geſprungen war, und ihre beiden Arme dem verſteinerten Mönche entgegenſtreckte!
„Palla Caſſotti!“ rief ſie,„im Namen...“ da ward das offene Fenſter mit Gewalt hinaufgeriſſen, und alles verſchwand— während die Glocke zum letzten Male läutete.
Schnell wie der Wind war ein Entſchluß durch mein Gehirn gefahren— und eben ſo ſchnell hatte ich denſelben ausgeführt.— Ich hatte die Thür des nächſtliegenden Coupés aufgeriſſen— war hineingeſprungen, und als der Zug ſich einige Secunden ſpäter in Bewegung ſetzte, hatte ich gerade noch Zeit, dem immer noch ſprachlos daſtehenden Marquis zuzurufen:„Denken Sie an das Kind Camillos — ich werde die beſchützen, die von Ihnen Rettung erfleht hat!—“
Ein greller Pfiff— ich hörte die Antwort des Mönches nicht — der Zug brauſte dahin!
Schon waren wir in Moncalieri, der erſten Station des Schnell⸗ zuges angelangt und ich war noch immer nicht zur Beſinnung ge⸗ kommen, oder, um mich beſſer auszudrücken, mein Geiſt hatte ſich mit einer eigenthümlichen Beharrlichkeit auf einen Gedanken concentrirt. Ein Anflug von— wie ſoll ich es nennen?— vielleicht von— Aberglauben war über mich gekommen und hatte ſich meiner ganz und gar bemächtigt. Und dieſer Aberglaube fand eine Art von Be⸗ rechtigung in den allerdings erſtaunenswerthen Zwiſchenfällen, die jedesmal eintraten, wenn ich das heilige Vermächtniß des Majors zu erfüllen trachtete. Es ſchien, als wenn eine unſichtbare Macht mich daran zu verhindern ſtrebte— es ſchien, als wenn— wie man ge⸗ wöhnlich zu ſagen pflegt— es nicht ſein ſollte. Hatte der Mönch Recht?— O, meine ganze Vernunft ſträubte ſich dagegen— Nein! nein!— ich mußte das Legat des Mannes, der ſein letztes Vertrauen in mich geſetzt, erfüllen— ich mußte es thun— und doch that ich es nicht. Ich eilte vom Schauplatz, auf dem ich hätte wirken können— ich ſtürzte mich wie ein Unbeſonnener in ein Aben⸗ teuer,— ich vergaß meine Pflicht, ich ſetzte mich vielleicht— wahr⸗ ſcheinlich vielfachen Gefahren aus— warum? Ja warum?
Um den thörichten Wallungen meines Herzens zu folgen— zu feig, um die erſten Keime einer Leidenſchaft in ihrem erſten Entſprießen zu unterdrücken, ließ ich mich faſt willenlos von ihr hinreißen.
„Retten Sie mich!“ hatte ſie mit herzzerreißender Stimme ge⸗ rufen—„retten Sie mich!“— o verzeih, du Schatten Camillos— nein, ich konnte nicht anders— ich mußte ihr auf den Fuß folgen— ich mußte da ſein, um mich zwiſchen die Gefahr und die zu werfen, die— jetzt fühlte ich es klar und deutlich in meinem Herzen— die ich liebte, wie ich nie zu lieben geglaubt— zu lieben gehofft!... Stehe mir bei, du Geiſt meines Freundes, die Gefahr, die ſie bedroht, zu beſeitigen— und dann.. dann, ein überſchwängliches Glück im Herzen dann wirſt du ſehen, wie ich für dein Kind kämpfe, dann wirſt du zufrieden mit mir ſein!
„Ihr Billet, Signore!“ ſagte plötzlich der Schaffner, der ſich dem Fenſter des Coupés, in welchem ich glücklicherweiſe allein ſaß, genähert hatte.
„Die Caſſe war ſchon geſchloſſen, als ich ankam,“ erwiderte ich, „ich werde Ihnen zahlen.“
„Wie weit fahren Sie?“ fragte er.—
Ich wußte nicht, was ich antworten ſollte.
„Wie weit geht dieſer Zug?“ ſagte ich endlich.
„Es kommt darauf an— in Aleſſandria theilt er ſich, die eine Linie geht über Novi nach Genua— die andere über Novara nach Mailand.“
„Hm— ich weiß nicht— ob ein Freund von mir zur rechten Zeit angekommen iſt— wir wollten das Schlachtfeld von Magenta beſuchen— auf jeden Fall werde ich Ihnen bis Aleſſandria zahlen.“ Ich gab ihm bei dieſen Worten zwei Goldſtücke.
„Es iſt zu viel, Signore,“ ſagte er, indem er mir das eine wiedergab—„die erſte Claſſe koſtet nur achtzehn Franken bis Aleſſandria, Sie bekommen noch zwei Franken wieder.“
Doch ich ſchob die Hand, in der er das Geld hielt, zurück.
„Behalten Sie,“ ſagte ich—„Sie können mir einen Ge⸗ fallen thun.“
„O, herzlichen Dank, Signore, herzlichen Dank, ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten.“
„Nun, hören Sie, wie lange haben wir hier noch Aufenthalt?“
„Drei bis fünf Minuten noch— der Zug, der uns entgegen⸗ kommen ſoll, ſcheint ſich verſpätet zu haben.“
„Haben Sie in dem Vordercoupé ſchon die Billets abverlangt?“
„Nein, noch nicht, es iſt auch nicht nothwendig, ich thue es ge⸗ wöhnlich erſt in Aſti.“
„Vortrefflich— ſo gehen Sie gleich und verlangen Sie die Billets zu ſehen; aber öffnen Sie die Thür und treten Sie getroſt hinein.— Suchen Sie ſich einem kleinen Fräulein zu nähern, das ſehr blaß ausſieht— und wenn es Ihnen gelingt, ohne bemerkt zu werden— warten Sie...“
Ich zog meine Brieftaſche hervor, und mit zitterndem Finger gab ich dem Schaffner meine theure Immortelle.
„Wenn es Ihnen gelingt, dieſe Blume jenem Fräulein auf eine ſolche Weiſe zu geben, daß es niemand bemerkt, dann werde ich Ihnen auf der Station, auf der ich ausſteige, noch ein Goldſtück geben.“
Der Schaffner wurde purpurroth im Geſichte— ſolcher Reich⸗ thum kam ihm fabelhaft vor.— In einem Augenblicke war er ver⸗ ſchwunden— ich hörte, wie die Thür des nächſten Coupés geöffnet wurde— ich hörte ſeine rauhe Stimme„Biglietti, Signore!“ rufen
— dann ward alles ſtill— ich athmete kaum— ich ſchloß die Augen! „O, mein Gott, gib, daß ſie die Blume erhalte,“ betete ich,„daß ſie errathe, daß ein Freund in ihrer Nähe weilt... ein Freund, der 4“
Da wurde die Thür des nächſten Coupés zugeſchlagen... der Schaffaer ſtand wieder an meinem Fenſter.
„Das Fräulein ſitzt ganz in dieſer Ecke,“ ſagte er,„es war ganz leicht, ihr die Blume zu geben..“
„Und?“ fragte ich athemlos.
„Als ich ins Coupé trat... war ſie blaß wie Marmor... als ich die Thür zumachte, war die Blume nicht mehr auf ihrem Schoße, aber ſie war roth wie Feuer!“(Fortſetzung folgt.)
Reichstagsbilder aus der Vogelſchau.
Von Otto Glagan.
VIII.
Von den alten Conſervativen hatte ſich ſchon im Abgeordneten⸗ hauſe eine beſondere Fraction unter dem Namen der Freien Conſer⸗ vativen abgezweigt. Dort an Zahl noch ſchwach, ſind ſie im Reichs⸗ tag bis auf 40 angewachſen. Zu ihnen gehört in erſter Reihe der hohe Adel, die reichbegüterten Torys aus Schleſien, Rheinland und Weſtfalen, dann verſchiedene Landräthe und höhere Verwaltungs⸗ beamte, wozu noch einige Mitglieder aus Sachſen und anderen Län⸗ dern getreten ſind.
An Größe und Umfang überragt ſie alle— Graf Johannes Renard aus Oberſchleſien, früher preußiſcher Geſandtſchaftsattaché in Waſhington und Konſtantinopel, bis er die Bewirthſchaftung ſeiner ausgedehnten Beſitzungen übernahm und daneben ſeit 1861 im Ab⸗ geordnetenhauſe ſitzt. Eine mindeſtens 6 ½2 Fuß große, breite und corpulente Geſtalt, ein wahrer Enaksſohn, dieſer
edle * Graf, mit dem anzubinden denn doch eine äußerſt gefährliche Sache⸗—ine einzige gehalten, und ſie beſtand aus ei ———,
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wäre, denn ohne Frage könnte er mit einem Fauſtſchlage den ſtärkſten Ochſen zu Boden ſchmettern. Wie alle Rieſen, die im Bewußtſein ihrer Kraft eben ſicher ſind, daß ſie niemand anzugreifen wagen wird, ſieht auch Graf Renard ganz friedlich und gutmüthig aus. Tracht, Haltung und Weſen laſſen ſofort den Gutsbeſitzer, ihrer Einfachheit und Anſpruchsloſigkeit wegen aber weder ſeine Abkunft noch ſeinen Reichthum erkennen. Derbe Friſche und robuſte Geſundheit leuchtet aus dem purpurgerötheten Antlitz mit den ſtarken Zügen und dem blonden Vollbart; die Augen blicken in Folge einer fehlerhaften Stellung etwas ſtarr und ſind gewöhnlich mit einem Kneifer bewaffnet. Das gleichfalls blonde und volle Haupthaar iſt bis in den Nacken geſcheitelt, und dieſe Friſur neben einem dunkel⸗ rothen oder auch lilafarbenen Halstuch mit breiter Buſenſchleife der Hauptluxus, welchen der Graf entfaltet. Auch mit Reden iſt er keineswegs verſchwenderiſch; er hat während der ganzen Seſſion nur
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nem Satze.—„Ich
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