Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
475
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und Schelling mit ſeiner Nachdrucksklage vom Gericht abgewieſen wurde. Der grollende Philoſoph lieſt ſeit der Zeit nur noch in der Academie der Wiſſenſchaften. Neander, der ſchon als Student zu Schellings wärmſten Schülern gezählt und mit dem theuren Lehrer im Gegenſatz zu dem pantheiſtiſchen Hegeldie Thatſachen der göttlichen Offenbarung nachzudenken, als höchſte Aufgabe der philo⸗ ſophiſchen Speculation erkannt hatte, lauſcht jetzt im Alter noch ſo gern zu den Füßen ſeines Freundes Schelling.

Das roſige, frohe, milde Geſicht neben Ehrenberg gehört Lisco, Verfaſſer derParabeln Jeſu Neanders Beichtvater.

Der große ſtarke Mann mit dem herzlichen, lauten Lachen iſt der Hofprediger Strauß. Er erzählt ſo eben mit vielem Humor von ſeiner handwerksburſchikoſen Wanderſchaft mit Neander und Noodt, von Halle nach Göttingen und gedenkt dabei der Be⸗ rühmtheit, die Neanders claſſiſche Latinität ſchon damals unter den jungen Freunden hatte. Die Lieblingsausdrücke des Erzählers: werdend culminirend entwerdend muthen die jüngere Tiſch⸗ geſellſchaft etwas fremd an. Zur Zeit des Rationalismus hat Strauß durch ſeine treue Seelſorge und durch ſeineGlockentöne, Erinnerungen aus dem Leben eines jungen Geiſtlichen, reich ge⸗ wirkt. Wie es vor Ehrenberg, Strauß und Lisco um die Seel⸗ ſorge in Berlin im allgemeinen beſtellt war, geht aus folgendem wahren Geſchichtchen hervor, das Strauß oft erzählt.

Der damalige Propſt zu Petri war durchaus kein Freund vom PredigenHerr Schilling, Sie glauben gar nicht, wie man durch das viele Predigen ins Schwätzen hineingeräth! pflegte er zu ſeinem getreuen Küſter zu ſagen.O, Herr Propſt, ich kann es Ihnen

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rechtſchaffen nachfühlen! iſt Herrn Schillings mitleidige Antwort! Herr Schilling, wenn nur die Wochenpredigten nicht wären, dann ginge das Geſchäft noch! klagt der Propſt einſt wieder in der Sacriſtei.Herr Propſt, vielleicht kommen heute wieder keine Kirchgänger, dann können wir gleich nach Hauſe gehen!Das gebe der Himmel, Herr Schilling, ſehn Sie doch mal nach, ob Leute in der Kirche ſind!Herr Propſt, ein Frauenzimmer iſt ſo eben noch gekommen Ihre Köchin, die Dörthe weiter nie⸗ mand! rapportirt Herr Schilling. Spornſtreichs eilt der Propſt in die Kirche:Dörthe, was plagt Dich hierher ſoll ich etwa für Dich allein hier predigen? Dörthe, lauf geſchwinde wieder nach Hauſe ſo, Herr Schilling, nun können wir auch gehn! Jene herrliche Perſönlichkeit mit dem milde leuchtenden, ſchönen Geſicht und den ſacht ergrauenden vollen Locken iſt Immanuel Nitzſch, dieBlüthe der neueren Theologie. Erſt vor drei Jahren von Bonn nach Berlin berufen, zog ihn die Gemeinſchaft des leben⸗ digſten Herzensglaubens ſogleich innig zu demPectoraliſten wie die Hegelianer unſern Neander wegen ſeines ſchon erwähnten Lieblingswortes:pectus quod facit theologum! ſpottend nennen. Auch in Aeußerlichkeiten erinnert Nitzſch an Neander: ſo muß er beim Reden für ſeine Hände fortwährend Beſchäftigung haben. Neander zerbröckelt ſo eben gedankenvoll einen Kork zwiſchen den Fingern Nitzſch knöpft im Geſpräch ſeinen von unten bis oben zugeknöpften Rock langſam auf, nimmt aus einer kleinen Doſe an⸗ muthig eine Priſe und knöpft den Rock langſam wieder von oben bis unten zu und dann fängt das Aufknöpfen wieder von vorn an.

(Schluß folgt.)

Reichstagsbilder aus der Vogelſchau.

Von Otto Glagau.

VII.

Auch die vier Generale haben ſich der conſervativen Fraction angeſchloſſen, und drei von ihnen ſich auch bereits als Redner vernehmen laſſen.

Es erregte ungemeine Senſation, als der Präſident plötzlich den Namen des Generals von Moltke nannte. Im ſelben Augen⸗ blicke ſtand derSchweiger leicht und ſchlank auf der Tribüne. Die erſten, etwas leiſe geſprochenen Worte verhallten unter dem Geräuſch, mit welchem die meiſten Abgeordneten ihre Sitze verließen und ſich in dem Quergange vor der Tribüne zuſammendrängten. Dann trat lautloſe Stille ein, und die Worte des Redners floſſen klar und an⸗ muthig in die lauſchenden Ohren. Er erklärte, die politiſche Seite ganz fortlaſſen und die Armeereorganiſation nur vom national⸗ökono⸗ miſchen, financiellen und disciplinariſchen Standpunkt beleuchten zu wollen. Das that er in kurzen, präciſen Sätzen, indem er haar⸗ ſcharf jede dieſer drei Seiten vorführte und nachwies, daß ſie mit einem andern Maßſtab als dem bisher üblichen gemeſſen werden müſſe.Die dreijährige Dienſtzeit iſt abſolut nothwendig, ſchloß er, weil die Disciplin dem Soldaten nicht einexercirt werden kann, ſondern er ſich in dieſe einleben muß. Seine Rede litt an einem Fehler, der denSchweiger am beſten characteriſirt, an dem kleinſten und glänzendſten Fehler, den eine Rede überhaupt haben kann: ſie war zu kurz, zu bündig, zu inhaltsreich; keinUnd war zu viel, und die Verſammlung hätte den Redner mit derſelben Spannung noch eine Stunde anhören mögen. Der allſeitige Bravoruf drückte zugleich ein Bedauern aus, das Bedauern, dieſen Mund ſobald wieder verſtummen zu hören.

Bald folgte General Vogel von Falckenſtein dem Bei⸗ ſpiel ſeines Collegen. Dieſelbe Senſation, als der Präſident ihm das Wort ertheilt, dieſelbe Stille, als er zu ſprechen beginnt. Er hält keine abgerundete, ſachliche Rede, er gibt nur ſeinen augenblick⸗ lichen Gefühlen und Gedanken Ausdruck, er ſpricht als Repräſentant

and Anwalt der Armee, deren ungeſchmälerte Exiſtenz er vertheidigt

und fordert.. Seine Rede iſt eine kecke, friſche Improviſation, ſo keck und friſch wie ſein Zug über den Main. Zuerſt vibrirt ſeine Stimme ob des neuen Unternehmens auch einem im Kugelregen

eegrauten Feldherrn kann, wenn er vor ſolcher Verſammlung zum

erſtenmal auftritt, das Herz pochen, der Athem ſtocken wie ihm

ſber die Hörer Beifall zujauchzen, kommt ſeine Rede in Fluß und

Schwung, das Herz tritt ihm auf die Zunge, als ob er wieder an der Spitze ſeiner Armee ſtände und zu Kameraden ſpräche; in ſolch naiv⸗vertraulicher Weiſe erzählt er, mit welcher Luſt der Officier in den Krieg ziehe und wie er da dem Staate ſeine Schuld mit ſeinem Herzblut zahle. Er iſt kein geſchulter Redner, aber er wird zum begeiſterten Redner, da er ſeine Seele faſt kindlich offen darlegt. Nicht an demſelben Tage, wie man allgemein erwartete und wünſchte, nicht ſchon heute ließ ſich General von Steinmetz hören.Merk auf, flüſterten die Thürſteher unter einander, heute wird der alte Steinmetz ſprechen. Und die Herren Jour⸗ naliſten, die etwa hinausgingen, inſtruirten die in der Ecke lungern⸗ den Druckerjungen, ſie ja eilends herbeizurufen, ſobald jene den Na⸗ menSteinmetz! hörten. Aber er ſprach heute noch nicht. Er lief zwar ein paarmal zu den Schriftführern und ließ ſich die Rednerliſte zeigen, doch dann nickte er nur dankend und ging wieder an ſeinen Platz. Die Stunde ſchien ihm noch nicht gekommen. Endlich kam ſie. Am vierten Tage hielt auch General von Steinmetz ſeine Rede. Er ſprach weit unbefangener und fließender, als ſein College Vogel von Falckenſtein, ja noch viel offener als er, nämlich derb und in⸗ grimmig. Er nahm die Oppoſition gegen die Bewilligung des Armee⸗ budgets wie eine perſönliche Beleidigung und bearbeitete die Linke, ohne ſich an ihr Hohngelächter zu kehren, ebenſo unerſchrocken und wuchtig, wie im letzten Sommer die Oeſterreicher. Und er trat mit dem Gefühle ab, das ſich auf ſeinem offenen, braven Geſichte aus⸗ prägte, hier wie dort ſeine Schuldigkeit gethan zu haben, unbeküm⸗ mert darum, ob ihm auch diesmal weder Lohn noch Beifall werde. Neben den Generalen tritt innerhalb der Fraction der Conſer⸗ vativen noch ein Mann bedeutungsvoll in den Vordergrund. Es iſt der Kriegs⸗ und Marineminiſter von Roon, der im Reichstage als preußiſcher Bundescommiſſar fungirt und gleich dem Grafen Bismarck darin auch als Abgeordneter(für einen märkiſchen Wahlkreis) ſeinen Sitz hat. Beide Männer haben während des ebenſo unſeligen wie langweiligen Militärconflicts manchen harten Strauß beſtanden, ritterlich durchgefochten; beide ſind, wenngleich nur blinder Unver⸗ ſtand und gehäſſiges Parteivorurtheil ihr Wiſſen und ihre Begabung leugnen konnte, Jahre lang ſelbſt an ihrem Privatcharakter arg ver⸗ dächtigt und ſchwer beleidigt worden, bis ſie dann endlich von der leichtſinnigen, wankelmüthigen Dirne, die manöffentliche Meinung zu nennen liebt, glänzend rehabilitirt wurden. Aber das hat beide nicht