Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
464
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Am Familientiſche.

Die Faſtenzeit in Athen.

Wie überall, wo die Faſten noch ſtrenge gehalten werden, ſucht man ſich auch in Athen durch den Carneval im voraus zu entſchädigen. Dieſer umfaßt die beiden letzten Wochen vorher und erfüllt die Häuſer wie die Straßen mit regem Leben. Masken in den ſonderbarſten Geſtalten drängen ſich den ganzen Tag durch die Volksmaſſen. Abends brennen in den Straßen mächtige Pechfeuer, und der Lärm geht oft die Nacht durch bis in die frühen Morgenſtunden. In dieſer Zeit läßt ſich's jeder wohl ſein. Lammbraten wird maſſenhaft vertilgt, was man nach den zahlreichen Alba⸗ neſen, die mit ihren Schaf⸗ und Ziegenlämmern aus den Gebirgen in die Stadt kommen, berechnen kann. In den letzten Tagen aber tritt allmählich die Fleiſchnahrung zurück, damit der Uebergang nicht zu ſchroff ſei. Mit einem Sonntag ſchließt der Carneval. Beim Abendeſſen wird dann feierlich den fortan verbotenen Speiſen Lebewoyl geſagt, und, wie man ſich ausdrückt, mit zwei gekochten Eiernder Magen zugeſchloſſen.

Damit aber dem Volke der Anfang der Faſten nicht zu ſchwer werde, iſt auch der folgende Montag noch ein luſtiger Tag. Die Stadt hat nun ein ganz beſonderes Ausſehen. In den Vormittagsſtunden waltet eine feſttäg⸗ liche Stille, die nach dem lauten Treiben des vergangenen Tages den Namen desreinen Montags⸗ in der That rechtfertigt⸗ Die zahlreichen offenen Läden, die man ſonſt mit Nahrungsmitteln aller Art gefüllt ſieht, zeigen jetzt nur die wenigen, die für die Faſtenzeit erlaubt ſind: Oliven, Bohnen, Reis, Caviar und Seſambutter.

Die Oliven ſpielen die Hauptrolle. Sie ſind das Emblem der Faſten. Man ſteckt ſie auf die vielen Spitzen gefiederter Dattelpalmzweige, und ein jeder Krämer ſchmückt mit ſolchen ſeinen Laden. Für das niedere Volk, nament⸗ lich auf dem Lande, bilden die Oliven im Verein mit dem Schwarzbrot für die nächſten ſieben Wochen faſt die einzige Nahrung. Die Gebildeteren piu pepädheomeni wie ſich alle, die europäiſche Kleidung angenommen haben, nennen verlangen mehr Abwechslung. Freilich würden unſere deutſchen Hausfrauen ſehr in Verlegenheit gerathen, wie man Abwechslung in den Küchenzettel bringen könne, wo nicht blos alles Fleiſch, Geflügel und Wildpret, ſondern auch Eier, Milch, Butter, Käſe, Schmalz, Oel und andere Thier⸗ und Pflanzenfette, mit einziger Ausnahme der Seſambutter, ebenſo ſämmt⸗ liche Fiſche, klein und groß, friſch und geſalzen, ferner auch jeglicher Wein und ſelbſt Thee und Kaffee aufs ſtrengſte verpönt find. Doch die Noth macht er⸗ finderiſch. Einmal laſſen ſich aus Mehl, Hülſenfrüchten und Reis mit Hilfe der erwähnten Seſambutter*) unter den verſchiedenen Formen doch mancher⸗ lei Gerichte herſtellen. Dann hat man allerlei junge grüne Kräuter, die auch ſonſt roh oder abgekocht mit Citronenſaft und Oel gegeſſen werden. Letzteres fällt in der Faſtenzeit freilich weg, und der ſtehende Witz, den man dann öfters bei Tiſche hört, daßman Kraut wie die Eſel freſſe, hat wirklich etwas Treffendes. Indeſſen, man kann ſich ja am Nachtiſch mit ſeinen Südfrüchten, Feigen, Roſinen und Datteln ſchadlos halten. Aber die fortſchreitende Bildung verlangt noch größere Mannichfaltigkeit, und das Fleiſchverbot reizt zur Umgehung, wenn man auch die Uebertretung ſtreng vermeidet. Fiſche, die doch auch was wie Fleiſch an ſich haben, ſind zwar ausdrücklich verboten, aber birgt das nahe Meer in ſeinen blauen Fluten nicht unzählige andere Ge⸗ ſchöpfe, die ein vortreffliches Surrogat bilden können? Krebſe und Krabben ließe man ſich ſchon gefallen. Auch die friſchen Auſtern ſind uns willkommen. Aber bei den verwandten großen und tleinen Muſcheln, mit deren gallert⸗ artigen Leibern große Schüſſeln gefüllt werden, ſowie bei den Seeigeln und Seeſternen und wie das Ungeziefer alles heißt, vergeht unſer einem doch der Appetit, vollends wenn die ſaubere Geſellſchaft der Polypen hinzukommt, Sechsfüßler, Achtfüßler und Tintenfiſche, an welchen letzteren allerdings mehr Tinte als Fiſch iſt. Mit dieſen Meerwundern füllt ſich amreinen Montage früh der Fleiſch⸗ und Fiſch⸗Bazar, der von da an eigentlich leer ſein ſollte.

An jenem Tage erſchwingt wohl jede, auch die ärmſte Familie ihr Ge⸗ richt ſolcher Thalaſſina(Seegegenſtände), wie man ſagt, aber nicht um ſie

ß Heute will es die Sitte, daß man ins Freie

daheim am Tiſche zu genießen. geht.Bei den Säulen, den majeſtätiſchen Ruinen des Olympieums, lagert

ſich alles Volk, wobei auf die Anfang März ſchon ziemlich aufgeſproßten Saatfelder wenig Rückſicht genommen wird. Da ſitzen denn weit und breit in maleriſchen Gruppen die Familien patriarchaliſch um den Hausherrn ge⸗ ſchart, der aus der mitgebrachten Schüſſel vorlegt. Mit heitern Geſprächen, mit Scherz und Geſang wird das Mahl gewürzt, nach deſſen Beendigung ſo⸗ gleich der Tanz beginnt. Dicht bei den Ruinen ſind die Dreſchtennen: kreis⸗ runde Stellen mit glatten Stemen, ſo eben wie möglich gepflaſtert. Dieſe müſſen die Tanzplätze hergeben. Um jeden ſchart ſich bald ein Haufen Zu⸗ ſchauer, die Tänzer nur Männern erlaubt es die orientaliſche Sitte öffentlich zu tanzen

ordnen ſich, einander an den Händen faſſend oder gemeinſam ein Taſchentuch um dieſelben ſchlingend, in eine Reihe. Ein Vortänzer voran beginnt den ſpiralförmig ſich bewegenden Reigen mit wohlgemeſſenen, von

die dem Leinſamen bis auf ihre weiße

Oelpflanze, 1 fettige Maſſe gepreßt, die im Orient ge⸗

Aus dieſen w genannt wird.

liefert Körner,

*) Seſam, eine 1 t 1 ird eine zähe,

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Briefe und Sendungen ſind

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edeln Körperbewegungen begleiteten Schritten, die allmählich belebter werden, bis ſie ſich zu kühnen Sprüngen ſteigern, worauf wiederum ein maßvolles Decrescendo folgt. Die andern Tänzer begleiten den Vortanz nur mit ein⸗ facheren Schritten und Bewegungen. Muſik darf natürlich nicht fehlen. Bei der einen Gruppe wird der Tamburas gerührt, bei der andern erklingt die Doppelpfeife, deren eines Rohr einen conſtanten Baßton gibt, während auf dem andern vier bis fünf Töne immer wiederkehren. Im Laufe des Nachmittags ſellt ſich auch die feine Welt der griechiſchen Hauptſtadt in glänzenden Equi⸗ pagen ein, die Damen in reicher Toilette. Die meiſten verlaſſen aber die Wagen und miſchen ſich unter die Menge.

Still wird es in ganz Athen, wenn die Klängebei den Säulen ver⸗ klungen. Man ſagt:nun iſt das Volk ernſtlich in ſich gegangen und thut Buße. Die Faſtenzeit hat allen Ernſtes begonnen. In unſerm Hauſe war jetzt das Leben ſehr einfach geworden. Morgens ein Stück Gebäck und ein Trunk Waſſers ſtatt des ſonſt aus orientaliſcher Miniaturtaſſe eingenommenen, vortrefflichen ſchwarzen Kaffees, zum Frühſtück gegen 12 Uhr trocknes Brot und Oliven, zur Hauptmahlzeit um 5 Uhr Suppe und wieder Brot und Oliven, das war mit wenigen Ausnahmen das Ganze.

Die ſtrenge Beobachtung der Faſtenordnung wird übrigens von den meiſten Gebildeten nur für eine oder zwei Wochen inne gehalten. Während der folgenden Wochen thut man dies nur an zwei Tagen, an den andern ge⸗ ſtattet die allgemeine Laxheit ſich dann und wann Eier, Fiſche und ſelbſt Fleiſch. Nur die zahlreiche Geiſtlichkeit und das niedere Volk faſtet die ganze Zeit ſtreng. Die Charwoche aber bringt wieder ein allgemeines ſtrenges Faſten mit ſich. Mit Spannung ſieht jeder dem erſten Oſtertage entgegen, der den Bann löſen ſoll. Schon in den erſten Nachtſtunden deſſelben iſt alles Volk in den Kirchen verſammelt. Am Schluß des Gottesdienſtes empfängt jeder mit dem Segen des Prieſters zwei rothgefärbte Eier, wofür er noch, während die Rechte deſſelben das Kreuz ſchlägt, in die bereit gehaltene Linke ein Geldſtück drückt.

Mit dieſen Eiern alsbald am frühen Morgen

wirdder Magen wieder aufgeſchloſſen, und dann folgt der unoermeidliche Lammbraten, der in ſolchen Quantitäten vertilgt wird, daß nicht blos viele ſich für mehrere Tage krank eſſen, ſondern einige ſelbſt in Folge davon todt auf dem Platze bleiben, was, wie man mich verſicherte, alljährlich ſich in etlichen Beiſpielen wiederholt. Doch das ſtört und hindert nicht den allgemeinen Jubel, der nun wieder das ganze Volk ergriffen hat. So feiert man in Athen nach der Leidenszeit das Auferſtehungsfeſt. R. G.

Auflöſung der Räthſel in Nr. 28. I. Fallbeil. II. Gaſtfreundſchaft.

Briefkaſten.

DerSchulmeiſter von Kiſſingen, deſſen ſich Aeußerungen des Tann erinnern, iſt quiescirt und Beſitzer eines Hotel Garni geworden. den beſten Erfolg, drohenden Ton ſeines erſten Schreibens noch den Bitten ſeins ſwelten nachgeben und die

Empfehlung ſeines Hotels aufnehmen heutige Fra uenbewegung als

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Beziehung befriedigt finden in der ſo eben erſchienen vier ten ſo manches Jahr emahrten und jetzt neu vermehrtenTrö ſteinſamkeit von Philipp Wackernagel(Frankf E Sie können dies echte Hausbuch jeder Familie un⸗ beſehens empfehlen. Die Einſendungen von J. B. in Herford; L. L. in Am; E. M. in L., Stud. W. in B. C. K. in D.(Räthſel ausgenommen).

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Wer feiert die ſchönſten Oſtern? Gedicht von K. Gerok. Novelle von A. Mels. Brandenburg⸗Preußen vor 200 Jahren. Von Dr. Herbſt. Mit Porträt des großen Kurfürſten. Neanders letzter Geburtstag. Von A. Wellmer. Aus allen deutſchen Gauen. XIV. Oſterfeuer in Weſtfalen. Mit Illuſtr. Reichstagsbilder aus der Vogel⸗ ſchau. VI. Von O. Glagau. Am Familientiſche.

Inhalt: Clelia.(Fortſ.)

in in Leirig, Poſtſtaße Nr. 17.

rausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig. eld und Berlin. Druck von giſcher* Wittig in Leipzig.