Jahrgang 
27-38 (1867)
Seite
447
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ration der nördlichen Diſtricte von Schleswig in den neuen Bund; Hans Kryger verlangt die im Prager Friedensvertrage vorgeſehene Abſtimmung der Bevölkerung, und da dieſe unzweifelhaft für Däne⸗ mark ausfallen wird, die Rückgabe der Grenzmarken.

Wie groß oder wie klein auch die Hoffnungen des Redners ſein mochten, Graf Bismarck ſtieß ſie ſofort und gänzlich über den Haufen. Mit der ihm eigenen Miſchung von unbegreifli her Offenheit und unergründlicher Zurückhaltung erwidert er dem Dänen, daß eben kraft jenes Vertrages weder er noch ſeine Landsleute ein juridiſches Recht hätten, die Abſtimmung zu verlangen; nur der öſterreichiſchen Regierung ſtehe dieſes Recht zu; es bleibe aber abzuwarten, ob und wann ſie es geltend machen werde; und ſelbſt, falls es geſchieht, ſei es dem Belieben des preußiſchen Cabinets überlaſſen, in welchem räumlichen Umfange es die Abſtimmung vornehmen wolle; man könne ſich das Maß der rückzugewährenden Diſtricte ſehr klein, auch ſehr groß denken: jedenfalls werde es nicht ſo groß ausfallen, wie man in Kopenhagen hoffe.

Ob dieſer Erklärung drückt Dr. Francke, Exminiſter des Exherzogs Friedrich VIII. von Schleswig⸗Holſtein, ſein inniges Wohl⸗ gefallen aus. Mag er auch ſonſt als enragirter Particulariſt und Partiſan des Prätendenten dem Miniſterpräſidenten ſchroff gegen⸗ überſtehen, in dieſer Frage ſtimmt er mit ihm von Herzen überein; iſt er, wie Robert Heller in ſeinenBruſtbildern aus der Pauls⸗ kirche von ihm ſagt, noch immerdie biſſige Frieſennatur, bei der an kein Abdingen und Weichen zu denken, ſo daß mit ſeinem Willen die Dänen kein Dorf herauskriegen, das ſich einmal zu Deutſchland geſchlagen. Namens ſeiner deutſchredenden Landsleute, die im Her⸗ zogthum Schleswig die große Mehrzahl bilden und ſelbſt in denge⸗ miſchten und nördlichen Diſtricten in ſtattlicher Menge vertreten ſind, ja Namens der Bewohner, diezwar däniſch reden, aber nicht däniſch denken, proteſtirt er gegen jede Abtretung überhaupt, be⸗ zeichnet jede Abſtimmung als eineAnomalie, inſofern die deutſche Bevölkerung darauf nicht ein minderes Recht als die däniſche haben würde. So iſt er ein ſprechender Beweis, daß auch ein Particulariſt, wenn es ſich um die Intereſſen des Geſammtvaterlandes handelt, ſeinen Particularismus vergeſſen kann, ſich von einer ſyſtematiſchen Oppoſition gegen die Regierung fern zu halten weiß und dem Aus⸗ lande gegenüber ſtets zu ihr zu ſtehen als ſeine oberſte Pflicht erkenne, und dafür ſei ihm Ehre und Dank! 4.

Herr Ahlmann, Hofbeſitzer zu Weſtminde auf der Inſel Alſen, iſt in der äußeren Erſcheinung das gerade Gegenſtück ſeines Collegen Kryger; wohl etwas älter als dieſer und weit ſchmaler und dürrer; ſein bleiches, ernſtes, ſimples Geſicht von einem ſchwarzen Backenbart umrahmt und die Augen mit einer blauen Brille bewaffnet. Auch er macht, die Tribüne beſteigend, noch einen Verſuch, ſeine verlorene Sache zu retten, kann aber, wiewohl er frei und ziemlich fließend ſpricht, aichts Neues mehr vorbringen.

Gegen die theatraliſch agirenden Polen machen die Dänen einen angenehmen Contraſt. Ihr Verhalten iſt ein beſcheidenes und phlegmatiſch⸗ruhiges, ihre Reden beſonnen, ohne Kunſt und Pathos; aber mit um ſo größerer Aufmerkſamkeit hört das Haus ſie an; es mag ihre Forderung nicht anerkennen, aber es zollt ihren Motiven und ihrer Perſönlichkeit alle Achtung. Ein einziges, etwas komiſches Intermezzo unterbrach dieſen friedlichen Verlauf. Als Herr Kryger die Tribüne verließ, ſah er ſich plötzlich dem General Vogel von Falckenſtein gegenüber, den er aus dem ſchleswigſchen Kriege her wohl zu gut kennen mochte. Beide Männer blickten ſich ſtarr und finſter in die Augen, als ob ſie auf einander losfahren wollten, wandten ſich dann aber kurz und gleichzeitig ab.

Am Jamilientiſche. 1

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wanderung. Die Vandalen waren beſſer als ihr Ruf. Denu ihr Familien⸗ leben wird von den römiſchen Geſchichtſchreibern gerühmt, und manche That⸗ ſache beurkundet ihren Kunſtſinn. Vor dem griechiſchen Joche fliehend, zogen ſich mehrere tauſend Vandalen in das Gebirge zurück, wo ſie ſich mit d

Mauren verbanden. In dieſem Alpenland, die große Kabylei genandh lebt heute noch ein ausgezeichneter Volksſtamm, der ſich in geiſtiger Hinſicht weit über alle arabiſchen Horden erhebt. Die Kabylen haben feſte Wohn⸗ ſitze, zweiſtöckige Häuſer, zahlreiche Dörfer mit altdeutſcher Gemeindever⸗

227 mit der Erwiderung zurück, beſagter Eidechſenbund ſei im Gegen⸗ theil die damalige preußiſche Junkerpartei geweſen; die eigentliche Fortſchrittspartei neueſten Datums habe ſich niemals mit fremden - Beſtrebungen eingelaſſen; aber Graf Bismarck erinnert ihn, vor etwa vier Jahren die Fortſchrittspartei mit den Polen eng verbündet ſich gegenüber geſehen zu haben; und Herr von Hennig vermag dieſes ihm noch unbequemere Factum leider nicht wegzuleugnen. Ja, . wenn man in der Politik alles vorherſehen könnte! Dann hätte 4 es vielleicht in Preußen nie eine Fortſchrittspartei gegeben. Aber 1 das wäre doch ſchade geweſen, nämlich um Herrn von Hennigs willen; r Herr von Hennig wäre wahrſcheinlich dann ein ganz unbekannter 1 Mann geblieben. War die Wehklage und der Proteſt der Polen kein beſonders 4 neues Schauſpiel, inſofern es ſchon 10 15 Mal im Abgeordneten⸗ 1 hauſe geſpielt hat, wo es regelmäßig und faſt wörtlich mit denſelben - Anklagen polniſcherſeits und denſelben Abfertigungen deutſcher⸗ K ſeits ſich zu wiederholen pflegte: ſo erſchallte zum erſten Male m ein ähnlicher Schmerzensſchrei heute auch Namens einer anderen 4⸗ 1unterdrückten Nationalität. Wie Präſident Simſon am Geburts⸗ Uid tag des Königs bei dem von ihm auf den Monarchen ausgebrachten un Toaſt hervorhob, hat Preußen in der neueſten Geſchichte die Miſſion, ine die verſchiedenſten Volksſtämme, Deutſche und Nichtdeutſche, zu einem hen Staatsganzen zu vereinen; und es hat auch, was man von anderen ind Reichen nicht ſagen kann, das Geſchick und die Befähigung dazu, denn es läßt die ſtaatlich geeinten Nationalitäten als ſolche in ihren be⸗ he⸗ rechtigten Eigenthümlichkeiten, nämlich nach Sprache, Sitte, Glauben älls zund Rechtsgebräuchen in weiſer Schonung nebeneinander beſtehen. ac⸗ 6 Hatte die preußiſche Monarchie neben ihren deutſchen Unterthanen eht 1 auch ſchon Bürger ſlaviſchen und romaniſchen Stammes, ſo hat ſie und durch die Einverleibung der Elbherzogthümer es jetzt auch mit Ange⸗ g88⸗ hörigen däniſcher Zunge zu thun, welche im nördlichſten Schleswig Ver⸗ ſitzen und im gegenwärtigen Reichstag durch zwei Abgeordnete ver⸗ vinz treten werden. Es ſind die Herren Ahlmann und Kryger. Beide ſchen waren Mitglieder der ſchleswigſchen Ständeverſammlung von 1848 und bis 1863 und hier als hervorragende Führer der däniſchen Majo⸗ rnde rität den Zeitungsleſern bekannt, beide ſaßen auch im Reichsrath ſei der däniſchen Monarchie zu Kopenhagen, und beiden muß es daher en 4 ſehr verwunderlich und widerwärtig vorkommen, den Centralpunkt für ihres Staates plötzlich von Kopenhagen nach Berlin verlegt zu ehen. und 1 ſe Hans Anderſen Kryger, Ritter des Danebrogordens und Dane⸗ ind brogsmann, ſonſt Hofbeſitzer in Bestoft, iſt ein dicker, blonder, rother r be⸗ Herr mit Purpurflecken im Geſicht, gerade 50 Jahre alt und von e, die dem behäbigen, aber etwas biſſigen Ausſehen eines nordiſchen Schiffs⸗ offen capitäns. Für gewöhnlich hat er die Arme auf die Vorderlehne nur ſeines Sitzes und dazwiſchen den dicken, runden Kopf gelegt, in 4 welcher Stellung er mit den großen, hervorquellenden Augen läſſig häf in die Verſammlung blickt. Heute tritt er zum erſten Male aus tirn, dieſer Paſſivität, richtet ſich etwas ſchwerfällig auf und erklärt, von llus dem§ 41 der Geſchäftsordnung Gebrauch zu machen, welcher den⸗ aber jenigen Abgeordneten, die der deutſchen Sprache nicht mächtig ſind, utz⸗ G geſtattet, ihre Reden abzuleſen. Billigerweiſe kann ſich gegen dieſes breit Verlangen kein Widerſpruch erheben, nur erſchallt von allen Seiten hart der Zuruf:Auf die Tribüne! Man kann ja nichts verſtehen! nnett Herr Kryger verläßt alſo ſeinen Schmollwinkel und erklimmt die ſchür Tribüne. Aber damit wird er nicht verſtändlicher; der prononcirt die däniſche Accent, mit welchem er ein Schriftſtück verlieſt, klingt zwar un zu 1 weeich und angenehm, läßt aber den Inhalt ſeiner Worte nur mühſam ſtand errathen. Selbſtverſtändlich iſt es ein Proteſt gegen die Incorpo⸗ auch eiſes, deſen 1 Die Deutſchen in Algerien. ſofort Es iſt kein Dörflein ſo klein, und V.. Es müſſen Deutſche drin ſein. g.Ein alter Schriftſteller heißt Germania die Mutter der Nationen; heute könnte man die deutſche Auswanderung den Humus der Kolonien nennen. Früher zogen Deutſchlands Recken und Ritter im Harniſch und im Sieger⸗ ſchritt, bald gen Weſten, bald gen Oſten; heute gleicht der deutſche Exodus . dem Rheinſtrome, welcher durch ſeine Nebenarme die fremden Flüſſe ver⸗ größert und ruhmlos im Sande ſich verliert. Auch nach Afrika zogen die

deutſchen Scharen, einſt um die Fremden zu beherrſchen; neuerdings um ihnen zu dienen.

1 V Noch findet man in Algerien einzelne Ueberbleibſel der großen Völker⸗

faſſung. Sie ſind fleißige Gärtner, geſchickte Handwerker; ſie zeichnen ſich durch ihre Geſichtsfarbe wie durch ihren Biederſinn aus. Wenn mir mitten im Gewimmel eines Jahrmarktes ein Eingeborner durch weißen Teint, blon⸗ des Haar, blaue Augen, wie durch ein auf die Stirne tättowirtes Kreuz auf⸗