ungerechtigkeiten wegfielen? einen Mann, der, wie Bungener ſagt, dann am verführeriſchſten iſt,

wenn er ſich am meiſten ſelbſt widerſpricht, ſelbſt ohne Zucht und doch

beſtändig erziehend und meiſternd, religiös ohne Heiligung und Ge⸗ horſam, laſterhaft und dabei ein Tugendprediger, bis zum Ekel ſenti⸗ mental, ohne jede Reinheit des Gefühls, Zeitgenoſſe eines Jahrhun⸗ derts, das ſo verderbt iſt, daß er bisweilen nur das Gegentheil der herrſchenden Grundſätze aufzuſtellen braucht, um blindlings etwas Großartiges zu treffen wer dies überblickt und mit Beiſpiel an Bei⸗

ſpiel aus den Bekenntniſſen zu belegen ſich die Mühe gibt, der wird die

Worte des Erzbiſchofs nicht übertrieben finden:Rouſſeau hat ſich zum Lehrer des Menſchengeſchlechts aufgeworfen, um es zu betrügen, zum öffentlichen Warner, um alle Welt irre zu leiten, zum Orakel des Jahrhunderts, um es vollends zu verderben. Die katholiſche Geiſt⸗ lichkeit leitete ein richtiger Inſtinet, wenn ſie ſeine Bücher mehr als die ſeiner Freunde, der Encyclopädiſten, verfolgte. Die brillante Lüge iſt gefährlicher, als die nackte.Vor dem atheiſtiſchen Philoſophen kann man ſich hüten, vor dem religiöſen Sophiſten nur ſchwer. Alles, was ſich im Blick auf dies entartete Jahrhundert zur Entſchuldigung Rouſſeaus ſagen läßt, iſt dies: Rouſſeau war der Sohn der Revo⸗ lution. Die Anklage dagegen wider ihn als den Syſtematiker der re⸗ volutionären Elemente formulirt ſich dahin: Rouſſeau war der Vater der Revolution.

Wenn vor einigen Jahren der Fremde, der Paris beſuchte, in das Gewölbe des ehemaligen Pantheon hinabſtieg, ſo ſchlug der Füh⸗ rer wohl, um das Echo zu zeigen, an einen Sarg. Es war der Sarg Rouſſeaus, dorthin von den Händen der Revolution getragen. Ein anderer Sarg ſtand daneben, der Name ſeines Bewohners miſchte ſich in jenes Echo Voltaire. Beide haben die Revolution vor⸗ ausgefühlt, vorausgeſagt, beide die Revolution herbeigeführt, der eine durch ſeinen falſchen Bau, der andere durch ſein unbedingtes Zer⸗ ſtören, Rouſſeau durch ſeinen Haß aller Cultur, auch der chriſtlichen, Voltaire durch ſeine Vergötterung der bloßen Cultur als ſolcher, Rouſſeau durch ſein Idealiſiren der Barbarei des Irokeſen und Ka⸗

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raiben, Voltaire durch ſeine bigotte Vorliebe für chineſiſche Zuſtände, Rouſſeau durch begeiſternde Beredſamkeit ein Zerſtörer deſſen, was ſich durch Voltaires Witz allein nicht umwerfen ließ, beide einander grimmig haſſend, beide gleichwohl in ihrem Weſen und Wirken eins, beide zwei Vulcane, zwei ſprühende Fackeln am Sterbelager der Legi⸗ timität, beide Heroſtratsbrander im Tempel des Geſetzes und der Offenbarung, beide Vorläufer der gekrönten Revolution, d. h. jenes Zuſtandes, wo ſich in den natürlichen Grenzen von Urſache und Folge, Karaiben⸗ und Chineſenthum, Barbarei und Hypercultur verſchwiſtern wird.Sic itur ad astra ſteht am Schluß der jüngſten Ausgabe der Confeſſionen, die mir zur Hand war. Ja Sterne! Es ſind die Irrſterne aus dem Brief Judä, deren einer über dem Schaffotte Lud⸗ wigs XVI. ſtand. Noch wirken die Schriften Rouſſeaus fort. In unzähligen Ausgaben von Paris, London, Amſterdam, Genf ſind ſie verbreitet. Während 1817 24, alſo binnen 7 Jahren, kamen allein in Paris 13 verſchiedene Ausgaben heraus, im ganzen über 480,000 Exemplare. Wollten nur die Confeſſionen deſſelben Mannes als Gegengift wirken! Mir wenigſtens ſcheint angeſichts derſelben kein Axiom falſcher als das, man ſolle immer Sache und Perſon zu trennen wiſſen. Der Herr ſagt:An den Früchten erkennt man den Baum, desgleichen:Ein guter Baum kann nur gute, ein fauler Baum nur faule Früchte bringen. Der Herr ſelbſt nimmt die Sündloſigkeit ſeiner Perſon als einen Beweis für die Glaubwürdig⸗ keit ſeiner Lehre, er trennt alſo nicht Sache und Perſon, ſondern be⸗ weiſt mit dem einen für das andere. An Rouſſeau beweiſt mir das eine das andere, die Unlauterkeit ſeiner Perſon die Unlauterkeit der von ihr vertretenen Sache. Ergeben mir ſeine Bekenntniſſe nicht allein durch das, was ſie bekennen, mehr durch das, wie ſie bekennen, eine durch und durch eitle, unreine, über ſich ſelbſt verblendete Per⸗ ſönlichkeit, ſo kann ich ſeinen Ausſprüchen nicht anders, als mit Miß⸗ trauen nahen; wo ich ſie annehme, wird es nicht wegen, ſondern trotz ihres Urhebers geſchehen. Iſt in ſeinen Bekenntniſſen ein Menſch zu finden, der beſtändig für ſich Rechte in Anſpruch nimmt, ohne die Stimme ſeiner Pflichten zu hören, ſo iſt für mich allein ſchon hieraus derContrat ſocialdieſer ſ. g. Leuchthurm der Revo⸗ lution mit ſeinen Menſchenrechten ohne Menſchenpflichten erklärt und geächtet.

Aus den Früchten wird auf den Baum, aus der Wurzel auf die Frucht geſchloſſen. Die Confeſſionen des Auguſtin zeichnen mir einen aufrichtigen und einen ſeligen Menſchen. Die Luft des Glaubens muß doch geſunder ſein, als die der Revolution. Die Confeſſionen des Auguſtin zeigen einen Mann, der aus den Schlin⸗ gen des Manichäismus gerettet wird, wir verſtehen von hier aus ſeine ſpäteren Kämpfe für die Einheit der katholiſchen Kirche. Die Confeſſionen des Auguſtin zeigen einen Mann, der die Kämpfe von Sünde und Gnade ſiegreich durchgemacht hat wir begreifen die Schärfe ſeiner Waffen gegen die Oberflächlichkeit des Pelagianismus, eines Syſtems, das erſt den Begriff der Sünde ſchwächt, um dann die Gnade überflüſſig zu finden.

Darin, fühlen wir, liegt der Haupteinfluß Auguſtins auf die ſo viel ſpätere Reformation, ſeine Anziehungskraft auf alle evangeliſchen Chriſten. Iſt Rouſſeau der Vater der Revolution, Auguſtin iſt der Vater der Reformation. Die tiefe Denkkraft, die alle Spe⸗ culationen wie der Bekenntniſſe, ſo der übrigen Werke Auguſtins aus⸗ zeichnet, hat die ſpäteren Scholaſtiker befruchtet; ſeine Andacht, ſeine Gottinnigkeit hat ihn zum Führer der Myſtiker gemacht. Unſerer Zeit fehlt es nicht an orthodoxen, nicht an pietiſtiſchen, es fehlt ihr ent⸗ ſchieden an myſtiſchen Elementen. Aber das iſt nicht der einzige Segen, den wir von den Anregungen Auguſtins zu erwarten haben. Als einer der wenigen Namen, auf den ſich mit gleicher Liebe Katho⸗ liken wie Proteſtanten berufen, ſteht er wartend an der Pforte der Zu⸗ kunft, ob das zögernde Geſchlecht nachkommen und ſich einſt noch einigen wolle. Wird der Riß aber, wie faſt zu erwarten ſteht, ſtatt verſöhnt, nur noch größer im Laufe der Tage und in der Hitze des Kampfes, ſo wird doch Auguſtin ſich nicht umſonſt zum Geleitsmann allen müden Pilgern anbieten mit dem Wort, welches den Inhalt ſeiner Confeſſionen, den geſammten Gang ſeines Lebens, die Seele ſeines Wirkens bezeichnet:Du o Herr, haſteuns erſchaffen zu Dir, und unſer Herz iſt unruhig, bis daß es ruhet in Dir! 1

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Buch

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