rede iſt einfach:„Meine Herren“. Er hat nur ein Paar Mal ge⸗ ſprochen und dann, wie es in ſeinem Charakter liegt, nur um zu be⸗ ruhigen und zu vermitteln; im übrigen kurz, klar und durchaus ſachgemäß. Seinem Landsmann, dem Bürgermeiſter Haberkorn aus Zittau macht er bemerklich, daß der„geehrte Abgeordnete gar keine Urſache habe, ſich gegen§ 57 der Vorlage, welcher auch in Mili⸗ tärſachen eine einheitliche Bundesgeſetzgebung ausſpreche, zu ereifern; denn das erſt in dieſem Jahre von der ſächſiſchen Kammer ange⸗ nommene Geſetz über die Erfüllung der Militärpflicht ſei ſchon im voraus den in Preußen geltenden Beſtimmungen angepaßt und über⸗ haupt bei der Redaction des Verfaſſungsentwurfs ſächſiſche Militärs mit thätig geweſen. Den preußiſchen Abgeordneten gibt er zu be⸗ denken, daß die ewige Aufrührung des Budgetconflicts für die übri⸗ gen Reichstagsmitglieder von weit geringerem Intereſſe ſei, ja auf dieſe einen entſchieden peinlichen Eindruck mache und den friedlichen Verlauf der Verhandlungen ſtöre. Der Reichstag ſei aber etwas mehr als das preußiſche Abgeordnetenhaus und habe andere weitere Zwecke; jedem der verbündeten Staaten bleibe die ſelbſtändige Regelung ſeiner inneren Einnahmen und Ausgaben, hier handle es ſich nur um die Bewilligung der Matricularbeiträge für den ganzen Bund. Durch eine Vermiſchung von directen Steuern der Einzel⸗ ſtaaten mit den indirecten Bundesſteuern könne aber der ganze Bund leicht auseinanderfallen. Während dieſer Erklärung hat ſich Herr v. Frieſen mehrere Male nach dem Grafen Bismark umgeſehen; der Miniſterpräſident hört ihm aufmerkſam zu und tritt, ſobald jener geendigt, an ihn heran. Was die beiden Herren verhandeln, bleibt un⸗ hörbar, indes darf man aus den verbindlichen, freundlichen Mienen, womit ſie ſich gegenſeitig betrachten und ſchließlich die Hände ſchütteln, wol folgern, daß ſie miteinander vollkommen zufrieden ſind.
Von den kleinſtaatlichen Bundescommiſſaren iſt nur noch der Vertreter des Großherzogthums Mecklenburg⸗Schwerin, Staats⸗ gath Dr. Wetzell und auch nur deshalb zu nennen, weil ihm zwei ſeiner Landsleute, die im Reichstag ſitzen, die Gebrüder Wiggers das Leben etwas ſauer machen. Auch Herr Staatsrath Wetzell, ein lleiner corpulenter runder Herr, zeigt den Angriffen gegenüber, die zegen ſeine Regierung zu richten gewiſſermaßen Gewohnheitsſache geworden iſt, viel Leidenſchaftsloſigkeit und Selbſtbeherrſchung, wenn⸗ gleich ihn ſolche Ausfälle augenſcheinlich bitter kränken, was ſich, wenn er ſie zurückweiſt, an einem Zucken der Mundwinkel verräth. Geine Worte ſelbſt aber ſind correct und ſtreng objectiv. Er beſtreitet Herrn Moritz Wiggers die Ehre, daß die mecklenburgiſche Regierung an eigenes Wahlgeſetz erlaſſen habe um dieſen Herrn von der Wahl in ſeiner Heimat auszuſchließen, a8% weiſt nach, daß Verurthei⸗ urig in Zuchthausſtrafe ſchon in dem Kiecklenburgiſchen Staatsgrund⸗ geſetz von 1849, an welchem die Gebrüder Wiggers übrigens ſelber iutgearbeitet hätten, von der Wahl zum Abgeordneten ausſchließen, dſer Grundſatz alſo ein alter ſei.
Herr Moritz Wiggers, früher Advocat in Roſtock, hat näm⸗ lch, womit er gern kokettirt, wegen politiſcher Vergehen ſein Amt ver⸗ leten und eine mehrjährige Gefängniß⸗ und Zuchthausſtrafe verbüßen müſſen. Hart genug für ihn, und niemand wird ihm deshalb ſeine Theilnahme verſagen, aber doch kein Grund, um ſich zu unrichtigen Behauptungen verleiten zu laſſen. Gerade aber mit jener Behaup⸗ ang candidirte Herr Wiggers in Berlin, und vornämlich ihr hatte re zu verdanken, daß er auf Empfehlung ſeiner einflußreichen Gönner Franz Duncker und Schulze⸗Delitzſch im III. Berliner Wahl⸗ lſeirk als Reichstagsbote hervorging, denn die ehrenwerthen Ur⸗ mwähler dortſelbſt hielten es für ihre Pflicht und nebenbei für einen kbſtüchen Jux, der mecklenburgiſchen Regierung ein Schnippchen zu ſihlagen. Leider ſcheint das nicht ganz gelungen zu ſein, denn Herr Sötactsrath Dr. Wetzell erklärte Namens dieſer Regierung ganz tnoten, die Gültigkeit der Wahl gar nicht anfechten zu wollen.
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Daß Herr Moritz Wiggers nun wirklich und gültig im Reichs⸗ tage ſitzt, dagegen wäre nicht das Geringſte einzuwenden, wenn er ſich nur nicht ſo oft als Märtyrer aufſpielen und den Collegen immer wieder ſeine Leidensgeſchichte erzählen möchte, die doch Jedermann aus Zeitungen und Flugſchriften genügſam kennt. Auch ſpricht er gleich ſeinen Freunden Franz Duncker und Schulze⸗Delitzſch viel zu oft und viel zu erregt. Die ganze Linke, auf deren Programm er wahrſcheinlich gewählt worden, beſteht zum Leiden des Hauſes aus lauter Rednern, Mann für Mann; und das kleine Häuflein dieſer Vorgeſchrittenſten nimmt mit ihren Reden und Amendements faſt die halbe Zeit aller Sitzungen in Anſpruch.
Herr Moritz Wiggers hat ſich, wenngleich er ſchon 50 Jahre zählt, noch ein jugendliches Aeußere und ein friſches lebhaftes Weſen bewahrt. Die kleine ſchwächliche Perſönlichkeit macht, trotz des ſtarken blonden Schnurrbarts und der hohen eckigen Stirn, einen weichen, faſt weiblichen Eindruck, während ihr das lange geſcheitelte Haar und der ewige Kneifer auf der Naſe etwas Stutzerhaftes ver⸗ leihen. Herr Wiggers ſpricht in dem ungeachtet ſeiner Breite und Gedehntheit doch ſo weich und angenehm klingenden altmecklenbur⸗ giſchen Dialekt, aber er ſpricht unter ſteigender Unruhe des Hauſes, das, je weiter es in ſeinen Verhandlungen vorſchreitet, deſto ungedul⸗ diger wird und höchſtens nur noch einem Herrn von der Bank der Bundescommiſſare Aufmerkſamkeit ſchenkt. Herr Wiggers hat ſtreng genommen nur einen aufmerkſamen Zuhörer, und das iſt der General von Steinmetz, der ſtraff und kerzengerade ihm gegenüber ſteht und kein Auge von ihm wendet. Kein Wunder, wenn ſich der Redner endlich direct an den alten Feldherrn wendet und dagegen Verwah⸗ rung einlegt, daß er und ſeine Freunde, wie jener neulich geäußert, beim Ausbruch des Krieges„in das Mauſeloch gekrochen“ wären. General Steinmetz nimmt dieſe Proteſtation, ohne eine Miene zu verziehen, in Empfang; als ihm aber Herr Moritz Wiggers, gleichſam um ihn wieder zu verſöhnen, ob ſeiner„glänzenden Heldenthaten“ Elogen macht, zuckt der greiſe Herr wiederholt mit den Achſeln und dreht ſich endlich kurz auf dem Abſatz um.
Auch Julius Wiggers, früher Profeſſor der Theologie zu Roſtock, iſt wegen politiſcher Vergehen ſeiner Stelle entſetzt und hat gleichfalls eine längere Kerkerhaft erlitten, ſpricht aber nie davon. Ueberhaupt unterſcheidet er ſich weſentlich von ſeinem Bruder. Er ſitzt neben ihm und wohnt mit ihm zuſammen, aber er ſtimmt nicht mit ihm, denn er hat ſich den Nationalliberalen angeſchloſſen. Es geſchah bei mehreren namentlichen Abſtimmungen, daß Moritz Wiggers mit„Nein!“ Julius Wiggers mit„Ja!“ antwortete; eine originelle Erſcheinung, die noch dadurch erhöht wurde, daß dann der jüngere Bruder Moritz dem ältern Bruder Julius jedesmal einen vorwurfs⸗ voll ſchmollenden Blick zuwarf. Dieſer hat mit jenem nur die ſchwächliche Figur, ſonſt aber nichts gemein. Das kurzgeſchorene Haar und der Schnurrbart ſind ſchon völlig ergraut, faſt weiß, über den dunkeln Augen ſtehen hoch in der Höhe ſtarke Brauen, der Ausdruck des kleinen ſchmalen Geſichts verräth viel Arbeit und tiefen Lebensernſt, mancherlei Sorgen und Leiden, hat aber nichts Schroffes und Düſteres, ſondern etwas Anziehendes und Sympathiſches.
Julius Wiggers hat nur einmal, in einer der letzten Sitzungen geſprochen, hatte aber dafür die Genugthuung, daß man ſeinen ſchlichten gemäßigten Worten Aufmerkſamkeit und Beifall ſchenkte, auch das von ihm geſtellte Amendement, das für den Fall der Juſtiz⸗ verweigerung in einem Bundesſtaate das Einſchreiten der Bundes⸗ regierung verlangt, die Majorität erhielt, was ſich von keinen der zahlreichen Amendements der Linken ſagen läßt.
Wenn auch diesmal Herr Staatsrath Wetzell ſeine Regierung vertheidigen zu müſſen meinte, ſo hatte er kaum Urſache dazu, aber ſchon der Name des Antragſtellers mochte ihm verdächtig vorkommen, gegen das Amendement ſelber hatte er nichts einzuwenden.
Steigerung der Irrenzahl in Frankreich.
„Wie Gott in Frankreich leben!“ ſagt das Sprichwort. Der ernſte Chef den ſtatiſtiſchen Centralbüreaus von Frankreich, Herr Legoyt, gibt eine
3 ganz erſchreckende Erläuterung dieſes Sprichworts, indem er in Zahlen zeigt,
win viele dieſes„göttliche Leben“ in Frankreich in die— Irrenhäuſer führt. Im Jahre 1835 hat man erſt angefangen, die Zahl der Irren zu zählen. „Damals hatte Frankreich 111 öffentliche(Staats⸗ und Gemeinde⸗) Anſtalten
Am Jamilientiſche.
und Privatirrenanſtalten. Dieſe beherbergten am 1. Jan. 1835— 10,539; am 1. Jan. 1845— 17,089 und am 1. Jan. 1854— 24,524 Jrre.
Im J. 1854 hatte Frankreich nach amtlicher Ermittelung eine Bevöl⸗ kerung von ungefähr 35,780,000 Seelen. Im ſelben Jahre zählte man auch die Zahl der außerhalb der Irrenanſtalten, alſo in den Familien verbliebenen Irren und fand deren 24,433.
Hierzu bemerken wir: wenn es auch wahrſcheinlich iſt, daß ſich beſonders in den Privatirrenanſtalten, welche in Frankreich nicht wie gegenwärtig in


