Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
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weiß. Aber hier wird der Saal leerer und leerer, in auffälliger, geräuſchvoller Weiſe eilen die Abgeordneten hinaus, und unter den Zurückbleibenden halten Herr von Vincke und ſein neben ihm ſitzen⸗ der Freund Max Duncker, indem ſie die Arme vor ſich auf das Pult ſtützen und darauf ihre weißen, von der Sonne beleuchteten Häupter legen, ein Mittagsſchläfchen. Der Herzog von Ratibor lehnt in einer Ecke und zeichnet dieſe ſchlummernden Häupter, ſpäter auch als dritten im Bunde, den Kopf des Herrn Schulze⸗Delitzſch, während Herr von Wedemeyer zu Füßen des Redners, auf den Stufen der Eſtrade hockt und in dieſer Stellung über die Vergänglichkeit alles Irdiſchen, über den ewigen Wechſel unterm Monde zu philoſophiren eint.

ig Was Herr Schulze⸗Delitzſch einſt für die Liberalen geweſen, iſt Herr Wagener noch immer für die Conſervativen, ihr Haupt und Anführer. Herr Wagener hat ſich als einer der zäheſten politiſchen Cha⸗ raktere bewährt und ſeine Stellung unter allen Wechſelfällen zu be⸗ haupten gewußt. Wer ihn nur aus den Zeitungen kennt, mag ſich einen grimmen, mächtigen Recken vorſtellen, und würde ſich verwundern, wenn er einen ſchmächtigen, hageren Mann mit leidenden doch ſanften und einnehmenden Zügen und von durchaus freundlichen, gefälligen Manieren vor ſich ſähe, der, wie Herr von Vincke, mit Mitgliedern aller Fractionen verkehrt und ſo unſchuldig blickt und plaudert, als ob er kein Kind beleidigen könne. Dieſer ſanfte, harmloſe Eindruck verſchwindet freilich, ſobald Herr Wagener die Tribüne beſteigt und ſeinen politiſchen Gegnern einen Handſchuh hinwirft oder ſolchen von ihnen aufnimmt. Dann werden ſeine Züge hart und eckig, um den großen Mund und um die grauen Augen thürmen ſich ſtrenge Falten, und die dünne Stimme hat etwas Scharfes. Er ſpricht fließend und formell abgerundet, eher breit als knapp, aber oft ſchlagend und ſchneidend; ſeine Worte zeugen von Selbſtbewußtſein und offenem Trotz gegen alle Unpopularität, deren er ſich auf ſeiner Laufbahn ſo reichlich zu erfreuen hatte. Sein Standpunkt, nach dem er die Dinge zu beurtheilen pflegt, iſt kein hoher, aber dafür ſein Ur⸗ theil gewöhnlich um ſo klarer und ſicherer; ſeine Ausdrucksweiſe iſt nüchtern, oft ſogar hausbacken, aber nicht ſelten überraſcht er mit einer ſehr glücklichen Wendung, z. B.daß die Legitimität keinen ge⸗ fährlicheren Feind beſitzt, als ihre eigene Caricatur. Nur wenn er, vielleicht um ſeine Gegner oder auch ſich ſelber zu perſifliren, ſich zuweilen zu Gleichniſſen und Bildern verſteigt, kann er verunglücken, z. B. wenn er, einen Tropus des Grafen Bismarck wieder aufneh⸗ mend, ruft:Beſteigen wir die Vollblutſtute Germania! oder wenn er die öffentliche Meinung bald eineParlamentstochter, bald eine Regimentstochter nennt. Sein palttiſches Glaubensbekenntniß hat er neulich offen ausgeſprochen:Ich bin kein Conſtitutioneller nach der Schablone und hoffe auch niemals einer zu werden, aber ich zähle

uniich zu denjenigen Conſervativen, die in der neueſten Entwicklung

viel vergeſſen und ein ganzes Theil zugelernt haben, und denen auch der ernſtliche Entſchluß beiwohnt, noch mehr zu lernen. So hübſch das auch klingt, trotzdem läßt es ſich nicht leugnen, daß Herr Wage⸗ ner ſeinem Herrn und Meiſter er iſt jetzt vortragender Rath im Staatsminiſterium nicht immer ſchnell genug zu folgen, ihn oft nicht gleich zu begreifen vermag, weshalb ſeine Ausſprüche ſchon ein paarmal desavouirt worden ſind.

Herr von Blankenburg iſt Herrn Wageners getreuer Eckart, neben dem er auch ſeinen Platz hat und von dem er weſentlich beein⸗

flußt werden ſoll. Sein friſches, geröthetes Geſicht mit dem dunkel⸗

grauen Stutz⸗ und Schnurrbart läßt ihn als das erkennen, was er

wirklich iſt: ein Landedelmann von gutem altem Schrot und Korn.

Er ſpricht weit ſeltener als Wagener, aber nicht minder fließend und

uungleich wärmer, mit unverkennbarer Naturwüchſigkeit und Ehrlich⸗

eit. Auch iſt er zu Conceſſionen und überhaupt zur Verſöhnlichkeit geneigt.Wir hätten jetzt alle Urſache, unſer altes Parteigezänk dei Seite zu laſſen, ruft er, an eine Aeußerung von Tweſten er⸗ nnernd, der Linken zu und beſchwört ſie, mit ihrer Sündflut von Almendements einzuhalten. Wenn es nach ſeinem Sinne ginge, würde das Haus den ganzen Verfaſſungsentwurf en bloc annehmen, ber mit dieſem Vorſchlage ſtößt er auf erbitterten Widerſpruch und löhniſche Heiterkeit, ohne ſich dadurch aus der Faſſung bringen zu luſſen. Sein offenes freies Weſen, ſeine geraden biderben Reden rerrathen, daß er mehr Patriot als Parteimann iſt.

Graf Botho von Eulenburg, früher Landrath in Weſtpreu⸗ a., ſeit kurzem vortragender Rath im Miniſterium des Innern,

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in dieſer Frage mit Herrn von Below einer winzigen Majorität.

unterſcheidet ſich nicht wenig von ſeinen beiden ebenerwähnten Parteigenoſſen. Etwa 35 Jahre zählend, iſt er von langer und ſchlanker Geſtalt, das ſchon dünne Haar röthlich⸗blond und geſcheitelt, die Stirne frei und gewölbt. Wie Wagener unter den Conſervativen der ſchärfſte Redner, ſo iſt er unter ihnen der eleganteſte, tactvollſte und darum einnehmendſte. Er ſpricht nicht zu oft und nie lange, ſein Organ iſt angenehm und flüſſig, nur ein wenig liſpelnd, die Perioden wohlgebaut, die ganze Art zu reden klar, geſchickt und artig, aber nicht warm. Er ſecundirt nur den Miniſtern und ſtellt in dieſem Sinne ſeine Amendements oder tritt den von anderer Seite geſtellten entgegen.

Sein Namensvetter und Verwandter, der Miniſter des Innern, lenkt ſofort die Aufmerkſamkeit auf ſich durch den ſehr ernſten markirten Ausdruck ſeines Geſichtes, das ein kurzgeſchorener, dunkler Schnurr⸗ und Backenbart einrahmt und aus dem ein Paar große, ſprechende Augen hervorblitzen. Er hat bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, zu ſprechen, erſcheint auch nur ſelten in der Ver⸗

ſammlung, gilt aber nach dem Grafen Bismarck, mit dem er in der

Rede⸗ und Ausdrucksweiſe manches gemein hat, für den geiſtreichſten unter den preußiſchen Miniſtern.

Landrath von Gottberg aus Hinterpommern iſt neben Wa⸗ gener und Blanckenburg das bekannteſte Mitglied der conſervativen Partei, ſaß ſchon 1848 im Frankfurter Parlament und gehörte auch bis zum vorigen Jahre dem Abgeordnetenhauſe an. Er erſcheint leidend wie Wagener und noch ſchmaler und hagerer, ſpricht nur ſelten und in blaſſer, reſervirter Weiſe, ohne Schwung und Nachdruck.

Die Conſervativen haben, wie ſie ſelber zugeſtehen, nur wenig Redner aufzuweiſen, aber das kann ihnen, gegenüber der Redekrank⸗ heit unſerer Zeit, kaum zum Nachtheil gereichen.

Landrath Perſius aus Kyritz, ſeit dem letzten Sommer auch Mitglied des Abgeordnetenhauſes, ein angehender Dreißiger, lang und hager, mit langem, ſchmalem Geſicht, dünnem, blondem Haar und Schnurrbart, hat ſich bisher nur als Berichterſtatter der V. Ab⸗ theilung über Wahlprüfungen vernehmen laſſen, iſt aber mit ſeiner dünnen Stimme der Aerger der Journaliſten, die beim beſten Willen von ſeinen halbverſchluckten Worten wenig erhaſchen können.

Um ſo lauter, raſcher und entſchiedener gibt ſich der Landrath von Schöning aus Pyritz, einer der acht Schriftführer des Hauſes, der alles beſitzt, was ſeinem ebengenannten Collegen mangelt, Kraft und Feuer, Gewandtheit und Unerſchrockenheit.

Herr von Below aus Pommern, Mitglied des Herrenhauſes und ein intimer Freund des verſtorbenen Profeſſors Stahl, ſcheint ſich nur mit Widerſtreben in dieſem Saale wiedergefunden zu haben und in die neue Zeit ſich überhaupt nicht finden zu können. Schon die hagere Geſtalt, das kleine, gekniffene, eingefallene Geſicht mit dem ſchmalen, dünnen Streifen von Backenbart und der faſt zahnloſe Mund deuten auf einen Repräſentanten des untergehenden Geſchlechts. Er ſpricht feierlich, langſam, voll ſtrengen Ernſtes, abwechſelnd die flache Hand kurz vorſtreckend, ſie feſt ſchließend oder auch zwei Finger zuſammenfaſſend; aber was er ſagt und ausführt, iſt nicht übel, wenn⸗ gleich der Linken etwas bitter, die es unter höhniſchem Gelächter ab⸗ zuwehren ſucht. Er freut ſich,wider ſein und ſeiner politiſchen Freunde Erwarten eine ſo reſpectable Verſammlung zu ſehen, er freut ſich, in dieſem Saale ſo viele ſonſtunpopuläre Feudale anzu⸗ treffen, der ganze Verfaſſungsentwurf iſt ihm bedenklich, weil darin von keinem Oberhauſe die Rede iſt, aber er will ihn dennoch acceptiren, nur möge man den künftigen Reichstagsabgeordneten keine Diäten be⸗ willigen; dafür wolle er die Beamten gerne opfern, aber nur keine Diäten! Herr von Below iſt der Conſervativſte unter den Conſervativen des Hauſes, ſelbſt die äußerſte Rechte iſt ihm noch nichtrechts genug, daher kann er nicht immer mit ihr und mit der Regierung ſtimmen, und die neueſten Phaſen in der Politik des Grafen Bismarck erregen ihm zuweilen ein heimliches Grauen.

Nicht ſo weit geht der Reichsgraf von der Schulenburg, denn er hat während des letzten Krieges eine Landwehrescadron der Mainarmeee geführt. Im Gegentheil verkündet er mit hoher, heller Stimme, er und ſeine Freundehätten ohne Scheu vor Schwielen das Ruder ergriffen und ſeien dem glänzenden Kielwaſſer des großen Staatsmannes in dem Strome des nationalen Lebens gefolgt. Aber er warnt doch auch,die aus dem Dreiclaſſenſyſtem hervorgegangenen Dreithalermänner nicht perennirend zu machen, unterliegt aber

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