Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
492
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492 4 Von den Freunden an jenem letzten Geburtstage Neanders ſind

Bruders wanken... dann fand die Müde im Sterbemonate ihres Auguſt, dem ihre letzten Fieberphantaſien galten, daneben die heiß er⸗ ſehnte Ruhe.

Hannchen Neanders Hügel iſt längſt eingeſunken kein Kreuz nennt den Namen der treueſten Schweſter aber, ſo lange Auguſt Neander in dankbaren Herzen fortlebt, wird auch Hannchen Neander nicht vergeſſen werden.

6.

denNeanderskindern inzwiſchen nun auch ſchon viele gefolgt

dorthin, wo es keinen Geburtstag, keinen Sterbetag mehr gibt....

Schelling, Ehrenberg, Strauß, Lisko, Eilers... Was vergangen, kehrt nicht wieder!

Aber ſtieg es leuchtend nieder, Leuchtet's lange noch zurück!

4

Bilder aus Luxemburg.))

I.

Schon die Natur hat zwiſchen dem anliegenden deutſchen Lande im Oſten und dem Kern des Luxemburger Ländchens eine Art Grenz⸗ linie gezogen. Wenn man das uralte und immer ſchöne Trier ver⸗ läßt mit ſeinen Römererinnerungen und der vollen Lieblichkeit ſeines ſüddeutſchen Klimas, das milde Moſelthal bei Conz, wo die wein⸗ und kohlenreiche Saar derLotharingiſchen Jungfrau in die Arme eilt, dieſe ſanftgeſchwungenen, ſonnigen Höhen, an denen über Wall⸗ nußbäumen die Rebe reift und ſchon jetzk(Mitte April) die Knospe der Apfelblüthe ſpringt, wie bald ändert ſich die Scene! Die Bahn ſteigt; die Luft wird rauher; keine blühenden oder halb⸗ blühenden Obſtwälder mehr; wir ſteuern dem bergigen Mittelpunkt des vielumſtrittenen Ländchens zu. Nach anderthalbſtündiger Fahrt durchſägt die Bahn das Gebirge, ſteile Felsmauern umſtarren den Zug; voll Erwartung blicken wir vorwärts, und daszweite Gi⸗ braltar liegt vor uns. Freilich frappanter, überwältigender iſt, wie wir uns ſpäter überzeugten, der Anblick von der Trierer Land⸗ ſtraße, wo mit einemmal, ganz unvermittelt, beim Fort du Moulin die ganze Herrlichkeit ſich öffnet. Wie ſo oft durchkreuzt auch hier die Eiſenbahn die natürlichen Ausſichtspunkte.

Zunächſt wirkt dies labyrinthiſche Durcheinander verſchobener Felſenhöhen, gewundener Thäler, kühner Feſtungs⸗ und ebenſo kühner Eiſenbahnbauten ſinnverwirrend. Ich möchte den Leſer auf jenen Punkt, wo die alte Trierer Straße die Berghöhe(1041 Fuß über dem Meere) erreicht, hinführen und feſtbannen können.

Wer das könnte! Wenn wir beim erſten Anſchauen die Frage um die nationale und ſtrategiſche Bedeutung Luxemburgs, die bren⸗ nenden Zweifel des Moments auch ganz zurückorängen, es iſt ein Anblick einzig in ſeiner Art. Die tiefeingegrabenen Thäler der Al⸗ zette und des Petrusbaches liegen vor uns. Beide umfließen in mäandriſchen Windungen das Felſenneſt der Oberſtadt, das nur an der Nordſeite mit dem rückwärts liegenden Hochplateau zuſammen⸗ hängt. Der Hauptfels ſchiebt eine kühne Landzunge, denBock in das Thal der Alzette vor, die tief unten rauſcht, Mühlen und Häm⸗ mer treibend und mit ihrem wilden Sohne, dem Petrusbach, die drei Unterſtädte Grund, Pfaffenthal und Clauſen durchziehend. Der Felſen iſt überall durchwühlt und überſäet mit crenelirten Mauern, Thoren, Zugbrücken, Baſtionen und Redouten, mit all dem verderbendrohenden Apparat einer Feſtung erſten Ranges. In der That, ein wahres Felſenneſt, bei dem die ewige Natur ſelbſt vor⸗ gearbeitet, Menſchenhand und Menſchenkunſt ſeit neun Jahrhunderten mitgearbeitet und nachgeholfen haben. Zwiſchen den grauſen Feſtungs⸗ werken klettern terraſſenartig angelegte Gärtchen mit Villen und Treibhäuſern der Friede mitten im Krieg! den Berg hinauf. Unter dem Schutz der Kanonen ziehen ſich von allen Seiten impoſante Eiſenbahnbauten in den Feſtungskreis herein. Drei mächtige Via⸗ ducte, 120 Fuß hoch, überbrücken die tiefe Schlucht. Jenſeits des Thalgrundes öffnet ſich, der groteskenParkhöhe entlang, der über⸗ raſchende Blick in ein gewerbreiches und maleriſches Seitenthal. Ueber den nahen und nächſten Felsbergen blauen die fernen Höhen⸗ züge von Thionville und Metz; eine Richtung, die der Blick des Deutſchen unter beſonderen Gedanken einſchlägt, weil von dort, wenn überhaupt, der franzöſiſche Angriff zu erwarten wäre.

Wie geſagt, ſchon das blos landſchaftlich⸗maleriſche Intereſſe macht Luxemburg zu einem der feſſelndſten Punkte des Continents. Nun kommt der Glanz der Geſchichte, der Duft der Sage vor

*) Wir veröffentlichen hiermit eine Reihe von Artikeln eines namhaften deutſchen Schriftſtellers, der auf unſern Wanſch dieſen vielbeſchrieenen aber

wenig bekannten Strich Landes bereiſt hat, begleitet von Illuſtrationen unſres ebenfalls zu dieſem Zwecke entſandten Specialartiſten. D. R.

uns liegt de Meluſinenthurm, vor allen die ſchwerwiegende Bedeutung des Moments hinzu, um dieſen abgelegenen Winkel in den hellſten Vorgrund zu ſtellen. Alle dieſe Intereſſen, das ma⸗ leriſche, geſchichtliche, politiſche, verſchlingen ſich zu einem mächtigen und unvergeßlichen Eindruck. Auch Goethe hat dieſen Eindruck erfahren und ihn wiedergegeben, als er auf jener Campagne nach Frankreich, traurigen Andenkens, im October 1792 in Luxemburg weilte.Wer Luxemburg nicht geſehen hat, ſchreibt er u. a.,wird ſich keine Vorſtellung von dieſem an⸗ und übereinandergefügten Kriegsgebäude machen. Die Einbildungskraft verwirrt ſich, wenn man die ſeltſame Mannigfaltigkeit wieder hervorrufen will, mit der ſich das Auge des hin⸗ und Hergehenden Wanderers kaum befreunden konnte. Undhier findet ſich ſo viel Größe mit Anmuth, ſo viel Ernſt mit Lieblichkeit verbunden, daß wohl zu wünſchen wäre, Pouſſin hätte ſein herrliches Talent in ſolchen Räumen bethätigt.

Nicht auf die Hauptſtadt beſchränkt ſich die Naturſchöne des Landes. Der Wanderer findet in gar manchem Seitenthal, von der übrigen Welt kaum gekannt und genannt, verborgene Reize. Viel⸗ fach verbindet ſich der Reichthum verfallener Adelsburgen mit wild⸗ romantiſchen Felsgebilden zu überraſchenden, ſchönen Landſchafts⸗ bildern. Auf ſteiler Höhe träumt die Vergangenheit, unten dient der rauſchende Waldbach den Induſtrieintereſſen des Tages.

Nur in kürzeſter Skizze läßt ſich hier ein geographiſches Bild des merkwürdigen Landes zeichnen.

In ſeiner gegenwärtigen Geſtalt, nach ſo mancherlei Verkürzun⸗ gen und Beſchneidungen, die es im Lauf der Geſchichte zu erleiden hatte, bildet Luxemburg ein nach Norden zugeſpitztes Dreieck, nur 20 Stunden lang, 12 Stunden breit, mit Ausnahme des Südweſt⸗ winkels ganz dem Flußgebiete des Rheines zugehörig, eingekeilt zwiſchen Belgien, Frankreich und Rheinpreußen. Eine weſentlich verſchiedene Bodenbildung trennt das Land in zwei Hälften. Den Norden und Weſten füllt die plateauartige Thonſchiefermaſſe der Ardennen mit ihren tiefgefurchten Thälern, ein theils reich⸗ bewaldeter, meiſt aber in monotonen, baumloſen und rauhen Hoch⸗ ebenen ſich dehnender Strich. Der Nordoſt fegt dieſe Ebenen, wo oft nur Ginſter und Haidekraut wachſen. Das Witzwort ſagt, die eine Seite der Nordbahn liefere die Beſen(aus Ginſter), die andere die Stiele dazu. Doch bildet der Reichthum an Lohhecken die Grund⸗ lage zu einem Hauptinduſtriezweig Luxemburgs. In dieſer Nord⸗ und Weſthälfte, demOesling, trat früher der Ackerbau ganz vor der Viehzucht, und zwar der auf den kahlen Triften getriebenen Schaf⸗ und Schweinezucht zurück. Neuerdings wird immer mehr Haideland der Cultur gewonnen.

Die glücklicher organiſirte Südhälfte heißt dasGutland. Sie gehört dem Plateau von Lothringen. Eine wellige Hochfläche mit meiſt erbreiterten Thälern und ſanften Hängen, über die ſich ver⸗ einzelte Bergkegel emporheben. Es iſt ein erz⸗ und kornreicher, dicht⸗ bevölkerter Strich, der im Moſelthal, dem Garten des Landes, in die Region des Weinſtocks hineinragt.

Intereſſant iſt ein Blick auf das Waſſernetz, das ſich über das Luxemburger Land ausſpannt. Aus Norden und Süden ſtreben faſt

alle Gewäſſer der Mitte zu. Der Hauptfluß, der das ganze Gebiet

durchſtrömt, die Sauer(Sure) führt die meiſten übrigen Waſſer der Moſel zu. Dies mannigfaltige Waſſergewinde bringt landſchaft⸗ liches Leben in die Gegend, es heftet aber auch eine reiche Induſtrie an ſeine Adern.

Die Felshöhen der Hauptſtadt, faſt in die Mitte zwiſchen Oesling und Gutland geſchoben, bilden die natürliche Akropolis, die feſte Burg des Landes. Man erkennt leicht, der ſichere Jaſtinct der Ur⸗ bewohner wie der Eroberer mußte gerade dieſe Stelle zum ſchützen⸗

den