Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
480
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1.

Preußen einer öftern Reviſion ſeitens der Regierung unterworfen ſind, einige befunden haben mögten, deren Geiſteszuſtand noch nicht berechtigte, ſie für Irre zu erkennen, ſo iſt es eben ſo wahrſcheinlich, daß namentlich auf dem Lande mancher Ee ſteskranke der Controle entgangen iſt. Auch darf man nicht ver⸗ geſſen, daß die Blödſinnigen, die Cretins und jene durch einſache Stupidität oder Verſtandee ſchwäche auffallenden Individuen, wie ſie zum Theil aus einer ſtrafbaren Verwahrloſung der Erziehung, zum Theil aus angebornen körper⸗ lichen Fehlern oder als Folgen mancher ſchweren Kinder⸗, namentlich Gehirn⸗ krankheiten hervorgehen, eine eigene und große Kategorie von Unglücklichen bilden, die man von den Irren ausſchließt.

Mit jedem Jahre hat ſeit 1835 die Zahl der Aufnahmen in die An⸗ ſtalten zugenommen; 1835 betrug ſie 3947, im Jahre 1853 ſtieg ſie bis auf 9081 und in den Jahren 1860 65 ſchwankte ſie zwiſchen 9 12,000 Per⸗ ſonen. Unter jedem 1000 der Anfgenommenen waren im Duraäſſchnitt 530 Mäuner und 470 Frauen, welche ein mittleres Lebensalter von 40 Jahren hatten. Von den Auſgenommenen waren 61,80 Proc. unverheirathet geweſen.

Nach den in einem Zeitraum von 20 Jahren gemachten Erfahrungen, ſagte Legryt ſchon vor ſünf Jahren, wird es nothwendig werden, alljährlich drei neue Irrer anftalten zu errichten oder drei der vorhandenen um ſo viel zu erweitern, daß jede derſelben 250 Irre mehr aufnehmen könne. Nach den neueſten Berichten und Ermittelungen hat ſeine Vorausſicht leider Beſtäti⸗ gung gefunden.

Unter tauſend Irren ſolben bei 572 körperliche Leiden oder Veran⸗ laſſungen den Irrſiun herbeigeführt haben; bei 428 ſchien er durch mora⸗ liſche Urſachen bedingt.

Unter körperlichen Veranlaſſungen hat man zu verſtehen: organiſche Fehler im Bau des Schädels, in der Beſchaffenheit des Gehirns, Kopfver⸗ letzungen und Gehirnerſchütterungen als Folge, Gehirnkrankheiten akuter und chroniſcher Art ohne vorausgegangene Kopfoerletzungen, anderweitige Krankheiten, wie beiſpielsweiſe: überſtandener Typhus, Nervenleiden, Wochen⸗ betikrankheiten, Mißbrauch geiſtiger Getränke u. ſ. w.

Unter den moraliſchen Urſachen, welche der Statiſtiker folgenderma⸗ ßen ſpecialiſirt: Geldverluſt, religiöſe Schwärmerei, Liebe, Gemüthsbewegungen, Hochmuth, Verluſt einer g liebten Perſon, Ehrgeiz, Eifer ſucht, politiſche Ereig⸗ niſſe, Uebermaß von Geiſtesarbeiten, Gefangenſchaft, Heimweh, Einſamkeit, Lebensveränderung, beſtändiger Umgang mit Geiſteskrauken und Zellenge⸗ fangenſchaft haben Geldverluſt und religiöſe Schwärmerei die größte Zahl von Irren geſtellt. Die übrigen augeführten Motive zeigen in vorſtehender Reihenfolge die abſteigende Stufenleiter der Urſachen an.

Der Statiſtiker Legoyt kommt bei dieſer Specialiſirung der moraliſchen Urſachen mit den P ychologen in Conflict. Denn die beſondere Anführung derGemüthsbewegunpen, welche nicht näher beſtiamt werden uno unter denen er wohl nur die Affecie des Zorns, der Furcht oder die ſeelenkränkenden Einwirkungen der abſichtlichen Bosheit, des Neides oder Hohnes, mit welchem andere Menſchen uns verfolgen, zu verſteyen ſcheint, drängt zu der Frage, durch was denn z. B. Liebe, Eiferſucht, Heimweh, Umgang mit Geiſteskranken, unſerer Seele gefährlich werden, wenn nicht eben auch durch die tiefen und dauernden Gemüchsbewegungen? Ja, laſſen ſich denn Geldverluſte, religiöſe Schwärmerei, Verluſt einer geliebten Perſon, politiſche Ereigniſſe, Gefaugen⸗ ſchaft als nächſte Morive zum Irrewerden ertlären, wenn nicht wegen ihrer heftigen, diect auf das Gemüth als ſolches gerichteten Angriffe?

Da wir aber überall viele Menſchen finden können, die unter dem ſchwerſten, materiellen und moraliſchen Unglück leidend, dabei doch nicht auf⸗ hören, ein ungetrübtes Bewußtſein, veruunſtiges Vorſtellungsvermögen, rich⸗ tige ſinnliche Gefühle und normalmäßige Triebe zu bewahren und zu be⸗ weiſen, oder mit einem Worte: ihren Verſtand nicht verlieren, ſo dürfen die moraliſchen Veranlaſſungen zum Irrewerden auch nicht im unbedingten Verhältniß wie Urſache und Wirkung erfaßt werden. Verlieren Menſchen dieſe vorgenaunten Eigenſchaften eines vernünftigen Weſens und Geiſtes, ſo ſind wir genöthigt, iun ihnen noch ganz beſondere Bedingungen vorauszuſetzen, vermöge derenes denmoraliſchen Einflüſſen erſt gelingen konnre, ſie dieſer Eigenſchaften dauernd zube⸗ rauben.

Darauf näher einzugehen iſt hier indes nicht der Ort.*) Das Eine aber läßt ſich nicht beſtreiten: alle Irreu ſind körperlichleidend. Daß Menſchen mitten in der Fulle der Geſundheit und bei vollkommen normaler Orgauiſation auf einen heftigen pſychiſchen Anreiz mit einem Mal, plötzlich den Verſtand verlieren können ſchemt uns wenmgſtens nicht recht begreiflich; meiſtens geht der Geiſtesſtörung ein längeres, wenn auch nicht immer auf⸗ fallenoes Leiden voraus. Man muß, um die wahren Urſachen, den Schlüſſel zur Erklärung ſeiner Geiſteskrankheit zu finden, oft ſehr weit in das Leben des geiſteskranken Menſchen, bis in ſeme früheſte Jugend, ja bis in das Leben der Elteru und Großeltern zurückgehen.

Doch wir kehren zu den Legoyrſchen Zahlen zurück, um ihren Sinn in Worte zu überſetzen.

Wir folgern aus ihnen, daß in Frankreich unter je 1000 Perſonen viele durch ihre Conſtnution, körperliche wie geiſtige, prädieponirt find, geiſteskrank zu werden, es bedarf eben nur der beſonveren Anläſſe; Legoyt fand, daß im Jahr 1851 unter je 796 Perſ. ein wirklich Irrer war. Das Ver⸗ häliniß würde ſich noch übler ſtellen gegenwärtig, wenn man nicht gewiſſe Formen der Geiſtesſtörungen von der Auſnahme in die öffentlichen Irrenheil⸗ oder Bewahranſtalten, alſo von dem Begriff der Irren, ausſchlöſſe.

*) Vgl. darüber:Seelenſtörungen und Geiſteskrankheiten. Jahrg. II. S. 412 ff.

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Wenn innerhalb eines zwanzigjährigen Zeitraums genauer ſtatiſtiſcher Ermittelungen ſich jedes Jahr, mit Ausnahme des Cholerajahres 1850, die Irrenzahl in Frankreich vergrößert hat, ſo beweiſt dies eine Ausbreituug von ſchädlichen Einflüſſen, welche das geiſtige Leben der bürgerlichen Geſella ſchaft in hoher Aufregung erhalten. Sie hat eine kranke nervöſe Conſtitution, dieſe Geſellſchaft. Ueberreizung der Nerven beißt ihre Krankheit.

Blicken wir auf die früheren Beſchäftigungen und Lebensverhältniſſe der 1 Irren, ehe ſie ihrer Geiſteskrankheit erlagen, ſo weiſen alle neuen, in Frank reich wie in andern Ländern geſammelten Materialien darauf hin, daß man in der Mehrzahl der Falle den Irrſinn, wie Selbſtmord und andere Ver⸗ brechen, als den traurigen Ausgang eines unglücklichen Kampfesum die Exiſtenz aufzufaſſen bat. Nur der kleinere Theil der Irren hat dieſen Kampf, wenn auch verzweiflungsvoll, aber redlich geführt, ſie erlag8en dem Uebermaß von Geiſtesanſtrengungen, den Gemüthsbewegungen des Kummers, der Einſamkeit oder auch der düſteren Heimſuchung religiöſer Melancholie oder Schwärmerei. Die meiſten, um ihr Loos ſchneller oder gewaltſam zu verbeſſern, griffen fehl in den Mitteln, verleitet von herrſched gewordenen Begierden, denen ſittliche und bürgerliche Geſetze widerſtanden; ſpeculirend erlitten ſie ſchwere Geldverluſte, oder es waren der unbefriedigte Ehrgeiz oder politiſche Ereigniſſe, welche ihre Sinne und Gedanken verwirrten. Andere erlagen auf der Höhe ihres Glücks dem Hochmuth oder dem plötzlich und unerwartet hereinbrechenden Wechſel des Glücks oder den Folgen unge⸗ zügelten Lebensgenuſſes.

Sehr nahe liegt nun die Frage nach den Ergebniſſen der Irrenzählung in andern Staaten, vorzugsweiſe in England und Deutſchland. 1

Die Beantwortung dieſer Frage iſt nicht leicht, ſchon darum nicht, weil ein zweites ſo überſichtliches, einen 30jährigen Zeitraum amtlicher Unter⸗ ſuchungen umfaſſendes Material wie dus von Legoyt veröffentlichte, uns zur Vergleichung nicht vorliegt. Wir müſſen uns daher auf einige kurze An⸗ deutungen zum Schluß beſchränken.

Eine auf England bezügliche Notiz impreuß. Archiv für öffentliche Ge⸗ ſundheitspflege, herausgegeben von dem k. Geh. R. Dr. Müller in Berlin beſagt, daß nach amtlichem Ausweis die Geſammtzahl der Irren in de eigentlichen Königreich England mit Wales im Jahr 1858 ſich auf 33,641 (darunter 18,213 Frauen und 15,428 Männer) belaufen habe. Die letzte

in Schottland unternommene Zählung v. J. 1855, erwies die Zayl 7403,

und in Irland wurden 1857 im ganzen 3856 Irre gefunden. 8 Es vätte demnach in den 3 vereinigten Königreichen, bei einer Einwohner⸗

zahl von circa 27 28,000,000 die Geſammtirrenzahl: 44,900 betragen und

nach einer Notiz des Dr. Erlenmeyerſchen pſy diatriſchen Correſpondenzblattes. Wenn in der neueſten Zeit die Ziffer der Irren Englands abnimmt, ſo geben uns darüber amerikaniſche Zaitungsberichte eine ſehr natürliche Aufklärung. England exportirt nämlich einen Theil ſeiner armen Irren. 3 Was Deutſchland anbelangt, ſo hat es, nach den Angaben des Dirigenten der Prioatheilanſtalt im Schweizerhof bei Berlin Dr. Laehr (in ſeinem Werke:Die Irrenanſtalten Deutſchlands am 1. Jan. 1865.9) auf einer Fläche von 11,459 Quadratmeilen mit 46 Millionen Einwohnern

141 Jrrenanſtalten und zwar 92 öffentliche und 49 private. In dieſen be⸗ Wir fanden ſich am 1. Jan. 1865 19,550 Kranke(10,326 Männer, 9224 Frauen) legte und davon in den öffentlichen Anſtalten: 17,823 und in den privaten 1727. Annen n

Dieſe Zahlen ſprech enügend zu Gunſten des Geiſteszuſtandes der rnun ſo ſe

deutſchen Bevölkerung, w n auch nicht ignoriren darf, daß zu den

öffentlichen Irrenheil⸗ und Bewahranſtalten mehrere Privatanſtalten unter wie damual dem das Ohr freundlicher berührender Namen vonAſylen oder Pflege⸗ lufn das anſtalten für Gemüth⸗ und Nerveuleidende, hinzugetreten ſind, auch einige dtrten, v Anſtalten eine Erweiterung erfahren haben. Dr. G. Waxman. doeeſc 1 i

.* We ſich 4

3 1

Nätzlel. da.

Hoch aufſteig' ich zum Himmel, ein Spiel der Wellen und Winde; Aber ich berge mich auch tief in dem Bauche des Thiers:

Kehre, o Leſer, mich um, und gib mein Haupt mir gedoppelt,

Und ich zeige mich dir ſo wie vor Zeiten ich war.

II. Bei jeder wohltönenden Melodie Gehört meine erſte zur Harmonie. Soll dann meine zweite Silb' auch dabei ſein, Thut ſie's mit der erſten wol nicht allein. Es bedarf einer dritren zum Vollgewicht, Doch ſuch ſie bei mir nicht, ich hab' ſie nicht. Als Ganzes nun bin ich vollkommen ſtumm. Das erſcheint dir kurios, und du fragſt mich warum? Ich komm' aus der Schmiede des alten Vulkan, Dort lernte man weder Tenor noch Sopran!

Inhalt: Clelia. Nov. v. A. Mels.(Fortſ.) Brandenburg⸗Preuß von 200 J.(Schluß.) Von Dr. Herbſt. Mit Junſtr. Reanderg lebter 6. burtstag. Von A. Wellmer.(Fortſ.) Reichtagsbilder aus der Vogelſchan VII. Von O. Glagau. Mit 4 Illuſtr. Am Familientiſche.

Brieſe und Seudungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtraße Nr. 17.

Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig. Verlag der Dahrim-Expedition von Delhagen a Klafing in Bielefeld und Berlin. Druck von Liſcher Wittig in Leipzig.