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Kuguſt Neanders letzter Geburtstag.
Von Arnold Wellmer. (Fortſetzung.)
Einmal mußte Hannchen aber doch den Bruder ohne ihren Schutz reiſen laſſen. macht. König Friedrich Wilhelm IV., der den frommen, gelehrten Neander hochachtete, hatte ihn eingeladen, mit ihm nach Karlsbad zu gehen— unter der Bedingung, keinen Reiſekoffer mitzubringen, da Neander ihn doch nur voll Kirchenväter packen würde; ſein Kammerdiener ſolle für alles Nöthige ſorgen.
Am Morgen der Abreiſe liefert Hannchen den Bruder richtig auf dem Bahnhof ab. Neander erſcheint vor dem Könige in einem wunderlich dicken und ſteifen Mantel, der ſo ſchwer zu ſein ſcheint, daß er den ſchwitzenden Gelehrten faſt zu Boden zieht.
„Aber mein lieber Profeſſor, bei dieſer Hundstagshitze in einem ſolchen Mantel?“ lächelt der König.„Ah, was iſt das? in dieſer Manteltaſche ein Kirchenvater— in jener ein Herr Collega,— wahr⸗ haftig, der ganze Mantel von oben bis unten vollgeſtopft mit patres ecelesiastici— mehr als in einen ſtattlichen Reiſekoffer hinein⸗ gehen!“—„Majeſtät— ein wenig Reiſelectüre!“
„Ausreichend für eine Reiſe nach dem Monde— nun, ich ſehe ſchon, lieber Profeſſor, Ihr armer König muß den Patres weichen, weil er nicht ſo glücklich iſt— in Schweinsleder gebunden zu ſein!“ ſagt der König mit ſeinem herzlichen Lachen— und wendet ſich dann an ſeinen Geheimkämmerer:„Schöning, ſorgen Sie für die Reiſe⸗ lectüre des Herrn Profeſſors, ich kann es vor den Studenten nicht länger verantworten, ihren Kirchenvater ſich in ſeiner neumodiſchen Bibliothek langſam zu Tode ſchwitzen zu laſſen.“
Auf dieſer Reiſe hatte Neander ſonſt noch mehrere Mal Urſache, ſeinen Mentor Hannchen recht herzlich zu vermiſſen.
Als er auf einer Station beim Suchen nach einem Blatt Pa⸗ pier und einem Bleiſtift mehrere verſiegelte Briefe aus der Taſche zog, donnerte ihn ein Beamter, der nicht wußte, daß er zur Reiſe⸗ geſellſchaft des Königs gehörte, augenblicklich an:„Herr, Sie führen verſiegelte Briefe bei ſich,— das koſtet Strafe!“
„So?— ich habe nicht gewußt, daß dies Unrecht iſt.“—
dafür hätte er ja ſo manchen armen Studenten ſatt machen können. Auf der folgenden Station wiederholte ſich dieſelbe Scene mit dem Herausholen der verſiegelten Briefe und dem Strafezahlen.
„Aber, mein Herr, dieſe Briefe ſind ja alle an dieſelbe Perſon adreſſirt— an den Profeſſor Neander in Berlin?“ fragte dieſer zweite Beamte.—„Ja, ſo heiße ich.“
„Warum machen Sie denn Ihre Briefe nicht auf und leſen ſie?“
„Hannchen macht ſie ſonſt immer auf, und Hannchen iſt ja jetzt nicht hier!——“
Und dies Hannchen ſagt jetzt an ſeinem Geburtstagmorgen zu ihm:„Nun komm, Auguſt, und ſieh, was ich für Dich aufgebaut habe.“ Hannchen führt den Bruder ins Nebenzimmer. Ein Tiſch mit Blumen und zwei brennenden Lichtern geſchmückt, trägt alte Folian⸗ ten— ſeltene Kirchenväter! Die ſind das regelmäßige Weih⸗ nachts⸗ und Geburtstagsgeſchenk der Schweſter.
„O, Hannchen, welche reiche Gabe, meine theuren Patres Gre⸗ gorius von Nazianz und Hieronymus in ſo ſeltenen unverfälſchten Ausgaben“... und Neanders Augen leuchten.
„Was ſollte ich Dir ſonſt wohl ſchenken, Auguſt, Du machſt Dir ja doch aus nichts anderem etwas, als aus dieſen alten, häßlichen ſchweinsledernen„Kröten“ mit ihrem dumpfigen Geruch und Augen⸗
Neander bezahlte die namhafte Strafe mit ſchwerem Herzen—
tod... doch nein, unſer alter Freund Kottwitz hat Unrecht, wenn er
ſagt, Du hätteſt nur eine Leidenſchaft: die Bücher— Deine zweite, ia Cardinalleidenſchaft ſind die— Studenten.. die aber kann und
ege kraucht Dir Hannchen nicht zu ſchenken— die geben ſich ihrem
Neander bis zum letzten Blutstropfen ihrer Herzen ſelber zu eigen!“... ſo lacht Hannchen— mit Thränen in den Augen.
Auf dem Geburtstagstiſche liegen zwei friſche Kränze von Taxus aund Lebensbaum— für die Gräber der Mutter und der Schweſter
ders Hauſe ſtarb. „ Die arme Betty!“ ſagt Hannchen leiſe— und denkt an die Schweſter, die nun ſchon ſeit Jahren, gleich dem Bruder in Peters⸗ IIl. Jahrgang.
Das hat der treuen Seele vielen Kummer ge⸗
burg, von einer unheilbaren Geiſteskrankheit befallen, in einer An⸗ ſtalt leidet.—„Der Herr hat's gegeben!“ erwidert Neander mit kindlich gefalteten Händen.
„Ah! unſer Herr Famulus!“ ſagt Hannchen— ein junger Theologe tritt ins Zimmer und bringt in bewegten Worten ſeinen Glückwunſch dar. An ſeinem Arm kehrt Neander ins Studirzim⸗ mer zurück. 3
Wie jeden Morgen von 6 bis 10 Uhr bereitet Neander ſich nun mit größter Genauigkeit auf die drei Collegia vor, die er täglich von 10 bis 1 Uhr über das ganze neue Teſtament mit Ausnahme der Apokalypſe, über Glaubens⸗ oder Sittenlehre und über alle Haupt⸗ fächer der hiſtoriſchen Theologie zu halten pflegt.
Wir finden inzwiſchen Muße, zwei„Neandergeſchichten“ zu er⸗ zählen, an die uns das Studirzimmer ſo lebhaft erinnert.
Dort lehnt ja die Bücherleiter, die Neander einſt auch benutzte, um zu einem Buche in der oberſten Reihe zu gelangen. Er wollte nur ein Wort nachſchlagen,— das Buch feſſelte ihn aber bald ſo ſehr, daß er, auf der Leiter ſtehend, weiter und weiter las. Bald ſpürte er aber doch an den Füßen das Unbequeme ſeiner Situation — ahl dicht neben der Leiter bietet ja der Ofen einen ſehr bequemen Sitzplatz dar. Neander klettert auf den Ofen— dabei fällt die Lei⸗ ter zu Boden, geräuſchlos auf einen Haufen Bücher. Das ſtört den Gelehrten oben auf dem Ofen aber ſehr wenig, er hat ſich bald ſo in ſeine Lectüre vertieft, daß er nicht mal bemerkt, wie Hannchen ins Zimmer tritt, den Bruder zu dem gewohnten Nachmittagsſpazier⸗ gange abzurufen. Hannchen, ebenfalls ſehr kurzſichtig, wird den Bruder auf ſeinem ungewöhnlichen Sitze auch nicht gewahr. Sie ſucht ihn in ſeinem Schlafzimmer, bei der Nichte Emma Scholz, die eine Treppe höher wohnt— überall vergebens! Hannchen wird un⸗ ruhig, ſie alarmirt das ganze Haus,— niemand hat den Vermißten fortgehen ſehen. Hannchens Unruhe wächſt, je weiter der Nachmittag fortſchreitet... endlich, als es ſchon ſtark dämmert, ruft eine liebe, bekannte Stimme aus dem Studirzimmer:„Hannchen! Hannchen!“ — Aber wie iſt das möglich, dies Zimmer hat Hannchen ja mehrere Mal ſelber nach dem Bruder durchſucht...„Auguſt, wo biſt Du?“ —„Hier auf dem Ofen, Hannchen, ich las ein wenig im Baſilius, — jetzt iſt es aber zu dunkel zum Leſen— und herunter konnte ich nicht wieder, denn die Leiter iſt mir umgefallen!“——
Wir haben ſchon erwähnt, wie ſehr Friedrich Wilhelm IV. un⸗ ſern Neander ſchätzte. Der König liebte es, einzelne hervorragende Männer der Wiſſenſchaft und Kunſt in faſt bürgerlich einfacher Weiſe abends im Theezimmer ſeiner Eliſabeth um ſich zu ſehen. Zu einem ſolchen Theeabende hatte auch Neander eine Einladung nach Charlottenburg erhalten. Hannchen putzte den Bruder nach Kräften heraus—„nun noch Deine Orden, Auguſt, dann biſt Du hof⸗ fähig.“—„Hab' ich denn Orden?“
„Der König hat ſie Dir ja ſelber angeſteckt,— wo haſt Du die Orden gelaſſen?“„
Ich weiß wirklich nichts davon, Hannchen, laß mich doch ohne Orden gehen.“
„Nein, Auguſt, das geht auf keinen Fall, das wäre ein zu grober Verſtoß gegen die Hofetiquette und könnte uns ſogar als eine Nichtachtung der königlichen Gnade ausgelegt werden— o, bald wird der Hofwagen vor der Thür halten— Dörthe, hilf mir die Orden ſuchen— Du Karl, lauf zum Herrn Profeſſor Strauß und mache meine Empfehlung und ich ließe den Herrn Profeſſor bitten, uns ſeine Orden zu borgen, wir hätten unſere verlegt.“
Neander nimmt ein Buch in die Hand, während Hannchen mit der Köchin das Studirzimmer eifrig nach den Orden durchſucht.... lange vergeblich— endlich zieht Dörthe aus einem Folianten ein vorguckendes verblichenes Seidenbändchen hervor— daran blitzt ein Orden. Neander hatte ihn als Leſezeichen für den heiligen Ambro⸗ ſius benutzt. Die übrigen Orden ſchmückten andere Kirchenväter.
Vor dieſem Ordensfieber wußte Hannchen ſich ſpäter trefflich zu ſchützen— ſie nahm die Orden des Bruders nach jedem Gebrauch
regelmäßig unter Verſchluß.——
Es iſt 10 Uhr, nun in die Univerſität! Das„academiſche


