Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
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zu alteriren vermocht; gerade dadurch haben ſie ſich als wahrhaft große Männer erwieſen, daß, wie ſie früher jede Rechtfertigung ver⸗ ſchmähten, ſie jetzt die Poſaunenſtöße von Lob und Beifall voll ruhiger Würde und erhabenem Selbſtbewußtſein über ſich ergehen laſſen. Man betrachte nur dieſe faſt koloſſale und darum etwas ſchwer⸗ fällige Geſtalt mit dem ſtarken Kopf und dem ernſten, durchfurchten Geſicht, und man wird ſich ſofort ſagen, daß Herr von Roon nicht der Mann iſt, um ſich von der Tageswelle oder Parteiwoge tragen oder in ſeinem einmal eingenommenen Standpunkte auch nur ver⸗ rücken zu laſſen. Wenn er bei den Reden gewiſſer Oppoſitionsleute, die ihn über militäriſche Angelegenheiten belebren wollen, gleichmüthig den ſtarken Schnauzbart ſtreicht oder langſam den Blick erhebt und den ſelbſtgefälligen Sprecher durchdringend muſtert ſo iſt das auch eine Antwort und vielleicht die wirkungsvollſte; nur ſelten ſieht man ihn ob ſolcher Declamationen, an die er eben aus dem Abgeordneten⸗ hauſe gewöhnt iſt, ungeduldig werden, z. B. die Hände zuſammen⸗ ſchlagen und ſie leicht erheben, als wenn er die Langmuth Gottes zwar bewundere, aber doch nicht begreife; nur einmal gab er ſeinen Gefühlen ſtärkeren Ausdruck, als der Abgeordnete Waldeck betheuerte, es liege ihm und ſeinen Freunden fern, das gegenwärtige Miniſte⸗ rium zu verdrängen: da zuckte Herr von Roon lebhaft die Achſeln und ſchlug heftig mit der umgekehrten Hand auf den Tiſch. Bekanntlich iſt der Kriegsminiſter unter ſeinen Collegen der beſte Redner; er ſpricht von ihnen am fließendſten und ungezwungen⸗ ſten, dazu markig, anſchaulich und in gut formulirten, weder zu langen, noch zu kurzen Sätzen. Sein Organ iſt klangvoll und vernehmlich. Erſt in den letzten Sitzungen, wo der Reichstag in der Berathung der Regierungsvorlage an den bedeutungsvollen Titel XI, das Bun⸗ deskriegsweſen betreffend, gelangte; erſt dann hatte auch Herr von Roon Gelegenheit, mehrere Male das Wort zu ergreifen. Er ſprach durchaus verſöhnlich und entgegenkommend, wie er's ſtets thut, wenn er's irgend thun kann. Diesmal wurde es ihm um ſo leichter, als ihm endlich die langentbehrte, aber wohlverdiente Genugthuung wurde: der Reichstag hatte die früher ſo heftig bekämpfte Armee⸗Re⸗ organiſation anerkannt, die dreijährige Dienſtzeit war ohne Clauſel zugeſtanden. Erſt als, um einen Ausdruck des Herrn Kriegsminiſters⸗ zu gebrauchen, dieTemperatur etwas wenigerangenehm wurde, als die von Forckenbeckſchen Amendements das von der Regierung in Betreff der Friedensſtärke des Bundesheeres auf zehn Jahre normirte Proviſorium auf vier Jahre beſchränken wollten, da glaubte Herr von Roon ſeinen alten Gegnern doch entgegentreten zu müſſen.Es iſt mir wohl in früheren Jahren entgegenge⸗ ſetzt, ſprach er,wozu wir eine ſo große Armee halten, wir ſeien doch nicht im Stande, auch nur einer Großmacht die Spitze zu bieten. Unruhe und Murren auf der Linken.Meine Herren, fährt Herr von Roon mit halbem Lächeln, aber unerbittlich fort, und nun ſieht man auf der Linken einige verlegene Geſichter oder an⸗ ſcheinend ſehr zerſtreute Mienenmeine Herren, es iſt mir in öffentlicher Sitzung und von namhafter Seite geſagt worden; ich habe nicht widerſprochen, um nicht in die Reihe der Prahler zu ge⸗ rathen.Sehr gut! Bravo! rufen die Herren von der Rechten und reiben ſich ſchadenfroh die Hände. Aber der Kriegsminiſter iſt noch nicht fertig.Meine Herren, ſagt er nach einer kleinen Pauſe und ſieht ernſt um ſich,als die Verhandlungen von Ni⸗ kolsburg begannen und die Möglichkeit nahe lag, in eine weitere Kriegführung auf verſchiedenen Fronten verwickelt zu werden, da war Dank der Reoorganiſation! der Kriegsminiſter in der grücklichen Lage, zu ſagen: wenn die Politik es verlangt, die Mittel ſind da! Er hält inne und läßt ſich ruhig auf ſeinen Sitz fallen, umrauſcht von Beifallsrufen der Rechten wie Linken. Herr von Roon iſt aber nicht nur ein ausgezeichneter Kriegsminiſter und ein guter Redner, ſondern was doch unter Um⸗ ſtänden noch mehr gelten kann ein biederer, geradſinniger Mann, der keine Vortheile erſchleichen mag und es auch mit ſeinen conſtitutio⸗ nellen Pflichten ernſt nimmt. Darüber können auch die conſtitutio⸗ nellſten Volksvertreter nicht mehr im Zweiſel ſein, wenn er ihnen z. B. entgegnet:Der Kriegsminiſter gibt nicht einen Pfennig aus, ohne daß er ſich mit dem Finanzminiſter darüber verſtändigt hat. Es wird ein Etat ausgearbeitet, der den Kriegsminiſter in der Ver⸗ wendung der ihm bewilligten Summen bindet. Er wird darin controlirt nicht blos⸗ durch ſeinen Collegen, ſondern vornehmlich durch die Oberrechnungskammer, gleichviel ob die Landesvertretung die

Einzelheiten des Etats bewilligt hat oder nicht. Ich verlange das geſetzliche Gebundenſein an beſtimmte Ausgabe⸗Poſitionen; daran iſt die preußiſche Verwaltung ſeit langer Zeit gewöhnt, und ich hätte durchaus kein Intereſſe daran, aus der Taſche zu wirthſchaften. Nur mit conſtitutionellen Hypotheſen und conſtitutionellen Sophismen darf man ihm nicht kommen, dann kann er ſcharf und ſatiriſch werden. Der Abgeordnete Grumbrecht, ſagt er bei derſelben Gelegen⸗ heit,hat die Behauptung aufgeſtellt, daß durch eine Pauſchbewilligung dem Finanzminiſter die Controle entzogen werde. Das iſt im ge⸗ wiſſen Sinne auch eineextreme Behauptung, wie früher geſagt worden iſt, weil ſie von einer extremen Unkenntniß der obwalten⸗ den Verhältniſſe ausgeht. Und dem Abgeordneten Gneiſt er⸗ widert er auf deſſen zweiſtündige Rede:Der Herr Abgeordnete hat meinen ganzen Beifall in allen Punkten, von denen ich mir bewußt bin, weniger zu verſtehen als er, alſo in allen Rechtsdeduc⸗ tionen. Der Herr Abgeordnete hat dann aber auch ein Ver⸗ hältniß berührt, von dem ich in aller Beſcheidenheit behaupten möchte, daß ich etwas mehr davon verſtehe, als er, von dem Verhältniß des Kriegsminiſters. Er hat bewieſen der Herr Abgeordnete kann bekanntlich bei der ihm eigenen großen Gewandtheit beweiſen, was er will er hat alſo bewieſen, daß der Kriegsminiſter kein Miniſter ſei, ſondern ein Weſen höherer Ordnung. Meine Herren, ich habe niemals geglaubt, daß er mich ſo hoch über ſich ſtellt; ich habe immer geglaubt, daß er die Mängel des Kriegsminiſters mit ganz beſonderer Schärfe zu entdecken und zu betonen verſtanden hätte. Man wird ſich hiebei erinnern, daß vor Jahren im Abgeordnetenhauſe eine ganz andere Scene zwiſchen Herrn von Roon und Herrn Gneiſt ſpielte. Dieſer wollte damals an dem Kriegsminiſter kein gutes Haar laſſen und trat ſogar deſſen Ehre zu nahe; als aber Herr von Roon heftig und drohend antwortete, revocirte Herr Gneiſt ſofort und in ſehr entgegenkommender Weiſe.

Jedermann weiß, daß Herr Dr. Gneiſt ein berühmter Iuriſt und Profeſſor an der Berliner Univerſität iſt; Jedermann weiß auch, daß Herr Dr. Gneiſt ſeit 1858 dem Abgeordnetenhauſe angehört und daſelbſt eine hervorragende Rolle geſpielt hat, inſofern er ſeinen Collegen ſtaatsrechtliche Vorleſungen hielt. So wurde Herr Gneiſt auch eine parlamentariſche Celebrität und ein einflußreicher politiſcher Cha⸗ rakter. Aber die Zeiten ändern ſich, in der letzten Zeit noch ſchneller, plötzlicher und greller als ſie ſonſt pflegten. Man kann heute ange⸗ ſtaunt und gefeiert und ſchon morgen in die Rumpelkammer der Ver⸗ geſſenheit geworfen werden. Auch Herr Gyeiſt, nach der Tactik der Liberalen an mehren Orten zugleich als Wahlcandidat aufgeſtellt, fiel überall durch und kam erſt ſpät und mit genauer Noth bei der Nachwahl für Elberfeld⸗Barmen in den Reichstag. Erſt am 23. März trat er in das Haus, gerade als die Debatte über die Bundesgeſetz⸗ gebung tobte, alſo über einen Gegenſtand, der ſo recht Herrn Prof. Dr. Gneiſts Domaine war. Man erwartete allgemein, daß er ſofort eine Rede loslaſſen würde, aber er ſetzte ſich ſtill nieder und beobachtete ein befremdliches Stillſchweigen.Nun? fragte ihn Herr von Vincke.Und Sie nicht?! Herr Greſſt ſchüttelte lächelnd ſein Haupt und wirklich hielt er an dieſem Tage noch an ſich, aber ſchon in der nächſten Sitzung wandelte er nach der Tribüne und belehrte die Verſammlung über Miniſterverantwortlichkeit, wie man eine rechtliche und politiſche Verantworrlichkeit unterſcheiden müſſe, dieſe ſei eigentlich nicht jene, und jene im Grunde genommen nicht dieſe, aber es könne der Fall eintreten, wo dieſe jene und jene dieſe ſei, ja es möge vorkommen, daß beide gar nicht vorhanden wären, was vielleicht theoretiſch nicht in der Ordnung, aber in der Praxis gerade kein Unglück ſei. Diesmal faßte ſich Herr Dr. Gneiſt außer⸗ ordentlich kurz, er brauchte für ſeine Ausführungen kaum eine Stunde, aber nun ließ er auch nicht locker, denn er hatte nichts mehr zu ver⸗ ſäumen; er ſprach, ſo oft er dazu kommen konnte und ritt dabei immer auf dem Staatsrecht umher, das er bald zierlich cour⸗ bettiren, bald die halsbrechendſten Sätze und Kunſtſtücke unternehmen ließ. Allein es war mit ihm doch eine Wandlung vorgegangen, er entdeckte jetzt plötzlich, daß nicht nur in der Monarchie, ſondern auch in den Majoritätsbeſchlüſſen des Abgeordnetenhauſes der Abſolu⸗ tismus emporwuchern könne und daßder Beſtand der Armee nicht

von den jährlich wechſelnden Beſchlüſſen einer zweiten Kammer ab⸗

Welche Um⸗

wandlung! wird man rufen, und ſo dachten und ſprachen auch viele Aber wie die ironiſche Entgegnung des

hängen könne, weil dies ebenſo gut Abſolutismus ſei.

ſeiner alten Parteigenoſſen.