Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
478
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Kriegsminiſters beweiſt, hatte ſich Herr Gneiſt damit zwiſchen zwei Stühle geſetzt: die Oppoſitionellen mißtrauen ihm und die Miniſte⸗ riellen trauen ihm nicht.

Was die äußere Erſcheinung des großen Redekünſtlers betrifft, ſo iſt er von übermittelgroßer, ſchlanker Geſtalt, gelblichblaſſer Geſichtsfarbe und weichen Zügen, blöden, hinter einer Brille ver⸗ wahrten Augen, hoher Stirn und ſchwachem Kopf⸗ und Barthaar. Die ganze Perſönlichkeit athmet etwas Geſchmeidiges. Wenn er auf der Tribüne ſteht, nickt und wackelt er beſtändig mit dem Kopf, geſticulirt viel mit den Händen, und um die ſchmalen, blaſſen Lippen ſpielt ewig ein Lächeln. Auch die Stimme iſt unkräftig und leiſe lispelnd, der Vortrag zu fließend, zu glatt und zu kunſtvoll, als daß er erwärmen, hinreißen oder auch nun einen nachhaltigen Eindruck hinterlaſſen könnte. Man wird höchſtens die Geläufigkeit des Vortrags und diejenige Art von Redekunſt bewundern, welche zu Zeiten des Gorgias und Hippias die Griechen als Dialektik bezeichneten.

Gerade den entgegengeſetzten, einen durchaus anziehenden und ſogar ehrwürdigen Eindruck macht der alte Waldeck. Eine lange, hagere, ſchmächtige Geſtalt, trägt er ſich trotz ſeiner 65 Jahre ohne Anſtrengung noch aufrecht und ſtraff, den Oberkörper etwas zurückge⸗ bogen, den kleinen ovalen Kopf mit dem ſchlanken Halſe elaſtiſch und doch feſt in den Schultern ſitzend. Das feingeſchnittene Profil, die ſchneeweißen, noch vollen Haare und der ſchmale, gleichfarbige Backen⸗ bart machen ihn zu einem ſchönen, ſtattlichen Greiſe; wie die Eichen ſeiner weſtfäliſchen Heimat zäh und wettergehärtet ſteht er da, und ebenſo zäh und feſt, mitunter ſchroff und knorrig, iſt auch ſein Weſen und ſein Charakter. Strenge Ehrlichkeit und unerſchütterliche Ent⸗ ſchloſſenheit, durchwärmt von einem jugendlichen Idealismus, blitzt aus ſeinen Augen, die ihn ein Leiden durch eine blaue Brille oder eine ſchwarze Binde zu ſchirmen zwingt. Wenn er die Tribüne be⸗ tritt, entfernt er dieſe Binde und das Käppchen, welches er ſonſt auf dem Haupte trägt, und ſpricht in ruhiger, ernſter Haltung, nur dann und wann die weiße, ſchmale, knochige Hand oder den Zeigefinger gegen die Verſammlung vorſtreckend. Sein Organ iſt ſonor und deut⸗ lich, ſeine Redeweiſe einfach und ſchlicht, trocken und nüchtern, aber dafür um ſo klarer und entſchiedener, nicht ſelten ſcharf und ſchneidig, wo er dann ſeine Gegner ins Herz trifft oder ſie auch wider ihren Willen mit ſich fortreißt. Waldeck iſt keineswegs, wofür man ihn verſchrieen, ein Republikaner oder gar Anarchiſt, dagegen ſchützen ihn Erfahrung und Einſicht, aber er iſt ein alter, verhärteter Demokrat, der ſich auf ſeine und des Volkes vermeinte Rechte ſteift und ein Titelchen davon aufzugeben, als den ſchnödeſten Verrath, als ein Todesverbrechen betrachtet. Waldeck unterſcheidet ſich ſehr weſentlich von ſeinen intimſten Parteifreunden, wie Groote, Franz Duncker, Schulze⸗Delitzſch ꝛc., die er alle an Scharfblick, Kenntniſſen und welt⸗ männiſcher Bildung überragt, und es zeugt von ſeinem edlen Herzen, daß er ſie trotz oder vielleicht wegen ihrer Einſeitigkeit und Beſchränktheit ſchätzt und bewundert. Er iſt nicht wie ſie ein conſti⸗ tutioneller Doctrinär oder ein verbohrter Principienreiter; er reitet, nicht wie ſie, das Princip zu Tode oder läßt es mit ſich durchgehen, ſondern er weiß den berechtigten Thatſachen und der hiſtoriſchen Entwickelung ſehr wohl Rechnung zu tragen. Das bezeugt ſein Verhalten in der letzten Seſſion des Abgeordnetenhauſes, wo er aus vollem Herzen für die Einverleibung der annectirten Länder ſtimmte, denn er ſah darin einen Anfang zur Einigung Deutſchlands, und er verſchmähte nicht das Gute um des Beſſern willen, nicht den Theil um des Ganzen willen. Auch jetzt im Reichs⸗ tag zeigt er ſich als ein Mann, der die Erfolge des Grafen Bismarck wohl zu ſchätzen weiß, er zieht den Einheitsſtaat dem Bundesſtaat vor, und er iſt ein ſo guter und ſpecifiſcher Preuße, daß er die Rolle, welche man ſeinem König zugetheilt hat, nämlich die eines Bundes⸗ feldherrn, deſſen nicht würdig hält. Er will dem Miniſterpräſidenten nach außen hin freien Spielraum laſſen, ſeine auswärtige Politik nach Kräften unterſtützen, aber was das Innere betrifft, da ſoll die Verfaſſung, die zwiſchen Volk und Regierung vereinbarte Verfaſſung, nach wie vor gelten, da verlangt er Miniſterverantwortlichkeit dem Reichstag gegenüber und für dieſen unbeſchränktes Budgetrecht; mit einem bloßen Zoll⸗ und Telegraphenparlament, wie er ihn ſpöttiſch nennt, mag er nichts zu thun haben und er iſt keineswegs gewählt, um hier zu allem Ja und nur Ja zu ſagen. Er ſchwärmt für den Parlamentarismus wie der Jüngling für die Geliebte, und wenn er darauf zu ſprechen kommt, kann er leidenſchaftlich erregt werden und

in dieſer Erregung Dinge ſagen, die mit ſeinem ſonſt verſtändigen, beſonnenen Weſen grell contraſtiren, wie die oben erwähnte Aeuße⸗ rung gegen den Kriegsminiſter. Aber was von andern lächerlich klingt, hat bei ihm noch immer eine gewiſſe Berechtigung, wenn man ſeine Bildung und Begabung, ſeinen lauteren, wahren und uneigennützigen Charakter erwägt. Mit einem Worte, Waldeck gehört zu den ſeltenen Männern, die, mögen ſie auch unſere politiſchen Gegner ſein, wir dennoch achten müſſen..

Daß dieſer Satz keine vage Behauptung iſt, dafür bürgt jener kurze, behäbige Herr am Miniſtertiſch, der, während Waldeck auf der Tribüne ſteht, deſſen Worten wiederholt Beifall nickt und zu dieſen oft beiſtimmend ſchmunzelt. Es iſt eine echt rheinländiſche Figur mit vollem glattraſirtem Geſicht, kleinen runden Augen und ſauberge⸗ kämmtem, eng anliegendem Haar, der ſeine Brille abwechſelnd auf⸗ ſetzt und dann wieder abnimmt und zwiſchen den Fingern dreht. Ein Diener trägt ihm eine große ſchwarzlederne Taſche zu, die er aufſchließt, verſchiedene Papiere herausnimmt, dieſe raſch durchfliegt und dann unterzeichnet; alles begleitet von einem regelmäßigen leiſen Keuchen, das ebenſowohl ſeiner Geſchäftigkeit wie ſeiner Wohlbeleibtheit entſpringen mag. Später holt er ſich Herrn von Vincke herbei, nöthigt ihn, neben ſich Platz zu nehmen und hält mit ihm eine längere Conferenz ab, während jener wie gewöhnlich beide Hände vorſichtig in den Hoſentaſchen verwahrt. Es iſt der Finanzminiſter Freiherr Auguſt von der Heydt. Was dieſer Mann als Handelsminiſter für Preußen und demnach auch für Deutſchland gethan, wie viele und ausgezeichnete Schöpfungen und Inſtitutionen ihm beide verdanken, iſt allgemein bekannt und anerkannt. Schon auf dem Vereinigten Landtag von 1847 trat er durch ſeine reichen und umfaſſenden Ge⸗ ſchäftskenntniſſe, durch ſeine praktiſchen Rathſchläge und leidenſchafts⸗ loſen, ſtreng ſachgemäßen Reden hervor; und ſo zeigt er ſich noch heute. Er iſt die Verkörperung des helleniſchen Wahlſpruches:Nichts zu viel undNimmer zu ſehr; er ſpricht nicht lauter, als gerade nöthig iſt, um bei gehöriger Aufmerkſamkeit verſtanden zu werden; ſerne Redeweiſe iſt knapp und abgemeſſen, ohne irgend eine Floskel und jedes überflüſſige Wort, im Gegentheil ſcheint er noch immer etwas in petto zu behalten; er läßt mancherlei Angriffe und Aus⸗ fälle ganz unbeachtet und andere honorirt er wie ein guter Kauf⸗ mann, prompt und baar; er vollführt ſeine Reden ohne alle Geſti⸗ culationen; die einzige Bewegung, die er ſich erlaubt, beſteht darin, daß er wie ein echter Financier die Gründe ſeiner Beweisführung an den Fingern abzählt, als wenn er ſich um keinen Preis verrechnen oder jemanden übervortheilen möchte. Sonſt ſitzt er ſtill da, die Hände vorn zuſammengefaltet und alles fleißig beobachtend, manches notirend.

Dieſelbe Behäbigkeit und Bonhomie, verbunden mit Würde und Grandezza ſpiegelt ſich in ſeinem Collegen, dem Handelsminiſter Grafen von Itzenplitz wieder, der mit dem vollen friſchen Geſicht, dem weißen vollen Haar und ditto Schnurr⸗ und Knebelbart, ſowie in ſeiner ſtraffen noblen Haltung halb wie ein alter Militär, halb wie ein begüterter Landedelmann erſcheint. Er ſpricht noch ſeltener und kürzer als v. d. Heydt und ſcheint überhaupt vom Debattiren und Dis⸗ cutiren kein Freund zu ſein, ſondern er beſchränkt ſich auf die unumgäng⸗ lichſten Erklärungen und überläßt alles Uebrige ſeinem Commiſſarius.

Neben ihm ſitzt gewöhnlich der Freiherr v. Frieſen, königlich ſächſiſcher Staatsminiſter der Finanzen und der auswärtigen Angelegenheiten. Wenn dieſer Herr nach Eröffnung der Sitzung in den Saal tritt, verneigt er ſich, wie das auch von den übrigen Bundescommiſſaren zu geſchehen pflegt, äußerſt höflich gegen den Präſidenten Dr. Simſon, wandelt langſamen Schrittes nach der Miniſterbank, wo er ſeine ſchon anweſenden Collegen in gleicher Weiſe begrüßt, ſetzt ſich geräuſchlos in ſeinen Stuhl und blickt mit einem Geſichte voll Sanftmuth und Wohlwollen in die Verſammlung. In ſeiner Erſcheinung liegt etwas Bürgerlich⸗Phlegmatiſches und doch ebenſoviel Vornehm⸗Büreaukratiſches; das ſchlichte dunkelblonde

Haar zeigt eine kleine Platte, die Stirn iſt breit und glatt, die Wangen 1 voll und rund, Phyſiognomie und Habitus bekunden behäbige Fried⸗

fertigkeit und ſelbſtgewiſſe Ruhe. Denſelben Eindruck machen auch ſeine Worte, die zart und leiſe ertönen und im ſanften Fluſſe dahin⸗ fließen, ohne die mindeſte Erregung und frei von jeder Prätenſion. Meine hochgeehrten Herren oder garMeine höchſtgeehrten

Herren beginnt er mit der auch den ſächſiſchen Abgeordneten eignen Höflichkeit was ſtets ein Lächeln hervorruft, denn die übliche An⸗

geendig Härbar, vomitſte vol folge Vo LVertreten rath T wei ſein das Leben leiner con Hecen ſeine ſeworden ij lleih ihn enn er ſi eine Wor errn Mo n eigenes