Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
508
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Bilder aus Luxemburg.

Mit Illuſtrationen unſeres Specialartiſten W. Simmler.

III.

Der Luxemburger will und wünſcht alſo, ſoweit er noch um Wünſchen und Wollen gefragt wird, in erſter Linie den alten Zu⸗ ſtand erhalten zu ſehen. Die Geſchichte hat auch hier nichts gelehrt, und das Lehrgeld muß von vorne gezahlt werden. Bei allen großen europäiſchen Bewegungen neuerer Zeit ward ein Stück dieſes Länd⸗ chens abgebröckelt oder losgeriſſen und der letzte Sturm, der ſo gewaltig gefegt hat, ſollte ſpur⸗ und wirkungslos daran vorüber⸗ brauſen? Wenn Nordſeeinſulaner, von deren Eiland die Flut all⸗ jährlich Stück um Stück abſpült, wo neue Hochfluten ſich bäumen

und ſchäumen, trotz alledem ſprächen: wir wollen bleiben, was wir

ſind, es wäre kaum minder kurzſichtig, als dies ceterum censeo der Luxemburger. Ja, würde auch momen⸗ tan geflickt und die Scheinſelbſtändigkeit noch gerettet, es wäre doch nur eine kurze Henkersfriſt für die Frage um Sein oder Nichtſein.

Wir werden ſpä⸗ ter ſehen, daß dieſen Cantönligeiſt die Ge⸗ ſchichte ſelbſt groß⸗ gezogen hat. Es wäre voreilig und ungeſchichtlich, dem gegenwärtigen Ge⸗ ſchlechte allein die Abkehr vom deutſchen Vaterlande, die ver⸗ ſteifte Sönderexiſtenz, die innereHinneigung zu Frankreich aufzu⸗ bürden. Es iſt das Facit einer langen Geſchichte, reich an Lehre und Warnung.

Neben der Mundart und den Traditionen ſind es beſonders zwei Grün⸗ de, die in dem Luxem⸗. burger das particulare Selbſtgefühl nähren: ſein materielles Wohlergehen und ſeine politiſche Sonderſtellung.

Eigen genug: gerade der Anſchluß an den großen nationalen Markt, den Zollverein, der Luxemburgs Induſtrie und Handels⸗ blüthe ſo mächtig geweckt hat, hätte, weit über den materiellen Segen hinaus, auch zu einem nationalen Segen führen ſollen, aber er ſteigerte nur jene ſatte Selbſtgenugſamkeit. Hier war die Gelegen⸗ heit geboten, deutſche Sympathien in ſich zu wecken, den erlöſchenden Funken zu fachen, aber die Wirkung iſt ausgeblieben.

Zum Zollverein gehört das Land ſeit 1842. Von da datirt eine neue Aera fortſchreitender Entwicklung. Die Handelsverträge mit Frankreich und Belgien(ſeit dem 1. Juli 1865 in Kraft) ſchloſſen ſich an. Hiezu kam eine ſo ausgedehnte Anlage von Eiſenbahnen und Telegraphenlinien, daß der Luxemburger mit Fug rühmen darf, ſein Ländchen ſtehe hierin kaum hinter England und Belgien zurück. Und welche Terrainſchwierigkeiten galt es hier zu überwinden! Die Hauptſtadt ſitzt wie eine Spinne in einem Netz von Schienenwegen, die nach allen vier Winden ausſtrahlen, das Land mit ſich ſelbſt, mit Deutſchland, Frankreich, Belgien in enge und raſche Verbindung bringen.

Die meiſten Ausfuhrartikel Luxemburgs finden in Deutſchlandihren Markt, die größte Einfuhr kommt aus den Staaten des Zollvereins.

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II. Auf dem Luxemburger Gemüſemarkte.

7 1 antſtoumte 4 rath ſtellt. ieuten: b während d Aus der vielverzweigten Induſtrie des Landes heben ſich in g⸗ in vn lj ; G 1- jadingen ſunder Concentration zwei Hauptzweige hervor, die auf alter Tr⸗- berc dition und auf natürlichen Lebensbedingungen, d. h. auf der Na⸗ fadt m turproduction des Landes ruhen: Leder und Eiſen. Lulma Die großen Gerbereien liegen großentheils im Norden des Lan⸗ Staatomiin des, wo in Wiltz, Diekirch, Clerf(Clervaux), Vianden, Ettelbrück Gſtüit u. a. O. die Lederfürſten ſitzen und amerikaniſche Häute mit der treff⸗ 1 lichen Lohe des Oesling verarbeiten. Die deutſchen Meſſen in. num und Frankfurt a. M., Leipzig, Braunſchweig wiſſen die Güte des Pro⸗ ſit ſeins ductes zu ſchätzen. am geſehe Allbekannt iſt die Handſchuhfabrikation der Hauptſtadt, wo zwei nent ſt a große Fabriken wo*h3l Der Lurem 2500 Arbeiter und Forn an, Arbeiterinnen be⸗Auponemi. ſchäftigen, die zum Wir Theil weit ab von den Arrgar Luxemburg, bis nach die ſuge dem preußiſchen fen: iſt Saarburg hin, woh⸗ Zucungen nen. Die Producte unter den dieſes Fabrikzweiges Dash wetteifern mit den nationalen! berühmteſten Fabri⸗ leid und Fre katen Frankreichs. anzugehören Der ungemeine gende, Ur Eiſenreichthum Luxemburge des Landes begründet ſehlt, da ſt den andern Haupt⸗ oder es ſte zweig der luxembur⸗ giſchen Gewerbthä⸗ tigkeit. Hier hat der Vir ſ Süden den Vor⸗ Gegenbild zu zug. Der Mittel⸗dee nilitär punkt der Eiſen⸗ Schon in der minen iſt der Be⸗ i anderem zirk von Eſch an der die Garniſ Alzette, hart an der Südte. d. franzöſiſchen Grenze. die letzte Der Ueberfluß von det Kricger Eiſenerzen(Oolith und Trußfü und Thoneiſenſtein) land tinzuſt wird nach Preußen, V unſcalier Belgien und Frank⸗ Autzuellr reich ausgeführt, deriſung, voj 1.woji⸗ geringere Theil im en ollttt Lande verarbeitet. Lautenzen D Erſt die Verbindung von Erz und Steinkohle(ſtatt der früheren en e

Holzkohle aus dem wälderreichen Lande) konnte auch hier die Eiſen⸗ induſtrie voll entwickeln. Und ſie ſteht ſchon jetzt in hoher Blüthe. Auch dieſen Fortſchritt haben die Schienenwege des Landes bewirkt, die von der Saar und Maas, aus Preußen und Belgien die unent⸗ behrliche Kohle heranführen.

Um den Kern und Grundſtock dieſer beiden altangeſtammten Hauptinduſtriezweige legt ſich ein ganzer Kreis mannigfaltiger Ge⸗ werbthätigkeit; Tuche, Tricots, Papier, Maſchinen, Tabak u. a.; auch die Naturerzeugniſſe des Landes, Getreide, Vieh, Bauſteine, Lohe, Gyps, ſind bedeutende Ausfuhrartikel. Ueberall ein ſtreben⸗ des, erwerbendes, gewinnendes Klein⸗Belgien!

Geht einmal die Trieb⸗ und Lebenskraft des Volkes weſentlich, faſt ausſchließlich nach dieſer Seite, was Wunder, wenn es in dieſem ai Streben nicht geſtört ſein will. 4

Auch die politiſchen Formen, in denen das Land bisher ſein Stillleben geführt hat, helfen den Geiſt ſelbſtgefälliger Abgeſchloſſen⸗ heit erziehen.

Die Perſonalunion mit dem Hauſe Naſſau⸗Oranien und die i Bnn Zugehörigkeit zum deutſchen Bunde waren die künſtlichen Pfeiler ü ſeiner Autonomie, auch die Stütze ſeiner freien Verfaſſung, die, im

Jahre 1848 enff ungen, 1856 geändert, neben die der Volkswahl

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