den Löffel Arznei reicht,
blieb doch immer noch ein echter, ſchöner, unbewußt poetiſcher Volks⸗
ergänzende Supplementband zu dem gelehrten, gedankenvollen, from⸗ men Buche des Bruders.
Was der treue Stubenburſche Noodt für den unpraktiſchen, hilf⸗ loſen Göttinger Studenten Neander war, wurde Hannchen dem Bruder für das ganze übrige Leben. Sie, die ſchon in Hamburg den 12 Jahre jüngeren Bruder—„das Kind“ der Familie, wie eine Mutter liebte und pflegte, die ihm zu Liebe eine Jugendneigung überwand und unvermählt blieb, folgte aus Sorge um die Hilfloſigkeit des „Kindes“ ihm mit der Mutter und den Schweſtern, der ſchönen Henriette und Betty, nach Heidelberg und Berlin, um den Bruder nie wieder zu verlaſſen. Sich eine andere Lebensgefährtin zu wäh⸗ len— daran hat Neander wohl nie mit einem leiſen Gedanken ge⸗ dacht. Als eine Freundin ihn einſt im Scherz darauf hinwies, ſah er ſie lange mit einem verwunderten, ja beſtürzten Geſichte an— dann ſagte er ängſtlich:„Wie ſollte ich dazu wohl die Zeit finden!“
Schweſter Hannchen iſt für Neander alles. Sie widmet dem Bruder mit ſeltener Aufopferung und Treue jede Stunde ihres Lebens— weil er ſie eben keine Stunde entbehren kann. Schon ſeit dreißig Jahren beſucht ſie kein Theater, keine Geſellſchaft mehr, obgleich ſie ein gutes Schauſpiel und heitere Geſelligkeit ſo ſehr liebt — Auguſt würde dann ja den ganzen Abend allein zu Hauſe ſein müſſen; er liebt es nicht, in Geſellſchaft zu gehen. Hannchen ſorgt für alles, was der Bruder im äußern Leben bedarf: wenn Hannchen ihm Frühſtück oder auch nur ein Glas Waſſer bringt, dann weiß Auguſt, daß er Hunger oder Durſt haben muß, wenn Hannchen ihm ſchluckt er ihn wie ein Kind hinunter,— wenn Hannchen ihm ein neues Kleidungsſtück hinlegt und das alte wegnimmt, zieht er es unbewußt an. Nur einmal war der Bruder im letzteren Punkte ein wenig ſelbſtändig,— aber dann nie wieder, weil dieſe Selbſtändigkeit Hannchen nicht wenig erſchreckt hatte.
Neander war nämlich eines Morgens mit ſeinem Famulus von Hauſe fortgegangen, um ſich ins Colleg zu begeben. Natürlich hatte er ſich wieder mit dem jungen Begleiter, einem Lieblingsſchüler, in ein gelehrtes Geſpräch vertieft. Da kommt ihm ſein alter Diener faſt athemlos nachgelaufen:„Herr Profeſſor! Herr Profeſſor!“
„Biſt Du es, Karl?— was gibt's?“
Karl trägt unter dem Arm ein zuſammengelegtes, ſehr nützliches Kleidungsſtück. Indem er es auseinanderſchüttelt und ſeinen Herrn etwas unſicher von unten auf muſtert, ſtottert er:„Das Fräulein hat dieſe da ſo eben auf dem Stuhl vor des Herrn Profeſſors Bett gefunden und fürchtet nun, der Herr Profeſſor könnten ohne ſie ins Colleg gehn— darum ſoll ich ſie Ihnen nachbringen...“
Nicht ohne Unruhe ſchlägt Neander den Rock auseinander und beſchaut ſich abwärts.... erleichtert ſagt er:„Nimm ſie nur wieder mit nach Hauſe, Karl, und ſage dem Fräulein, ich hätte welche an..“
„Aber der Herr Profeſſor haben doch nur dies eine Paar?“
„Ja ſo, lieber Karl— da fällt mir ein, der Schneider hat heute morgen etwas auf den Stuhl vors Bett gelegt, und jedenfalls obenauf— darum habe ich ſie wohl angezogen!“
Wer vermag darüber zu lachen— zu ſpotten? Nur ein Lächeln der Rührung ſchleicht über unſer Geſicht
Wenn die Cultur auch mit ihrer Herrſchaft das Land der rothen Erde längſt überzogen, wenn auch die große Induſtrie die Bewohner derſelben uniformirt und vieler Eigenthümlichkeiten entkleidet hat, es
ſinn in den alten Marken zurück. Aus den großen volkreichen Sitzen des Handels und der Induſtrie freilich iſt meiſtens die Poeſie ent⸗ flohen, aber in den kleinen Städten, in zahlloſen Dörfern, da blühen die guten alten Sitten und Gebräuche e getreuen Kreislaufe der Zeiten fort, in eben ſolcher Unwandelbarkeit wie jeder neue Lenz dieſe Ortſchaften in die Blütenpracht der Obſtbäume verſteckt. Wer da Augen hat zu ſehen, dem erſchließt ſich eine Welt, in der der volle Strom eines Volkes fließt, das zwar im Schweiße ſeines Angeſichts ſchafft und wirkt, das aber freudig ſeine Feſte feiert und dankbar den
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Kus allen deutſchen Guuen. XIV. Oſtern in weſtfalen.
(Hierzu das Bild auf Seite 461.)
Segen nimmt, welchen der Himmel ihm ſpendet. Verfolgt man von Paderborn aus die Poſt 4*—
um nach dem
ſchließen, ſind mit dem Schun
— 3 I ka 4 würde
dieſer Mann im Glauben— im Wiſſen— iſt im Leben das harm⸗ loſeſte Kind! 6i 6'
Alle Nachmittage nimmt Houuchen den Arm des Bruders und ü führt ihn die Linden herunter in den Thiergarten. Iſt Hannchen durch Unwohlſein verhindert, ſo commandirt ſie einen„von Im. dog Studenten“, den Profeſſor ſpazieren zu führen— o, das iſedag ii ſtets ein Feſt für den Commandirten. Hannchen hat die Erfahrung ded gemacht, daß es durchaus nicht rathſam iſt, den Profeſſor allein ins und v Berliner Straßengewirr hinaus zu laſſen. Einmal hat ſie es ris⸗ Biſor kirt— aber nie wieder! Auguſt war gegangen und— zur be— neht ſtimmten Stunde nicht wiedergekommen. In tödtlicher Angſt war⸗ lieber tete Hannchen Stunde auf Stunde— Dörthe und Karl warengaus⸗ thek b geſchickt, den verlornen Herrn zu ſuchen. Hannchen wollte ſchon die neutcer Polizei alarmiren... da hält eine Droſchke vor der Thür, und Ne⸗ Litent ander ſteigt mit einem Studenten aus. In tiefen Gedanken war T Neander durch die Straßen gegangen, ohne auf ſeinen Weg zu achten. der Ba Endlich ſchaut er auf und ſeine Umgebung an— er befand ſich in aub einer ihm völlig fremden Gegend. Vergebens verſuchte er, ſich zu⸗ geifig rechtzufinden— plötzlich kam ihm ein praktiſcher Gedanke!— eine als S Droſchke! G Die Droſchke hielt, Neander ſtieg hinein. Die Droſchke uns ij hielt noch immer, Neander merkt es nicht, er ſaß ſchon wieder im nm ein tiefen Sinnen—— bis ſich der Droſchkenkutſcher nicht eben freunda wir d lich an ihn wandte:„Nun, wohin wollen Sie denn eigentlich?“ V würder „Nach Hauſe, lieber Mann!“—„Aber wo wohnen Sie denn?“ Natur Verwundert ſieht Neander ihn an:„Ich dachte, lieber Mann, ſträubt das wüßten Sie als Droſchkenkutſcher—“— „Aber Sie werden doch wiſſen, in welcher Straße und welche ¹ Hausnummer Sie wohnen?“ fuchih Neander ſchüttelt den Kopf und gibt ſich die größte Mihe ſich leer; d auf ſeine langjährige Wohnung zu beſinnen— vergebens.... da die So zum Glück kommt ein Student vorüber, der ſich ſeiner annimmt. fälligen In den Sommerferien macht Hannchen mit dem Bruder ge⸗ dringen wöhnlich eine größere Erholungs⸗ oder Badereiſe. Sie redet dem den bre Bruder ſogar ein, das geſchehe lediglich ihrer Geſundheit wegen. hunderte In Karlsbad beaufſichtigt ſie ſeine Brunnenkur mit der Uhr in der ich warf Hand. Auf dieſen Reiſen führt Neander ſtets große Kiſten mit na ein
Kirchenvätern und andern Lieblingsbüchern mit ſich. In Städten, Thenter, wo größere Bibliotheken ſind, wird zum Studiren geraſtet. Es iſt rxrlee rührend, mit welcher Zartheit die Geſchwiſter ſich gegenſeitig ihre ſch pende Lieblingsreiſeprojecte aufopfern. n ſtigen „Wohin reiſen Sie diesmal?“ fragte der Geſchichtsforſcher fertſam Friedrich von Raumer Hannchen einſt kurz vor den Studentenferien. uns dae „Nach Paris! Auguſt will dort in den Bibliotheken ſtudiren döhe—
— ich ginge ſonſt lieber nach München, Sie kennen ja meine Leiden⸗ wieder ei ſchaft: ein gutes Glas Bier und ein engliſcher Roman ſind der feßt höchſte Erdengenuß für mich!“ ſagt Hannchen in ihrer luſtigen Weiſe. Esn „Sie wollen in Paris arbeiten?“ meint Raumer zu Neander. Aie häch
„Ja, auch das— aber eigentlich möchte Hannchen Paris V duklede
kennen lernen. Mich würde diesmal die Münchener Bibliothek mehr ſſen.
reizen.“— Und die Geſchwiſter gingen— nach München. 5
(Fortſetzung folgt.)
ſo tritt man nach einem Weg
oberen Theil der Weſer zu gelangen, g⸗
marſch von etwa 6 Stunden, von dem Gebirgszuge abwärts in fruchtbares, freundliches Thal, in deſſen Schoße das Städtchen Brakel liegt; dort ſtand meine Wiege, und in ſeinem Bereiche liegt der Schau⸗ platz meiner Schilderungen.
Die Bewohner des Städtchens, welche kaum die Zahl 3000 erreichen, nähren ſich meiſt von Ackerbau und Viehzucht. S Feldmarken liefern den reichſten Ertrag von Getreiden aller 2 dicht um die Stadt und zwiſchen ihre rothbedachten Häuſer hind ſchlingen ſich die Gärten mit ihren herrlichen Obſtbäumen, mit ih freundlichen Blüthenſchmuck. Südlich wird das ganze Thal einem Flüßchen durchzogen, an iti gedehnt die Wieſen ziehen, auf Kühe Tag und Nacht weiden.
5* ie Höhen, welche das . ricſiger bhe


