Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
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Glocke des PräſidentenDas iſt keine perſönliche Bemerkung!

Herr Molly will auch eineperſönliche Bemerkung von ſich geben, hat ſich aber an der Debatte gar nicht betheiligt; auf ſein wiederholtes Ver⸗ langen läßt ihn der Präſident dennoch zum Worte, muß es aber gleich bereuen, denn der Abgeordnete will ebenfalls an dem Grafen Bismarck

in Form eines feierlichen Proteſtes ſein Müthchen kühlen. Herr von Niegolewski citirt einen Ausſpruch des römiſchen Hiſtorikers Salluſt über den polniſchen Adel Glocke des PräſidentenDas iſt

keine perſönliche Bemerkung! Herr von Hennig erklärt ſich mit einem Vergleiche des Miniſterpräſidenten unzufrieden, der Glocke des PräſidentenDie Widerlegung eines Vergleichs iſt doch nicht auch eine perſönliche Bemerkung? Herr von Carlowitz erklärt, vom Grafen Bismarck ſchwer mißverſtanden zu ſein; er wolle allerdings weder den König der Niederlande in den Bund auf⸗, noch ihm Luxemburg abnehmen, aber es gebe ein Drittes, nämlich Glocke des PräſidentenHier hört die perſönliche Bemerkung auf! Das Recept zur Löſung der ſchwierigen Frage geht der Welt ver⸗ loren, Herr von Carlowitz muß unter ſchallender Heiterkeit abtreten.

Nach der letztenperſönlichen Bemerkung kann der Präſident end⸗ lich zur Abſtimmung ſchreiten, zuerſt über die verſchiedenen Amendements und Unteramendements und dann über die Vorlage ſelber. Die Ab⸗ ſtimmung erfolgt gewöhnlich durch Aufſtehen und Sitzenbleiben der Mitglieder. Allein das Bureau, d. h. der Präſident und die vier Schriftführer ſind über das Reſultat zweifelhaft. Deshalb muß die Gegenprobe gemacht werden; die vorhin ſaßen, ſollen ſich jetzt erheben, und umgekehrt. Das Bureau iſt erſt recht zweifelhaft. Es muß die Zählung erfolgen, wozu mehrere Abgeordnete commandirt werden. Das Reſultat iſt zwar jetzt nicht mehr ſo ganz zweifelhaft, weil aber Majorität und Minorität nur um ein Paar Stimmen differiren und inzwiſchen ein Antrag auf namentliche Abſtimmung eingeht, dieſer auch geſchäftsordnungsmäßig von mehr als 50 Mitgliedern unter⸗ ſtützt wird, muß jene ſchon vorgenommen werden, wenngleich ſie ſtets eine kleine Stunde koſtet. Einer der Schriftführer tritt alſo vor das Rednerpult und ruft die Abgeordneten einzeln auf, die nun mit Ja oder Nein antworten, wobei man alle Tonarten, vom brüllen⸗ den Baß bis zur ſchwindſüchtigſten Fiſtel, alle Dialekte von Memel bis Aachen hören kann. Sobald der eine oder der andere ſeine Stimme abgegeben hat, geht er hinaus, und einige Nachzügler, die das noch nicht gethan haben, werden eilig vom Büffet abgerufen und durch eifrige Parteifreunde in den Saal transportirt. Nun iſt die Abſtimmung geſchloſſen, die Schriftführer, von denen jeder auf eigene Hand protocollirt hat, ermitteln gemeinſam das Reſultat, worauf es der Präſident verkündet:Es haben 126 mit Ja, 127 mit Nein geſtimmt, die Vorlage iſt alſo in dieſer Faſſung verworfen. All⸗ gemeine Verwunderung; rechts tiefe Beſtürzung, links große Freude!

Die Tagesordnung iſt noch nicht erledigt, aber die Uhr über dem Präſidentenſtuhl zeigt bereits auf fünf, die Abgeordneten, welche ſeit 10 Uhr Vormittags ſitzen, ſind matt und hungrig. Daher werden von allen Seiten Rufe um Vertagung laut.Wer die Vertagung will, möge ſich erheben. Die ganze Verſammlung ſteht bereits; und während der Präſident die nächſte Sitzung und ihre Tagesordnung feſtſtellt, ſtrömen die Abgeordneten ſchon zu den Thüren hinaus, nicht minder froh, mit derſelben Eile wie eine Schulclaſſe, die von dem geſtrengen Magiſter endlich entlaſſen wird.

Wie der Präſident im Saal der erſte iſt, ſo iſt auch er der letzte. Es ſind noch immer einige Unterſchriften abzumachen, einige Meldun⸗ gen entgegenzunehmen und einige Aufträge und Anordnungen zu er⸗ theilen. Endlich verläßt auch er den Saal, der nun bis auf die auf⸗ räumenden Diener ganz leer und ſtill geworden iſt. Der Präſident geht an ſein Mittagsmahl, das er redlich verdient hat.

Daß ſeine Amtsführung als eine vortreffliche, gerechte und bil⸗ lige von allen Fractionen anerkannt wird, davon iſt ihm kürzlich ein evidenter Beweis geworden, indem er, nach Ablauf der vier Wochen, für die er vorerſt gewählt war, trotz einer eifrigen Agitation, die Forckenbeck an ſeine Stelle ſetzen wollte, auch für die übrige Dauer der Seſſion mit großer Majorität wieder gewählt worden iſt, und mit ihm die beiden bisherigen Vickpräſidenten, Herzog v. Ujeſt und v. Bennigſen.

Je ſchneller und glücklicher die Verhandlungen im Reichstage fortſchreiten, deſto länger, bewegter und bedeutungsvoller geſtalten ſich auch die Sitzungen, deſto eifriger drängt ſich das Publicum zu den Zuhörertribünen, wo es Kopf an Kopf geſchart ſteht und lauſcht. Selbſt die Hofloge iſt meiſt von Prinzen und regierenden Fürſten

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überfüllt. Als ob ein Fürſtentag nach Berlin ausgeſchrieben wäre, konnte man eine ganze Woche hindurch auf den Sammetſtühlen der Vorderreihe vier Großherzoge und andere regierende oder erlauchte Herren ſehen. Unter ihnen war der Großherzog von Olden⸗ burg in Civil. Mittelgroß und ſtark von Geſtalt, brünett und vollbärtig, iſt er eine männlich ſchöne und volle Erſcheinung, und ſo folgt er, das Glas ins Auge geklemmt, mit großem Ernſt der De⸗ batte, die ſich heute ſpeciell um ſeine und ſeiner Bundesgenoſſen künftige Stellung, um dieGewalten des neuen Bundes dreht. Nicht minder ſtattlich erſcheint der dunkelblonde Gr oßherzog von Baden, wie er ſich augenſcheinlich voll guter Laune den Schnurr⸗ bart ſtreicht und mit ſeiner anmuthigen Gemahlin ob der unten ge⸗ führten Reden häufig Bemerkungen austauſcht oder ſie auch wohl leiſe anſtößt, wenn ein Abgeordneter ſich über daspatriarchaliſche Regiment in Mecklenburg ereifert. Der Herr dieſes Landes ſitzt nämlich gleichfalls in der Loge, aber mit einer Miene, als ob von allem andern in der Welt die Rede wäre, nur nicht von ihm und ſeinen Räthen. Sein langer, ſchmächtiger Nachbar in Küraſſier⸗ uniform iſt der Großherzog von Sachſen, deſſen blaſſes, ſtilles Geſicht von der Schwermuth zeugt, die man dem Enkel Karl Auguſts nachſagt. Er ſitzt ſtumm und unbeweglich neben ſeiner gleichfalls anweſenden Gemahlin und verräth nicht einen Zug mehr von Theil⸗ nahme, als ſein Miniſter as Wort nimmt.

Herr von Watzdorf, zugleich Abgeordneter und Bundes⸗ commiſſar, gleicht in Geſtalt und Weſen dem Grafen Schwerin, wie er auch von demſelben Alter, ein angehender Sechsziger iſt. Auch er macht einen äußerſt ſchlichten und anſpruchsloſen Eindruck, die Hal⸗ tung der mittelgroßen breiten Geſtalt iſt nachläſſig, der Kopf ſinkt etwas auf die Bruſt und läßt eine maſſive Stirn hervortreten. Seine Rede im thüringiſchen Dialekt tönt einfach und leiſe, aber gerade und bieder, warm und wohlwollend, ſo daß ſich die Abgeordneten der Rechten und Linken um ihn drängen und bald aufmerkſame Stille das Haus erfüllt. Er hat an dem Verfaſſungsentwurfe mitgearbeitet, dennoch hält er ihn keineswegs für vollkommen, befürwortet ihn aber, weil er immerhin ein guter Anfang ſei und gerade in ſeiner jetzigen Faſſung den Anſchluß der ſüddeutſchen Staaten erleichtere. Er ſei ſeit einem Lebensalter Miniſter, unverantwortlicher und dann ver⸗ antwortlicher Miniſter geweſen, ohne daß er deshalb für ſeine Stel⸗ lung einen Unterſchied merke, er habe damals ſeine Pflicht gethan und Recht und Geſetze gehandhabt, wie er es jetzt thue: ihm ſcheine die Miniſterverantwortlichkeit eine bloße Form. Er empfiehlt, den kleinen Fürſten nicht alle Selbſtändigkeit zu nehmen, ſondern ihnen die Reſſorts zu laſſen, die ſie verwalten können, das ſei eine berech⸗ tigte Forderung des Particularismus; im übrigen begrüßt er mit Freuden die Concentrirung der materiellen Intereſſen in den Händen der Bundesgewalt und lebt der Ueberzeugung, daß die verbündeten Herrſcher ſtets ihre Pflichten über ihre Rechte ſtellen werden. Rührend iſt ſeine Art zu reden, denn er ſpricht aus einer langen reichen Erfahrung heraus, und man merkt es ihm an, daß er ſpricht, wie er denkt, ohne Sucht zu gefallen und ohne Furcht, zu miß⸗ fallen; rührend iſt aber auch die achtungsvolle, faſt ehrerbietige Theil⸗ nahme, die die ganze Verſammlung durch ſtumme Aufmerkſamkeit ihm zollt und erſt am Schluſſe ſeiner Rede in Beifallsrufen von allen Seiten laut werden läßt.

Nachdem er ſich auf ſeinen Platz, unmittelbar vor dem Grafen Bismarck, niedergelaſſen, wo er gewöhnlich mit über der Bruſt ge⸗ kreuzten Armen ſinnend daſitz,, erklettert die Rednertribüne ein kurzer Herr, ſtemmt ſich feſt gegen das kleine ſchwache Pult und muſtert mit großen Augen ſeine Zuhörer, die ſolche Blicke zu incommodiren ſchei⸗ nen, denn fortwährend verlaſſen etliche den Saal. Er aber zieht die hochſitzenden Augenbrauen noch höher hinauf, fährt ſich über den nur noch mit vereinzelten Haarbüſcheln geſchmückten Schädel, zupft an dem weißgrauen Stutzbart und öffnet dann den Mund, worauf ſeine Rede in mächtigen Wogen hervorbricht. Es iſt Herr Schulze⸗ Delitz zwanzig Jahren faſt Tag für Tag Reden gehalten und immer große, mächtige Reden, vor großen, mächtigen Verſammlungen, wo ihn nach jedem Satzerauſchender, lang anhaltender Beifall unterbrach. Ueber ſolche Störung hat er ſich im Reichstag nicht zu beklagen. Herr Schulze⸗Delitzſch iſt noch immer ein großer Redner, zwar nicht, wie Herr von Vincke, ein Parlamentsredner, aber unbeſtritten ein Volksredner, der die große Maſſe vortrefflich zu haranguiren

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