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fröhlich kräftigen Ausdruck. Herr Meier erſcheint und gibt ſich durchaus ſo, wie man ſich einen Senator oder Patricier unſerer freien altberühmten Städte vorzuſtellen gewohnt iſt. Er ſpricht nicht gerade geläufig, aber da er ſtets nur ſachlich und aus eigner Kenntniß und Erfahrung ſpricht, mit ruhiger Sicherheit; dazu in etwas ſteifer Hal⸗ tung und mit ſchallender Stimme. Er erwähnt ganz nebenbei und nur um ſein jeweiliges Thema zu illuſtriren, daß er in früheren Zeiten ſeine Schiffe jahrelang nach der Südſee auf den Fiſchfang ausgeſchickt, daß er noch in neueſter Zeit eine Fiſchereigeſellſchaft mit⸗ begründet habe, um den Engländern in der Nordſee Concurrenz zu machen, daß er während der letzten zehn Jahre in dem Norddeutſchen Lloyd eine Handelsflotte von Dampfern geſchaffen, die an Zahl der Schiffe der preußiſchen Marine ungefähr gleich iſt. Herr Meier iſt nämlich„an und für ſich“ Kaufmann, Rheder, Hütten⸗ und Berg⸗ werksbeſitzer, außerdem Präſident der Bremer Bank, der deutſchen Geſellſchaft zur Rettung Schiffbrüchiger, des bleibenden Ausſchuſſes vom deutſchen Handelstage und noch manches andere, alſo ein Mann, der in den verſchiedenſten Branchen Beſcheid weiß.
Von den hanſeatiſchen Abgeordneten erfährt man dann auch die Bedeutung unſerer Hanſeſtidte. Herr de Chapeaurouge erzählt z. B., daß Hamburg für Inſtandhaltung der Häfen, Seetonnen, Leuchtthürme ꝛc. allein eine halbe Million Thaler jährlich ausgebe, daß ihm die Ablöſung des Stader Zolles, wozu der Großſtaat Preußen 34,500 Thlr. beigetragen, eine runde Million gekoſtet. Herr Meier erwähnt, daß das„kleine Bremen“, wie es der Abgeord⸗ nete Grumbrecht genannt hat, der größte Weltmarkt für Taback iſt, daß es im vorigen Jahre 30 Mill. Pfund Reis nach Amerika expor⸗ tirt hat, daß das Vermögen ſeiner Bürger nach einer Selbſtſchätzung in dieſem Jahre 127 Mill. Thlr. betrug, daß die deutſche Handels⸗ marine, wozu natürlich die Hanſeſtädte das größte Contingent ſtellen, die dritte der Welt iſt, nämlich 50,000 Matroſen umfaßt u. ſ. w.
Es läßt ſich nicht leugnen, den hanſeatiſchen Abgeordneten gegenüber hat Bürgermeiſter Grumbrecht aus Harburg einen ſchweren Stand. Zwar weiß er ſie und wann eines Ueber⸗ fluſſes von Particularismus zu 1enn und Graf Bismarck und Herr v. d. Heydt ſcheinen das nicht ungern zu ſehen, nicken ihm viel⸗ mehr bei ſolcher Gelegenheit Beifall zu; aber im allgemeinen ſpricht er doch zu häufig, meiſtens ſehr ausführlich und nie ohne eine gewiſſe Selbſtgefälligkeit, auch, wie ſich aus obigen Beiſpielen ergibt, man⸗ ches, wovon er nichts verſteht. Trotzdem iſt er namentlich auf volks⸗ wirthſchaftlichem Gebiete und wegen ſeiner langjährigen parlamenta⸗ riſchen Erfahrung eine Kraft, die man weder im künftigen Reichstag noch im preußiſchen Abgeordnetenhauſe miſſen möchte. Seine Er⸗ ſcheinung hat einen altmodiſchen, ſeine Haltung und ſein Weſen einen ſpießbürgerlichen Anſtrich. Er trägt einen Leibrock mit langen ſpitzen Schößen und helle Hoſen; auf dem Kopfe ſitzt ein ſchwarzes Sammet⸗ käppchen, auf dem ſtark entwickelten Geruchswerkzeuge eine dicke ſil⸗ berne Brille; die Hand hält er auf der Tribüne abwechſelnd in der Hoſentaſche oder wie ein Menuettänzer in die Hüften geſtemmt; er hat eine etwas polternde kratzende Stimme und legt auf viele ſeiner Worte ein ſo ſchweres Gewicht, daß ſie gedruckt in geſperrter oder gar mit fetter Schrift erſcheinen.
Dr. Elliſſen, Secretär an der Univerſitätsbibliothek zu Göttingen, gravitirt, vermuthlich wider ſeinen Willen, nach der heitern Seite. Dieſer Graukopf iſt, wenn er ſpricht, ganz unruhige Munterkeit und haſtende Rührigkeit. Er hält ſeine Rede im Gange zwiſchen den beiden Centren, ſpringt aber, ſobald er einen Satz her⸗ ausgezerrt hat, hinter die letzte Sitzreihe, als ob er ſich da verber⸗ gen oder ſich Raths erholen wolle, worauf er wieder hervorſchießt und von neuem beginnt. Wie er wirkungsvoll angefangen:„Der Antrag des Abgeordneten Zachariä hat entweder eine Bedeutung oder er hat keine Bedeutung“— ein Ausſpruch, deſſen tiefe Wahrheit das Haus mit herzlichem Gelächter beſtätigte— ſo wollte er auch wirkungsvoll ſchließen, und wie hätte das von einem Gelehrten beſſer geſchehen können, als mit einem lateiniſchen Citat! Alſo: Propter vitam—— hier ſtockte er, blickte ängſtlich umher und ſtotterte noch⸗ mals: Propter vitam—— vergebens, ſein Gedächtniß ließ ihn im Stiche. Voll Verzweiflung ſprang er hinter die Sitzreihe und begann dort zu ſuchen, bis ſich endlich ein Nachbar ſeiner erbarmte und ihm den Reſt zuflüſterte, worauf er ganz kleinlaut hervorkam: Propter vitam vivendi perdere causam.— Aber das kommt vom Citiren her! Schon bevor der Reichstag zuſammentrat, bezeichnete die öffent⸗
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liche Stimme den Bürgermeiſter Miquél aus Osnabrück neben
Herrn von Bennigſen als den bedeutendſten Abgeordneten, welchen ſein mäß Hannover entſandt hatte; und die öffentliche Stimme trog diesmal ſer Recht nicht. Am 9. März, als die Discuſſion über den Verfaſſungsent⸗ Herr Mij wurf die Streiter der verſchiedenſten Fractionen in die Arena rief, neuen Gen erhob ſich auf der hinterſten Bank des rechten Centrums ein kleiner mehr bleße Mann, von ſo leidenden Geſichtszügen und ſo ſchlaffer Haltung, alg neßt auch ob er eben vom Krankenlager ſich aufgerafft hätte. Den kleinenan(inen länglichen Kopf deckt eine Fülle dunkelbrauner Haare, und die eingeſ ſäen betmn fallenen, gelblich blaſſen Wangen umwogt ein ſchwarzer Vollbart erihttyro faſt mehr Haar und Bart als Kopf und Geſicht. Wird dieſer Mann bat Fi ſich aus ſeiner Ecke verſtändlich machen können, wird ſeine unzweifel⸗ frubald tn haft ſchwache Stimme den Saal zu durchdringen vermögen?—⁵ An ſtgſug Horch! es iſt eine ſo klare, ſcharfe und ungebrochene Stimme, daß man vnni 1 wirklich erſtaunen muß, wie ſie einer ſo kleinen, gebrechlichen Geſtalt 5 4 1. 4 entſtrömen mag; ſchon der erſte Satz läßt das ganze Haus ſich dem Luntän Redner zuwenden es ſind ſolch kräftige, begeiſterte Worte, daß ihnen n eſt du ſofort lauter Beifall lohnt. Nur das R wird Herrn Miquél— und e 8. denn er iſt es— etwas ſchwer, aber ſelbſt dieſes Hinderniß verleiht ſe ü9 3 ſeiner ſonoren Ausſprache einen neuen Reiz; und im übrigen ſpricht uini 4 4 er mit einer Sicherheit und Unbefangenheit, ſo friſch und markig, ſo nni e de einſchneidend und hinreißend, daß ſofort das allgemeine Urtheil über uh ſtllem ihn abgeſchloſſen iſt: Dieſer da iſt ein geborner Redner und ein Wha, Wer feuriger Geiſt.— Jedes Wort, das er ſpricht, iſt mit ſeinem Herzblut de anſtſte geſäugt, und darum kommt es ſo warm und roth zu Tage; jeder Satz galunge 3 enthält einen Gedanken, der ſich mit innerem Drang und unter ſicht⸗ Luerſprünge
licher Erregung ſeiner Seele entreißt, und darum trifft jeder Satz, Aüden Spie mag man ihn hier mit Jubel in Empfang nehmen, dort mit Murren,(üdedurch und Ziſchen abwehren wollen. Beifall und Heiterkeit, Murren und an einem Ziſchen unterbrechen immer wieder ſeine lange Rede, die doch nicht geiupſt,de zu lang iſt, weil ſie in der Verſammlung dieſen Sturm von wider⸗ ſalhe dänzl ſprechenden Gefühlen hervorruft, und wenn die Rechte jetzt tlatſctſ der Jurigpr und lacht, während die Linke widerſpricht, ſo iſt es im nächſten Augen⸗ und das kan blick umgekehrt, denn jede Fraction und alle Schattirungen in den⸗ diserimina ſelben werden nach Gebühr bedacht, und ein jeder mag ſich ſeinen enkem— Antheil herausnehmen. Bald leuchtet ſein Auge in dunkler ide Rede.— Glut, bald zieht er bei einem„Aber“ die Stirne kraus und er li die ge hoch; bald ſchwankt und bebt die Stimme, bald verzieht ſich ſein Ge⸗ un Publicun ſicht vor Aerger und Unmuth, und dieſes lebendige, doch maßvolle“ kelen Halſe
Mienenſpiel commentirt ſeine Rede, drückt ihr das Siegel ſeiner inner⸗ keich Jeifall ſten Ueberzeugung auf und läßt den heraufſteigenden Gedanken, die weilläufigen, noch unausgeſprochene Folgerung errathen. Herr Miqueél iſt trotz ſal erſchüpft ſeines Feuereifers und aller Begeiſterung kein Schwärmer, ſondern und viele Mi einer von den wenigen praktiſchen Leuten, die bisher im idealiſtiſchen onnte nicht
Deutſchland zu finden waren.—„Der Verfaſſungsentwurf iſt ein— faſt matt praktiſches Werk, ich werde ihn daher nicht aus hiſtoriſchen Remini⸗ rzer und lie ſcenzen oder theoretiſchen Idealen kritiſiren, ſondern an ihn nur die en, er erra Kritik der praktiſchen Brauchbarkeit legen. Sehen wir rückwärts in Wutionen die Vergangenheit, dann werden wir finden, welch koloſſale Fortſchritte a a gewa durch dieſen Entwurf gemacht werden.“——„Die Mainlinie iſt dlnütlih hin nur eine Halteſtelle, wo wir Waſſer und Kohlen einnehmen, um näch⸗— Eine ſeh ſtens weiter zu gehen.“ Mit dieſem Gleichniß debütirte Herr Miqusl, n das Ab begründete er gewiſſermaßen ſeinen Ruf; auch den Grafen Bismart Veln. 8 ergötzte es nicht wenig, und wochenlang wurde er von den verſchie⸗ nd ſeine Ren denſten Rednern citirt und variirt, in zuſtimmender oder ablehnend kapfe Weiſe. Herr Miquél ſprach oft und zu allen Hauptfragen, ſtet wurde er mit tiefer Aufmerkſamkeit angehört, und keine ſeiner Rede war ohne durchſchlagenden Erfolg. So ſpielte er bald im Reichstag eine Hauptrolle, und nach ſeinen Anträgen— denn hier trat er def Regierungsvorlage ſcharf und zäh entgegen— wurde Titel XII derſ ſelben, Bundesfinanzen betreffend, völlig umgeſtaltet, dem Reichstaß eüdun das volle Budgetrecht eingeräumt. Dagegen entſchloß er ſich miſ Kba
ſeinen Freunden bei der Schlußberathung des Entwurfs, der Regieſ rung diejenigen Conceſſionen zu machen, ohne welche das Verfaſſungsſ werk geſcheitert wäre.— Herr Miquél gehört zu den neupreußiſchet i Abgeordneten— und ihrer ſind noch mehrere— die in dem Großf en ſtaate einen ihrer Talente entſprechenden Wirkungskreis gefunden haben, die das neue Vaterland mit Stolz zu ſeinen Bürgern zählz und die ihm ſonder Zweifel die beſten Dienſte leiſten werden.— „Wir vertrauen,“ ſagt er,„daß der Kaiſer der Franzoſen ſtark genu ſein wird, Leidenſchaften zu überwinden, die ſtets zum Verderben der franzöſiſchen Volks ausgeſchlagen ſind. Wenn es aber dennoc


