Von preußiſchen Mitgliedern dieſer Fractionen verdienen noch beſondere Erwähnung: Landgerichts⸗Präſident Scherer aus Aachen und Domcapitular Thiſſen aus Frankfurt a. M.
Herr Scherer erregte den Zorn mehrer katholiſchen Abge⸗ ordneten und namentlich den des bald darauf austretenden Profeſſors Michelis, weil er die Uebereinſtimmung von katholiſchen und evan⸗ geliſchen Angehörigen der preußiſchen Monarchie gegenüber den Er⸗ rungenſchaften des letzten Krieges, die von beiden mit wahrhaft patriotiſcher Freude begrüßt würden, ſowie beider Wunſch conſtatirte, das neue Vexfaſſungswerk zu Stande kommen zu ſehen. Im übrigen hat er die Regierung warm und kräftig unterſtützt.
Ganz daſſelbe muß von Herrn Thiſſen geſagt werden, wenn⸗ gleich dieſem ein ganz anderer Ruf voranging. Bekanntlich von der Stadt Köln gewählt, wo er über Ludolf Camphauſen ſiegte, unter⸗ ſcheidet ſich Herr Thiſſen ſehr zu ſeinem Vortheil von ſeinem Amts⸗ bruder Michelis, den er ganz links liegen ließ. Der kleine behende Mann mit dem ſchon faſt kahlen, weiß leuchtendem Haupte proclamirte von der Tribüne eine gemäßigt freiſinnige Anſchauung und die ver⸗ ſöhnlichſte Geſinnung. Einige Ausſprüche von ihm mußten allge⸗ mein überraſchen. Er erklärte ſich gegen das Zweikammerſyſtem, indem er ſagte:„Die Forderung eines Oberhauſes iſt eine Conſequenz, wenn man im Conſtitutionalismus mit ſeinem Zweikammerſyſtem die vollendete Staatsform erblickt. Ich kann das nicht; ich ſehe im Conſtitutionalismus eine Entwickelung des Repräſentativſyſtems, den Uebergang zu einer naturgemäßen Volksvertretung.“ Dem deutſchen Volk ſtellt er das beſte Zeugniß aus:„Das deutſche Volk iſt conſervativ im edelſten Sinne des Worts, es hält auf Anſtand, Zucht und Ordnung in Haus, Familie und Gemeinde; es iſt auch dankbar, es lohnt mit Vertrauen jenen, welche ihm Wohlwollen entgegenbringen, und wenn es die Wahl hat, dann legt es auch die Sorge für ſeine Intereſſen ganz beſonders gern in die Hand eines Mannes, welcher mit dem ihm gebührenden Wohlwollen zugleich den Glanz einer äußern Stellung und der Ehre verbindet. Sie, meine Herren, ſind davon ein ſprechender Beweis. Aus der directen Wahl des Volkes iſt eine Zahl von Fürſten, Grafen, Baronen in den Reichstag geſendet worden, und ich glaube, dieſer Glanz, den Ihnen das Volk gegeben hat, iſt nicht minder hoch anzuſchlagen als die hiſtoriſchen Remini⸗ ſcenzen der Verdienſte, welche Ihre Ahnen in früheren Zeiten ſich um das Volks⸗ und Staatswohl erworben haben.“—
Herrn Thiſſen konnte man oft im vertraulichen Geſpräch mit dem Baron von Rothſchild ſehen. Dieſer hatte ſich keiner Fraction angeſchloſſen, gehörte alſo zu den ſogenannten„Wilden“, ſtimmte aber gewöhnlich gleichfalls mit den freien Conſervativen. Sonach hat man auch hier geirrt, wenn man die Wahl des Börſen⸗ fürſten als eine Demonſtration der guten Stadt Frankfurt gegen Preußen und den neuen Bund nahm; oder aber Herr von Rothſchild iſt vielleicht gegen die Abſicht ſeiner Wähler ſeiner beſſern Ueber⸗ zeugung gefolgt. Er ſtimmte in den wichtigſten Fragen, wie bei den Diäten, der Militärreorganiſation und der Regelung der Bundes⸗
than hatte; er dankte ihm im Namen vieler Landsleute, die in ſeiner Erklärung eine große Beruhigung finden würden.
Die drei Sachſen ſind: Amtshauptmann von Salza und Lichtenau aus Bautzen, Landesälteſter von Thielau aus der Oberlauſitz und Kammerherr von Zehmen aus Stauchitz bei Rieſa.
Herr von Zehmen war unter ſeinen Landsleuten einer der erſten, der bei der allgemeinen Discuſſion des Verfaſſungsentwurfs zum Wort gelangte, und gleich der Anfang ſeiner Rede machte einen überraſchend wohlthuenden Eindruck. Er begann mit der Erklärung, daß er und ſeine Freunde allerdings dem Particularismus huldigten, aber keineswegs einem ſpecifiſch ſächſiſchen Par⸗ ticularismus; im Gegentheil wollten auch ſie aufrichtig das Zuſtandekommen des neuen Bundes, und in dieſem Sinne würden ſie im Reichstag thätig ſein. Ja der Redner ging noch weiter, denn er ſprach ein ebenſo wahres wie inhaltsſchweres Wort frei und ge⸗ laſſen aus:„Eine ſpecielle ſächſiſche Politik halte ich nach meiner Ueberzeugung für nicht mehr möglich.“ Und ebenſo angenehm und würdevoll wie dieſe Worte iſt auch die Perſönlichkeit des Redners, dem man ſofort den vornehmen und gebildeten Mann anſieht. Auf ſeinem Geſicht, das ein blonder in zwei Zipfeln auslaufender Backenbart beſchattet, liegt der Schmelz einer gewiſſen Trauer und Reſignation; wie man wol folgern darf, der Trauer über die vorjährigen Ereigniſſe, die ſein Vaterland ſo hart trafen, aber doch wieder der Reſignation, welche ſich in das Unvermeidliche ergibt und es zum Beſten zu kehren ſucht.
In ſolchen Beſtrebungen ſecundirte ihm Herr von Thielau, der an praktiſchem, echt ſtaatsmänniſchem Blick und klarem bündigen Vortrag nichts zu wünſchen übrig ließ. Ueberhaupt gab es unter den Abgeordneten der verbündeten Staaten nicht wenige, die eine große Anzahl ihrer preußiſchen Collegen an parlamentariſcher Er⸗ fahrung und ſtaatsrechtlichen Kenntniſſen weit hinter ſich zurückließen, und das gilt, trotz der wenigen und kurzen Reden, die beide gehalten, auch von den Herren von Thielau und von Zehmen.
Mit ſolchen Leuten läßt ſich reden, mit ſolchen Männern kann man ſich verſtändigen. Dahin gehören auch die ſechs Sachſen, welche ſich der Obhut des Herrn von Vincke anvertraut, der Fraction des von ihm commandirten„Centrums“ zugetreten waren.
Unter ihnen iſt eine ſehr repräſentirende, nämlich hohe und volle Figur, der zeitige Rector der Univerſität Leipzig, Geheimer Rath und Profeſſor der Rechte, Dr. von Gerber. In Folge ſeiner wiſſenſchaftlichen Leiſtungen in den Adelsſtand erhoben, hat ihm ſchon die Natur den perſönlichen Adel verliehen, und zwar einen liebenswürdigen und anmuthigen Adel. Erſt 43 Jahre alt, iſt das blonde Haupthaar doch ſchon gelichtet, aber die vollen runden Wangen blühen noch friſch und roſig wie das Antlitz eines Jünglings. Aus den blauen Augen ſchimmert ein ſanftes ſeelenvolles Feuer, und dieſes durchwärmt auch ſeine Reden, die in ſchmuckloſer Eleganz dahinfließen und ſich zuweilen zu einem ſanguiniſchen Schwung er⸗ heben. Voll Begeiſterung ſpricht er„von der Sehnſucht der deutſchen Juriſten nach einem gemeinſamen deutſchen Recht“, und
finanzen für die Vorlage der Regierung und gegen die Amendements der Oppoſition, wo man ihn oft inmitten ſeiner nächſten Umgebung ganz allein ſich erheben oder einſam ſitzen bleiben ſah. Trotzdem war Heerr von Rothſchild eines der beliebteſten und geſuchteſten Mitglieder V im ganzen Hauſe— niemand wurde, als gegen das Ende der Seſſion der Austauſch von Viſitenkarten begann, häufiger um
er beſchwört die Verſammlung, die ganze einheitliche Geſetzgebung der Bundesgewalt unterzuordnen, und damit„den deutſchen Juriſten den Muth zurückzugeben, der ihnen zum Theil ſchon entſchwun den war.“ Eine andere Art von Begeiſterung, eine mehr naturwüchſige und originelle durchzittert die Reden ſeiner beiden Specialcollegen,
ſeine Photographie angegangen, als der König der Millionäre, und niemand gab ſie bereitwilliger und in liebenswürdigerer Weiſe her. Und andererſeits ſoll es Herrn von Rothſchild in Berlin ſo gut gefallen haben, daß er ganz nach der hieſigen Reſidenz überzuſiedeln gedenkt und bereits im Thiergarten eine Villa angekauft hat.
Von nicht preußiſchen Abgeordneten haben ſich den freien Conſervativen ein Mecklenburger und drei Sachſen angeſchloſſen.
Jener iſt der Graf von Baſſewitz, ein alter, ſtämmiger Herr von ländlich⸗rüſtigem Ausſehen. Er vertheidigte die Selbſt⸗ ſtändigkeit ſeines engeren Vaterlandes nach rechts gegen Herrn Wagener, der die Bedeutung der kleinen deutſchen Fürſten niedriger als die eines Lord Palmerſton oder Lord Derby angeſchlagen; nach links gegen einige Nationalliberale, welche meinten, Preußen habe ſeinen neuen Verbündeten viel zu viel Prärogative gelaſſen. Er wies ſolche An⸗ ſichten mit ernſtem Unwillen, aber doch mit gemäßigten Worten zurück und dankte dem Grafen Bismarck, daß dieſer kurz vorher daſſelbe ge⸗
des Geheimen Juſtizraths und vortragenden Raths im Auſtiz⸗ miniſterium Gebert aus Dresden und des Generalſtaatsanwalts Dr. Schwarze ebendaher.
Herr Schwarze ſieht weit unſchuldiger aus, als man einem General⸗Staats⸗Anwalt zutrauen ſollte. Nicht größer als Herr Gebert, iſt er auf der Tribüne noch lebhafter. Er wiegt beſtändig den Kopf, auf dem die hellblonden Haare zerſtreut und unruhig zu Berge ſtehen; auf dem bartloſen, etwas verkümmerten Geſicht wechſelt Sonnenſchein mit Wetterwolken; die große hagere Naſe hebt und ſenkt ſich, die Stimme klingt ſchrill und tapfer. Trotzalledem iſt der Geſammtein⸗ druck, den dieſer Herr macht, ein ſo friſcher und munterer, daß man die 50 Jahre, die er hinter ſich hat, ihm ſchwerlich anmerkt, und daß der Redner, auch wenn er die trockenſten Materien behandelt, zur Auf⸗ merkſamkeit reizt; Herr Schwarze hat unter den deutſchen Juriſten einen tüchtigen Ruf, wieer denn auch auf den Juriſtentagen zu Berlin, Dresden, Wien und Mainz der Criminalabtheilung präſidirte; und im Reichstage


