Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
474
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Viertel reicht für den kurzen Weg vollkommen aus. Der Famulus nimmt einen warmen Mantel vom Nagel und will ihn um die Schultern des Lehrers legen. Faſt verlegen wehrt ihm Neander: Bitte, hängen Sie den Mantel nur wieder hin ich habe ihn heute morgen, meinem Geburtstage zu Ehren, einem Studenten ge⸗ ſchenkt, deſſen dünner Rock mir geſtern aufgefallen iſt.

Herr Profeſſor, ſo hätten Sie den Studenten ſchon heute Morgen vor 7 Uhr hier geſehen? fragt der Famulus verwundert.

Das nicht, Lieber, ich habe ihm den Mantel nur in Gedanken geſchenkt da darf ich denſelben doch nicht mehr tragen.

Wo hängt denn Ihr neuer Mantel?

Ich habe noch keinen ich werde im Rocke gehen.

Erſt Hannchens dictatoriſches, liebeszorniges Wort vermag den Bruder zu bewegen, ſeinenin Gedanken verſchenkten Mantel noch zu tragen, bis Hannchen einen neuen beſorgt hat.

In ſtudentiſchen, kniehohen Lederſtiefeln eine Gewohnheit, die er noch aus ſeiner Burſchenzeit für den Winter mit herüber⸗ genommen geht Neander am Arm des Famulus die kurze Strecke über den Opernplatz bis in die Univerſität. Und doch beklagte Nean⸗ der ſich einſt in jüngeren Jahren, als er ſchon längere Zeit im Un⸗ gerſchen Hauſe wohnte und noch keinen begleitenden Famulus hatte, über die weite Entfernung ſeiner Wohnung von der Univerſität und es ſtellte ſich heraus, daß der Gelehrte in ſeiner Zerſtreutheit nein, in ſeiner Gedankenfülle anſtatt rechts in die Behrenſtraße zu biegen und nach wenigen Schritten an der Ecke der königlichen Bibliothek die Univerſität dicht vor ſich zu haben, ſtets die lange Behrenſtraße links hinunter und durch die kleine Mauerſtraße die Linden wieder bis an die Univerſität hinaufgegangen war, weil der Univerſitätsweg von ſeiner früheren Wohnung aus durch die kleine Mauerſtraße und die Linden geführt hatte. 1

Neander tritt in ſein Auditorium. Gebückt und das Auge ſin⸗ nend niedergeſchlagen geht er zum Katheder, die rechte Hand ſtreift die Brauen leicht, wie zum Gruße. Die Studenten haben ſich, in Bezug auf die heutige Geburtstagsfeier, pietätvoll erhoben. Auf dem Katheder liegt eine ungeſchnittene Gänſefeder mit langer Fahne ſeit vielen Jahren ſorgen die Studenten täglich für eine neue Feder die alte wird zum ſtolzen Schmuck ſo mancher beſcheidenen Stu⸗ dentenſtube... nach Jahren zur wehmüthigen Reliquie ſo manchen ſtillen Pfarrhauſes..

Die Feder in den Händen drehend, lehnt Neander ſich weit über das Kathederblatt vor, mit geſchloſſenen Augen beginnt er ſeinen Vortrag, die tiefe, ſeelenvolle Stimme klingt in allen Herzen wieder. Die Feder iſt in einer fortwährenden Bewegung, bald zerknittern die Finger ſie, bald zerzupfen ſie die Fahne. Dabei wechſelt der Redner jeden Augenblick ſeine Stellung jetzt lehnt er ſich auf den linken, jetzt auf den rechten Fuß dann wieder richtet er ſich ganz auf, die geſchloſſenen Augen der Rückwand des Katheders zuwendend. Dabei unterbricht er ſich keinen Augenblick im Fluß der Rede, reich und lauter ſtrömt ſie aus dem wärmſten Herzen dahin, die jungen Herzen ſeiner Hörer unaufhaltſam mit ſich fortreißend.

Ja, das iſt das ſeltene größte Verdienſt Neanders, ebenſo be⸗ lebend als reinigend, ſo erwärmend als erleuchtend auf die Jugend einzuwirken, indem er ſte zugleich belehrt, erzieht und erbaut und das kann ihm nur gelingen, weil er auch in ſeinem von Kränklichkeit heimgeſuchten Greiſenalter ſich fernhält vonSchlaffheit und Feig⸗ heit, weil er ſich einen tiefen Widerwillen gegen alles Philiſterhafte bewahrt, weil er in ſeinem Herzen jung bleibt, wie ſeine Jünger.

Alle Sonnabend Abend ſieht Neander ſeine jungen Freunde bei ſich; jeder Student hat Zutritt. Das Studirzimmer iſt ſtets über⸗ füllt. Jeder ſucht ſich ein Sitzplätzchen und findet es häufig nur auf einem Stoß Kirchenväter..

In früheren Jahren hat Hannchen wohl wie ein kleiner Cer⸗ berus an der Thür geſtanden und heimlich gezählt, bis ſiebzehn Stu⸗ denten drin waren, alle nachfolgenden dann aber durch allerlei kleine Kunſtgriffe, wie ſie ihrem Witz und ihrer lebhaften Phantaſie zu Gebote ſtanden, unbarmherzig abgewieſen... weil Hannchen für die übliche Theebewirthung damals nur achtzehn Theelöffel in ihrer Silberkammer hatte. Liebe hat die Theelöffel und alſo auch

die Studenten an den Theeabenden längſt um Dutzende vermehrt.

An ſolchen Abenden den alten Neander im bequemen Hausrock mitten unter den jungen Studenten, ſelbſt in Begeiſterung jung, ſitzen zu ſehen, iſt eine wahre Herzerquickung. Ein Stückchen Wachs

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zwiſchen den Fingern knetend, leitet Neander mit weicher, gedämpfter Stimme die theologiſche Unterhaltung und geht mit der liebevollſten Achtung der Perſönlichkeit auf jede Frage, jedes Bedenken, ja jede Mittelmäßigkeit ein, immer einfach, herzlich, milde wie ja Nean⸗ ders ganze theologiſche Thätigkeit weſentlich eine milde, vermittelnde iſt. Wenn er nur noch einen Hauch des Zweifels, der Unklarheit vermuthet, wie weiß er da zur Frage zu ermuntern, zu locken! Nie wird er ungeduldig, wenn ſelbſt die geſchwätzige Unreifheit ſich breit macht an der Sonne ſeiner Liebe ſucht er ſie zu reifen. Ein Hauch lieblichſter Zartheit umfließt ihn er wird lieber ſelber verlegen, als daß er andere verlegen macht. Dabei iſt alles, was er ſagt, was er thut, die lauterſte Wahrheit; geſellſchaftliche Redensarten ſind ihm tief verhaßt. Wünſcht er den Ankommenden einen guten Abend, drückt er ihnen dabei die Hand, fragt er nach ihrem Wohlergehen, dankt er für einen kleinen Dienſt nichts iſt Form, alles fließt ihm aus dem lauterſten Herzen.

Und nicht mit Worten allein liebt derMann der Jugend ſeine Studenten, auch mit der aufopferndſten That. Er leiht und ſchenkt ihnen ſtets bereitwillig von ſeinen Schätzen: ſeinen Büchern er unterſtützt ſie aufopfernd mit ſeiner Armuth; er gibt mit rüh⸗ render Zartheit. Er, der aus Liebe zu ſeinem Berliner Wirkungs⸗ kreiſe jeden ehrenvollen Ruf an eine reicher dotirte Profeſſur ablehnt, gründet von ſeinem beſcheidenen Einkommen für ſeine Studenten den academiſchen Krankenverein und pflegt ihn faſt über ſeine Kräfte.

Neanders Bedürfniſſe für ſeine eigene Perſon ſind aber auch die geringſten. Bei einer krankhaften Mattigkeit lehnt er ſtärkenden Wein auf das entſchiedenſte ab er, der ſo manche Flaſche theuren Wein unter ſeinem Mantel auf die Stube eines kranken Studenten trägt. Selbſt Hannchens Bitte Befehl vermag diesmal nichts über die Genügſamkeit des Bruders, erſt auf das Recipe des Haus⸗ arztes trinkt er den Wein aus Pflicht!

Dabei liebt und übt Neander die herzlichſte Gaſtlichkeit. Faſt alle Sonntage ſieht er an ſeinem einfachen Tiſche zu Mittag und zu Abend alte und junge Freunde. Er ſelbſt geht ſehr ſelten in Ge⸗ ſellſchaft, und dann nur Hannchen zu Liebe.

Auch heute hat Hannchen zahlreiche Einladungen zum Mittags⸗ mahl ergehen laſſen, wie ſchon ſeit vielen Jahren ſtets am Geburts⸗ tage des Bruders.

An dem einfachen Mittagstiſche des langen, ſchmalen Mittel⸗ zimmers haben dreißig Perſonen Platz gefunden. Neander, am obern Ende zuſammengeſunken und faſt verlegen ſitzend, hat ſo eben das Tiſchgebet geſprochen einfache, kindliche Worte... aber wer ihn nur ein Mal ſo beten ſah und hörte, nahm einen heiligenden und reinigenden Hauch in der Bruſt mit nach Hauſe.

Hinter Neander ſteht ſein langjähriger treuer Diener Karl, ſteckt dem Herrn die Serviette vor, bringt ihm die Brühſuppe in einer alt⸗ modiſchen, großen Taſſe, ſchneidet ihm das Fleiſch und bedient ihn während der ganzen Mittagstafel wie ein hilfloſes Kind. Es iſt rührend, wie dankbar Neander für dieſe kleinen Dienſte iſt, wie zart und milde er bittet:Sei ſo gut, lieber Karl.. Selbſt eine trau⸗ rige Erfahrung, die Neander an einem andern Diener machte, der neun Jahre in ſeinem Hauſe war, dort nebſt ſeiner ganzen Familie ſo unendlich viel Gutes genoß und dann eines Tags mit dem ganzen Silberzeug und anderen Werthgegenſtänden verſchwunden war, ver⸗ mochte das milde Herz nicht zu härten; Neander ſtand von jeder Be⸗ ſtrafung des Hausdiebes ab.. 1

Neanders Nachbar zur Rechten iſt trotz ſeiner 74 Jahre noch immer eine Erſcheinung voll gedrungener Kraft, würdig und edel. Milde und Geiſt leuchten aus ſeinen weichen Zügen. Das iſt der Hofprediger Friedrich Ehrenberg, der beſonders durch ſeineAndachts⸗ bücher für Gebildete auf das weibliche Gemüth einen ſegensreichen Einfluß ausübte. Neander widmete dem langjährigen Freunde ſein

gegen David Strauß geſchriebenes Leben Jeſuals ein kleines Zeichen 4

der Dankbarkeit für die Erbauung in ſeinen Predigten.

Zur Linken Neanders ſitzt ein Greis mit klugem Geſicht, hoher gedankenvoller Stirn und flammendem, adlerſcharfem Auge Schel⸗ ling. Der grollende Philoſoph, der ſeine Vorleſungen auf der Ber⸗ liner Univerſität für immer ſchloß, als die letzten:Ueber die Philo⸗ ſophie der Offenbarung von ſeinem Heidelberger Gegner Paulus unter dem Titel:Die endlich offenbar gewordene Philoſophie der Offenbarung heimlich herausgegeben und kritiſch beleuchtet wurden,