als grauſam— in ihrer neckiſch prickelnden Weiſe ſucht ſie den alten Freund bei jeder Gelegenheit von der Einzelhaft zu bekehren.
So ſchenkte Hannchen ihm einſt in Gemeinſchaft mit ihrer
Freundin, der Frau Buchhändler Beſſer, eine Taſſe mit den Verſen: „Freundſchaft ohne Liebe Drum ſchick ich und die Beſſer Gleicht der Welt ohne Diebe, Dies dem Diebsprofeſſer!“
Auch heute hat Hannchen den„Diebsprofeſſor“ wieder einmal unter der Hechel ihrer luſtigen Laune.
„Potz Blitz“— ſagt ſie—„unſere Geburtstagstafel ſieht doch gar zu kahl aus— richtig, ich habe den Aufſatz vergeſſen“— und ſie eilt in ihr Zimmer und ſtellt einen originellen Aufſatz auf den Tiſch. Es iſt ein irdenes Gefäß mit vielen Löchern, urſprünglich von Dr. Julius mit Erde und Blumenzwiebeln gefüllt, an Hannchen geſchenkt. Jetzt ſchaut anſtatt einer Krokus oder eines Schneeglöckchens aus jeder Oeffnung ein Puppenköpfchen in Gefan⸗ gentracht hervor.——„Was iſt das, Hannchen?“
„Mein pennſylvaniſches Gefängniß nach dem Recept unſeres Diebsprofeſſors“— ſagt Hannchen ernſthaft und declamirt dann mit luſtigem Pathos:
„Laſter wohnt auf allen Wegen Tugend wohnt für ſich allein,
Laſter kommt dir ſchnell entgegen, Eingeſperrt wird's Tugend ſein!“
Hannchen iſt heute ganz in ihrem Element; während in dem ernſteren Freundeskreiſe des Bruders oben an der Tafel das wiſſen⸗ ſchaftliche Geſpräch vorherrſcht, ſprudelt in Hannchens Nachbarſchaft die herzlichſte, ja oft übermüthige Heiterkeit. Hannchen liebt ebenſo, wie Neander, den Verkehr mit der Jugend über alles— und, ihre Studenten“ ſind dem alten, frohſinnigen, liebenswürdigen Fräulein von Herzen ergeben.
Hannchen iſt die Seele ihres Kreiſes und weiß ihn durch ihre ſeltene Rührigkeit und muntere Laune fortwährend in Athem zu er⸗ halten. Mancher Student oder Candidat, der heute zum erſten Mal hier iſt, hat anfangs wohl geglaubt, an Neanders Tiſche ein feierlich wiſſenſchaftliches Geſicht aufſetzen und reden zu müſſen, als ſtände er auf der Kanzel— aber, während er noch ſo recht hübſch im Zuge iſt, bringt das muthwillige Hannchen ihn durch die plötzliche Frage: „Herr Candidat, Sie ſind doch verlobt?— nicht?— ich dachte, es verſtände ſich von ſelbſt, daß jeder Candidat ſein Bräutchen hätte,“ vollſtändig aus dem Text... es hilft ihm nichts, er muß mit den Fröhlichen fröhlich ſein.
Es macht einen gar eigenen dreiundſiebenzigjährige Fräulein mit den Zügen und den ſelten kurzſichtigen, dunklen Augen, in einer auf⸗ fallend bunten, geſchmackloſen Kleidung, herrſchen, mit den jungen Leuten einen faſt burſchikoſen, witzigen Ton anſchlagen zu ſehen— aber der Strahl ihrer Herzensgüte, der während durch die ungewöhnliche Schale hervorleuchtet und wärmt, läßt ein ſpöttiſches Lächeln nicht aufkommen. Stacheln hält man ihrem prickelnden Witze gern zu gut.
„Verehrtes Fräulein,“ ſagt ein junger Grieche, ſtudirt und Hannchen nicht ſelten mit der Philoſophie von Hegel ge⸗ ärgert hat,„haben Sie die Güte gehabt und mir eine Zeile ins Stammbuch geſchrieben?— ich reiſe ſchon in der nächſten Woche ab
„Gewiß— hier iſt es!“ Um Hannchens Mund, der noch jetzt mit den ſchönſten Zähnen
geſchmückt iſt, ſpielt ein feines, ſatyriſches Lächeln, da ſie dem Griechen ein Stammbuchblatt hinreicht.
Auf Verlangen lieſt er laut: Hegel identiſch— alſo iſt Hierſein und — und doch laſſen Sie ſich beim Abſchiede etwas ins Stammbuch ſchreiben?“
„Sie reiſen wohl, ehe Sie nach Griechenland zurückkehren, jetzt noch zu Ihrem Vergnügen?“— ſagt ein hilfreicher Nachbar zu dem verlegenen Hegelianer.
„Nein, er reiſt zu meinem Vergnügen!“ flüſtert Hannchen dem Frager ſchnell ins Ohr.
So ſprühen Hannchens wie ein Feuerrad nach allen Seiten Funken— auch Holz fängt in ihrer Nähe Feuer.
Am oberen Ende des Tiſches klingt es ans Glas— Ehrenberg bringt in herzlichen, würdigen Worten einen Trinkſpruch aus auf den fleißigen, fruchtbaren und ſegensreich
Neander, indem er an die Monograr ien Neanders, Tertulliau anknüpft und bedeutſam darauf hinweiſt, daß die Werke des edlen Herzenstheologen ſelbſt über den Ocean hinaus reichen, Segen ſtreuen und in Amerika eine neue leuchtende Kirche auf dem feſten Grunde des Chriſtenthums bauen!
Seiten:„Strauß— jetzt den Toaſt— den köſtlichen Toaſt!“ — Hannchen aber klatſcht ſtürmiſch in die Hände. 1
tage Naanders ſich an ſein Glas geklungen und geſprochen: Jubel⸗Neander hat mit ſeltenſtem Fleiße und reichſtem Wiſſen der Welt ein Werk geſchenkt, das ſeine hohe Bedeutung, ſeinen Seg3en für alle Zeiten bewahren wird, ſo lange die Welt Bücher ſtudirt— ſeine Kirchengeſchichte, die auf umfaſſende Quellenforſchung und
kürzlich in neuen Auflagen erſchienenen der heilige Bernhard, Chryſoſtomus und
Kaum hat der Redner geendet, ſo ſchallt es heiter von allen
Selbſt über Neanders ernſtes Geſicht leuchtet ein mildes Lächeln
Vor einer Reihe von Jahren hatte Strauß an einem Geburts-⸗ auch erhoben und mit einem gar eigenen Geſichte „Meine Freunde! Unſer
lauterſte Wahrheitstreue begründet, mit gleich großem Rechte eien Geſchichte der Kirche als auch eine Geſchichte der Frömmigkeit genannt werden kann. Der Verfaſſer ſtellt mit dieſem Buche eine wahrhaft chriſtliche Kirchengeſchichtsſchreibung wieder her; durchdrungen von ſeinem glaubensfeſten und glaubensmilden Geiſte, belehrt und erbaut se in gleichem Maße. Mit ſeiner Kirchengeſchichte tritt unſer Neander würdig in die leuchtende Reihe der Kirchenväter. Doch damit ſage ich Ihnen allen ja nichts Neues... ſchwerlich iſt es Ihnen aber be⸗ kannt, daß“— und dies mit erhöhter Stimme geſprochen—„unſer verehrter Freund nicht der alleinige Verfaſſer von„Neanders Kirchengeſchichte“ iſt!“
Der Redner machte eine Pauſe... die Gäſte ſchauten ſich ver⸗ 1
wundert, ja verlegen an— Neander rückte unruhig und unbehaglic 1 auf ſeinem Stuhle hin und her— Hannchen aber ſchoß zornige Blicke auf den kühnen Redner und ſah ſo unternehmend aus, als
möchte ſie es bei den Blicken nicht bewenden laſſen. Feierlich fuhr Strauß fort:„Ja, meine Freunde, ich bin ſtolhl V darauf, entdeckt zu haben, daß Neanders Kirchengeſchichte mit Hilſfe eines ſehr beachtenswerthen Mitarbeiters entſtanden iſt— nur ſo 1 1 entſtehen konnte!“ Verlegener wurden die Gäſte— unbehaglicher Neanders Hin⸗
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und Herrücken— zorniger Hannchens geſchoſſene Blicke und unter⸗ it , nehmender ihre Haltung... IS Eindruck, das kleine, unſcheinbare„Und dieſer bis jetzt ungenannte und unbekannte Mitverfaſſer ſcharfgeſchnittenen jüdiſchen der Kirchengeſchichte ſitzt unter uns...“ „Strauß, nein, das iſt zu arg— das iſt ſchändlich...“ brach in der Gelb und Roth vor⸗ es jetzt bei Hannchen los... Mit ſtrahlendem Geſichte fuhr Strauß fort:„Ich bin ſtolz fort⸗ darauf, dem Mitverfaſſer der Kirchengeſchichte— oder richtiger, der Mittverfaſſerin hiermit ein dankendes Hoch auszubringen... Hann⸗ d Selbſt einige kleine chen Neander, die treueſte der Schweſtern, die dem Bruder ihr 6 ganzes Leben in unermüdlicher Liebe, in aufmerkſamſter Pflege wida ij der in Berlin mete— die mit rührender Sorgfalt alles fernhält, was den Schreiber der Kirchengeſchichte ſtören, was ihn beunruhigen oder betrüben kaenn her — Hannchen Neander, die das geiſtige Leben Auguſt Neanders ſo ät 1“ innig mitlebt... Hannchen Neander, die ich darum mit vollſtem A Rechte die treue Mitarbeiterin an Auguſt Neanders unſterblicher Kirchengeſchichte nenne, lebe hoch!“.... Welch ein heller Jubel brach da los.... wie leuchteten die un dunklen Augen der„Neanderskinder“ ſich in Liebe zu... wie herz⸗ ſr „Sein und Nichtſein iſt nach lich konnte Strauß lachen, daß der Tiſch ſchütterte..„9 Nichthierſein auch identiſch Dieſer Toaſt iſt an Neanders Geburtstagen ein ſtehender ge⸗ alle worden—„Strauß, nun den Toaſt!“ heißt es regelmäßig.— nuf Jeder kennt die Pointe, aber ſie wird ſtets mit dem alten Jubel ihre begrüßt.— 2 bald Das einfache Mahl iſt beendet. Am Arme von Strauß geht Neander mit den älteren und ernſteren Freunden in ſein Studir⸗ 8 zimmer.— Es iſt immer noch ein reicher und herrlicher Freundeskreis— ſcharfer Verſtand und lebendiger Geiſt und doch ſind im Laufe der Jahre ſchon viele edle Glieder daraus— das langweiligſte geſchieden! Die alten Bundesbrüder vom Nordſtern: Wilhelm uuf Neumann und Adelbert von Chamiſſo hat der Tod von dem treuen Herzen G Neanders geriſſen— den königlichen Legationsrath Auguſt Varn⸗ ſpii hagen von Enſe aber hat das Leben losgelöſt 4 das glänzende pre en Schriftſteller Scheinleben der ſtolzen Welt!— Auch das kindlich reine Herz des her —. Ver 1


