Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
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wollte dem Abgeordneten Molly bemerklich machen, daß es in der Provinz Poſen nicht polniſche Bürger, ſondern nur preußiſche Staats⸗ bürger gibt. Das war die ganze Rede, aber ſie reichte vollkommen aus, indem ſie die Prätenſionen der Herren Polen gründlich zurück⸗ wies. Graf Renard weilt gern in der Reſtauration des Hauſes, wo er ſich auf zweien Stühlen zu ſchaukeln pflegt; welchem Experi⸗ ment der Reſtaurateur Müller, wenn er gerade Zeit dazu hat, mit großer Spannung zuſieht; ob aus Beſorgniß für die Perſon des Grafen oder für ſeine eigenen Stühle, iſt nicht leicht zu entſcheiden. Kelluer, eine Flaſche Lafitte! rief Graf Renard neulich an das Büffet tretend. Und ſich an ein Paar Bekannte wendend, fügte er als Erläuterung hinzu:Der Abgeordnete Grumbrecht verbreitet ſich ſo eben im Saal über die Schickſale feines Lebens; da das nun ein wenig lange dauern wird, werde ich wol inzwiſchen mit meiner Flaſche fertig werden.

Der Abgeordnete Fürſt Lichnowsky hat das Wort zu einer perſönlichen Bemerkung! ſpricht der Präſident. Fürſt Lichnowsky! Welche Erinnerungen tauchen bei dieſem Namen auf; welche ritter⸗ liche Perſönlichkeit, umſtrahlt von dem Schimmer abenteuerlicher Romantik, ſtellt ſich dem inneren Auge dar; aber auch welch blutige, grauſige Tragödie auf der Bornheimer Haide bei Frankfurt a. M., wo die Pöbelmeute den Ritter zu Tode hetzt; und dann im Bethmann⸗ ſchen Landhauſe, wo er gefaßt ſein junges, reiches Leben entſtrömen ſieht. Fürſt Felix von Lichnowsky ſaß 1848 unter den Männern der Paulskirche, ſein Bruder und Nachfolger Karl tagt 1867 im Parlament des norddeutſchen Bundes. Wie damals in Frankfurt, ſitzt heute in Berlin Eduard Simſon auf dem Präſtidentenſtuhl, und ſomit ertheilt er dem Fürſten Karl das Wort, derim Namen ſeines ermordeten Bruders gegen die Farben ſchwarz⸗roth⸗gold proteſtirt; wenngleich Fürſt Felix damals für dieſe Farben geſprochen habe, heute würde er wie ſein Bruder gegen dieſelben ſtimmen: Schwarz⸗ weiß⸗roth ſoll die Flagge des neuen Bundes ſein. Tempora mu- tantur, nos et mutamur in illis. Auch den Präſidenten Dr. Simſon wandelt heut ein menſchliches Rühren an.Es iſt gewiß nicht ſtreng in der Ordnung, meint er,daß jemand ſeinen verſtorbenen Bruder im Wege einer perſönlichen Bemerkung vertritt. Aber ich denke, das Haus hat in dieſem Falle eine gewiſſe Nachſicht üben wollen. Ohne Zweifel. Die Citation des Fürſten Felix Lichnowsky durch den Abgeordneten Franz Duncker war keine glückliche, denn jene Farben wurden von ſeinen entmenſchten Mördern unmittelbar bei der Blutthat voraufgetragen, und dieſe geſchah gewiſſermaßen unter dem ſchwarz⸗roth⸗goldnen Zeichen.

Wie Graf Renard ſteht auch Fürſt Karl Lichnowsky im kräftig⸗ ſten Mannesalter: auch er iſt eine volle, ſaftige Erſcheinung, dazu ungleich beweglicher und entſchiedener als jener. Er hat nicht die Schönheit und Eleganz ſeines Bruders, dennoch iſt auch ſeine Perſönlichkeit eine intereſſante zu nennen. Den ſtarken, eckigen Kopf ſchmückt ſchwarzes, lockiges Haar; in dem ſcharf markirten, den ſlaviſchen Typus nicht verleugnenden Geſicht blitzen ein Paar dunkle Augen, und der volle Schnurr⸗ und Backenbart verleiht der ganzen Phyſiognomie einen nicht minder intelligenten wie kräftigen und ſtatt⸗ lichen Ausdruck. Auch der Fürſt hat nur ein oder zwei Mal geſprochen, dann aber mit hoher ſchallender Stimme, im belebten Fluſſe und in gewählten pointirten Worten..

Jener kleine, beleibte, alte, aber noch ſehr wohlerhaltene Herr, der zu ſo ſpäter Stunde es iſt bereits 4 Uhr Nachmittags und die Ver⸗ ſammlung plagt, wie ihre Unruhe merken läßt, der Hunger; alſo der kleine runde Herr, der jetzt der Tribüne zuwandelt, iſt was ihm vielleicht nicht Jedermann gleich anſieht der Graf v. Galen aus Münſter, Kammerherr, wirklicher Geheimer Rath und Excellenz. Er weiß, daß er, um jetzt noch mit Aufmerkſamkeit oder auch überhaupt nur angehört zu werden, etwas Beſonderes leiſten muß, und doch hält er, wie er geſteht, wenngleich er während einer 40 jährigen diplomatiſchen

Laufbahn alle Parlamente Europas hat ſprechen hören, heute ſeine

Jungfernrede. Nun, für eine Jungfernrede ſpricht er gar nicht übel: glatt, fließend und launig. Zum Schluſſe erzählt er eine Anecdote aus dem Leben von Felix Mendelsſohn, die an das Brentanoſche Wort:Gute Leute, aber ſchlechte Muſikanten erinnert. Wie Felix Mendelsſohn möchte auch Graf Galen, wenngleich er hier nicht Kapellmeiſter iſt, die ſchlechten Muſikanten, nämlich diejenigen, welche das Verfaſſungswerk nichtklar, raſch und kräftig durchführen wollen oder können, einfach aus dem Reichstag hinausweiſen. Mit

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dieſem luſtigen Finale erringt er, was nach Zeit und Umſtänden ſonſt unmöglich geweſen wäre, die vollſtändige Verzeihung der Verſamm⸗ lung, daß er ſie noch ſo ſpät aufgehalten; die Herren lachen aus vollem Herzen und werfen dem abtretenden Redner lärmende Bravos nach.

Es kann wohl kaum einen langſameren und bedächtigeren Herrn geben, als den Fürſten zu Solms⸗Hohenſolms⸗Lich, Mit⸗ glied des preußiſchen Staatsrathes und des Herrenhauſes, reich be⸗ gütert in der Rheinprovinz und Heſſen⸗Darmſtadt; wenn wir nicht irren, Präſident der Herren⸗Curie beim Vereinigten Landtage von 1847 und auch für den gegenwärtigen Reichstag als Vorſitzender anfangs in Ausſicht genommen. Langſam und bedächtig iſt ſein Aeußeres: mittelgroße, beleibte Geſtalt, volles, rundes, glattraſirtes Geſicht mit Brille; aber noch langſamer und bedächtiger iſt ſein Weſen und ſeine Redeweiſe; er läßt nach jedem Wort eine minuten lange Pauſe eintreten und ſcheint das folgende nur mit Bedauern von ſich zu geben. So bringt er ſich ſelber um die Wirkung ſeiner Reden, die ſonſt kurz, klar und ſachgemäß ſind.

Von all dieſen vornehmen Herren iſt anerkanntermaßen der be⸗ gabteſte Graf von Bethuſy⸗Huc aus Oberſchleſien, der Stifter und die Seele der freien conſervativen Fraction. Er befindet ſich wie Graf Renard im 38. Lebensjahre, iſt aber, im Gegenſatz zu dieſem, ſchlank und bleich, mit dunkelblondem, kurzem Haar, braunem Schnurr⸗ bart und ſchwarzen, klugen Augen, die neben den leichten, lebhaften Bewegungen von ſeiner magyariſchen Abſtammung zeugen. Er ſpricht nicht häufig und nie zu lange, aber jedesmal bedeutend und wirkungs⸗ voll, in etwas geſuchten Wendungen, vermiſcht mit gelehrten An⸗ ſpielungen und philoſophiſchen Betrachtungen; ſeine Reden zeugen von feiner Bildung und poſitiven Kenntniſſen; der Vortrag wird durch die verſchnupfte Stimme und, trotz der im ganzen chevaleresken Hal⸗ tung, zuweilen durch heftige Geſticulationen beeinträchtigt. Der Ein⸗ gang ſeiner letzten Rede wird ihn am beſten charakteriſiren.Meine Herren, ſagt er,wollte ich dem Drange eines etwas geſchwollenen Herzens folgen, ſo würde ich Ihnen ſagen: ich bin des trockenen Tones des Vermittlers nun ſatt; ich müßte aber noch hinzufügen, ich will einmal den Teufel ſpielen, das heißt, den Geiſt, der ſtets verneint. Ich habe nicht das Unglück, mich zu ſchleppen mit vielen Principien; ich komme daher auch nicht ſo oft wie andere, in die unangenehme Alternative, ein Princip entweder zu verleugnen oder es auf Ge⸗ fahr des Pereat mundus hier vertreten zu müſſen. Ich habe zwei oberſte Principien: das königliche Preußenthum und das natio⸗ nale Deutſchthum. Dieſe Neigung, zwiſchen Conſervativen und Li⸗ beralen zu vermitteln, wird ihm meiſt von beiden Theilen mit Undank gelohnt. Schon vorhin hat ihm Herr von Blanckenburg erklärt, daß er für ſein(des Grafen) Sous⸗Amendement, welches die Forterhebung derverfaſſungsmäßig feſtgeſtellten Beiträge zur Unterhaltung des Bundesheeres bis zum Erlaß eines neuen Geſetzes bewillige,am allerwenigſten ſtimmen könne, daß der Antragſtellerſich hier, wie gewöhnlich, wieder ſelber unteramendiren wolle; eine Erklärung, die Graf Bethuſy⸗Huc gegen Graf Eberhard zu Stolberg⸗Wernige rode gewendet mit herzlichem Lachen aufnimmt. Jetzt macht Herr Wagener, der heute überhaupt Mitglieder der verſchiedenſten Parteien mit gewohnter Schärfe abfertigt, gegen ihn einen neuen Ausfall, in⸗ dem er meint: er habe ſchon längſt gewußt,daß das Packet von conſervativen Principien, welches der Herr Graf von Bethuſy⸗Huc mit ſich führe, ein ſehr kleines ſei, dieſer habe ſich heute noch mit der Rolle des Fauſt begnügt, ſcheine aber nächſtens den Mephiſtopheles ſpielen zu wollen. Graf Bethuſy⸗Huc erwidert mit nicht minde⸗ rem Witz: wenn ihm der Abgeordnete Wagener die Rolle des Fauſt vindicire, ſo wolle er ſie doch ohne Wagener durchführen; worauf wieder Herr Wagener entgegnet, er habe dem Grafen Bethuſy⸗Huc⸗ Fauſt ſeine Dienſte noch nie angetragen. So platzen die Geiſter in der Debatte aufeinander, und ein Neuling könnte fürchten, die Redner würden hinterher mit Degen und Piſtolen einander zu Leibe gehen; aber es iſt wie in den Gerichtsſälen, wo die Advocaten der beiden Parteien ſich zuerſt mit der größten Erbitterung bekämpfen und gleich darauf, als ob nichts geſchehen, Arm in Arm nach der nächſten Wein⸗ ſtube wandern und dort gemeinſchaftlich frühſtücken. Auch Graf Be thuſy⸗Huc nähert ſich dem Abgeordneten Wagener, ſobald die letzte perſönliche Bemerkung verſchoſſen iſt, mit dem liebenswürdigſten Lächeln auf den Lippen, und beide Herren unterhalten ſich ſo freund⸗ ſchaftlich und vergnügt, als ob nie eine Meinungsverſchiedenheit

zwiſchen ihnen beſtanden hätte.

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