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des preußiſchen Staates geradezu entſcheidend geworden; einer der vielen providentiellen Züge im Leben des großen Fürſten. Der faſt vierjährige Aufenthalt dort iſt die hohe Schule für ſeinen Regen⸗ tenberuf.
Statt in der vaterländiſchen Miſere zu verkümmern, wurde der junge Feuergeiſt in die freie, ſtärkende Luft des Landes verpflanzt, das damals, im Zenith ſeines Ruhms und ſeiner Größe, faſt in allen Stücken als das Muſterland Europas galt. Es war die Frühlingszeit der jungen niederländiſchen Freiheit, in einem 70 jäh⸗ rigen, der Vollendung nahen Heldenkampfe ohnegleichen errungen; es war der Geiſt eines ungemeinen allſeitigen Aufſchwungs, der den jungen Prinzen umfing.
Er ſah in den Niederlanden zweierlei und ließ es auf ſich wir⸗ ken: Führer des Volks, die den Namen verdienten, ſtatt der armſeligen Fürſtengeſtalten, die damals die deutſchen Throne verun⸗ zierten, und ein Volk, das den Namen verdiente, an Stelle ſeiner herabgekommenen, gequälten, ausgeſogenen Brandenburger.
Es iſt das ihm verwandte Heldengeſchlecht der Oranier, der Bahnbrecher der niederländiſchen Freiheit, mit dem er in die aller⸗ engſte Verbindung trat. Sein Großoheim, Friedrich Heinrich von Oranien, ein Sohn Wilhelms,„des großen Schweigers“, einer der erſten Feldherrn ſeiner Zeit, nahm ſich des Prinzen wie eines Sohnes an. Er wurde ihm nicht bloß Lehrmeiſter in der Belagerungs⸗ und Kriegskunſt— unter ſeinen Augen hat der Prinz der Belagerung von Schenkenſchanz und Breda beigewohnt— auch politiſcher Rath⸗ geber, das Vorbild eines vielerfahrenen Staatsmannes.
Heute iſt Holland kaum der Schatten früherer Größe. Damals aber fand der Prinz dort eine ſchöne Harmonie materieller und geiſti⸗ ger Wohlfahrt. Die Freiheit und der evangeliſche Glaube waren die lebendigen Grundſäulen von beiden. In Leyden, der unter den Ge⸗ burtswehen der Unabhängigkeit gegründeten Univerſität, der berühm⸗ teſten jener Zeit, wo Hugo Grotius Staats⸗ und Völkerrecht lehrte, wo Philologie und Naturwiſſen in höchſter Blüte ſtanden, ver⸗ brachte der Kurprinz Jahre ernſteſter Geiſtesarbeit. Er verſtand zu ſchöpfen, zu lernen. Auch hier mehr noch aus lebendig perſönlichem Verkehr— denn er war ſein Lebelang ein Meiſter im Fr agen— als aus regelmäßigem Unterricht. Von allem Geſehenen, Erlebten, Gelernten gab er ſich in Briefen an ſeinen Vater ſelbſt Rechenſchaft.
Mit den Studien in Leyden wechſelte längerer Aufenthalt in Arnheim, im Haag, in dem kleinen Geldernſchen Städtchen Rheene, wo die verwittwete Königin von Böhmen, die einſt ſo vielgefeierte Eliſabeth von der Pfalz, Jakobs I. von England ſchöne und unglückliche Tochter, ihren ſtillen Hof hielt. Wer kennt ſie nicht, die Fürſtin, an die ſich auch auf deutſchem Boden das tragiſche Geſchick des Hauſes Stuart heftete, ſie, einſt der Mittelpunkt eines üppig⸗ glänzenden Hoflagers im ſchönſten aller Fürſtenſitze, dem Heidelberger Schloß?— Ein eigenes Zuſammentreffen!— ein ſinkender und ein aufgehender Stern. Das pfälziſche Haus, gleichfalls reformirt, geſcheitert mit ſeinen ſtolzen Plänen; das böhmiſche Königthum nur ein tragikomiſches Winterkönigreich; die radicalen Pläne im Reich zu nichte; die hochſtrebende Königstochter eine trauernde Wittwe in der Verbannung und der junge Fürſt, der berufen war, alles was tüchtig und praktiſch war an jenen Plänen des Pfälzers, aufzunehmen, durchzuführen oder anzubahnen!—
Vor allem waren die Niederlande auch das Land materiellen Fortſchritts, der Erfindungen und Entdeckungen. Das ganze Land war ja durch die Meeresnähe gleichſam immer wieder in Frage ge⸗ ſtellt; es mußte der See abgerungen, dagegen geſichert werden. Im Deich⸗, Brücken⸗, Schleußen⸗ und Canalbau, in der Anlage von Kunſtſtraßen, im Garten⸗ und Palaſtſtil, in der Handels⸗ und in⸗ duſtriellen Blüthe der Städte war das ſtädtereiche Land, damals noch der Sitz des Welthandels, allen voraus. 1
Hier lernte der junge Prinz ſo recht greifbar, was Volkskraft und Bürgerfleiß, richtig geleitet und wieder zur rechten Zeit frei ge⸗ laſſen, zu ſchaffen vermögen. Der ernſte Mll, auch ſeinem hilfs⸗ bedürftigen Volke dereinſt neue Bahnen zu öffnen, erwachte in ihm. Aehnlich wie 60 Jahre ſpäter für den großen Czaren von Rußland, nur mit ungleich tieferer Einſicht, wurde auch für den großen Kur⸗ fürſten Holland die Quelle civiliſatoriſcher Pläne. Die alte Liebe zu dem Lande ſeiner Jugend roſtete bei ihm, auch wo er politiſch oft verſchiedene Wege gehen mußte, in keiner Zeit ſeines Lebens. Sie iſt im kleinen und großen ſichtbar. Die Räume des Berliner
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Schloſſes werden in holländiſchem Geſchmack reſtaurirt, niederländiſche Maler und Bildhauer verpflanzen ihre Kunſt auf den magern Boden der Mark; der Luſtgarten hinter dem Schloſſe wird durch holländiſche Gärtner hergeſtellt; holländiſche Coloniſten zieht er mit Vorliebe in ſein verödetes Land; nun vollends ſeine Neigung für Waſſerbau, ſeine großartigen Canalanlagen, ſein Sinn für Seemacht und Colonie⸗ gründungen— wo anders ſtammen ſie her, oder wo ſind ſie ſonſt ausgebildet worden, als in dem Lande, wo das Waſſer Element aller Größe und aller Macht war?
Die Fäden der europäiſchen Politik liefen damals faſt mehr als irgendwo in den Niederlanden zuſammen. Da lernte der Kurprinz, wie auch ein an Raum und Seelenzahl kleines Land durch innere Tüchtigkeit, durch Klugheit und Energie, durch kühnes Wagen und beſonnenes Zuwarten, durch Kampfbereitſchaft und Unterhan⸗ deln, nicht bloß zwiſchen erdrückenden Großmächten glücklich durch⸗ ſegeln, ſondern oft das Gewicht ſeines Anſehens in die Wagſchale der großen Politik werfen könne. Was er dort gelernt, hat er im Vaterlande geübt und erprobt.*)
Eine unentweihte Jugend, eine unter vielfachen Verlockungen
geſtählte Willenskraft brachte er heim ins Elternhaus und auf den
Thron, den er, nur zwei Jahre nach der Heimkehr, nach des Vaters Tode beſtieg;— ein 20jähriger Jüngling, aber ein durch innere Arbeit, große Lebenserfahrung und den Ernſt der Zeit früh gereif⸗ ter Geiſt.
III.
Wie der ökonomiſche und moraliſche Zuſtand der Marken Anno 1640 geweſen, haben wir vorhin geſehen. Und der politiſche ſeines Gebietes? Einen Staat bildeten ſeine Beſitzungen noch gar nicht, nur eine Anzahl zerſplitterter, wie Inſeln quer durch Deutſchland gelagerter, nur in der Perſon des Fürſten verbundener Landſchaften; zuſammen von merklich ſchwächerer Bevölkerung als das heutige Kurheſſen. Kein Brandenburger konnte im Cleveſchen, kein Preuße in Brandenburg ein Amt erhalten. Es war Geſetz im Herzogthum Preußen, daß nur einheimiſche Truppen die Provinz betreten durften. Die Regi⸗ menter in der Mark waren außer dem Kurfürſten dem Kaiſer vereidigt, in Cleve lagen holländiſche und heſſiſche Beſatzungen, in Hamm kaiſer⸗ liches Kriegsvolk. Preußen hatte der Kurfürſt von der Krone Polen zu Lehen; ja, die Erneuerung dieſer Belehnung wurde beim Thron⸗ wechſel ernſtlich in Frage geſtellt. Das Erbſtück aus der Cleveſchen Erbſchaft, darunter das Ravensberger Land, war nur proviſoriſcher, ſchwankender Beſitz, jedem Wechſel ausgeſetzt, vom Kaiſer nicht aner⸗ kannt, von Kurſachſen beſtritten. Das rechtmäßig ererbte Herzog⸗ thum Pommern war in den Händen der Schweden, die wenig Luſt zur Rückgabe bezeigten. Die Landſtände der einzelnen Provinzen, aus dem ritierbürtigen Adel und den Städten— doch mit entſchiedenem Uebergewicht der Ritterſchaft— zuſammengeſetzt, beſaßen ſo ausge⸗ dehnte Rechte in Bezug auf Steuerbewilligung, Geſetzgebung, Ver⸗ waltung und übten dieſe Rechte ſo ausſchließlich im localen und pro⸗ vinziellen Intereſſe, daß eine einheitlich durchgreifende Staatsregie⸗ rung, ja überhaupt ein Staatsganzes damit völlig unvereinbar war. Ueberall Auflöſung und Zerſetzung. Dabei war der allmächtige Rathgeber des verſtorbenen Kurfürſten, Graf Adam von S chwar⸗ zenberg— wer denkt bei dem verhängnißvollen Namen nicht an die Demüthigungen neuerer Zeiten? durch und durch öſter⸗ reichiſch geſinnt und hielt ſeinen ſchwachen Herrn ſtreng in den Feſſeln der habsburgiſchen Hauspolitik. Und zu allem noch meiſt feile Be⸗ amte und widerſpenſtige Truppenführer. Nirgends war der neue Fürſt Herr im eigenen Hauſe.
Habe ich zu viel geſagt, wenn ich behauptete, aus dem Chaos, aus dem Nichts heraus habe Friedrich Wilhelm ſeinen Neubau auf⸗ führen müſſen? Daß es verzweifelt ausſah, fühlte niemand tiefer als der junge Fürſt ſelbſt, der in einem ſeiner erſten Schreiben über die„ſchwere und faſt unerträgliche“ Regierungslaſt ſeufzt. Aber er ward der Retter in der Noth, der Regenerator des Staats. Unter den Wehen des 30 jährigen Krieges iſt Preußen geboren. Das Reich brach zuſammen; ein neues Deutſchland fing an ſich zu geſtalten.
*) Auf dieſe ſittliche Feuerprobe bezieht ſich unſer zweites Bild, eine bekannte Scene im Haag darſtellend, wo ſich der Kurprinz den bei einem
nächtlichen Bankett geſtellten Fallen der Verſuchung entwindet, welches in der nächſten Nummer erſcheinen wird.
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