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Roth ſollte verhaftet werden; er bot unter dem Schutz ſeiner der große Kurfürſt bahnbrechend, anſpornend, ein Wegweiſer für die
Anhänger Trotz, erſchien auf die Vorladung des Rathes nicht, zeigte ſich auf der Straße, in der Kirche. Das Volk inſultirte einen kur⸗ fürſtlichen Obriſten und ſeine Truppen.
Im October 1662 kommt der Kurfürſt nach Königsberg. Am 30. wird die Bürgerſchaft in die drei Rathhäuſer— Königsberg zerfiel in drei Städte— verſammelt, die Hauptthore mit Truppen beſetzt. Ein Reiterzug ſperrt die Straße, wo Roth wohnte. Er wird verhaftet, auf einem Schiff nach dem Schloß gebracht, wo die Regimenter in Reih und Glied ſtanden, Geſchütze aufgefahren waren. Dem Fort Friedrichsburg war Befehl gegeben, auf ein Fahnenſignal ihre Stücke gegen die Stadt ſpielen zu laſſen. Aber es war un⸗ nöthig. Die Stadt blieb ruhig; die Bürgerſchaft war betäubt; Roth, des Hochverrathes angeklagt, ſtarb erſt nach 16 Jahren im Kerker—
Der Kurfürſt verſprach Amneſtie, Schutz der Freiheit, Aende⸗ rung der verhaßten Acciſe. Am 16. November erkannten die drei Städte ſeine Souveränität förmlich an, die, ſo ſagte man,„bis ans Ende der Welt wachſen möge.“
Im Jahre darauf, am 28. October 1663 fand die feierliche Huldigung des Landes ſtatt; der Schlußſtein eines langen und er⸗ bitterten Kampfes, der letzten Zuckungen der ſtändiſchen Freiheiten gegen den allmächtigen Einheitsſtaat;— ein tragiſcher Kampf, wohl einer poetiſchen Darſtellung würdig.
VII.
So ging der Kurfürſt als zweifacher Sieger aus jenem Ringen hervor, über den äußeren Feind und über den inneren Gegner. Ja ſeit 1663 hatte in ſeinen Landen der einheitliche und unumſchränkte Staatsbegriff über die Einzelrechte des mittelalterlichen Lehnsſtaates ein für allemal triumphirt. Nach damaliger Zeitlage ein unendlicher und nothwendiger Fortſchritt! Aber auch das wiſſen wir, daß ſchon der große Kurfürſt ſein fürſtliches Amt als einen Dienſt für den Staat anſah. Auf der Denkmünze zur Erinnerung an die Huldi⸗ gung der preußiſchen Stände ſteht das kurze, aber inhaltſchwere Wort:„Pro Deo et populo“„für Gott und mein Volk;“ wahrlich keine Phraſe im Munde dieſes Fürſten. Es iſt das Motto ſeiner Regierung.
Nichts als eine Umſchreibung davon ſind die goldenen Worte, die er einſt— es war i. J. 1668— ſeinen Söhnen in die Feder dictirte, mit dem Verſprechen, wer ſie zuerſt auswendig wiſſe, ſolle 6 Ducaten haben, die Worte:„Ich will in meinem fürſtlichen Regi⸗ mente ſtets eingedenk bleiben, daß es nicht meine, ſondern des Volkes Sache iſt, die ich führe.“— Weht uns ſolche Geſinnung nicht anders an als der politiſche Egoismus eines Ludwigs XIV. oder die Hof⸗ und Staatsmiſere der deutſchen Reichsfürſten jener verkommenen Zeit?—
Ich muß es mir verſagen, in den engen Rahmen dieſer Skizze auch die Friedenswerke des großen Fürſten während des genannten Zeitraums aufzunehmen. Wie ſah es auf allen Gebieten friedlicher Thätigkeit ſchon 1667 anders aus, als bei ſeinem Regierungsantritt! Berlin war eine neue Stadt geworden; man erkannte ſie nicht wieder, aus Sumpf und Buſchwerk erhob ſich ein neuer Stadttheil, der Friedrichs⸗Werder; Fremde prieſen die Pracht und Schönheit der Straßen und Bauten; ein Reiſebericht gerade von 1667 nennt das reſtaurirte Schloß eines der ſchönſten Europas. Was Friedrich Wil⸗ helm für den Ackerbau, für Handel und Gewerbe, für Straßen⸗ und Canalbau— 1668 war das große Werk des Friedrich⸗Wilhelm⸗ Canals zur Verbindung von Oder und Elbe vollendet— gethan, iſt allbekannt. Kein Hohenzoller hat einen ſo ſtarken Zug zur See und zu maritimer Entwicklung gehabt, als der große Kurfürſt. Den Gipfel erreichte dieſe Richtung freilich ſpäter erſt, als ſich die brandenburgiſche Flagge an den Küſten von Guinea entfaltete, als der junge Staat zum erſten und zum letztenmale Verſuche zur Anlage von Colonien machte. Aber ſchon 1664 ſtachen die erſten brandenburgiſchen Orlogſchiffe, die Fregatten„Herzogthum Cleve“ und„Grafſchaft Mark“ in See. Zweihundert Jahre faſt waren nöthig, um an dieſe Anfänge wieder anzuknüpfen. Was hatte doch in dieſem großen Kopfe alles Raum!
Von ſeiner Förderung des geiſtigen Lebens auf allen Punkten, in Kunſt und Wiſſenſchaft, wie auf dem Gebiet der Kirche, zu reden, würde einen beſondern Aufſatz fordern.
Ueberall, auch hier, war
fernſte Zukunft.
Hat er zunächſt auch, hier wie in ſeinem politiſchen Schaffen, primo loco ſeinen Staat im Auge gehabt, deſſen Förderung und Fortſchritt, doch galt ſein Wirken direct und indirect dem großen deutſchen Vaterlande, deſſen Heil und Ehre. In dem Sumpf
der damaligen Reichsgeſchichte ſteht er wie ein feſter Fels da, der
alleinige fürſtliche Vertreter unſers nationalen Lebens. Als im
Jahre 1658 Frankreich um die deutſche Krone buhlte, dann den
erſten Rheinbund unter ſeinem Protectorat ſtiftete, während Schweden mit Frankreich und England im Bunde einen norddeutſchen Bund verſuchte, war es der große Kurfürſt, der die deutſche Krone dem Habsburger Leopold verſchaffte und die Pläne der Feinde ver⸗ eiteln half.
Gerade im Jahre 1667 tritt Ludwig XIV. zum erſtenmale als Eroberer gegen Oſten, alſo in der Richtung nach Deutſchland auf;— ein Grund mehr für uns, gerade bei dieſem Ab⸗ und Einſchnitt ſtill zu ſtehen. Denn da beginnt Friedrich Wilhelms nationale Politik gegen den Erb⸗ und Reichsfeind im Weſten, dem gegenüber er eben ſo gut Deutſchlands Schwert wurde, wie er es gegen Polen und Schweden geweſen. Schon 1663 ſchreibt er:„lieber will ich in der Türken Protection ſein, als in franzöſiſcher Dienſtbarkeit.“
Wir ſtehen wieder vor dem Bilde des großen Kurfürſten, aber jetzt nicht vor dem Bilde der Kunſt, ſondern dem der Geſchichte.
Mit dieſem gedrängten Charakterbilde ſchließen wir.
Wohl hat der noch hellere Stern des großen Königs ſpäter den Glanz des großen Kurfürſten überſtrahlt, aber unſere Zeit, die ſich ſo gerne verſenkt in vergangene Größe, zumal des Vater⸗ landes, hat ſein Andenken wieder zu vollſten Ehren gebracht.
Aus ſeinen Thaten ſchon trat uns ſein Bild entgegen! Wenn man von ihm ſagt, er ſei ein genialer Staatsmann geweſen, ſo hat man nichts und alles geſagt. Nichts, weil es nach Phraſe ſchmeckt, alles, weil wirklich in der ungemeinen ſchöpferiſchen Kraft ſeines Geiſtes ſein Weſen liegt. Er beſaß, wie kein anderer ſeiner Zeit, wie wenige aller Zeiten den Inſtinct des Richtigen, den Tact des Nothwendigen; die Erbtugend aller wahren Staatsmänner. Daher jene wunderbare Miſchung des kühnſten Gedankenflugs und der zäheſten, geduldigſten Ausdauer; der lebhafteſten Phantaſie und der ſtrengſten Nüchternheit, dies Gemiſch von Feuer und Kälte, möchte man ſagen. Von Natur jähzornig, ungeſtüm, hatte er durch die Lage ſeines Staates gelernt, an ſich zu halten, zu warten. Ein Meiſter im Befehlen und in der ſeltenen Kunſt, ſich zu den Geſchäften die rechten Männer zu wählen! Eine neue Schule ausgezeichneter Staats⸗
männer, jetzt meiſt verſchollene Namen, entſtand unter ſeinen Augen,
durch ſein zündendes Beiſpiel. Von ſeinen Beamten, ſeinen Heer⸗ führern, ja von ſeinem ganzen Volke verlangte er viel, überviel; herriſch und ſtreng trat er auf, daher war er nicht gerade beliebt — auch hierin ein Typus des geſammten Preußenthums— aber hochgeachtet, gefürchtet, und ſchließlich ſonnte ſich ſein Volk in dem Glanze ſeines Ruhms.
Sein Privatleben war ein ſeltenes Vorbild ſittlicher Reinheit, heilig gehaltener Ehe, zuverläſſiger Freundestreue.
Im Grunde ſeines Weſens lag eine tiefe Frömmigkeit, ſchon der Hort ſeiner Jugend, durch die Noth und die oft wunderbaren Ret⸗ tungen der Zeit wie durch ſeine erſte Ehe belebt und gefördert. Ein Charakter ohne Menſchenfurcht, voll lebendiger Gottesfurcht.
Alles in allem: Friedrich Wilhelm war eine Kämpfernatur ſein Lebtage; zuerſt ringend um die Exiſtenz, um Sein oder Nichtſein ſeines Staates, dann um deſſen Wachsthum und Machtentfaltung. Unter den deutſchen Regenten ſeiner Zeit ſteht er geradezu einzig da. Aber auch unter den zahlreichen großen Zeitgenoſſen des Aus⸗ landes iſt er mit nichten der letzte. Er berührt ſich noch mit Riche⸗ lieu, näher mit Mazarin, iſt bald Verbündeter, bald heftigſter Gegner Ludwigs XIV., in ſeiner ganzen Bedeutung erkannt von Cromwell; allen den Genannten völlig ebenbürtig, wenn nicht an äußerer Macht, ſo an perſönlicher Größe.
Sein höchſter Ruhm wird immer der bleiben, daß in dieſem Kopf, der uns im Bilde ſo tiefſinnig und entſchloſſen zugleich an⸗ ſchaut, die Prinzipien, die Lebensgedanken des preußiſchen Staates ſchlummern.
Kein Preußen von 1867 ohne den Unterban von 1667!


