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einer geliebten Gattin, ein liebliches Kind an der Hand, durchs] wie geſagt, der Brief ſich zwiſchen zwei Seiten wie feſtgeklebt hatte,
Leben ſchreiten! Und jetzt dieſes Glück verlaſeen— mein Weib, mein Kind dem Ungewiſſen, dem oft ſo bizarren Schickſal der Welt überlaſſen— ohne Verwandte, ohne Freund und Schutz ... O, ich weiß, daß unſer Gott der Vater der Wittwen und Waiſen iſt, aber ich würde leichter ſterben, wenn mir die Gewiß⸗ heit gegeben wäre, daß auf Erden ein Freund, ein Beſchützer den Geliebten meiner Seele bliebe. Sie ſind jung, ſehr jung, aber generöſes Blut wallt in Ihren Adern— das habe ich heute Abend geſehen, habe es aus Ihren Worten in dieſer Nacht gefühlt.... und hatte dennoch nicht den Muth, von Ihnen das Verſprechen zu verlangen, wenn der Herr Sie ſchützen wird, wie ich es hoffe, über mein Weib und Kind zu wachen. Sie ſind ein Fremder— wir kennen uns erſt ſeit wenigen Stunden und mein Antrag wäre — wie ſoll ich ſagen?— wäre romanhaft. Ich habe Sie gehen laſſen, ohne es über mich zu gewinnen, mit Ihnen davon zu ſprechen,— und jetzt mache ich mir Vorwürfe, es nicht gethan zu haben. Sei es, lieber Herr! Nicht wahr, Sie begreifen mich und die Angſt, die mich quält? und wenn die Kugel Salviatis morgen meine Bruſt durchbohren ſollte, nicht wahr, dann werden Sie in ihrem künftigen Leben oft an dieſe Nacht, an den morgen⸗ den Tag denken und werden ſich manchmal erkundigen, ob die Wittwe und die Waiſe Ihres Kampfgenoſſen eines Tages einer Freundeshand bedarf, die ſie über ein Hinderniß im Leben hin⸗ wegführe, und Ihren Rath und That den Hilfloſen nicht vorent⸗ halten?— Ich habe dies Ihnen nicht ſagen können,— ich weiß nicht, warum?— Sie werden dieſen Brief auch erſt erhalten, wenn mir etwas Menſchliches begegnet, aber ich weiß beſtimmt, bin feſt überzeugt, daß Sie meinen Wunſch erfüllen, mehr thun werden, als ich mir vorſtelle! Ich habe es an Ihrem Händedruck gefühlt, in Ihren Augen geleſen— und nun gute Nacht, Cariſſimo! vielleicht werden Sie dieſen Brief nie zu ſehen bekomuten.— Gebe es Gott!— nein, wie Gott will! Ihr aufrichtiger Camillo Ginozzi.“ ... Ein Gefühl von Scham, wie ich ſolches noch nie in meinem ganzen Leben empfunden, bemächtigte ſich meiner, als ich die Lectüre dieſes Briefes beendet! O wie ſchlecht, wie unverzeihlich hatte ich gehandelt, ſeit beinahe zwölf Jahren mir nicht die geringſte Nachricht über die Hinterbliebenen meines Kampfgenoſſen verſchafft zu haben! Wie leichtſinnig kam ich mir vor, dieſe traurige Sache als eine ein⸗
fache Epiſode in meinem Touriſtenleben betrachtet zu haben, ohne
den Fingerzeig Gottes wahrzunehmen, der mich vielleicht nur vom Tode errettet, um ein Werkzeug ſeines Schutzes für die Verwaiſten zu ſein! Ich mußte meine ganze deutſche Natur in meinem kosmo⸗ politiſchen Treiben eingebüßt haben, denn ſonſt wäre es ja unmöglich geweſen, daß ich ſo gehandelt hätte!——— O, ich ſchämte mich, als wenn ich eine Feigheit begangen,— ich fühlte Reue, als wenn ich ein Verbrechen verübt!
Wie kam aber dieſer Brief in das Portefeuille meines Vaters und warum hatte er ihn mir nie gegeben? Ich konnte keine andere Erklärung finden, als daß man nach dem Tode Camillos mir dieſen Brief überbracht, daß die Krankenwärter ihn hatten liegen laſſen, daß
endlich mein Vater ihn zu ſich geſteckt... und nie wieder daran ge⸗ dacht hatte, zu mir nach meiner Geneſung davon zu ſprechen, zumal da,
und er vielleicht ſpäter meinem Vater nie wieder unter die Finger gekommen war.
Iſt dieſe Erklärung die richtige?
Ich weiß es nicht, aber wie ſehr es mich ſchmerzte, den Brief nicht ſeit Jahren ſchon aufgefunden zu haben, kann ich dem Leſer nicht beſchreiben.
Doch, nachdem die erſte Erregung vorbei war, beſchloß ich, zu ſehen, ob es möglich wäre, das Geſchehene in etwas wenigſtens wieder gut zu machen. Ich hatte einen Bekannten, den ich als ganz junger Menſch in Turin kennen gelernt, und der jetzt bei der italieniſchen Geſandtſchaft in Paris einen ziemlich hervor⸗ ragenden Poſten bekleidete. An ihn wandte ich mich mit der Bitte, mir ſchleunigſt Auskunft über die Hinterbliebenen des Majors Gi⸗ nozzi zu verſchaffen.
Wie die langen Tage bis zu ſeiner Antwort mir verfloſſen, mag ſich der Leſer vorſtellen— ich bildete mir das Schrecklichſte ein, und nach und nach kam mein ſich quälender Geiſt auf den excentriſchen Schluß, daß— ich die Hauptſchuld an dieſem Schrecklichen trüge.
Endlich kam der ſo langerſehnte Brief meines Freundes an, gab mir Notizen, Andeutungen, aber ſo wenig wirkliche Aufklärungen, daß ſich meine Verwirrung und Angſt immer noch mehr ſteigerte.—
Alles, was ich von meinem Freunde erfuhr, kann ich in wenig Worten reſümiren. Nach dem Tode des Majors habe, wie man er⸗ zählte, eine äußerſt heftige Scene zwiſchen dem Oberſten und dem Cavaliere ſtattgefunden, aber kein Bruch ſei zwiſchen beiden gefolgt, im Gegentheil, Salviati ſchien unbegreiflicher Weiſe einen noch grö⸗ ßeren Einfluß als ehedem über den Geiſt des alten Herrn gewonnen zu haben. Die Baroneſſe habe den Leichnam ihres Mannes in Ponte Decimo beiſetzen laſſen und noch drei Jahre in der größten Stille und Zurückgezogenheit gelebt. Eines Morgens kam die un⸗ erwartete Nachricht ihres Todes, und nur vom Arzte des Städtchens erfuhr man, daß ſeit lange, ſeit dem Tage ihrer Wittwenſchaft der Schmerz ſie langſam aufzehrte. Dem unmündigen Kinde, einer Tochter, habe man den Großvater zum Vormunde gegeben, der es nie zu ſich kommen ließ und es in eine Erziehungsanſtalt des Auslandes ge⸗ ſandt hatte.
Weiter erfuhr ich nichts, als daß der Obriſt, jetzt alt und ſchwach, ein äußerſt zurückgezogenes Leben führe und ſich faſt nie öffentlich zeige. Salviati, immer noch ſein Factotum, ſollte ſich durch Börſenſpeculationen, wie man ſagte, ein bedeutendes Vermögen erworben haben.
Einen ganzen Tag lang war ich unſchlüſſig, was ich thun ſollte, aber die Idee, daß der Obriſt, der vielleicht nicht einmal mehr wußte, was er that und ganz von Salviati geleitet war, der Vormund der Tochter des Majors ſei und über ihr Schickſal zu beſtimmen habe, ver⸗ ſetzte mich in eine Unruhe, deren ich nicht Herr zu werden vermochte.
Ich beſchloß, mich mit eigenen Augen von dem Stande der Dinge zu überzeugen und mir wenigſtens für die Zukunft die Reue, die mich jetzt quälte, zu erſparen— und am andern Morgen ſtand mein Entſchluß feſt.
Ich ſagte noch einmal meinem Lande und den Gewohnheiten, die ich mir angeeignet, Lebewohl— und... der Leſer hat mich in Turin ankommen ſehen.—
(Fortſetzung folgt.)
Brandenburg-Preußen vor 200 Zahren.
Von Dr. Wilhelm Herbſt.
Goethe ſagt einmal, an keinem Orte der Welt leſe ſich Ge⸗ ſchichte ſo gut wie in Rom, dem großen Centrum der alten Welt und des Mittelalters. Anderwärts leſe man von außen hinein, hier glaube man von innen heraus zu leſen. Mit ähnlichem Recht darf man ſagen, jede Landesgeſchichte tritt leibhafter und greifbarer an uns heran in den Centralpunkten eines Staates. Wer hat dieſe Wahrheit nicht ſchon empfunden, wenn er die Hauptſtadt des preußi⸗ ſchen Staates betrat? Dieſe Stadt, wie hineingezaubert in die mär⸗ kiſche Sandwüſte, ſo ganz ein Kind der modernen Welt, ohne den romantiſchen Hintergrund mittelalterlicher Architektur, nicht wie alt⸗ deutſche Bürgerſtädte nach Zeit und Gelegenheit allmählich er⸗
wachſen, nicht wie ſie krumm und regellos, ſondern in geraden, breiten Straßenzeilen wie nach einheitlichem Plane und auf Com⸗ mando entſtanden, durch Herrſcherwink und Machtgebot von oben.
In der That,— Berlin ein Spiegelbild Preußens und ſeiner Ge⸗
ſchichte! Aber nicht bloß der allgemeine Eindruck der Stadt gemahnt uns an des Landes Geſchichte. Noch beſtimmtere Erinnerungen treten uns entgegen. Wer in der preußiſchen Königsſtadt den kurzen, etwa viertel⸗ ſtündigen Weg vom Wilhelmsplatz über die Linden durch das Schloß bis zur Kurfürſtenbrücke geht, der findet neben der Königsburg ſelbſt,
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