in Bezug auf natürliche Begabung, ſowie auf einzelne Fehltritte wollen wir vor der Hand als zufällig auf ſich beruhen laſſen——: aber daß beide Bekennende ſind, daß beide vor Gott und aller Welt auch die verborgenſten Schäden ihres Herzens und Lebens enthüllen wollen, daß beide uns dadurch den ſicherſten Maßſtab in die Hand geben zur Würdigung des außerordentlichen Einfluſſes, den jeder von ihnen in ſeiner Weiſe und in ſeinem Kreiſe geübt hat und noch übt, das gibt uns ein Recht zu unſerer Parallele, in dieſem Sinne gehen wir prüfend ans Werk.
Wer den Genfer See geſehen hat, der weiß, wie wechſelvoll ſeine Scene iſt. Still und ſanft mit ſeinem klaren, tiefen Blau, ein reiner, treuer Spiegel für die Rebenhügel und felſigen Schneegipfel, eben ſo lieblich wie erhaben— kaum hält man ihn für denſelben See, wenn er wild und trüb ſich erhebt und zerwühlt, ein Tummel⸗ platz aller aus den Schlupfwinkeln des Gebirges losgelaſſenen Stürme. Dann gehen Stimmen und Geiſter über jene Waſſer wie Fluch und Leidenſchaft und Empörung. Wie von dieſem doppelten Bilde, ſo wird der an jenen Ufern Wandernde von einer völlig entgegen⸗ geſetzten Erinnerung bewegt. Er ſieht im Geiſte die„neuteſtament⸗ liche Samuelgeſtalt“, wie Stahl ſie genannt hat, er ſieht das evangeliſch klare Bild Calvins mit ſeiner Tiefe, ſeiner Reinheit, ſeiner Hoheit— zugleich aber irrt ein dunkler Schatten an ihm vorüber, demſelben proteſtantiſchen Kirchenſtaate entſproſſen, trüb, jäh, ſtürmiſch, regellos,— Jean Jacques Rouſſeau. Hören wir nur die äußer⸗ lichen Daten, wie er früh zu einem Pfarrer in Penſion kommt, dann einem Kupferſtecher aus der Lehre läuft, von einem katholiſchen Pfarrer zu einer Frau von Warrens nach Annecy, von hier nach Turin geſchickt wird, wo er in einem Alter von 16 Jahren ohne jegliche Ueber⸗ zeugung zur katholiſchen Kirche übertritt, wie er in derſelben Stadt kurze Zeit eine Bedientenſtelle verſieht, dann dreizehn Jahre lang bei jener Frau von Warrens in Chambery wohnt ohne gründliche Be⸗ ſchäftigung, hin und wieder auf allerlei größeren Ausflügen in die Schweiz und in das ſüdliche Frankreich, wie er dann ſich in Paris vom Actenſchreiben nährt, dann in Venedig, dann wieder in Paris weilt, bis er durch die Bearbeitung einer Preisfrage ein berühmter Mann wird, wie er vier Jahre ſpäter zur reformirten Kirche zurücktritt, wieder ohne jeden inneren Grund, wie er nach mehrjähriger ſchriftſtelleriſcher Muße in Montmorency wegen ſeines pädagogiſchen Werkes„Emil“ aus Frankreich, auch aus Genf fliehen muß, und nun, einmal der Geächtete, weder im Canton Bern Aufnahme, noch zu Motiers Travers in Neufchatel, noch auf der Petersinſel im Bieler See einen ruhigen Aufenthalt finden kann, zuletzt, nach kurzem Verweilen in England nach Frankreich zurückkehren darf und zu Ermenonville, 66 Jahre alt, ſtirbt— man ſagte, durch Selbſtmord, neuere Ver⸗ theidiger behaupten, am Schlage— hören wir, wie geſagt, nur dieſe außeren Daten, ſo iſt kein Zweifel, der Abenteurer iſt zum ruheloſen Charakter, der Unſtäte zum Exilirten geworden und zwar nach der Schwerkraft eines gerechten Verhängniſſes! Die äußere Unruhe iſt bei ihm nur Spiegel, ja iſt Folge der inneren Unruhe und Heimatloſig⸗ keit. Der Eindruck begleitet uns in den Confeſſions von Blatt zu Blatt— Unruhe, Ruheloſigkeit!
Hat ein Auguſtin dies Gefühl der Ruheloſigkeit gekannt? Nicht blos gekannt, ſondern auch bis auf ſeinen letzten Grund erforſcht und wunderbar tief ausgedrückt—„Du Herr, haſt uns erſchaffen zu Dir und unſer Herz iſt unruhig, bis daß es ruht in Dir,“ d. h. ſeine Un⸗ ruhe hat ſich in ſeliges Heimweh aufgelöſt und dieſes Heimweh— hat ſeinen Hafen gefunden. Die Sünde erkennt er für eine falſche Richtung und Nahrung der eigentlich und im letzten Grunde nach Gott dürſtenden Seele:„Alles, was liebt, liebt Dich“—„ſucht, was ihr ſucht,“ ruft er den Verirrten zu,„aber da, wo ihr es ſucht, iſt es nicht“— ein Wort, was einen unſerer neueren Dichter ſo ergreifend ſagen läßt:
Ach, Du weißt, in Sehnſucht ſchweifen Tauſend Geiſter weit und breit, Doch, vom Schein bethört, ergreifen Für das Weſen ſie das Kleid,
Was nur geiſtlich mag gelingen, Was nur göttlich kann erſtehn, Wollen ſie im Fleiſch vollbringen— Sollen ſie verloren gehn?
Die da ſuchen ohne Steuer Heimwehbang ein Ruhgeſtad,
Die ein irres Liebesfeuer
Hintreibt auf der Sinnen Pfad,
Die im Dämmer tauber Schachten Graben nach der Weisheit Licht— Alle, die nach Freiheit ſchmachten, Meinen Dich und wiſſen's nicht! Zeuch, o Herr, die durſt gen Seelen Die in dunkler Troſtbegier
Im Vergänglichen ſich quälen, Zeuch ſie liebend all zu Dir! Statt der Schale, dran ſie kleben, Laß ſie ſchaun der Dinge Kern, Steig in ihrem dunklen Leben, Steig empor als Morgenſtern!
536
An dem eigenen unendlichen Ringen und Suchen war einem Auguſtinus die Größe der menſchlichen Seele klar geworden, aber klar auch das Elend der gefallenen Seele an der Verkettung theoretiſcher und praktiſcher Irrthümer. Mit glänzenden Gaben ausgerüſtet, früh⸗ zeitig von ehrgeizigen Plänen umgetrieben, ſ chien ihm das Chriſtenthum wegen ſeiner Einfalt verächtlich.
ſein und dünkte mich groß in meinem Uebermuth.“
Sein ſpeculativer Drang führt ihn den Manichäern in die Arme, jener orientaliſchen Secte, die zwei Grundweſen annimmt, ein gutes und ein böſes, deren Syſtem ein wunderliches Gemiſch iſt von dualiſtiſchen, dann doch auch wieder von pantheiſtiſchen Elementen, unter der Hülle chriſtlicher Namen, eine Geheimgeſellſchaft mit man⸗ cherlei Graden von mehr oder minder Eingeweihten, mit allerlei Vor⸗ ſpiegelungen von neuen und unbedingten Aufſchlüſſen über die Wahrheit.
Umſonſt ſuchte dort Auguſtin die verſprochenen Enthüllungen, eine Unterredung mit ihrem berühmteſten Führer, Fauſtus von Mileve, enttäuſchte ihn vollends. Erſchöpfung durch ungelöſte Zweifel! So wollte ſich doch ſein Suchen nicht zufrieden geben. Ein Buch hatte ihm das Herz mit Liebe zur Wahrheit entflammt, merkwürdig genug, das Buch eines Heiden, Ci⸗ ceros Schrift, Hortenſius, das nicht auf unſere Tage gekommen iſt. Von der Lectüre dieſes Buches, das nicht zu dieſer oder jener Ab⸗ theilung von Philoſophen, ſondern zur Wahrheit ſelbſt zu gehen ermahnt, ward er ſo ergriffen, daß alles eitle Sehnen und Wähnen ihm plötzlich welkte,„mein Geiſt entbrannte, vom Irdiſchen zu Gott zurückzufliegen.“ Nur eins erkältete ihn wieder,„daß ich den Namen Deines Sohnes Chriſti darin nicht fand, den ich mit der Muttermilch getrunken hatte und der tief in mir lag, ſo daß, was ohne dieſen Namen war, wie ſchön es ſein mochte, doch mich nicht ganz dahin nahm.“—
Es würde zu weit führen, wollte ich ſeine weiteren Irrfahrten beſchreiben in die Brandung des völligen Skepticismus hinein, ſeine Kämpfe des Geiſtes und des Fleiſches, die einen unvergleichlich practiſchen Commentar zu Römer 7 bilden:„Aus dem verkehrten Willen entſprang die Begierde, dieſe ward zur Gewohnheit, durch Mangel an Widerſtand ward die Gewohnheit zur Nothwendigkeit. Als Rhetor war er von Carthago nach Rom, von hier nach Mailand gekommen. Während die Angſt ſeines Gewiſſens wuchs, wollte er und wollte doch auch nicht ſeine Sünde laſſen. Er geſteht, ſobald er um Heilung ſeiner Lüſte gerufen habe, ſei im Hinter⸗ grunde ſeiner Seele noch eine leiſe Stimme hörbar geweſen:„nur nicht gleich, nur nicht gleich!“—„Ich fürchtete mich, Gott, Du könnteſt mich zu ſchnell erhören und mich von einer Begierde heilen, die ich lieber befriedigt, als beſeitigt ſah.“ Wie viel äußere und in nere Umſtände mußten zuſammenwirken zum letzten Entſchluß! Die Bekanntſchaft mit dem Biſchof Ambroſius, der Anblick der aufblühen⸗ den Gemeinde in Mailand, der Umgang mit gleichgeſinnten Freunden, die Ankunft ſeiner frommen Mutter Monica, die Beſchäftigung mit den platoniſchen und mit den pauliniſchen Schriften, beſonders die Mittheilungen von Kbensbeſchreibungen entſchiedener Chriſten, wie
eines Antonius, Victorinus— da in einem Garten bei Mailand war es, wo er, wie einſt Nathanael, unter einem Feigenbaum ſich niederwarf, wo der ungeheure Sturm ſeiner Seele in einen Strom von Thränen ſich entlud:„Du, mein Herr,“ ruft er ſchluchzend,„wie 1 lange noch, o wie lange noch willſt Du zürnen? wie lange? morgen? abermals morgen? warum nicht heut? warum nicht jetzt? warum nicht in dieſer Stunde das Ende meiner Schande?“—„ ſchneller, immer heißer ſchlug der Puls des Heimwehs nach der Um⸗ armung des Erlöſers.“ Da tönt eine Kinderſtimme aus dem Nag⸗ barhauſe:„Nimm und lies!“ Er nimmt die Schrift, er denkt daman, wie einſt über den Antonius das erſte Wort, das er beim Eintreten V in die Kirche verleſen hört, entſchieden hatte, und er ſchlägt oif jene
1
Stelle im Römer 13, 14, das Wort des erſten Adventonntags „Laßt uns ehrbarlich wandeln, als am Tage, nicht in Freſſen und Saufen ꝛc.“ Dies Wort ſchlägt ein und zündet. Sein Freund Alypius, der in der Nähe iſt, und dem er dieſe Sedle und ſeinen Entſchluß mittheilt, lieſt weiter und bezieht den naſſolgenden Vers:
8
Beide melden ſich zugleich zur Taufe. In de Nacht des Oſterſab⸗
baths wird ſie ihnen durch Ambroſius Hand u Theil.„Alle,“ ſo
„Die Schrift iſt es,“ ſagt er,„die i mit den Kleinen wächſt, ich aber verwarf es damals, ein Kleiner zu G
„Den Schwachen im Glauben nehmet auf!“ Röner 14, 1. auf ſich.
neden. 1 dat Rouſſeau in nes ibriges Leben
Kritt zum Kathol
ttutt zum Proteſta eaxratts. Doch ha Traurige Zeit der Verödung, der anſe ds haßens, große nt in Chambery.
8 leben. Die Furcht! ns innſeniſiſce Schri dAia Frau von Warren fich anverteautt, ndete ſagt er,„um ſic einen ihut denten zu können. ihren Gott ſo. E icht erholen kann, we
tner annahm, gewiß⸗ Mmder auch nicht zu de mwären— und in der
mehl in dieſer als in urrende Erſcheinung lerden Weibe belehr blich neymen. Es Sinde, für die A ſe zanx Wosenw du don Wartens ſehr gemein daſte und, die ihm die Moral auswiſchen.
ſatledigte er ſich auf
nnecheniſt Steie ge
urecbei. Mitten in d
Hegoſika ur Be 6 mit: uf 1 den


