mich mit Sicherheit nicht wieder erkennen konnte. Ich ſah ihn auch wirklich, aber er war ſehr aufgeregt, gereizt— es war ihm auf zehn
Schritte Diſtanz anzuſehen, daß er vor kurzem eine ſehr heftige Scene gehabt haben müſſe. Endlich ſchien er einen raſchen Entſchluß zu faſſen, fuhr nach dem Telegraphenbureau und telegraphirte dem⸗ ſelben Herrn Antonio Botta, daß er den Wagen nach Florenz ab⸗ beſtellen und ſtatt ſeiner vier Plätze erſter Cajüte auf dem Dampf⸗ boote nach Civitavecchia nehmen ſolle.“
„Aber wie erfuhren Sie den Inhalt dieſer zweiten Depeſche?“ fragte ich.*
„Sehen Sie wohl, Signore,“ erwiderte Beppo triumphirend, „wie ich Recht hatte, mich der Ausführlichkeit in meiner Erzählung zu befleißigen— jetzt ſind Sie ſelbſt gezwungen, mir dieſe Frage zu ſtellen. Ganz einfach, Signore. Sie werden überhaupt ſchon be⸗ merkt haben, wie ſehr ich mich der Einfachheit in all meinen Ope⸗ rationen befleißige. Meine Droſchke war eben ſo ſchnell wie ſein Tilbury im Telegraphenbureau, und während er ſeine Depeſche an einem Pulte aufſetzte, ſchrieb ich eine andere am Pulte nebenan, und — ich habe ſehr gute Augen, Signore... das iſt das ganze Ge⸗ heimniß.“.
„Und Sie telegraphirten wirklich?“ fragte ich voller Bewunde⸗ rung über die Fähigkeit Beppos, ſich überall durchzuhelfen—„an wen ließen Sie telegraphiren?“
V zu treffen hoffte, hatte mich diesmal aber dermaßen verkleidet, daß er
Rechnung einer Perſon meiner Bekanntſchaft in Neapel einen Gruß zu ſenden. Sie nehmen es mir doch nicht übel— ich mußte den Schein wahren!— Kurz, ich verließ den Herrn erſt Abends ſpät, und heute früh ſaß ich wieder als Dienſtmann vor dem Hauſe in Via Dora groſſa und habe mir zwei und einen halben Franken verdient, indem ich half, das Gepäck aufladen und es auf der Station ab⸗ laden.— Ich ſah Sie daſelbſt gleich am Anfange, aber Ihren Be⸗ fehlen gemäß wagte ich nicht, Sie anzuſprechen, bevor Fra Angiolo Sie verlaſſen.— Das Uebrige iſt Ihnen bekannt, Signore! Ich bin fertig, und es ſollte mir äußerſt ſchmeichelhaft ſein, mir Ihre Zu⸗ friedenheit erworben zu haben.“
„Ich kann nicht anders, Beppo, als Euch danken, und Ihr ſollt ſehen, daß Ihr auch mit mir zufrieden ſein werdet... doch habt Ihr mich der Hauptſache wegen in Zweifel oder vielmehr in Unwiſſenheit gelaſſen. Ich beauftragte Euch, mir über dieſe Damen nähere Nach⸗ richten zu verſchaffen— wer ſind ſie?— wie heißen ſie? und wer iſt dieſer Herr, der, wie es ſcheint, eine ſo große Macht über die⸗ ſelben beſitzt?“
Beppo Mangini ſah mich auf eine merkwürdige Weiſe an— dann ſchüttelte er mißmuthig den Kopf und ſagte:
„Sie entſchuldigen, Signore, aber ich finde, Sie handeln nicht recht!“——„Wie 29
„Nein, ich finde, daß, wenn Sie mir mehr, ſogar ein vollſtän⸗ diges Vertrauen in dieſer Angelegenheit ſchenkten, vieles ganz an⸗ ders gehen würde.“.
„Aber ich verſtehe kein Wort von alle dem, was Ihr mir ſagt, Beppo!“
„Signore, Signore! Halten Sie mich denn für ſo dumm, glau⸗ ben Sie denn, ich hätte nicht geſtern Nachmittag ſchon die ganze Ge⸗ ſchichte halb errathen, halb combinirt?“
„Aber zum—— was?“ „Andiamo!— aus dem, was Fra Angiolo mir geſagt— aus dem, was ich bei Ihnen errathen— aus dem, was ich mich ent⸗
ſinne beim Regimente gehört zu haben, als ich noch Burſche des Capitäns Palla Caſſotti war— aus dem, was ich geſtern vom Por⸗ tier erfahren habe— aus alle dem könnte ſich faſt ein Dummkopf die Wahrheit zuſammenſetzen.. wie viel mehr ich, Signore, der dieſen Titel nicht im geringſten beanſprucht.“
„Aber Menſch, redet deutlicher, wenn ich Euch verſtehen ſoll— kein einziges Wort von alle dem kann ſich auf mich beziehen.“
„Nun, denn gut,“ antwortete er, indem er unwillig den Kopf zurückwarf,„fragen Sie, ich werde antworten.“.
In dieſem Augenblick trat Geronimo in die Stube, und unſere Unterhaltung wurde unterbrochen.
„Nun, meine Herren,“ ſagte er,„wie ſchmeckt Ihnen mein Wein?“
„Ausgezeichnet,“ erwiderte Beppo,„wo bekommt Ihr denn
———õ—;——;˖:O—Oℳ:§˖†—V—ß——nuͤ—
—xxx
ſolchen Nectar her?“——
„Dio mio, Signore,“ ich nahm mir die Freiheit, auf Ihre
1
4
500
gehen!“—
„Hm!— man hat Freunde überall“.
„Beſonders auf griechiſchen Schiffen— nicht wahr?“
„Ueberall!— man muß ſich ja wohl durchzuſchlagen ſuchen, denn das Geſchäft geht ſchlecht— ſpottſchlecht!
taiolo eigentlich doch nur— hin und herfahren zu den Schiffen— fremde Herrſchaften im Hafen oder nach Pegli ſpazieren fahren—
das iſt unſer beſter Verdienſt!“. „So... nun dann holt uns nur die andere Flaſche— die vorletzte, nicht wahr?“„2 2*
„Es werden wohl noch ein Paar da ſein.“
Geronimo verließ das Zimmer.
„Wiſſen Sie, Signore,“ ſagte Beppo, ſobald jener die Thür hinter ſich geſchloſſen,„baß jener dicke Speckwannſt uns ſehr gute Dienſte leiſten kann?“—„Wobei?“
„Haben Sie nicht gehört, daß er die Paſſagiere zu den Dampf⸗ booten fährt— und heute Abend reiſen die Herrſchaften per Dampf⸗ ſchiff ab!“——„Ihr könnt recht haben... doch...“
„O, bitte um Entſchuldigung, ich vergaß, daß ich nur Ihre Befehle zu befolgen und keine Initiative zu ergreifen habe...“
„Redet keinen Unſinn, Beppo und antwortet mir. Wer ſind dieſe Herrſchaften?“ 8 2
’„Die alte Dame iſt die Mutter des jungen Herrn und des
Fräulein Paula.“——„Das wußte ich... aber...“
„Die andere iſt ihre Nichte.“
„Das weiß ich alles— aber ihre Namen.... hältniſſe?“
Beppo ſah mich wieder mit jenem Blicke an, der deutlich ſagte, daß ich über ihn zu ſpotten verſuche.
„Nun, werd ich es erfahren?“ rief ich endlich auch unmuthig. 3„Sie kennen alſo den Namen dieſes Herrn nicht?“ dagte er, kalt lächelnd.
„Nein!— Nein!— zum hundertſten Male!?“
„Haben auch wohl nie von einem Cavaliere Carlo Salviati gehört?“ ...Das Glas entfiel meinen Händen.—„Salviati!“ rief ich... und ich fühlte, wie ich bleich ward...„Salviati! ſagt Ihr — wiederholt es!.... ich kann Euch nicht glauben, daß dieſer Menſch zum zweiten Male....“ Ich konnte nicht fortfahren— ich bebte am ganzen Körper... Beppo ſah mich mit dem größten Er⸗ ſtaunen an.—„Alſo wiſſen Sie es wahrhaftig nicht?“ rief er.
Ich konnte nicht antworten— ich ſprang auf— wollte fort — der Zorn, dieſen Menſchen zum zweiten Male auf inem Wege — in ihm den Despoten der armen Clelia zu n, über⸗ mannte mich.
„Fort!— fort!“ rief ich,—„o, diesmal ſoll er mir nicht ent⸗ — Beppo ſtand plötzlich mir zur Seite und ergriff meine beiden Arme..
„Signore!“ rief er,„Signore, Sie haben den Vater nicht retten können und werden...“
ihre Ver⸗
allein!..“ 4.
„Nun ja,“ rief Beppo Mangini,„wenn Sie ſich Ihrem Zorne hingeben, werden Sie ſie nicht retten, wie Sie ihren Vater nicht retten konnten.“
Ich verſtand nicht!...„Was redet Ihr von einem Vater. Clelia will ich ihm entreißen und...“ 1
„Nun ja denn Herr,— Clelia— von der ſpreche, iſt ja... Clelia... die Tochter des Majors Camillo Ginozzi!“
...... Ich ſtieß einen lauten Schrei aus und ſank auf den Stuhl zurück.
IX.
Ich muß, um dem Leſer das Nachfolgende verſtändlicher zu machen, immer wieder auf die meinen Geiſt beherrſchende Eigen⸗ thümlichkeit zurückkommen, die ihm angeſichts der Gefahr und im letzten, faſt entſcheidenden Augenblicke den Gebrauch all ſeiner, durch
die Aufregung paralyſirten Fähigkeiten wiedergibt. Wenn man mich ſeit meiner Ankunft in Italien wie ein Schilf hin und herſchwankend
7
feſten Entſchluſſes fähig, ſo kam dies von dem wunderbaren, tief in meine Seele dringenden Eindrucke, den Clelia auf mich gemacht hatte
—————
lle Jahre ſehen wir weniger Fremde hier, und von den Fremden lebt ein Barchet⸗
„Was.... Clelia— Clelia will ich retten— ſie— ſie
geſehen hatte,— unſchlüſſig, faſt knabenhaft weichlich und keines
1
und von de ſälſſt aufer Male ande = ic nuch vo ich es v wor auch mi
—


